Als Heinrichsflut oder Julihochwasser bzw. Schwarzer Freitag von Waldeck wird die Hochwasserkatastrophe bezeichnet, die nach schweren Unwettern am 15. und 16. Juli 1965 Nordhessen, Südniedersachsen und Ostwestfalen sowie Teile der heutigen Bundesländer Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen traf. Bei dem extremen Starkregenfällen folgenden Hochwasser starben insgesamt 16 Menschen, drei davon in der DDR. Es entstanden Schäden in dreistelliger DM- und DDR-Mark-Millionenhöhe. Besonders schwer betroffen waren die Einzugsgebiete der Twiste und der Diemel, die an der Diemelmündung liegende Stadt Bad Karlshafen, das Einzugsgebiet der Lippe und der Altenau, in dem sieben Menschen starben, sowie der Ilme. Schwer betroffen waren auch die heutigen Landkreise Göttingen, Holzminden und Kassel. In den Innenstädten von Paderborn, Lippstadt und Kassel entstanden große Schäden. In der DDR waren die Bezirke Erfurt, Suhl, Gera, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Dresden und Halle schwer betroffen.

Name Heinrichsflut wurde das Ereignis genannt, weil in katholisch geprägten Landstrichen am 2. Juliwochenende traditionell das Heinrichsfest gefeiert wird. Es erinnert an Kaiser Heinrich II., der unter anderem der Gründer des Bistums Bamberg war.

Vorbemerkung Die Heinrichsflut vom Juli 1965 fand in einer Zeit statt, in der die moderne Informationstechnologie und die Methodik von Hydrologie und Meteorologie in den Kinderschuhen steckte. Es gab keine Wettersatelliten, die für die Wasserstands- und Wettervorhersage zuständigen Stellen arbeiteten auf nationaler Ebene; eine internationale Vernetzung war nur rudimentär vorhanden. Insbesondere bei kleineren Flüssen und Bächen war das Abflussverhalten im Hochwasserfall vollkommen unbekannt. Es gab an ihnen vielerorts keine Pegel. Plötzlich eintretende Wetterverschlechterungen oder ein plötzlicher Anstieg des Wasserstands konnten teilweise erst erkannt werden, wenn es für eine rechtzeitige Warnung der Bevölkerung schon zu spät war.

Als Kommunikationsmittel standen analoge Techniken in Form von Telefon, Fernschreiber und Funk zur Verfügung. Als Bindeglied zwischen den Behörden und der Bevölkerung dienten Aushänge, Tageszeitungen, Luftschutzsirenen sowie Lautsprecherwagen von Polizei und Feuerwehr. Fernsehen und Rundfunk sendeten nur eingeschränkt für einige Stunden am Tag. Die laufenden Programme wurden oft von anderen deutschen Sendeanstalten übernommen und ließen sich nur sehr schwer ändern oder unterbrechen. Als problematisch erwies sich auch immer wieder der Umstand, dass noch in den 1960er Jahren die Stromversorgung in den Siedlungsgebieten sowohl auf dem Land als auch in den Städten mit Freileitungen erfolgte. Wurden sie durch Blitzschlag oder Sturm beschädigt, führte das zu großflächigen, langandauernden Stromausfällen – was die Möglichkeiten der Fernkommunikation weiter reduzierte. Unter solchen Bedingungen konnte die Bevölkerung lediglich durch Lautsprecherwagen von Polizei und Feuerwehr oder durch von Haus zu Haus gehende Beamte gewarnt werden. Waren Strom- und Telefonverbindungen unterbrochen und Zufahrten unpassierbar, konnten nur noch Rettungsmaßnahmen eingeleitet werden.

Verlauf der Katastrophe Zeitleiste 15. Juli 1965 20:35 h Schwere Unwetter über Einbeck – komplette Innenstadt ist überflutet. Der Landkreis Einbeck löst Katastrophenalarm aus. Unwetter ziehen in westsüdwestliche Richtung. 16. Juli 1965 05:00 h Die abgeschwächten gewittrigen Niederschläge mit Starkregen, die am Vorabend den Raum Einbeck passierten, erreichen den Raum Paderborn. Sie dauern den gesamten Vormittag über an. 16. Juli 1965 10:00 h Nach erneuten wolkenbruchartigen gewittrigen Niederschlägen im Raum Heinade, Stadtoldendorf, Mackensen und Dassel löst der Landkreis Einbeck erneut Katastrophenalarm aus. Unwetter ziehen wieder in westsüdwestliche Richtung. In Bevern (Landkreis Holzminden) wird eine Frau von einer Sturzflut erfasst und getötet. 16. Juli 1965 12:00 h Dramatische Wetterverschlechterung im Bereich der Paderborner Hochfläche. In der Zeit zwischen 12:00 und 14:25 Uhr fallen bei insgesamt 3 Wolkenbrüchen an der Wetterstation Paderborn Landesfrauenklinik 89,5 mm Niederschlag. 16. Juli 1965 13:57 h Hochwasserwelle der Schmittwasser erreicht ihren Höhepunkt mit 15,4 m³/s. 16. Juli 1965 14:30 h Im Landkreis Paderborn wird Katastrophenalarm ausgelöst. 16. Juli 1965 14:38 h Die Hochwasserwelle des Ellerbachs erreicht ihren Höhepunkt mit 20,6 m³/s. 16. Juli 1965 16:00 h Der deutsche Geologe Ecke von Zezschwitz beobachtet bis 18:00 Uhr eine 500 m breite und 1000 m lange Schichtflut in der Nähe von Elisenhof, die 20 cm Höhe erreicht. 16. Juli 1965 16:00 h Bahnstrecke Paderborn–Bielefeld unterbrochen 16. Juli 1965 16:30 h Der Landkreis Münden löst Katastrophenvoralarm aus. 16. Juli 1965 17:00 h Bruch des Straßendamms am Wrexer Teich im Zuge der B 252. Eine 4 m hohe Flutwelle wälzt sich durch Wrexen 16. Juli 1965 17:00 h Auf den Bahnstrecken Korbach–Volkmarsen, Kassel–Warburg und Kassel–Eichenberg muss der Betrieb nach Überflutungen und Erdrutschen eingestellt werden. Ein Ersatzverkehr kann nicht eingerichtet werden, da die Straßen überflutet sind. 16. Juli 1965 17:55 h Der Landkreis Münden löst Katastrophenalarm aus. 17. Juli 1965 02:00 h Die Hochwasserwelle der Diemel erreicht Helmarshausen; der Ort wird binnen kürzester Zeit meterhoch überflutet. Die Bevölkerung wird mit Sirenen gewarnt. 17. Juli 1965 03:25 h Die für den überregionalen Verkehr wichtige Diemelbrücke über die Bundesstraße 7 bei Warburg wird zerstört. 17. Juli 1965 04:00 h Großalarm in Bad Karlshafen per Sirene, da die Hochwasserwelle der Diemel die Stadt erreicht. Sie wird binnen kürzester Zeit meterhoch überflutet. Zahlreiche vom Wasser überraschte Bewohner können von der Bundeswehr nur mit Booten gerettet werden. 17. Juli 1965 04:00 h Hochwasserscheitel der Lippe passiert mit dem Spitzenwert 404 m³/s (Mittelwert 1956/1965: 11,9 m³/s) den Pegel Bentfeld 17. Juli 1965 05:00 h Hochwasserscheitel der Diemel passiert mit dem Spitzenwert 820 m³/s Helmarshausen (Mittelwert 1956/1965: 9,53 m³/s) 17. Juli 1965 06:30 h Hochwasserscheitel der Lippe passiert mit dem Spitzenwert 404 m³/s (Mittelwert 1956/1965: 11,9 m³/s) den Pegel Bentfeld 17. Juli 1965 06:30 h Einsturz der Almebrücke in Schloß Neuhaus

Entwicklung der Wetterlage Nach einem ungewöhnlich nassen und kalten Frühjahr und Sommer strömten Mitte Juli 1965 warme Luftmassen aus den Subtropen nach Norden, wo sie auf kalte skandinavische Luftmassen trafen. Dabei bildete sich auf der Rückseite der einfließenden Warmluft über Nordfrankreich ein sogenannter Kaltlufttropfen aus, der dazu führte, dass die eingeflossene, sehr feuchte Warmluft von kalter Luft vollständig umschlossen wurde. Die Warmluft glitt an der Kaltluft auf, was zu schweren Gewittern mit wolkenbruchartigen Niederschlägen führte.

Bereits in den späten Abendstunden des 15. Juli kam es im Raum Einbeck zu schweren Unwettern mit sintflutartigen Regenfällen, die zu großflächigen Überflutungen führten. Aufgrund der Lage sahen sich die für den Katastrophenschutz zuständigen Stellen des damaligen Landkreises Einbeck gezwungen, um 20:45 Uhr, eine dreiviertel Stunde nach Beginn des Unwetters, Katastrophenalarm auszulösen. In den Folgestunden zog das mit schweren Gewittern durchsetzte Niederschlagsgebiet weiter nach Westen und führte auch im Bereich des späteren Katastrophengebiets zu gewittrigen Niederschlägen.

In den Vormittagsstunden des 16. Juli setzten im Raum Stadtoldendorf/Heinade/Mackensen schwere Unwetter ein, die im Bereich der Ilme zu einer Verschärfung der Hochwasserlage führten. Die Unwetter zogen unter Verstärkung in westlicher Richtung ab und erreichten gegen Mittag den Raum Paderborn/Warburg. Ab 12:00 Uhr setzten bei fast völliger Dunkelheit über der Paderborner Hochfläche, der Warburger Börde und dem Waldecker Tafelland auf einer räumlich im Westen vom Rothaargebirge sowie im Osten von Eggegebirge und Reinhardswald begrenzten Fläche etwa zweistündige, wolkenbruchartige und gewittrige Niederschläge ein, die sich langsam unter Abschwächung nach Osten bis etwa in den Raum Einbeck/Göttingen verlagerten und diesen in den Abendstunden erreichten.

Bei dem Unwetter wurden in einem Gebiet zwischen Paderborn im Norden, Brilon im Südwesten und Warburg und Hofgeismar im Osten, sowie im Raum Kassel und Fritzlar Regenmengen von teilweise weit über 100 mm an den Wetterstationen festgestellt, die größtenteils in einem Zeitraum von zwei Stunden fielen. Im Gebiet zwischen Paderborn und Höxter im Norden, sowie Warburg und Hofgeismar im Süden waren es in der Zeit zwischen dem 14. Juli und dem 17. Juli etwa 200 mm Niederschlag in 72 Stunden, in Dalheim sogar weit über 200 mm in 24 Stunden. Dabei wurden kurzzeitig maximale Regenintensitäten von bis zu 4,5 mm/Minute festgestellt.

Weitere schwere Unwetter verschärften insbesondere im Raum Kassel und Hannoversch Münden die Situation in den Folgetagen wieder.

Entwicklung der Wasserstände Im Einzugsbereich der Diemel und der Twiste sowie der Lippe und Altenau konnten die Niederschläge von den bereits gesättigten Böden nicht mehr aufgenommen werden; ebenso waren die für Karstlandschaften typischen unterirdischen Höhlensysteme schon vorher so gefüllt, dass es zu einem katastrophalen Abflussereignis kam. Durch den oberirdischen Abfluss sowie die ausbrechenden Karstquellen im Bereich der Paderborner Hochfläche, aber auch im Raum Stadtoldendorf und Heinade im Landkreis Holzminden wurden innerhalb kürzester Zeit in den Flüssen und Bächen bisher nicht beobachtete Wasserstände erreicht. Die ausbrechenden Karstquellen an den Flanken der für Karstlandschaften typischen Kastentäler und die hohe Intensität des Niederschlags führten dazu, dass große Wassermengen nicht nur von den Flüssen in die Ortschaften eindrangen, sondern auch direkt von den Bergflanken als Sturzfluten zu Tal strömten. In ungünstigen Hangbereichen kam es zu zahlreichen Murenabgängen. Talsperrende Bauwerke, wie Straßendämme, zu kleine Brücken und Durchlässe, aber auch Feldmauern und sogar Weidezäune, die das reichlich mitgeführte Treibgut festhielten, führten temporär zu noch höheren Wasserständen.

Aufgrund der extremen Niederschläge bei wassergesättigtem Boden kam es in Bächen und Flüssen im Niederschlagsgebiet zu rasantem Ansteigen der Wasserstände. Je nach Größe des Einzugsgebiets, der Möglichkeit der Ausuferung und der Leistungsfähigkeit des Gewässerbetts wurden maximale Wasserstände schon kurz nach Abklingen der mittäglichen Unwetter erreicht.

An der Schmittwasser wurde am 16. Juli um 13:57 Uhr ein Abfluss von 15,4 m³/s festgestellt, am Ellerbach um 14:38 Uhr ein Abfluss von 20,6 m³/s. In Paderborn lag am 16. Juli der Abfluss am Pegel der Pader bei 47,3 m³/s, was fast dem 10-fachen des mittleren Abflusses entspricht. An der Paderquelle dauerte es bis Ende August, bis sich die Werte normalisiert hatten. Dieser extreme Abfluss führte zu großflächigen Überflutungen im Stadtgebiet. Die Altenau brachte der Lippe eine Hochwasserwelle, die bis zur Mündung der Lippe für Überflutungen sorgte. Der Durchfluss lag dabei an den Pegeln der Lippe beim Zehnfachen des fünfjährigen Mittels.

Der Pegel der Diemel an ihrer Mündung in Bad Karlshafen stieg in den Morgenstunden des 17. Juli binnen weniger Stunden um 5 Meter an. In Eberschütz, das in den Nachtstunden vom 16. auf den 17. Juli vom Hochwasserscheitel passiert wurde, schwoll die Diemel so schnell an, dass der Ort binnen einer halben Stunde überflutet wurde.

Am Pegel am Oberlauf der Diemel in Westheim bei Marsberg betrug der Durchfluss am 16. Juli 225 Kubikmeter pro Sekunde (Mittelwert 1954/2006: 5,26 m³/s). In Helmarshausen bei Bad Karlshafen am Unterlauf der Diemel betrug der Durchfluss sogar 820 Kubikmeter pro Sekunde, normal sind hier etwa 10,4 m³/s.