mini|Kim Dotcom (2014) Kim Dotcom (* 21. Januar 1974 in Kiel als Kim Schmitz) ist ein in Neuseeland ansässiger Internetunternehmer mit deutscher und finnischer Staatsbürgerschaft. Er ist Gründer der Sharehoster-Dienste Megaupload und Mega. Dotcom trat zuerst als Black-Hat-Hacker an die Öffentlichkeit, was ihm rechtskräftige Verurteilungen einbrachte. Seit 2012 ermittelt das FBI wegen mutmaßlicher Verletzungen des US-amerikanischen Copyright-Law im Zusammenhang mit Megaupload. Dort droht ihm eine lange Haftstrafe. Seine Auslieferung an die USA hat er bis heute erfolgreich juristisch verhindert, sie ist aber weiterhin geplant (Stand: 2026).
Biographie Werdegang Kim Schmitz wurde in Kiel geboren. Sein Vater war Kapitän auf der MS Deutschland; seine Mutter arbeitete als Köchin und stammt aus der westfinnischen Stadt Turku.Shane Richmond: Kim Dotcom court order ‚null and void‘. In: The Telegraph. 19. März 2012, abgerufen am 20. Januar 2023 (englisch). Schmitz wuchs in Kiel-Mettenhof auf und besuchte die Heinrich-Harms-Hauptschule in Plön.Ricarda Stiller: Porträt von Kim Schmitz: Eine Art Ein-Mann-Dschungelcamp. Artikel vom 26. Januar 2012 im Portal stuttgarter-zeitung.de, abgerufen am 13. März 2023 Nach eigenen Angaben war seine Kindheit durch die Alkoholkrankheit seines Vaters geprägt.dpa-Meldung zu seiner Biografie, unter anderem zitiert bei heise.de
Schmitz trat Mitte der 1990er Jahre zum ersten Mal unter dem Pseudonym Kimble als Computer-Hacker an die Öffentlichkeit. Für großes Aufsehen sorgte seine Demonstration des Blue-Box-Verfahrens in der Fernsehsendung Plusminus. Er war Mitglied der damals florierenden Mailbox-Szene mit seinen Mailboxen Beverly Hills BBS und House of Coolness BBS, in denen unter anderem Warez gehandelt wurden. Er soll die Nachrichten der Nutzer seiner Box mitgeschnitten haben und auf diese Weise von Hackern Insiderinformationen über Schwachstellen im Telefonsystem und in der Software erfahren haben.Denis Moschitto, Evrim Sen: Hackertales. Social Media Verlag, 2010, ISBN 3-941835-01-7 (Kapitel Kimble auch online auf digitalwelt.org) Bezahlen ließ er sich unter anderem mit gestohlenen Calling-Card-Daten, die er weiterverkaufte. Später betrieb er eine Partyline, die sich zum Forum von Phreakern entwickelte und in der er wiederum durch Mithören aktuelle Informationen sammelte.mini|Kim Schmitz, Foto von Andreas Bohnenstengel (1996)Schmitz begann aufgrund dieser Informationen mit der Herstellung von Magnetkarten mit gefälschten Zahlungsinformationen. Bei einer Hausdurchsuchung wegen des Verdachts von Schwarzkopien in den Mailboxen wurden bei ihm „Hunderte von gefälschten Kredit- und Telefonkarten“ gefunden.Moschitto, Sen: Hackertales. Kapitel Kimble 2. Teil Schmitz wechselte unter dem Druck der strafrechtlichen Ermittlungen die Seiten und gab Informationen über die Raubkopien- und Kreditkartenszene an Ermittler weiter. Er arbeitete in der Folge für den Rechtsanwalt Günter Freiherr von Gravenreuth und lieferte diesem als „Testbesteller“ Informationen über Raubkopien.Evrim Sen: Ein arroganter, übergewichtiger und reicher Deutscher vor einer konservativen Jury aus Virginia? Telepolis, 11. Februar 2012. Diese Tätigkeit wurde im Prozess zu seinen Gunsten anerkannt, sodass er 1994 wegen Betrugs, Computerbetrugs, gewerbsmäßiger Bandenhehlerei und Missbrauchs von Titeln zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt wurde.LG München I, Az. 6 KLs 315 Js 18225/94Verurteilung wegen Computerbetruges, Az.: 6 KLs 315 Js 18225/94
Nach Aussagen von Schmitz bekam er von einem Bekannten aus der Szene Hinweise auf eine Schwachstelle im GSM-System von Deutsche Telekom Mobil D-1 (heute Telekom Deutschland GmbH). Im Gegenzug für Stillschweigen erhielt er einen Beratervertrag bei DeTeMobil. Mit den Erlösen aus dem Beratervertrag gründete Schmitz in München die Firma Data Protect Consulting GmbH,Amtsgericht München, HRB 126690 – Löschung am 19. Oktober 2009 die er schließlich zu 80 Prozent an den TÜV Rheinland verkaufte. Schmitz behielt 20 Prozent der Anteile. Die GmbH meldete 2001 Insolvenz an.Amtsgericht München, Az. 1501 IN 1804 01 In einem Interview 2001 behauptete er, Systeme der Citibank gehackt und 20 Millionen US-Dollar an Greenpeace überwiesen zu haben, was Greenpeace unter Verweis auf seine Rechnungsberichte bestritt.
Insidergeschäfte Im Jahr 2001 erklärte Schmitz, dem kränkelnden Unternehmen letsbuyit.com mit 50 Millionen Euro wieder auf die Beine zu helfen.spiegel.de: Haftstrafe für Schmitz? Diese Zahlung sollte über die frisch gegründete Risikokapitalgesellschaft Kimvestor AGAmtsgericht München, HRB 136355 – Löschung am 14. Januar 2003 erfolgen. Die Gesellschaft sorgte für Skandale durch mutmaßlich fehlende Rechtsfähigkeit, unvollständige Informationsprospekte für die Aktionäre, Aktien durchweg ohne Stimmrecht, einmal zu- und einmal absagende Aufsichtsräte sowie zweifelhafte Liquidität. Die angekündigte Investition wurde nie getätigt. Da der Kurs bereits einen Tag vor Bekanntgabe der Zwischenfinanzierung hochgeschnellt war, nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Insiderhandels auf. In dieser Zeit fiel er auch durch verschiedene öffentlichkeitswirksame Aktionen auf. So setzte er beispielsweise ein Kopfgeld auf Osama bin Laden ausKopfgeld auf Osama Bin Laden. Heise Online, 15. September 2001. und behauptete, mit dem FBI zusammenzuarbeiten. Die von ihm gegründete Organisation Young Intelligent Hackers Against Terrorism (Yihat), die in terroristisch genutzte Netze und Rechner eindringen sollte, konnte keine Erfolge vermelden. Stattdessen wurde die Website der Gruppe selbst von anderen Hackern mehrfach manipuliert.
Im Januar 2002 floh er in die thailändische Hauptstadt Bangkok und errichtete eine neue Webseite, die als Suizid-Ankündigung verstanden werden konnte. Stattdessen präsentierte er sich am angegebenen Datum als King Kimble the First, Ruler of the Kimpire („König Kimble der Erste, Herrscher des Kimperiums“). Am 18. Januar 2002 wurde er in Thailand festgenommenAlexander Jung, Christoph Pauly: Knast-Kost für Kimble. Der Spiegel 4/2002, S. 100f. und mit seiner Zustimmung an Deutschland ausgeliefert. Er wurde am 27. Mai 2002 vom Amtsgericht München wegen Insiderhandels zu einem Jahr und acht Monaten Freiheitsstrafe zur Bewährung und 100.000 Euro Geldstrafe verurteilt.Hintergrund: Wer ist eigentlich Kim Dotcom?, Netzwelt, 25. Januar 2012, abgerufen am 23. Februar 2012.Az. 1124 Ls 302 Js 50240/01 Das Gericht befand Schmitz für schuldig, über Insidergeschäfte mit Aktien der Firma letsbuyit.com N.V. etwa eine Million Euro Gewinn erzielt zu haben.
Nach seiner Verurteilung zog Schmitz nach HongkongSean Gallagher: The Fast, Fabulous, Allegedly Fraudulent Life of Megaupload’s Kim Dotcom. In: Wired, 26. Januar 2012. und kündigte verschiedene neue Geschäfte an, darunter die Firma Trendax Inc., die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz garantierte Börsengewinne erwirtschaften sollte.Tom Hillenbrand: Börsen-Start-up: Dr. Kimbles elektrischer Hedge Fonds, Spiegel Online, 16. April 2003. Weiterhin erweckte sein Lebensstil die Aufmerksamkeit der Medien. Ende 2004 plante Schmitz eine siebentägige Straßenrallye namens Ultimate Rally für 2006, die aber nie stattfand. Anfang 2007 wurden die Web-Auftritte von Schmitz’ bisherigen Projekten, wie z. B. Kimpire und Trendax, sowie seine Website kimble.org aus dem Web entfernt. Ende 2007 erschienen Berichte, die ihn mit dem Sharehoster Megaupload in Verbindung brachten. Schmitz bot dem Szeneportal gulli.com Geld in Form einer Werbebuchung an, damit diese Verbindung nicht veröffentlicht werde. gulli.com, 20. September 2007
Kim Dotcom in Neuseeland Im Februar 2010 schloss Schmitz einen Mietvertrag für das Chrisco MansionHebel: , 23. Januar 2012 in Coatesville mit der Option ab, dieses als teuerste Privatimmobilie Neuseelands geltende Anwesen im Wert von 15 Millionen Euro später zu erwerben.Multi-millionaire hacker buys Chrisco mansion. NZ Herald, 14. Februar 2010 Seitdem tritt Kim Schmitz als Kim Dotcom auf.David Fisher: Flamboyant former hacker to settle in NZ. NZherald.co.nz, 12. Juli 2011 Laut einem Artikel des Magazins Investigate vom April 2010 ist Dotcom in den Firmenarchiven von Hongkong unter dem Namen Kim Tim Jim Vestor verzeichnet. Angeblich fungiere er als Geschäftsführer von unter anderem Megaupload Ltd. und Megarotic Ltd.Mr Big Does Chrisco. In: Magazin Investigate, April 2010 Als Mitbegründer von Megaupload wurde Dotcom 2011 wegen mutmaßlicher Urheberrechtsverletzungen von dem Unternehmen Perfect 10, das im Bereich urheberrechtlich geschützter erotischer Werke und Medien tätig ist, auf 5 Millionen US-Dollar Schadenersatz verklagt.Klage gegen Megaupload: „Kimble“ vor Gericht. Heise, 5. August 2011; abgerufen am 25. Januar 2012über das Ergebnis der Gerichtsentscheidung. Free Court Dockets; abgerufen am 28. Juni 2011. Free Court Dockets (englisch); abgerufen am 28. Juni 2011. Das Verfahren endete mit einem Vergleich in unbekannter Höhe.
Im Juni 2010 beantragte Kim Dotcom eine Aufenthaltsgenehmigung für Neuseeland.David Fisher: Immigration NZ: Kim Dotcom deportation an option. The New Zealand Herald, 30. Oktober 2014 In einem Online-Interview mit dem New Zealand Herald erklärte er, die neuseeländische Einwanderungsbehörde habe sich unter Abwägung seiner diversen Straftaten und geplanten Geschäftsinvestitionen für die Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung entschieden.New Zealand Herald: Flamboyant former hacker to settle in NZ Der Erwerb mehrerer Immobilien wurde ihm allerdings durch das neuseeländische Overseas Investment Office versagt.Land Information New Zealand (LINZ)Ministers slam door on web tycoon. New Zealand Herald. Einen Monat nach Erteilung der Aufenthaltsgenehmigung gaben Dotcoms Anwälte bekannt, dass er in Hongkong wegen Verstößen beim Börsenhandel angeklagt sei. Da dies bei dem Antrag nicht angegeben worden war, prüfte die neuseeländische Einwanderungsbehörde eine Abschiebung Dotcoms, entschied sich schließlich jedoch dagegen. Im Oktober 2014 wurde bekannt, dass Dotcom beim Stellen des Aufenthaltsantrags auch eine Verurteilung in Neuseeland aus dem Jahr 2009 wegen gefährlichen Fahrens (Überschreiten des Tempolimits um 99 km/h) verschwiegen hatte. Die Behörden prüften erneut eine mögliche Ausweisung.David Fischer: Kim Dotcom’s fate in the hands of Immigration Minister. The New Zealand Herald, 16. April 2015
Überwachung durch die NSA Die Nationale Sicherheitsbehörde (NSA) überwachte Kim Schmitz vom 16. Dezember 2011 bis zum 22. März 2012. Der frühere neuseeländische Premierminister John Key hatte allerdings vorher nur rund einen Monat Überwachungszeit eingestanden. Damit überwachte die NSA Schmitz rund zwei Monate illegal. Die Aktion wurde in Akten des neuseeländischen Geheimdienstes Büro für Staatskommunikationssicherheit dokumentiert, die dem New Zealand Herald vorlagen.
Ermittlungen durch das FBI und Auslieferung an die USA Am 19. Januar 2012 wurde Dotcom im Zusammenhang mit einer Razzia auf seinem Anwesen zusammen mit drei weiteren Personen in Neuseeland verhaftet. Die Razzia wurde später für illegal erklärt (s. u.). Gegen Dotcom wurden wegen mutmaßlicher Copyright-Verletzungen im Zusammenhang mit Megaupload ein Haftbefehl aus den Vereinigten Staaten und ein Auslieferungsbegehren des FBI eröffnet. Megaupload soll den Inhabern der Urheberrechte einen Schaden von mehr als 500 Millionen Dollar zugefügt haben. Bei einer Verurteilung in den USA drohen Dotcom Haftstrafen bis zu 20 Jahren. Zwei Versuche, die Untersuchungshaft gegen Kaution zu verlassen, wurden mit dem Hinweis, es bestehe eine zu hohe Fluchtgefahr, abgelehnt. Alle Mega-Dienste wurden abgeschaltet.