mini|Joseph Maria Bocheński, 1991 Joseph Maria Franciszek Emanuel Bocheński OP (; * 30. August 1902 in Czuszów (bei Miechów), Polen; † 8. Februar 1995 in Freiburg, Schweiz), meist kurz J. M. Bocheński, auch Innocentius Marie und Innocent M. Bochenski, war ein polnischer Philosoph und Logiker.
Neben einer Reihe von Arbeiten zu Fragen der Philosophie und der Philosophiegeschichte besitzen Bocheńskis Arbeiten zur Logik besondere Bedeutung. Seine über Jahrzehnte betriebenen historischen Forschungen zur Logik erreichten einen Höhepunkt in der Veröffentlichung eines umfassenden Lehrbuches zur Geschichte der Logik. In Anlehnung an Jan Łukasiewicz verband Bocheński die klassische Syllogistik des Aristoteles organisch mit dem modernen Logikkalkül. Die vergleichende Analyse der Logik des Theophrast und des Aristoteles führte zu grundlegenden Erkenntnissen in der Modallogik und ihrer Geschichte. Bleibende Ergebnisse erzielte er bei der Darstellung der syntaktischen Kategorien.
Leben
Als Sohn eines Großgrundbesitzers legte Bocheński 1920 in Lemberg die Matura ab. Nach einem kurzen Frontdienst im Polnisch-Sowjetischen Krieg studierte Bocheński zwei Jahre Jura an der Universität Lemberg, von 1922 bis 1926 dann Nationalökonomie an der Universität Posen. In den damaligen gesellschaftlichen und politischen Wirren fand Bocheński in der christlichen Religion einen Halt:Edgar Morscher: Joseph Maria Bocheński. In: Emerich Coreth, Walter M. Neidl und Georg Pfligersdorffer (Hrsg.): Christliche Philosophie im katholischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts. Bd. 3. Graz u. a. 1990, S. 341 1926 trat er in das Priesterseminar in Posen ein, 1927 in den Orden der Dominikaner. Er erhielt den Ordensnamen „Innocentius“, weshalb auf einigen Büchern Bocheńskis die Initialen „I. M.“ (statt „J. M.“) erscheinen.
Nach dem Noviziat (1927/28) nahm er im Auftrag des Ordens das Studium der Philosophie und Pädagogik an der Universität Freiburg (Schweiz) auf. Mit der Arbeit Die Lehre von Ding an sich bei Moritz von Straszewski (1848–1921) wurde Bocheński 1931 zum Dr. phil. promoviert.
Anschließend nahm Bocheński 1931 das Studium der Theologie an der Päpstlichen Universität Heiliger Thomas von Aquin in Rom auf und wurde dort 1934 mit der Dissertation De cognitione exsistentiae Dei per viam causalitatis relate ad fidem catholicam zum Dr. theol. promoviert. Danach lehrte er von 1934 bis 1940 Logik am Angelicum in Rom. In diesen sechs Jahren kam es zu einem intensiven Kontakt mit der polnischen analytischen Schule. Im Jahr 1938 habilitierte sich Bocheński an der Universität Krakau.
Von 1940 bis 1945 diente Bocheński beim 2. Polnischen Korps der Polnischen Streitkräfte im Westen in Schottland und Italien. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfolgte 1946 die Ernennung zum Außerordentlichen Professor an der Philosophischen Fakultät der Universität Fribourg (Schweiz), 1948 wurde er dort dann als Ordentlicher Professor auf den „Lehrstuhl für Geschichte der modernen und zeitgenössischen Philosophie“ berufen. Bocheński bekleidete dort danach die akademischen Funktionen eines Dekans der Philosophischen Fakultät (1950 bis 1952) sowie des Rektors (1964 bis 1966), ehe er im Jahre 1972 emeritiert wurde. Mehrmals nahm er Gastprofessuren vor allem in den USA (University of Notre Dame, University of California at Los Angeles, der University of Pittsburgh, University of Kansas, University of Alberta at Edmonton) und an der Universität Salzburg an. Die Universitäten Buenos Aires, Notre Dame (USA) und Mailand verliehen ihm jeweils das Ehrendoktorat.
Neben seiner akademischen Tätigkeit wirkte er auf verschiedenen Gebieten. So gründete er 1948 die Union mondiale des sociétés catholiques de philosophie. Das Osteuropa-Institut in Freiburg bzw. Fribourg gründete er 1957, 1961 die Zeitschrift Studies in Soviet Thought und die Zeitschriftenreihe Sovietica. Darüber hinaus verfasste Bocheński ein Gutachten für die deutsche Bundesregierung zum Verbot der KPD (BVg 17. August 1956).
Philosophie Bocheński fühlte sich zur Analytischen Philosophie hingezogen und betrachtete sich selber als kosmozentrischen Platoniker aristotelischer Prägung. Die Schwerpunkte seiner Arbeit lagen auf der Geschichte der Philosophie, der Geschichte der Logik und der logischen Untersuchung wichtiger Fundamentalprobleme. Die Religionsphilosophie betrachtete er als Logik der Religion.
Bocheński vertrat erkenntnistheoretisch einen hypothetischen Realismus und in der modernen Universaliendiskussion einen individualistischen gemäßigten Realismus. Diese Position verteidigte er 1956 in einer öffentlichen Diskussion mit Alonzo Church als Platoniker und Nelson Goodman als Nominalisten. Bocheński war bestrebt, den Nachweis zu erbringen, dass Wissen und religiöser Glaube als unterschiedliche Formen der menschlichen Erkenntnis einander nicht widersprechen. Letztlich führe sowohl die Religion als auch die Philosophie zu einer göttlichen Vorstellung. Im Unterschied zum Theologen suche der Philosoph jedoch nach der göttlichen Vorstellung um einer vernünftigen Erklärung der Welt willen. Der Philosoph gehe von der Realität der Außenwelt aus, die er auch für erkennbar hält. Die Erkenntnis habe jedoch da ihre Grenzen, wo sie auf das ideal Seiende, wie zum Beispiel das Heilige als einer Urgegebenheit stößt. Die Vorstellung des Göttlichen schließlich werde als so verschieden von aller erfahrbaren Realität angesehen, dass an ihm begrifflich nur das fassbar sei, was es nicht ist.
Bocheński verwendete die Logik implizit in den Traditionen der Scholastik als Rechtfertigungs- und Beweisinstrument für den von ihm vertretenen Thomismus. Von den Positionen der neuscholastischen Philosophie ausgehend setzte er sich mit dem dialektischen Materialismus, dem Positivismus und dem Existentialismus auseinander. Den dialektischen Materialismus sah Bocheński als Gegner an, den er aus seiner theologischen Position heraus nicht nur als Irrtum, sondern als Sünde bezeichnete.
Grundpositionen Die Zeit der Entwicklung großer Systeme und allgemeiner Synthesen ist für Bocheński längst vorbei.Bocheński: Selbstdarstellung. In: L. J. Pongratz (Hrsg.): Philosophie in Selbstdarstellungen. Hamburg 1975, S. 11–36, hier: S. 21; Religionsphilosophie als Logik der Religion. Eröffnungsvortrag des 8. Internationalen Wittgenstein Symposiums. In: Information Philosophie. September 1984, S. 6–19, hier: S. 8; Eröffnungsrede zum achten internationalen Wittgenstein Symposium 1983. In: W. L. Gombocz (Hrsg.): Religionsphilosophie. Akten des 8. Internationalen Wittgenstein Symposiums. Teil 2. Wien 1984, S. 21–27, hier: S. 22; Zur Philosophie der industriellen Unternehmung. Zürich 1985, S. 4 f. Er bekennt sich explizit zur Analytischen Philosophie in ihrer logisch-mathematischen Form, wobei er Werturteile aus dem Bereich der Philosophie ausschließt.
Seine Grundüberzeugung ist die des Rationalismus, dem zufolge die Welt kein Chaos ist, sondern eine logische Struktur aufweist.Zum Folgenden vgl. Bocheński: Selbstdarstellung, in: L. J. Pongratz (Hrsg.): Philosophie in Selbstdarstellungen, Hamburg 1975, S. 11–36 (hier S. 25–35) Erkenntnistheoretisch ist er ein Optimist und lehnt den Skeptizismus und Relativismus ab. Das, was wir erkennen können, erkennen wir immer mit logischen Mitteln und nicht „alogisch“. Dabei erwerben wir das meiste Wissen nicht durch direkte Erfahrung oder Deduktion, sondern durch Induktion bzw. Reduktion, so dass der Großteil unseres Wissens fehlbar und nicht sicher ist. Bocheński lehnt den Positivismus ab und bekennt sich zu einem Platonismus, dem zufolge es neben den realen auch noch ideale Gegenstände gibt. Obwohl dieses Ideale objektiv gegeben ist, ist es aber erst durch den Menschen entstanden. Der Mensch unterscheidet sich nach Bocheński nur graduell von den anderen Teilen der Welt und lehnt einen „Humanismus“ ab, der einen wesentlichen Unterschied zwischen den Menschen und der übrigen Natur, speziell den Tieren, postuliert.
Bocheński versteht sich als Empirist, wobei er allerdings auch eine Erfahrung von Idealem zulässt. Ein Apriori als etwas von aller Erfahrung Unabhängiges lehnt er ab und hält – ähnlich wie Quine – auch die formale Logik nicht für rein apriorisch.
Die Ontologie ist für Bocheński eine allgemeine Gegenstandstheorie und damit im Grunde formale Logik. Das Reale hat für ihn Priorität vor dem Idealen, ebenso das Individuelle vor dem Allgemeinen: die Welt besteht primär aus Individuen, die durch Eigenschaften bestimmt sind und zueinander in Beziehungen stehen.
In der Philosophiegeschichte bewertet Bocheński die Philosophie des Aristoteles am positivsten. Kants Philosophie lehnt er scharf ab, während er Hegel zwar mit Respekt begegnet, an ihm aber das Fehlen einer formalen Logik und die Unterbewertung des Individuums kritisiert. Insgesamt stellt sich für ihn die Philosophiegeschichte als eine Geschichte der „Irrungen und Wirrungen“ dar.Edgar Morscher: Joseph Maria Bocheński. In: Emerich Coreth, Walter M. Neidl und Georg Pfligersdorffer (Hrsg.): Christliche Philosophie im katholischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts. Bd. 3. Graz u. a. 1990, S. 349. Die Hauptaufgabe seines Philosophierens sieht er im Kampf gegen den Aberglauben und in der Verteidigung der Rationalität.Vgl. dazu sein Werk: Hundert Aberglauben. Kleines philosophopisches Wörterbuch der Aberglauben. 1987.
Logik Der Gesamtbereich der Logik zerfällt nach Bocheński in die Geschichte der Logik, die Philosophie der Logik und in die eigentliche Logik, zu welcher die formale Logik und die angewandte Logik gehören. Bei der angewandten Logik unterscheidet er dann noch die Methodologie und die Semiotik, welche er im Anschluss an Charles Morris in Syntaktik, Semantik und Pragmatik gliedert.
Geschichte der Logik Bocheński begann seine wissenschaftliche Laufbahn mit Studien zur Geschichte der Logik. Seine Ausbildungszeit in Polen fiel in die Phase, als die berühmte polnische Lemberg-Warschau-Schule um die Logiker Kazimierz Ajdukiewicz und Jan Łukasiewicz ihren Höhepunkt erlebte. Allerdings hatte er keinen von den namhaften polnischen Logikern zu seinem Lehrer, sondern musste sich als Autodidakt in die neue Logik einarbeiten. Auf dieser Grundlage edierte und kommentierte er logische Schriften der Antike (etwa Elementa logicae Graecae und La logique de Theophraste) und des Mittelalters (so u. a. Sancti Thomae Aquinatis de modalibus opusculum et doctrina und Petri Hispani summulae logicales). Ein Hauptinteresse Bocheńskis galt der Modallogik. Bereits 1937 publizierte er eine Untersuchung über deren Geschichte bis Wilhelm von Ockham (Notes historiques sur les propositions modales), die er 1938 in erweiterter Form als Habilitationsschrift an der Universität Krakau einreichte (Z historii logiki zdan modalnych). Außerdem befasste er sich speziell mit der Modallogik von Thomas von Aquin in der Studie Sancti Thomae Aquinatis de modalibus opusculum et doctrina. Die historischen Studien zur Logik wurden von Bocheński nach dem Krieg weitergeführt und immer wieder systematisch vertieft, so etwa in Ancient Formal Logic (1951), in seiner Arbeit über die Analogie (On Analogy, 1948) und in einer Studie über die kategorischen Syllogismen (On the Categorical Syllogism, 1948), in der er, ausgehend von Łukasiewicz' Axiomatisierung der Aristotelischen Syllogistik, verschiedene neue Varianten syllogistischer Systeme entwickelte.
Bocheńskis Arbeiten zur Geschichte der Logik gipfelten in seinem bekannten Handbuch Formale Logik, das in der Reihe Orbis academicus erstmals 1956 erschien. Darin wird der Versuch unternommen, in der Darstellung von großen Gestalten, Schulen und Perioden der Logik (einschließlich etwa auch der indischen Logik) die Gesamtentwicklung der Logik sichtbar zu machen.
Systematische und Angewandte Logik