The Wives of the Dead, deutsch Die Frauen der Toten, ist eine 1831 erschienene Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Nathaniel Hawthorne (1804–1864).
Sie handelt von zwei jungen Witwen, die in derselben Nacht nacheinander erfahren, dass ihre Gatten noch am Leben sind; aus Rücksicht auf die Trauer der anderen behalten jedoch beide die freudige Nachricht für sich. Neben The Hollow of the Three Hills und An Old Woman’s Tale zählt The Wives of the Dead zu einer Reihe von experimentellen Frühwerken Hawthornes, in denen offenbleibt, ob sich die Handlung tatsächlich zuträgt oder nur der Einbildung oder einem Traum entstammt. Jede Interpretation hängt letztlich von der Deutung eines Wortes – she – im letzten Satz der Erzählung ab.
Inhalt Die Erzählung handelt von zwei „Schwestern“ oder vielmehr „jungvermählten Frauen zweier Brüder,“Alle Zitate im Folgenden nach der Übersetzung von Hannelore Neves. Mary und Margaret, die beide innerhalb weniger Tage die Nachricht vom Tod ihrer Gatten ereilt hat. Marys Mann, ein Matrose, ist mit seinem Schiff im stürmischen Atlantik untergegangen, Margarets Mann, ein Soldat, ist im Krieg in Kanada gefallen. Nachdem sich die Trauergäste und auch der Pfarrer verabschiedet haben, bleiben die beiden allein in dem Haus zurück, das die beiden jungen Paare sich geteilt hatten, „verbanden ihre Herzen und weinten still zusammen,“ wobei Mary ihr Schicksal gottergeben annimmt, Margaret mit ihrem aber hadert. Schließlich ziehen sie sich jedoch in ihre privaten Schlafkammern zurück, die an die gemeinsame Wohnstube mit dem Herdfeuer anschließen.
Spätnachts hört Margaret ein Pochen an der Tür, nimmt die Lampe vom Herd und eilt zum Fenster: Es ist der Gastwirt Parker, der ihr berichtet, dass entgegen den ersten Meldungen doch nicht alle Männer beim Gefecht in Kanada umgekommen seien und ihr Mann wohlauf und bereits auf dem Heimweg sei. Freudig erregt eilt Margaret ans Bett ihrer Schwägerin, weckt sie aber schließlich doch nicht, da sie fürchtet, ihre Trauer würde durch ihr eigenes Glück noch vertieft; schließlich legt sie sich wieder schlafen. Wenig später wird Mary durch ein Klopfen an der Türe wach. Wie zuvor Margaret nimmt sie die Lampe vom Herd und eilt zum Fenster. Es ist der Seemann Stephen, der Mary berichtet, dass ihr Mann sich aus dem Wrack seines Schiffes habe befreien können und wohlauf sei; er selbst habe ihn tags zuvor an Bord einer Brigg gesehen, die morgen den heimischen Hafen erreichen würde. Auch Marys erster Gedanke ist es, ihre Schwägerin zu wecken, doch schrickt auch sie davor zurück, um zu vermeiden, „daß Margaret zu Gedanken an Tod und Schmerz erwachen würde, nicht versüßt durch den Gegensatz zu ihrem eigenen Glück.“ Sie begnügt sich damit, fürsorglich Margarets aufgewühlte Betttücher zu richten, doch „ihre Hand zitterte gegen Margarets Hals, auch eine Träne fiel auf ihre Wange, und plötzlich erwachte sie.“
Werkzusammenhang mini|Nathaniel Hawthorne. Gemälde von Charles Osgood, 1840 (Peabody Essex Museum, Salem, Massachusetts).
The Wives of the Dead erschien erstmals 1831 in der Ausgabe des Geschenkbuchs The Token für das Jahr 1832 und wie alle Werke Hawthornes vor 1837 zunächst anonym. 1843 wurde sie in der Democratic Review nachgedruckt, die von Hawthornes Freund John L. O’Sullivan herausgegeben wurde. 1851 nahm Hawthorne sie schließlich in seine Kurzgeschichtensammlung The Snow-Image auf.
Ursprünglich war sie jedoch wohl Teil mindestens einer der Kurzgeschichtensammlungen, die Hawthorne in jungen Jahren plante, für die er schließlich jedoch keinen Verleger fand. Lea Bertani Vozar Newman vermutet, dass die Erzählung schon Teil der ersten dieser geplanten Sammlungen, Seven Tales of my Native Land, war, womit ihre Entstehung bereits um das Jahr 1825 anzusetzen wäre.Lea Bertani Vozar Newman: A Reader’s Guide to the Short Stories of Nathaniel Hawthorne. 1979, S. 328. Vom Inhalt der Seven Tales ist nur bekannt, was Hawthornes Schwester später in ihren Erinnerungen darüber schrieb: demnach handelten einige der Geschichten von Hexerei, andere von der Seefahrt; von den erhaltenen Frühwerken Hawthornes haben einige Hexerei zum Thema (so etwa The Hollow of the Three Hills), The Wives of the Dead ist indes das einzige, in dem auch die Seefahrt eine Rolle spielt. In diesem Zusammenhang ist auch ein autobiographischer Bezug denkbar, denn Hawthornes Vater war Hochseekapitän und starb 1808 in Suriname an Gelbfieber.Hubert Hoeltje: Captain Nathaniel Hawthorne: Father of the Famous Salem Novelist. In: Essex Institute Historical Collections. 89, 1953, S. 230.
Alfred Weber nimmt jedoch aufgrund inhaltlicher Verweise an, dass Hawthorne die Geschichte frühestens gegen Ende 1829, eher noch später verfasste: so begann Hawthorne, wie aus den Ausleihregistern des Salem Athenaeum hervorgeht, im Oktober 1829 mit der Lektüre von Voltaires Zadig, das in der Erzählung erwähnt wird. Der „Grundgedanke“ der Erzählung findet sich wiederum in Hawthornes biographischer Skizze Sir William Pepperell, die im Token für das Jahr 1833 erschien und in der es über die Einnahme der französischen Festung Louisbourg im Jahr 1745 heißt:
Die dieser Passage zugrunde liegende Quelle, die Hawthorne wohl auch für die Erzählung Roger Malvin’s Burial nutzte, ist William Douglass’ A Summary, Historical and Political, of the First Planting, Progressive Improvements, and Present State of the British Settlements in North-America (1760), das sich Hawthorne vom 9. bis 13. Februar 1828 und erneut vom 26. Januar bis zum 4. Februar 1830 auslieh.Alfred Weber: Die Entwicklung der Rahmenerzählungen Nathaniel Hawthornes. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1973, S. 70–71.
Möglicherweise war The Wives of the Dead auch für die Sammlung Provincial Tales vorgesehen, für die Hawthorne um 1830 vergebens einen Verleger suchte.Alfred Weber: Die Entwicklung der Rahmenerzählungen Nathaniel Hawthornes. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1973, S. 64–66. Von Interesse sind diese Mutmaßungen, da diese frühen Kurzgeschichtensammlungen möglicherweise durch eine gemeinsame Rahmenerzählung verbunden waren und ihre Einzelgeschichten möglicherweise aufeinander Bezug nahmen – dieser ursprüngliche Werkzusammenhang ist indes verloren.
Deutungen Deutungsstreit um den Schlusssatz Die Interpreten der Geschichte sind in zwei Lager gespalten, grundlegend für die Positionierung ist die Frage, wer mit dem she im letzten Satz der Erzählung gemeint ist, den „unerklärlichsten Zeilen“ in Hawthornes gesamtem Werk, wie Benjamin Friedlander raunt:Benjamin Friedlander: Hawthorne’s “Waking Reality”. 1999, S. 53.
Bezieht sich das she auf Margaret, ist alles so, wie es schien, und die Geschichte ebenso konventionell wie tröstlich: Die Männer sind tatsächlich noch am Leben, die beiden vermeintlichen Witwen werden sich im nächsten Moment vermutlich einander erklären und sich ihres gemeinsamen Glücks freuen. Bezieht es sich hingegen auf Mary, so bedeutet dies, dass sie vom nächtlichen Besuch Stephens nur geträumt hat, auch Margarets nächtliche „Offenbarung“ mag nur ein Traum gewesen sein, mithin stellt sich das Geschehen als bloßer verzweifelter Wunschtraum dar, der Tod behält das letzte Wort.Hans-Joachim Lang: How Ambiguous is Hawthorne? 1966, S. 88. „Realistische“ Interpretationen, die nicht von einem Traum ausgehen, laufen im schlimmsten Fall darauf hinaus, die Geschichte zu einem zuckrigen Rührstück über die Kraft der Hoffnung zu reduzieren. Für Mark Van Doren stellt sie ein Porträt „einzigartiger Zärtlichkeit“ und der rührenden „Zuneigung zweier Mädchen zueinander und der Liebe zu ihren Ehemännern“ dar.Mark Van Doren: Nathaniel Hawthorne. W. Sloane Associates, New York 1949, S. 84. Andere begreifen The Wives of the Dead zuvörderst als eine Art Charakterstudie und konzentrieren sich auf die Unterschiede im Gemüt der beiden „Schwestern“ und ihre individuell verschiedenen Reaktionen auf eine identische Situation.
Die Rätselhaftigkeit gerade dieser Erzählung hat in beiden Lagern zu ebenso kleinteiligen wie langwierigen Analysen (close reading) einzelner Sätze und Formulierungen angeregt, die sich auf technische Aspekte wie die unmerklichen Wechsel der Erzählperspektive konzentrieren, dabei aber zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen. So haben auch die „Realisten“ eine Erklärung für das abrupte Ende gefunden. Neal Frank Doubleday erkennt immerhin an, dass der Schluss einen merklichen Bruch mit erzählerischen Konventionen darstelle und mehr an die Kurzgeschichten der 1940er Jahre denn an die Romantik erinnere, sieht in ihm aber keine ontologische Komplikation, sondern bloß eine reizvolle dramatische Ironie.Neal Frank Doubleday: Hawthorne’s Early Tales. 1972, S. 216. Michael J. Colacurcio, ebenfalls ein „Realist“, sieht im Schluss einen erzählerischen „Triumph strategischer Auslassung“ – die Erzählung ende, wo sie enden muss; wie die story weitergeht, sei klar, der plot hat seine Schuldigkeit getan.Michael J. Colacurcio: The Province of Piety. 1996, S. 105.
„Die Frauen der Toten“ als Traumgeschichte Die Interpretation, dass sich das she des letzten Satzes auf Mary bezieht und sie das Geschehen somit nur geträumt hat, wird im Allgemeinen auf Hans-Joachim Langs Aufsatz How Ambiguous is Hawthorne? (1966) zurückgeführt.so etwa G. R. Thompson: The Art of Authorial Presence. 1993, S. 67. Lang verweist indes auf zwei frühere Interpreten, nämlich auf Harry Levin, der in The Power of Blackness (1958), einer heute klassischen Studie zur Literatur der amerikanischen Romantik, beiläufig schreibt, die beiden Witwen „träumten vergebens“ von der Rückkehr ihrer Ehemänner,Harry Levin: The Power of Blackness: Hawthorne, Poe, Melville. Alfred A. Knopf, New York 1958, S. 58. sowie auf Leland Schubert, der bereits 1944 schrieb, dass Hawthorne mit dem letzten Satz wohl andeuten wolle, dass das Geschehen „wahrscheinlich“ nur ein Traum war.Leland Schubert: Hawthorne, the Artist. 1944, S. 171.
Lang ist sich einerseits sicher, dass Hawthorne seine Geschichte absichtlich mit einem mehrdeutigen Satz habe enden lassen, andererseits lehre „recht elementare Stilistik“, dass der Schlusssatz arg ungelenk wäre, wenn sich das she nicht auf Mary bezöge. Die Annahme, dass die beiden vermeintlichen Witwen in derselben Nacht dieselbe frohe Nachricht erhalten, strapaziert ihm zudem die Grenzen der Wahrscheinlichkeit. Vielmehr vermöge es Hawthorne, die Handlung von Trauer über Freude in umso tiefere Trauer zu führen und so eine echte, wenn auch schmerzvolle Empfindung zu vermitteln. Dieser Stimmungsbogen stelle einen radikalen Bruch mit der sentimentalen Erzähltradition dar, der etwa Washington Irving oder Henry Wadsworth Longfellow folgten, in deren Werken nicht wenige Witwen mit Bibelversen, Blumenbouquets und drapierten Flaggen über den Tod ihrer auf See oder im Krieg verstorbenen heldenhaften Ehemänner getröstet werden. Erst in diesem Kontext werde deutlich, „auf was alles Hawthorne verzichtet. The Wives of the Dead ist weder sentimental noch fromm noch patriotisch.“Hans-Joachim Lang: Poeten und Pointen. 1985, S. 106–107. Die „realistische“ Lesart erscheint ihm als Akt beruhigender Selbsttäuschung: „Nur durch den Glauben an die Güte Gottes – möglichst hienieden – aber schlimmstenfalls im Jenseits – erhält die gutartige Interpretation eine gewisse Würde. Zwar nimmt die Syntax Schaden, aber was ist Glaube anderes als die Verrenkung der Syntax dieser Welt?“Hans-Joachim Lang: Poeten und Pointen. 1985, S. 105.