mini|Ansicht der Trauerhallen und des Ehrenplatzes Der Hauptfriedhof BochumBestattungsarten auf städtischen Friedhöfen, Informationen und Gebühren 2023. Broschüre der Stadt Bochum. März 2023 Eintrag in den (auch: Friedhof Freigrafendamm, teils Zentralfriedhof Bochum) ist der größte Friedhof von Bochum. Das Ensemble der Traueranlage zeigt eindrucksvoll die nationalsozialistischen Bauauffassung. Sie besitzt auch auf das Ruhrgebiet bezogen einen einzigartigen Charakter, und ist – soweit ersichtlich – in Westfalen das einzige vollendete und erhaltene Beispiel einer heroisch-faschistischen Staats- und Parteiarchitektur.
Lage mini|Lageplan und besondere Orte Der Friedhof befindet sich an der Immanuel-Kant-Straße im Stadtteil Altenbochum und ist einer von 24 städtischen Friedhöfen. Die ab Ende der 1920er-Jahre angelegte breite Allee FreigrafendammVerwaltungsbericht der Stadt Bochum 1927 und 1928, S. 63 f führt von der Wittener Straße auf den Friedhof zu. Südlich begrenzt wird der Friedhof durch die Straße Feldmark (vormals u. a. Friedhofsweg). Auf der südlichen Seite ist der wesentlich kleinere und ältere Friedhof Altenbochum. Der Sheffield-Ring (heute Ovideo-Ring), der anscheinend den Friedhof durchschneidet, wurde in den frühen 1960ern, vor der Erweiterung des Friedhofs nach Osten, angelegt.Stadtgeschichtliche Karten auf dem Geoportal der Stadt Bochum Die Erweiterung war damals aber schon geplant, so wurde beim Bau der Schnellstraße direkt ein Fußgängertunnel gebaut.
Nach der Abtrennung von Flächen für den neuen jüdischen Friedhof und der Neunutzung der Fläche der ehemaligen Trauerhalle Ost beträgt die Fläche des Hauptfriedhofes ungefähr 46,5 Hektar, wobei 35,5 ha auf den westlichen Teil und 11 ha auf den östlichen Teil entfallen. Die parkähnliche Gestaltung des Friedhofs trägt entscheidend dazu bei, dass der Anteil der Friedhofsfläche am Gemeindegebiet (1,8 Prozent) in Bochum so hoch ist wie in keiner anderen Stadt in Nordrhein-Westfalen.
Mehrere Buslinien binden den Friedhof an. Auf Anfrage gibt es auf der Anlage einen Shuttleservice für mobilitätseingeschränkte Personen.
Entstehungsgeschichte Bereits in den frühen 1920er-Jahren zeichnete sich ab, dass die Kapazitäten des damaligen städtischen Hauptfriedhofs Blumenstraße und des Friedhofs Wiemelhausen erschöpft sein würden.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1925 und 1926, S. 70 Schon vor der Eingemeindung von Altenbochum erwarb die Stadt Bochum in den Jahren 1922 bis 1924 Flächen, um dort einen neuen Friedhof zu planen.WAZ Bochum, 28. November 2015 Darunter waren u. a. die Landwirte Wintermann, Schragmüller (Haus Havkenscheid). Bereits 1925 starteten die Arbeiten. Nach der Eingemeindung Altenbochums 1926 begannen 1927–1928 die ersten gärtnerischen Arbeiten. Der Plan der Gesamtanlage war 1928 fertig, und es wurde mit der gärtnerischen Ausgestaltung des ersten fertigen Bauabschnittes begonnen. Damals beherrschte noch ein großes Wasserbecken die Anlage. Die notwendigen Erdarbeiten zur Regulierung des Geländes erfolgte durch Notstandsarbeiten.Stadtarchiv Bochum, BO 20 / 127 - 66 Zeitweise waren bis zu 200 Arbeiter beschäftigt.
Zur weiteren Schaffung von Flächen wurde 1929 der Besitzer Sander gen. Strätling enteignet und mit 39.000 Reichsmark entschädigt.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum von 1929 bis 1932, S. 5 Ende 1932 war die Anlage laut Verwaltungsbericht zu 1⁄3 fertiggestellt. Die Planungen gingen wesentlich weiter, als in den ersten Jahrzehnten für Bestattungen als Fläche eingerichtet war. Für die Errichtung der Gebäude fehlten noch die Geldmittel.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1929 bis 1932, S. 212 Ein Jahr später entstand ein Behelfsbau mit einem Leichenkeller, Einsegnungshalle und anderen für den Betrieb notwendigen Einrichtungen.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1933, S. 105
In unmittelbarer Nähe südlich und südöstlich des Friedhofs entstanden 1936 die neue Stadtgärtnerei sowie eine Baumschule mit einem Bestand von rund 15.000 Gehölzen.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1938–1948, Kapitel 12. Garten- und Friedhofsamt, S. 147 ff Die Baumschule war zuerst auf dem Friedhof, um den Baumbestand dort zu vermehren. Später nahm die Fläche der Gärtnerei und Baumschule die gesamte Fläche um den Friedhof Altenbochum ein, und wurde zeitweise bis über den Sheffieldring erweitert.
Ab Ende der 1920er Jahre wurde an der Straße Freigrafendamm eine Allee mit Baumpflanzungen angelegt, die zum Friedhof hinführen sollte. Im Bereich der Einmündung in die Wittener Straße wurde ein um 1928 ein Schmuckplatz angelegt. Dort wurde später das Kriegerdenkmal der (ehemaligen) Gemeinde Altenbochum angelegt. Es zeigte einen knienden Krieger mit einem Speer über der Schulter. Die Arbeiten an der Straße erfolgten auch durch Notstandsarbeiten.Stadtarchiv Bochum, BO 20 / 127 - 58
Eröffnung des neuen Hauptfriedhofs Der Friedhof wurde am 18. April 1935 für Bestattungen freigegeben. Am gleichen Tag fand die erste Bestattung statt. Der Konrektor Bartels i. R. wurde zu Grabe getragen. Die Trauerrede sowie eine Segnung für den neuen Friedhof erfolgten durch den Pfarrer Hans Ehrenberg. In der Presse wurde nicht nur die Anlage, sondern auch die Größe gelobt. So sei der Friedhof mit 280 Morgen rund 40 Morgen größer als der Dortmunder Friedhof, dafür aber näher an der Innenstadt. Dies bezog sich aber auf die Planungen, im selben Artikel wurde erwähnt, dass 100 Morgen fertiggestellt sind. Tatsächlich waren bis 1950 nur ca. 73 Morgen zur Bestattung fertiggestellt.Ungefähre Vermessung mit Google Maps Der Friedhof sollte zuerst für die Ortsteile Bochum-Altstadt, Wiemelhausen, Laer und Altenbochum dienen, da in den anderen Teilen von Bochum noch genug freie Fläche auf den Friedhöfen zur Verfügung stand.
Obwohl der Freigrafendamm sich geradezu als ideale Allee für Leichenzüge zum Hauptfriedhof anbietet, ist der Haupteingang versetzt, und die Allee führt nicht direkt auf das Gelände. Bei der Eröffnung wurde erwähnt, dass ein Leichenhallenzwang eingeführt werde, sobald die nötigen Gebäude fertig sind und alle Beisetzungen von dort starten müssen. Der Verkehr auf der Wittener Straße sollte nicht gestört werden. Dazu wurde auch die Ortssatzung verändert, in der festgeschrieben wurde, dass Trauerzüge sich nur vor dem Friedhof, oder maximal ab der Liebfrauenstraße versammeln dürfen. Das verwundert, auch in Bezug auf den späteren Prunk der Anlage. Eine mögliche Erklärung kann daran liegen, dass den NS-Machthabern die Beerdigungszüge als mögliche Form der Demonstration gegen den Staat bei Beisetzung suspekt war. Diese galt, in wenigstens einem Fall, nicht für die Partei selbst; 1939 wurde ein NSDAP-Mitglied von der Geschäftsstelle Felsenburg am Platz der SA (heute Imbuschplatz) in einem großen Trauerzug zum Hauptfriedhof gebracht.
Mit der Anlegung einer Mustergrabanlage und der Erlassung einer neuen Ortssatzung in Bezug auf die Friedhöfe sollte die Individualität der Gräbergestaltung reduziert, eine neue Friedhofskultur geschaffen und in dem der lokalen Parteiführung genehmen Linie gelenkt werden. Es wurde angemerkt, dass erst dann „… von einer neuen Friedhofskultur gesprochen werden kann, wenn die Gesamtanlage des Friedhofs als gemeinsame Gedächtnisstätte für alle Volksgenossen angesprochen wird, in der Einzelgräber und Grabmale sich harmonisch einordnen und erst in ihrer Gesamtheit dem Friedhof sein Gepräge geben.“
Mit der Beisetzung des Bergarbeiterführers und SPD-Reichstagsabgeordnete Fritz Husemann (1873–1935) am 26. April 1935 war eine der ersten Bestattungen ein Opfer des NS-Staates. Er wurde hier nach seiner Ermordung im KZ Esterwegen bestattet. Seiner Beerdigung sollte in aller Stille stattfinden. Die Nachricht sprach sich aber in Windeseile herum, und es wohnten 1000 Menschen bei. Es war eine beeindruckende Kundgebung für die persönliche Popularität Husemanns, aber auch für den Zusammenhalt der freigewerkschaftlichen Bergarbeiterbewegung. Anwesend waren u. a. namhafte Mitglieder von SPD, ADGB und Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.Detlev Peukert: Ruhrarbeiter gegen den Faschismus. Dokumentation über den Widerstand im Ruhrgebiet, 1933–1945. Roederberg-Verlag, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-87682-026-X, S. 95. Die Gestapo, welche den demonstrativen Charakter der Trauerfeier verstand, verhaftete sechs Trauergäste. Sein Grabstein trägt die Inschrift: „Ein Leben für die Bergarbeiter“.
Ideologische Architektur der NS-Zeit mini|Die große Trauerhalle, 1938 Die auf dem vorderen Teil des Friedhofs vorhandenen Gebäude, Eingangsbereich, Verwaltung und Trauerhallen sind in der Zeit von 1935 bis 1939 entstanden, und noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Betrieb genommen. Die Architekten waren Heinrich Timmermann und Wilhelm Seidensticker. Die Bauten wurden im heimischen Ruhrsandstein ausgeführt. Im Zuge dieser Baumaßnahmen wurde eine vorher vorhandene große Wasseranlage neben der Aufmarschfläche zurückgebaut, eine weiter geplante Wasserfläche wurde nicht umgesetzt.
Die Großen Trauerhalle, an einen Tempel erinnernde, wurde als Aufbahrungshalle für die Feuerbestattung gebaut. Das Krematorium liegt direkt dahinter. Sie wurde auch als Haupteingang zum Krematorium bezeichnet.
Im Eingangsbereich wurden im Juni 1941 sechs überdimensionale Totenfiguren (Höhe 2,75 Meter) aus Eifeler Lavabasalt angebracht. Sie stammen von dem Hamburger Bildhauer Ludwig Kunstmann. Zwei Krieger auf der linken Seite sollen „Kämpfer des Weltkrieges“ darstellen, auf der rechten Seite sind zwei „Kämpfer des neuen Reiches“ dargestellt. Die symbolische Verbindung zwischen den alten und neuen Kriegern wurde in Bochum schon vorher auch bei dem Kriegerdenkmal im Stadtpark Bochum aufgegriffen. Zwischen den Kämpfern steht jeweils eine Walküre mit Speer, Helm und einem großen Schild, auf denen Hakenkreuze und Eiserne Kreuze zu sehen sind. Die Walküre der alten Kämpfer hat die Jahreszahlen 1914–1918 für den Ersten Weltkrieg auf dem Schild, die Walküre der neuen Kämpfer trägt die Jahreszahlen mit den „Parteidaten“ des Aufstiegs der NSDAP 1920–1933. Weiterhin wurden die Jahreszahlen 1939–1940 und 1941 ergänzt. Die Hakenkreuze wurden nach dem Ende des Dritten Reiches zu Schachbrettmustern umgearbeitet. Alle sechs Figuren sind weit über Kopfhöhe angebracht, sodass der Betrachter von keinem Standpunkt aus ihnen ins Gesicht sehen könnte, sondern in der schluchtähnlichen Situation den Kopf in den Nacken legen muss.
Unterhalb der linken Figuren befand sich ein heute verschlossenes, kreisrundes Loch von etwa 8 cm Durchmesser, das im Halbdunkel des Eingangsbereiches kaum auszumachen war. Hinter diesem Loch lag eine separat zugängliche kleine Kammer, die als eine Abhör- und Beobachtungseinrichtung gedeutet wurde, aus der heraus das Kommen und Gehen der Trauergäste belauert werden konnte.