miniatur|Stiftskirche St. Arnual Das Stift St. Arnual ist ein ehemaliges Chorherren-Stift im heute zu Saarbrücken gehörenden Stadtteil Sankt Arnual, das zum Bistum Metz gehörte und in der Reformationszeit in ein evangelisches Stift umgewandelt wurde.

Geschichte Ursprünge Das Dorf Merkingen, Vorläufer des Stadtteils Sankt Arnual, schenkte angeblich der Merowingerkönig Theudebert II. um 600 dem Metzer Bischof Arnual (auch Arnoald). Die Urkunde des Metzer Bischofs Adventius darüber aus dem Jahr 857 (der Beginn seines Episkopats wird in das Jahr 858 datiert) ist nicht im Original erhalten, sondern nur in französischsprachigen Zusammenfassungen des 18. Jahrhunderts.Vgl. Hans-Walter Herrmann: Die Stiftskirche St. Arnual in Saarbrücken. SVRKG 130, S. 590 Bischof Arnual gründete um 600 ein erfolgreiches Missionszentrum und ist wahrscheinlich auch hier bestattet.Vgl. Hans-Walter Herrmann: Die Stiftskirche St. Arnual in Saarbrücken. SVRKG 130, S. 591–595 Fünf verschiedene Kirchen waren im Mittelalter Vorläufer der heutigen Stiftskirche. Archäologische Grabungen in den 1990er Jahren haben eine bedeutende merowingische Grabstätte in der Vierung der Stiftskirche bestätigt. Bald wurde Arnual als Heiliger verehrt, und Merkingen wurde in Sankt Arnual umbenannt.

Mittelalter Das Stift St. Arnual wird im Jahre 1135 zum ersten Mal urkundlich erwähnt (eine Schenkungsurkunde Kaiser Heinrichs III. von 1046 ist wahrscheinlich eine Fälschung). Ein Höhepunkt in der Geschichte des Stiftes war 1147 der Besuch König Ludwigs VII. von Frankreich, der mit seinen Kreuzrittern hier Station machte. Ein mittelalterliches Siegel des Stiftes nennt in der Umschrift einen Gründer namens Odoaker. Dies war im Frühmittelalter ein weit verbreiteter Name, es gibt aus dem 10. Jahrhundert aus der näheren Umgebung mehrere Grafen dieses Namens, die somit als Stifter in Frage kommen. Es ist deswegen nicht ausgeschlossen, dass schon unter Arnual eine Gemeinschaft von Klerikern hier gelebt hatte (was durch die o. g. archäologischen Funde gestützt wird), so dass es sich bei den Gründungen des 10. und des 12. Jahrhunderts um Wiedergründungen oder Erweiterungen handeln könnte. Ob es sich ursprünglich um ein Kollegiatstift von Regular- oder (unregulierten) Säkularkanonikern handelte, ist unbekannt.

Entsprechend der alten Beziehung des Dorfes Merkingen unterstand das Stift dem Bistum Metz und war der Sitz eines Archipresbyterats, das etwa 40 Pfarreien umfasste. Dem Stift stand damit die Dienstaufsicht über eine ganze Reihe selbstständiger Pfarreien zu (z. B. St. Ingbert und Dudweiler), außerdem gehörten zum Stift unmittelbar die sieben Stiftspfarreien Gersweiler, Sulzbach, Fechingen, Güdingen, Bübingen, Hesslingen und Thedingen.

Man schätzt, dass nie mehr als fünf bis sieben Stiftsherren in St. Arnual residierten. Diese wohnten etwa vom späten 10. bis zum späten 12. Jahrhundert in den Konventsgebäuden der südlich der Stiftskirche gelegenen hochmittelalterlichen Kreuzganganlage. Eine nach dem „benediktinischen Schema“ ausgeführte Anlage wurde bei den archäologischen Ausgrabungen der Jahre 1996–2004 nachgewiesen.Jan Selmer: Archäologische Untersuchungen im Kreuzgangbereich der Stiftskirche 1996–2004, S. 35, in: Hans-Walter Herrmann, Jan Selmer (Hrsg.): Leben und Sterben in einem mittelalterlichen Kollegiatstift. Archäologische und baugeschichtliche Untersuchungen im ehemaligen Stift St. Arnual in Saarbrücken. Saarbrücken 2007. Der um die Mitte des 13. Jahrhunderts errichtete gotische Kreuzgang war auf den Wandelgang mit Kreuzhof reduziert und verfügte somit nicht mehr über die dem gemeinschaftlichen Leben (Vita communis) dienenden Funktionsräume. Spätestens seit dieser Zeit wohnten die Stiftsherren in einzelnen Herrenhäusern in der Nähe der Stiftskirche. Vorsteher des Stiftes war der Dekan.

Kirche, Kreuzgang, Kirchhof und der Bereich westlich des Kreuzgangs dienten im Mittelalter und der Frühen Neuzeit als Bestattungsort. Im Kreuzgangbereich wurden auch Teile eines frühmittelalterlichen Friedhofs freigelegt, der sich zumindest in westliche Richtung weiter fortsetzt.Jan Selmer: Archäologische Untersuchungen im Kreuzgangbereich der Stiftskirche 1996–2004, S. 33, in: Hans-Walter Herrmann, Jan Selmer (Hrsg.): Leben und Sterben in einem mittelalterlichen Kollegiatstift. Archäologische und baugeschichtliche Untersuchungen im ehemaligen Stift St. Arnual in Saarbrücken. Saarbrücken 2007.

Das Stift unterhielt auch eine Lateinschule, die 1223 erstmals erwähnt wurde. miniatur|Die Stiftskirche inmitten von St. Arnual in der Morgendämmerung im Winter.

Reformationszeit Seit den 1550er Jahren zeigten sich die Chorherren des Stiftes der evangelischen Lehre Martin Luthers gegenüber aufgeschlossen. Dekan Nikolaus Beuck, seit 1551 Stiftsherr in St. Arnual, legte allerdings schon 1554 sein Amt nieder, weil ihm der Kurs des katholischen Grafen Philipp II. zu wenig entschieden war.

1561 wurde der Kirchenschatz des Stiftes geplündert, Teile der Beute wurden später in der Saar wiedergefunden.

Beucks Nachfolger als Dekan, Jodocus Bruer, versuchte ein letztes Mal eine Reform des Stiftes. Er forderte vom Schutzherrn des Stiftes, dem Grafen Johann IV. von Nassau-Saarbrücken, die Zulassung der Priesterehe und die Austeilung des Abendmahls unter beiderlei Gestalt (d. h. Brot und Wein) – beides wäre nach den Bestimmungen des Augsburger Interims von 1548 zulässig gewesen. Johann verbot das, worauf die Chorherren gegen ihn einen Prozess vor dem Reichskammergericht anstrengten und anführten, sie seien immer schon ein reichsunmittelbares Stift gewesen und könnten deshalb nach den Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens (von 1555) selbst über ihre Konfession bestimmen. Das konnte der Graf nicht zulassen, denn im Falle eines Sieges des Stiftes hätte er als Vogt die Kontrolle über den ausgedehnten Landbesitz des Stiftes verloren, der einen beträchtlichen Anteil an der Grafschaft ausmachte. Also ließ er kurzerhand den Dekan ins Gefängnis werfen, bis er die Klage zurückzog und sein Amt niederlegte. Johann verhinderte daraufhin die Wahl eines Nachfolgers und überführte 1569 das Vermögen (die Kirche und den Land- und Waldbesitz) in eine gesonderte Stiftung. Ironie der Geschichte: Johann, der letzte katholische Graf von Saarbrücken, löste das Stift auf. Da er aber 1574 ohne (rechtmäßigen) Sohn starb, fiel die Grafschaft Saarbrücken an die evangelischen Vettern des Grafen aus der Linie Nassau-Weilburg, die 1575 die Reformation einführten. So besteht bis heute das Evangelische Stift St. Arnual als eigenständige Körperschaft kirchlichen Rechts.

Das Vermögen des Stiftes diente vor und nach der Reformation im Wesentlichen schulischen und kirchlich-sozialen Zwecken. So nutzten die Grafen das Vermögen, um die schon im späten Mittelalter belegte Lateinschule auszubauen und schließlich 1604 in das Ludwigsgymnasium Saarbrücken zu überführen, das älteste Gymnasium des Saarlandes. Bis heute ist der Vorstand des Stiftes bei den Entscheidungen des Ludwigsgymnasiums mitstimmungsberechtigt.

Neuzeit Das Stift überstand sowohl die Klosterauflösungen der französischen Revolution als auch die der Jahre 1803–1806. Nachdem die Saarregion 1815 an Preußen gefallen war, hatte die preußische Regierung zunächst versucht, den Waldbesitz des Stiftes als Staatswald einzuziehen, was aber durch ein Urteil des Oberlandesgerichtes verhindert wurde. Das Gericht erkannte das Ev. Stift als eigenständige kirchliche Einrichtung in ungebrochener Fortexistenz des mittelalterlichen Stiftes an. Zur Leitung gründete sich ein Verwaltungsrat, der die Vermögenswerte des Stiftes (den Wald und die Stiftskirche) bis heute verwaltet.

Dekane Eberwin: 1236. Johannes [I.]: 1249. Gottfried: 1259–1263; die ebda. angegebene Amtszeit überschneidet sich mit der seines Nachfolgers im Amt. Thirrix (TheoderichAlbert Ruppersberg: Geschichte des Saarbrücker Landes. Bd. 2: Die Entstehung der Grafschaft Saarbrücken und ihre Geschichte bis auf Graf Johann I. Winkler, Saarlouis 1912, S. 24, nennt zum Jahr 1261 einen Theoderich als Dechant von St. Arnual (online bei SULB).): 1259–1276; die ebda. angegebene Amtszeit überschneidet sich mit der seines Vorgängers im Amt. Johannes [II.]: 1276–1283. Ludwig: 1288–1297. Johannes Repper: 1302–1330. Friedrich von Wallerfangen: 1334-vor 1346. Johannes von Kobern: 1358. Johannes von Kerpen: 1372–1373. Johannes von Saarbrücken: 1381–1415. Thilmann von Rittenhofen: 1417–1438. Konrad: 1448. Heinrich Volz: 1449–1454. Gottfried Johann: 1456–1499. Nikolaus Wolf: 1511. Georg Eichelberger: 1525. Johannes Wißbrot: 1536. Johannes Schelling: 1542–1550. Johannes Volklingen: 1551. Nikolaus Beuck: 1554. Jodocus Bruer: 1554–1559. Matthias Zimmer: 1560–1569.

Das Stift heute Organisation Das Stift ist rechtlich eine selbständige Körperschaft kirchlichen Rechts, Vorsitzender des Verwaltungsrates des Stiftes war bis 2000 der jeweils amtierende Superintendent des Kirchenkreises Saarbrücken. Seither wird der Vorsitz des Verwaltungsrates von der Ev. Kirche im Rheinland berufen, bis 2025 waren die Superintendenten der Kirchenkreise Saar-Ost und Saar-West Mitglieder des Verwaltungsrats, seit 2026 der Superintendent des vereinigten Kirchenkreises an der Saar. Von 2000 bis 2015 war Prof. Hans-Walter Herrmann Vorsitzender des Verwaltungsrates, heute übernimmt diese Aufgabe Pfarrer i. R. Rolf Joachim Kiderle.

Stiftsforst Zum Besitz des Stiftes gehören bis heute ausgedehnte Wäldereien (720 ha) in St. Arnual und Gersweiler-Krughütte, der sogenannte „Stiftswald“. Das Stift legt wert auf eine nachhaltige und zertifizierte Forstwirtschaft. Während in früheren Zeiten die Erträge aus der Forstwirtschaft den Stiftungszwecken zugutekamen, ist der Stiftswald heute selbst Stiftungszweck. Massiver Schädlingsbefall und mehrere aufeinander folgende Jahre der Trockenheit in den 2010er-Jahren führten dazu, dass zum Erhalt des Walds heute jährlich Gelder aus dem Stiftgut zugeführt werden müssen. Bis 2019 hatte das Stift eigene Forstmitarbeiter. 2022/23 erfolgte die Errichtung einer Windradanlage eines privaten Investors im Stiftswald.

Stiftskirche mini|Die Stiftskirche St. Arnual bei Nacht, im Hintergrund der Eschberg mini|Bildnis Elisabeth von Lothringen (Ausschnitt Grabmal in Stiftskirche St. Arnual) Die Stiftskirche in St. Arnual steht seit 1575 der evangelischen Kirchengemeinde St. Arnual als Gottesdienststätte zur Verfügung. Gebäude Maße Name: Stiftskirche St. Arnual Gesamtlänge (außen, mit Vorhalle): 61,20 m Gesamtlänge (innen): 59,70 m Querschiff (Breite, außen): 25,50 m Querschiff (Breite, innen): 24,25 m Mittelschiff (Breite, innen): 7,45 m Langhaus mit Seitenschiffen (Breite, innen): 13,10 m Mittelschiff (lichte Höhe bis Schlusssteine): 15,80 m Langhaus (Firsthöhe): 22,10 m Turmhöhe: 50,20 m Mittelschiff (Fußbodenhöhe): 192,75 m über NN Geografische Koordinaten (Turm) Länge: 7° 1' 05,8" Breite: 49° 13' 06,5" Orientierung der Langhausachse: 62° Horizonthöhe in der Achse: 5°

Der Bau der heutigen Stiftskirche wurde 1315 begonnen und wohl Ende des 14. Jahrhunderts abgeschlossen.Johann Josef Böker: Zur Datierung der Stiftskirche St. Arnual in Saarbrücken, in: 22. Bericht der Staatlichen Denkmalpflege im Saarland, 1975, S. 39–43. Sie wurde Grablege des Hauses Nassau-Saarbrücken. Im heute in Lothringen liegenden Ort Oberhomburg (Hombourg-Haut) steht eine weitere Stiftskirche (St. Etienne), die mit der Stiftskirche St. Arnual viele architektonische und stilistische Gemeinsamkeiten aufweist, vor allem in den unteren Turmgeschossen. Im achtzehnten Jahrhundert wurde die Kirche unter der Leitung des nassau-saarbrückischen Generalbaudirektors Friedrich Joachim Stengel renoviert und erhielt, wie alle Kirchen Saarbrückens, eine barocke Turmhaube.