mini|Ein Tagesangriff am 12. Oktober 1944. Links und oberhalb der Wolken ist das Zwangs­arbeiter­lager der Zeche Hannover zu erkennen. Links davon sind die Kläranlagen und die Siedlung Dahl­hauser Heide. Über dem Flügel des Flugzeugs ist die Zeche Hannover zu erkennen.

Der Artikel Zwangsarbeit in Bochum und Wattenscheid behandelt den Einsatz von Zwangsarbeitern in den damals selbstständigen Städten Bochum und Wattenscheid. Diese diente, wie in anderen Städten im Ruhrgebiet, in den kriegswichtigen Bereichen Bergbau und Rüstung maßgeblich zur Kriegsproduktion des NS-Staats.Bochum in der Zeit des Nationalsozialismus. Chronik. Stadt Bochum. () Neben dem Bergbau war das stadtprägende Stahlwerk Bochumer Verein ein ausgeprägter Nutzer der Ausbeutung von Zwangsarbeitern.STASKE: Nahezu jedes Bochumer Unternehmen beschäftigte ausländische Zwangsarbeiter.Staske, S. 25

Zwangsarbeit zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft

Bochum Bereits seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden Zwangsarbeiter in Bochumer Betrieben eingesetzt, die unter schwersten Bedingungen im Bergbau und im produzierenden Gewerbe arbeiteten. Auf Bochumer Stadtgebiet wurden mehr als hundert Lager und Unterkünfte für Zwangsarbeiter betrieben.Ingrid Wölk: Bochum (Bochumer Verein). In: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald. Verlag C. H. Beck, München 2006, ISBN 978-3-406-52963-4, S. 395 ff. Für die gesamte NS-Zwangsarbeit wird eine Zahl von etwa 20.000 Lagern in Deutschland angenommen.

Der International Tracing Service, ein von den alliierten Behörden initiierter Suchdienst mit Sitz in Arolsen, listet 66 Zwangsarbeiterlager in Bochum und Wattenscheid in seinem „Catalogue of camps and prisons in Germany and german-occupied territories“, der 1950 erschien, auf. (mit vorangestellter englischer Zusammenfassung); abgerufen am 26. Juli 2017.

Der Bericht an den Kreisleiter der NSDAP in Bochum vom 14. Juli 1943 nennt 100 Lager.Schreiben vom 14. Juli 1943 an den Kreisleiter der NSDAP Bochum, Riemenschneider. In: Zwangsarbeiter in Bochum. VVN/BdA Bochum. Im Schreiben enthaltene Liste bereitgestellt auf Bochum Alternativ (online) Der Bericht gibt 4.525 Kriegsgefangene, 5.519 männliche und 32 sonstige Gefangene sowie 5.515 männliche und 1.663 weibliche Ostarbeiter an, also insgesamt 17.254 Personen.

Ende Februar 1944 waren etwa 30.000 und im April 1945 mehr als 27.000 Zwangsarbeiter in Bochum. mini|Zwangsarbeiter­lager des Bochumer Verein Am stärksten profitierte in Bochum das Stahlwerk Bochumer Verein mit mehr als 7.500 Arbeitskräften von der Zwangsarbeit. Für den Bochumer Verein gab es zwölf oder mehr Lager für zivile Arbeitskräfte und Kriegsgefangene.Liste von Lagern des B.V. auf einer Info-Tafel des Gedenkortes des Lagers „Saure Wiese“ Darunter Lager für französische Kriegsgefangene „Goldbach“, das Lager „Saure Wiese“,Artikel Ans Leid der Zwangsarbeiter erinnern. (PDF; 2,1 MB) WAZ, 9. März 2007; auf den Internetseiten der Sozialen Liste Bochum. wo heute ein Gedenkort eingerichtet ist oder das Lager für russische Arbeiter an der Hüttenstraße. Mitte 1944 wurde dann das Außenkommando Bochum des Konzentrationslagers Buchenwald an der Brüllstraße errichtete. Das Kommando Bochum sollte die Rüstungsproduktion im Bochumer Verein unterstützen. Es bestand bis März 1945.

Ein anderes Außenkommando des KZ Buchenwald war das KZ-Außenkommando Eisen- und Hüttenwerke AG. Hier waren seit dem 21. August 1944, auch größtenteils jüdische KZ-Häftlinge, in einem gesonderten, von der SS bewachten, mit elektrischem Zaun begrenzten Lager untergebracht.Staske, S. 28

Die Stadtverwaltung betrieb in fünf Sälen und Schulen Lager zur Unterbringung von Gefangenen und Fremdarbeiter. Weiterhin kamen zwei große Lager im Jahr 1940 und ein weiteres im Jahr 1943 hinzu.Verwaltungsbericht Stadt Bochum 1938–1948, S. 119

Insgesamt mussten über 32.000 Menschen Zwangsarbeit in Bochum leisten, 40 % von ihnen im Bergbau.

Wattenscheid In Wattenscheid zählten zu den Unternehmen, in denen Zwangsarbeiter arbeiteten: Zeche Centrum-Morgensonne (Verbund von Zeche Centrum und Zeche Fröhliche Morgensonne)HBV WAT (; PDF; 1,54 MB), Zeche Holland, Erich Blum KG, Firma Karl Hamacher, Firma Schwarz KG.

Arbeits- und Lebensbedingungen Viktor Schmitko wurde als 16-Jähriger verschleppt und leistete Zwangsarbeit von 1942 bis 1945 bei der Firma Gebr. Mönninghoff. Er berichtete 1992 in Bochum:Rede zum 9. November 1999 (Pogromnacht) von Waltraud Jachnow. (bo-alternativ.de)

Mitarbeiter des Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete besuchten Ende des Jahres 1942 das Ruhrgebiet, um sich über den Einsatz sowjetische Zivilarbeiter ein Bild zu machen. Über Zwangsarbeiter in Bochum und Wattenscheid existieren in dem Bericht zwei Passagen:Abschrift von Abschrift im Bergbau-Archiv Bochum 8/383.

Willkür und Tod Die Kenntlichmachung der Kleidung mit Abzeichen des Status der Person führte zu offenen Diskriminationen und Stigmatisierung. Die Abzeichen „P“ für Polen oder das „Ost“ Abzeichen dienten als klare Zeichen, dass ein Unterworfener dem Befehl des Herrenmenschen zu gehorchen habe.

In Fällen, die als Arbeitsverweigerung galten, die gegen reguläre oder vermeintliche Regeln verstießen oder aus reinen Nichtigkeiten, wurden Zwangsarbeiter in ein Konzentrationslager überführt oder einer „Sonderbehandlung“ zugeführt. Diese Fälle traten auch in Bochum und Wattenscheid auf. So wurde im Juni 1941 in Eiberg (Amtsgerichtsbezirk Wattenscheid) ein polnischer Landarbeiter, dem sexuelle Kontakte zu einer Deutschen nachgesagt wurde, an einem improvisierten Galgen in aller Öffentlichkeit gehängt. Alle polnischen Zwangsarbeiter mussten nicht nur der Exekution beiwohnen, die Exekution musste auch von einigen dieser Arbeiter vorgenommen werden.

Für die nationalsozialistische Ausgrenzungspolitik war es symptomatisch, dass die zum Gutteil von Zwangsarbeitern gebauten Luftschutzbunker diesen keinen Schutz vor den alliierten Bombenangriffen bieten sollten. Die „Richtlinien des Luftschutz-Leiters Bochum zur Bunkerbenutzung“ schlossen in ihrem Punkt III „Ausländer: Juden, Zigeuner und sonstige Fremdrassige“ ausdrücklich von der Aufnahme aus. Für den Schutz dieser Personen hatte der Arbeitgeber, oder, zynischerweise, die Betreffenden selbst zu sorgen. Die von den Firmen erbauten Lager boten nur minimalen Schutz durch unzureichende Splittergräben. Unter den Zwangsarbeitern war auch eine Vielzahl von Opfern des Bombenkriegs zu verzeichnen.

Verhältnis zur Zivilbevölkerung Viktor Schmitko berichtete 1992:

Rolf Abrahamsohn ist ein deutscher Jude aus Marl. Er wurde nach Vilnius deportiert und überlebte unter anderem das KZ Stutthof und Buchenwald. In seinen Lebenserinnerungen erzählt er, dass es in dem KZ-Außenlager an der Brüllstraße fast am Schlimmsten war. Er erlebte neben den Schikanen vom Wachpersonal auch Beleidigungen der Zivilbevölkerung.Rolf Abrahamsohn: Was machen wir, wenn der Krieg zu Ende ist?, Lebensstationen 1925–2010. Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte / Jüdisches Museum Westfalen, Klartext-Verlag, ISBN 978-3-8375-0334-0.

Kriegsende, Befreiung und Nachkriegszeit mini|Jüdische Opfer der NS-Zeit

Endphase des Krieges Als sich US-amerikanische Truppen näherten, wurden die Lager aufgelöst und die Menschen in Todesmärschen und Bahntransporten verschleppt.

In Bochum und Wattenscheid kam es auch zu Endphaseverbrechen. Die Gestapo erschoss noch wenige Stunden vor dem Einmarsch der US-amerikanischen Truppen in ihrem Sitz, einer beschlagnahmten Villa in der Bergstraße 76, 20 Zwangsarbeiter und verscharrte ihre Leichen in Bombentrichtern im Bochumer Stadtpark.Verdrängt, vergessen, in Erinnerung gerufen. Die Verbrechen der Nazis am Kriegsende. In: Ende und Anfang – Die Befreiung von Faschismus und Krieg Eine Chronologie der Ereignisse. Schriftenreihe zur antifaschistischen Geschichte Bochums, Heft 8. Bochum, 2005; ruhrecho.de (PDF; 1,34 MB). Überliefert ist die willkürliche Erschießung von 6 jungen Menschen, darunter 5 jungen Frauen, am 5. April 1945 im Lager der Westfalia Dinnendahl Gröppel AG an der Verkehrsstraße. Weiter Erschießungen gab es in Höntrop und Dahlhausen (siehe Erinnerungskultur).

Nachkriegszeit Einige der befreiten Häftlinge starben noch Wochen nach der Befreiung an den gesundheitlichen Folgen ihrer Haftbedingungen. Jüdische Häftlinge aus dem Lager Brüllstraße, die bisher nicht verbrannt waren, wurden auf den jüdischen Friedhof an der Wasserstraße umgebettet. An über 12 Stellen im Stadtgebiet wurden Fremd- und Zwangsarbeiter in „Kriegsgrabstätten für im II. Weltkrieg Gefallene verschiedener Nationen“ zur letzten Ruhe gebettet.

Ende Mai 1945 waren rund 10 000 Personen in Lagern untergebracht. Nachdem die britischen Truppen am 6. Juni 1945 einmarschiert waren, wurde mit dem Rücktransport der alliierten Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter begonnen. So waren am 1. Dezember 1945 nur noch 475 dieser Personen in Bochum. Mit dem 1. Juli 1946 waren alle Personen aus Bochum abtransportiert.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1938–1948, S. 285 ff

Bei einem Bericht von 1948 zur „Erfassung und Verwaltung der Wehrmachts- und OT-Baracken“ wurden 203 vollständig erhaltene und 38 nur noch in Teilen vorhandene Baracken festgestellt.Verwaltungsbericht der Stadt Bochum, 1938–1948, S. 143 Da die Wehrmacht in Bochum eine Flakkaserne betrieb und kein weiteres Militär in Bochum lag, wurden nur einige Baracken für die Flakhelfer vor Ort gebraucht. Es dürfte sich meisten um Baracken der Organisation Todt gehandelt haben, zur Unterbringung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern.

Wahrnehmung in der Bevölkerung nach dem Krieg In der Nachkriegszeit wurde teilweise die NS-Zeit zwar als „ein düsteres Kapitel der heimatlichen Chronik“ gesehen. Aber dieses bezog sich oft auf die Bombardierungen und den Einmarsch, ohne es im Kontext des Regimes oder den vom NS-Staat begonnenen Zweiten Weltkrieg zu sehen. Dies bezog sich auch auf die Plünderungen und Überfälle von „Fremdarbeitern“.

Eine Heimatchronik zum Stadtteil Harpen berichtet 1951 Folgendes:

Ähnliche Beschreibungen finden sich auch an anderen Stellen.

Die Bochumer Zeitung erinnert zehn Jahre nach Kriegsende auch vor allem an die Angriffe der Jagdbomber („Jabos jagen jeden“). Und sie stellt einen Zusammenhang zwischen der US-Armee und den Plünderungen von Zwangsarbeitern in der Nachkriegszeit her:

Aufarbeitung mini|Luftbild des Lagers Brüllstraße, 1952 (optisch hervorgehoben), nach dem Krieg Notunterkunft Gegen den Lagerleiter Hermann Grossmann des KZ-Außenkommandos an der Brüllstraße wurde im Buchenwald-Hauptprozess verhandelt. Er wurde zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet.Bochumer Leidenswege. (bochum.de) Über die Errichtung eines Gedenksteins für die Opfer kam es 1945 zum Streit über die Mitverantwortung des Bochumer Vereins.Dokument im Archiv der DKP Bochum; bo-alternativ.de (PDF; 85 kB).

1992 wurde eine kleine Gruppe ehemaliger Zwangsarbeiter nach Bochum eingeladen. In den nachfolgenden Jahren wurden kleinere Gruppen von Zwangsarbeitern zu Besuchen in Bochum eingeladen. Dabei führten Mitarbeiter des Stadtarchivs mit ihnen Interviews zu ihrer Zeit als Zwangsarbeiter.

Im Jahre 2000 beschloss der Rat der Stadt Bochum eine Resolution für die Entschädigung.Resolution des Rates der Stadt Bochum vom 27. Januar 2000 „Humanitäre Hilfen für Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen der ehemaligen Städte Bochum und Wattenscheid“. bo-alternativ.de (PDF; 10 kB).

Spuren und Erinnerungskultur mini|Erinnerung an das Lager „Saure Wiese“ mini|Mahnmal für das KZ-Außenlager Brüllstraße Auf dem Hauptfriedhof Bochum ruhen 1720 Zwangsarbeiter, unter anderem stammen sie aus Polen, Sowjetunion, Jugoslawien, Belgien und Frankreich.Zwangsarbeiter im NS-Staat und ihr Schicksal in Bochum. Stadt Bochum. (online) An den drei Gräberfeldern erinnern Gedenksteine und jeweils ein eisernes Gedenkbuch an die Toten.