mini|Ergebnis nach Provinz mini|Wahlplakat zur Wahl 2012 Die Parlamentswahl 2012 im Iran fand am 2. März 2012 statt.Parlamentswahl: Ahmadinedschads Schwester kandidiert bei Wahl im Iran im Handelsblatt vom 30. Dezember 2011 48,2 Millionen Iraner waren zur Wahl aufgerufen. (PDF; 398 kB) Iran-Report 03/2012 (abgerufen am 4. März 2012)
Bewerber um die 290 Sitze des iranischen Parlaments konnten sich zwischen dem 24. und 30. Dezember 2011 als Kandidaten registrieren lassen. Insgesamt hatten sich 5.300 Bewerber angemeldet, darunter 390 Frauen. (PDF; 114 kB) Iran-Report 01/2012 (abgerufen am 30. Januar 2012) Die Liste der zur Wahl zugelassenen Kandidaten wurde vom Wächterrat bekanntgegeben.Election Fears and Economic Woes Pose New Challenges for Iran’s Leaders in: New York Times am 2. Januar 2012
Vorgeschichte Nach den Betrugsvorwürfen bei der iranischen Präsidentschaftswahl 2009 erwarteten Beobachter eine niedrige Wahlbeteiligung. Die Höhe der Wahlbeteiligung gilt als Gradmesser für die Akzeptanz der islamischen Staatsordnung in der Bevölkerung. Mit Verweis auf die seitdem unter Hausarrest stehenden Oppositionsführer Zahra Rahnaward, Mir Hossein Mussawi und Mehdi Karroubi rief die in Großbritannien lebende iranische Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi Ende Januar 2012 alle Iraner zum Wahlboykott auf.Ebadi Calls for a Campaign to Release Opposition Leaders International Campaign for Human Rights in Iran am 26. Januar 2011 Bereits im Dezember 2011 hatte der frühere Staatspräsident Mohammad Chatami die Reformer aufgefordert, sich gar nicht erst als Kandidaten registrieren zu lassen. Eine Beteiligung an den Wahlen ergebe keinen Sinn, solange die politischen Gefangenen nicht freigelassen würden.Iran: Wahlen ohne Reformer im Spiegel vom 23. Dezember 2011 An der Abstimmung selber nahm Mohammad Chatami jedoch teil. Aufgrund der sich abzeichnenden Nichtteilnahme von Reformern wurde erwartet, dass die Wahlen zu einer Auseinandersetzung zwischen Unterstützern und Gegnern von Präsident Mahmud Ahmadinedschad innerhalb des konservativen Lagers werden.Iran: Schicksalswahl für Ahmadinedschad im Spiegel vom 9. Januar 2012 Der Boykott der Reformer war nicht geschlossen, es nahmen zwei kleinere Parteien „Volksherrschaft“ und „Haus der Arbeit“ mit eigenen Kandidaten teil.Iran nach den Parlamentswahlen 2012: Normalisierung nach Chameneis Geschmack Walter Posch, Stiftung Wissenschaft und Politik am 16. März 2012
Am 10. Februar gab ein Sprecher des Wächterrats bekannt, dass mehr als 3.000 Kandidaten „geeignet“ seien. Press TV am 10. Februar 2012. Ausgeschlossen wurden auch sechs Kleriker und sechs Juristen, die als Anhänger von Präsident Ahmadinedschad gelten. TheCitizen am 18. Februar 2012. Der britische Guardian berichtete über staatlich durchgeführte Blockaden von Webseiten, die Ahmadinedschad zugeneigt sind. Dieses Vorgehen wird als ein machtpolitischer Übergriff von Ali Chamene’i gewertet. Ahmadinedschad wird vorgeworfen, er wolle mit seiner viele Iraner ansprechenden starken Betonung nationalistischer Politikinhalte die klerikale Macht und das Primat des Obersten Rechtsgelehrten untergraben.Saeed Kamali Dehghan: Iran's censors wage web war against Ahmadinejad as elections loom im Guardian am 16. Februar 2012.
Am 18. Februar 2012 wurde berichtet, dass die iranische Polizei im Vorlauf der Parlamentswahl verstärkt gegen illegale Anlagen zum Empfang von Satellitenfernsehen vorgehe. Ziel des Polizeieinsatzes sei es, die Iraner vor der Wahl daran zu hindern, von ausländischen Fernsehsendern ausgestrahlte Programme in Persisch zu schauen.Parlamentswahl im Iran: Polizei klaut Satellitenschüsseln n-tv am 18. Februar 2012.
Zugelassene Gruppierungen Die Mitgliedschaft in einer Partei oder Zugehörigkeit zu einer politischen Gruppierung ist für den Abgeordneten prinzipiell nicht verpflichtend. Insbesondere für die armenische, chaldäische/assyrische, jüdische und zoroastrische Minderheit gibt es eine Sonderregelung. Nicht zugelassen waren die Partizipationsfront des islamischen Iran, die Islamische Koalitionspartei und die Front des islamischen Widerstands.
Insgesamt wurden vom Wächterrat acht Gruppierungen zugelassen: Vereinigte Front der Prinzipialisten (Dschebheje mottahede ossulgerajan, auch Jebheh Mottahed-e Osoolgarayan kurz JMO), unter Ajatollah Mohammed Reza Mahdavi-Kani, dem Vorsitzenden des Expertenrats, unterstützt den Revolutionsführer Ali Chamene’i Front des Fortbestands der Revolution (Dschebheje pajdarije enqelab, auch Jebheh Paaydaari-e Enghlelab-e Eslami kurz JPEE), unter Ajatollah Mohammad-Taqi Mesbah-Yazdi Front des Ausharrens (Dschebheje istadegi, auch Jebheh Eistaadegi Enghelab-e Eslami kurz JEEE), unter Mohsen Resa‘i, ehemaliger Oberbefehlshaber der Pasdaran und jetzt Sekretär des Rats zur Wahrung der Interessen des Systems Stimme des Volkes (Sedaje Mellat, auch Jebheh Sedaa-ye Mellat kurz JSM) des Parlamentsabgeordneten Ali Motahhari, Sohn des verstorbenen Ajatollahs Morteza Motahhari Front der Scharfsicht und der Wachsamkeit (Dschebheje bassirat wa bidari) des Parlamentsabgeordneten Shahahab od-Din Sadr, eine Abspaltung der Partei der islamischen Koalition (Motalefeh) Front der Verteidiger der Herrschaft des Rechtsgelehrten (Dschebheje hamijane welajat), neugegründet, unterstützt den Religiösen Führer Ali Chamenei Front der Verteidiger der Regierung (Dschebheje hamijane doulat), neugegründet, unterstützt den bisherigen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad Front der Vereinigung und der Gerechtigkeit (Dschebheje touhid wa edalat)Ali Schirasi, 13. Februar 2012: Welche Standpunkte diese „Gruppen und Verbände“ vertreten, ist nicht klar. Einige Kandidaten stehen auf mehreren Listen.
Ergebnisse Am Wahltag wurden die Öffnungszeiten der Wahllokale, deren Schließung auf 18:00 Ortszeit angesetzt war, um fünf Stunden verlängert. Des Weiteren wurden von den Wahlbezirken mehr Stimmzettel verlangt. Die Wahlbeteiligung soll um 21:00 Uhr Ortszeit bei 64,6 % gelegen haben; 31 Millionen Stimmzettel wurden laut der staatlichen Nachrichtenagentur bis dato abgegeben.presstv.ir Over 31mn ballots used; voter turnout at 64,4 %: Election officials (abgerufen am 2. März 2012) Analysten gingen im Vorfeld von einer Wahlbeteiligung zwischen 15 und 17 % in Teheran aus, in ländlichen Gebieten eher höher.Muhammad Sahimi: pbs.org vom 28. Februar 2012 Iran's Parliamentary Elections (abgerufen am 6. März 2012) Die endgültige Wahlbeteiligung wurde mit rund 64 % angegeben. Fars news, Final Results of Iran's Parliamentary Elections Announced, 5. März 2012(abgerufen am 11. März 2012) Am höchsten war sie in der Provinz Kohkilouyeh-Boyer Ahmad mit 89 %, in Teheran lag sie bei 48 %.presstv.ir In Iran, 225 hopefuls win Majlis seats in first round of vote, 5. März 2012(abgerufen am 11. März 2012)
Der Wahlleiter Seyyed Solat Mortazavi sorgte für Irritationen. In einem Live-TV-Interview gab er die Wahlbeteiligung mit 34 % an, dann korrigierte er sich und gab die Zahl von 64,4 % an.spiegel.de vom 4. März 2012 Ungereimtheiten bei Iran-Wahl: In der Provinz Ilam wählen auch die Toten (abgerufen am 6. März 2012)www.pbs.org vom 4. März 2012 Election Chief Slips? States Turnout Near '34 Percent' (abgerufen am 8. März 2012) Im ersten Wahlgang sind 225 Mandate vergeben worden,tehrantimes.com vom 5. März 2012 225 candidates elected to enter parliament (abgerufen am 6. März 2012) die Stichwahlen sollen einen Monat nachdem der Wächterrat die Ergebnisse der ersten Runde bestätigt hat, abgehalten werden.presstv.ir In Iran, 225 hopefuls win Majlis seats in first round of vote, press tv 5. März 2012
Kritik aus dem reformistischen Lager erntete der frühere Präsident Mohammad Chatami, der trotz eines Aufrufs zum Wahlboykott an der Abstimmung teilgenommen hatte.nzz.ch vom 5. März 2012 Parlamentswahl in Iran entzweit Reformbewegung (abgerufen am 6. März 2012) In einer Erklärung an seine Kritiker äußerte Mohammad Chatami, dass die Strategie, keine eigenen Kandidaten und Wahllisten aufzustellen, zu keiner Zeit einen Boykott der Wahlen bedeutet habe. Volltext in deutscher Übersetzung, nicht autorisiert: (abgerufen am 11. März 2012) Chatami rechtfertigte seine Wahlbeteiligung als „Versuch, sich Verhandlungswege mit dem politischen Establishment offen zu halten“.Julias Blog vom 7. März 2012 Parlamentarier Ali Motahari lobt Khatamis Stimmabgabe (abgerufen am 11. März 2012)
Die zweite Runde der Parlamentswahlen fand am 4. Mai 2012 statt. 65 Sitze waren dabei noch zu vergeben, wovon sich die beiden wichtigsten Bündnisse der Konservativen 44 Sitze sicherten. Im 9. iranischen Parlament verfügen somit die „Vereinigte Front der Prinzipialisten“, die zu den Kritikern von Präsident Ahmadinedschad gezählt werden, mit 65 Sitzen, und die „Front des Fortbestands der Revolution“, die Ahmadinedschad nahesteht, mit 25 Sitzen, als größte konservative Gruppen über zusammen 90 Abgeordnete. 61 Parlamentarier sollen beiden Bündnissen angehören, 15 kleineren konservativen Bündnissen. Die Reformer erhielten zwei weitere Sitze und sind im neuen Parlament mit 21 Sitzen vertreten (im vorigen Parlament mit 60 Sitzen). Die religiösen Minderheiten stellen insgesamt 14 Abgeordnete – ein Plus von 9 Sitzen. Die größte Gruppe stellen unabhängige Kandidaten. (PDF; 279 kB) Heinrich-Böll-Stiftung, Iran-Report 06/12 Es ist zu erwarten, dass weitere Fraktionen im neuen Parlament gegründet werden. Majlis Research and Education Committee member: New Factions to be formed in 9th Majlis, IRNA Von 290 Abgeordneten insgesamt sind 196 zum ersten Mal im Parlament vertreten. Neun Frauen gehören dem neuen Parlament an, im vorigen Parlament waren es acht weibliche Abgeordnete.Names of 288 elected Majlis members, Fars-News Die Eröffnungssitzung des neuen Parlaments fand am 27. Mai statt. Zum Parlamentschef wurde erneut Ali Laridschani gewählt. Laridschani wird erneut Parlamentschef, IRIB 6. Juni 2012
LagerStimmenAnteilParteiSitzeAnteilKonservative19.087.39759,7 %Vereinigte Front der Prinzipialisten9834,8 %Front des Fortbestands der Revolution4314,8 %Stimme des Volkes196,5 %Front der Vereinigung und der Gerechtigkeit175,8 %Front der Scharfsicht und der Wachsamkeit51,7 %Reformer11.451.36735,5 %Demokratische Koalition der Reformer6020,6 %Arbeitskoalition113,7 %Moderate Reformer41,3 %Minderheiten634.1222,1 %Armenier51,7 %Assyrer und Chaldäer41,3 %Juden31,1 %Zoroastrier20,6 %Quelle: moi.ir/Portal/Home/
StimmenAnteil in % Wahlberechtigte 48.288.799 100 Wähler 30.905.605 64,0 registrierte Kandidaten 5.405 100 zugelassene Kandidatendurch den Wächterrat 3.232 61,4gewählte männliche Kandidaten 281 96,9gewählte weibliche Kandidaten428 Frauen ließen sich zur Wahl registrieren 9 3,1 2012 Parliamentary Elections, abgerufen am 5. März 2013
Kritik Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlamentes, kritisierte die iranischen Parlamentswahlen, die „alle demokratischen Standards verfehlen“, lediglich als „eine Methode zur Messung der internen Machtkämpfe innerhalb des Regimes.“ Schulz - Statement zu den Wahlen im Iran (abgerufen am 3. März 2012) Der britische Außenminister William Hague bezeichnete die Wahl als „weder frei noch fair.“ Iranian elections not free and fair, Britain says (abgerufen am 5. März 2012) Auch innerhalb des Iran wurde die Wahl kritisiert. So wird in der Stadt Garmsar von Stimmenkauf berichtet, von der auch die Schwester des Präsidenten, Parwin Ahmadinedschad, betroffen war und dagegen protestierte.alischirasi.blogsport.de Garmsar: Wahlbeteiligung mit Stimmenkauf erhöht (abgerufen am 10. März 2012)
Siehe auch Geschichte des Iran seit 1979 Liste der politischen Parteien im Iran
Weblinks
Henner Fürtig: Mehr als nur Routine. Iran wählt ein neues Parlament. GIGA Focus, Nr. 3/2012.
Einzelnachweise
#2012 Iran Kategorie:Geschichte Irans (21. Jahrhundert)