Wolfgang Giere (* 3. Februar 1936 in Königsberg (Preußen); † 8. Mai 2025 in Taunusstein) war ein deutscher Medizininformatiker und Hochschullehrer. Er forschte vor allem im Bereich der Medizinischen Dokumentation und Klartextanalyse , Archiv Stand 25. Okt. 2012. und gehörte zur Generation der frühen Wissenschaftler in Deutschland und Europa, die in der medizinischen Datenverarbeitung wirkten.

Leben Wolfgang Giere, Sohn von Margarethe Giere, geborener Schade, und des promovierten Juristen und Stadtkämmerers Gustav Giere, studierte an den Universitäten von Tübingen, München, Montpellier und Marseille Medizin und wurde 1966 in Tübingen zum Dr. med. promoviert. Seine Doktorarbeit war eine „Dokumentation“: Die Biografie und bibliografische Dokumentation des Physiologen und Nobelpreisträgers Otto Loewi. Er wurde 1968 Wissenschaftlicher Assistent am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. 1968 überführte er nach einigen Monaten der Vorbereitung erstmals sein Programm zur intelligenten Unterstützung der Arztbriefschreibung am Evangelischen Krankenhaus Bethesda in Duisburg auf einer IBM 360/30 in die Routine. Dabei handelte es sich um einen Dokumentationsprozess, bei dem aus den jeweiligen Patientendiagnosen der zugehörige Arztbrief halbautomatisch generiert wurde. Hierbei nutzte Giere die Prinzipien aus dem Zipfschen Gesetz. 1969 wurde Giere Leiter des Rechenzentrums der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden. 1972 verfeinerte er seine Methoden durch die Nutzung des AGK Thesaurus für die Klartextklassifikation, unterstützt durch Bundesmittel für dessen Pilotanwendung bei niedergelassenen Ärzten, und führte die Datenverarbeitung in die ärztliche Praxis ein. 1975 entwickelte Giere die „Dokumentations- und Informationsverbesserung für den Arzt“. Hinzu kam 1979 schließlich BAIK, die „Befunddokumentation und Arztbriefschreibung in Krankenanstalten“, ein seit den 1980er Jahren in der Routineanwendung gewachsenes und eingesetztes Programmpaket zur Unterstützung einer der ersten elektronischen Patientenakten. Wolfgang Giere gewann internationale Reputation durch seine Anstrengungen für das Massachusetts General Hospital Utility Multi-Programming System – MUMPS. Er verfasste etwa 50 Publikationen in seinen Forschungsschwerpunkten. Seine Arbeiten wurden durch Octo Barnett von der Harvard Medical School und anderen frühen Spezialisten in der Medizininformatik beeinflusst. Zwei Jahre vor seinem Tod mit 89 Jahren erschien seine letzte Publikation als Essay mit dem Titel "Verpasste Chancen. Nachdenken über Fehlentwicklungen der Medizinischen Informatik", welche von Reinhold Haux und Alfred Winter ausführlich kommentiert und diskutiert wurde. Giere beschreibt und diskutiert darin im Rückblick, woher das „Digitalisierungsdefizit“ im Gesundheitswesen in Deutschland rührt und es seine in den 1960er-/1970er-Jahren noch zusammen mit den USA und Schweden führende Rolle in der Anwendung der Datenverarbeitung in der Medizin verlor.

Im Jahr 1976 wurde er Professor (Besoldungsgruppe H 4) für Dokumentation und Datenverarbeitung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main im Fachbereich Humanmedizin.Giere, Wolfgang. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 375. Im Aufgabenbereich seiner Professur war er bis 2003 für die Medizinische Informatik in der Medizinischen Fakultät der Goethe-Universität Frankfurt verantwortlich.Wolfgang Giere in den Ruhestand verabschiedet. In: Hessisches Ärzteblatt. 15. Juli 2003.

Er war Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Certificat „Medizinische Informatik“ der Gesellschaft für Informatik und der Deutschen Gesellschaft für Medizin-Dokumentation, Informatik und Statistik sowie Fellow der Society für Advanced Medical Systems.

Wolfgang Giere war evangelisch, ab 1964 verheiratet mit Elke Giere, geborener Engelmann, und hatte vier Kinder (Philipp, Peter, Katharina und Johannes).

Publikationen (Auswahl) mit F. Lembeck: Otto Loewi. Ein Lebensbild in Dokumenten. Springer, Berlin / New York 1968. mit R. Pirtkien: Computereinsatz in der Medizin. Diagnostik mit Datenverarbeitung. Thieme, Stuttgart 1971. Befunddokumentation und Arztbriefschreibung im Krankenhaus BAIK. Forsytta, Taunusstein 1986. Dokumentation und Informationsaufbereitung für den Arzt : Beiträge zur medizinischen Informatik. Epsilon, Darmstadt 1996. Erfahrungen aus der Medizinischen Informatik Reise- und Kongressberichte aus 25 Jahren. Epsilon, Darmstadt 2003.

Literatur Giere, Wolfgang. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 375.

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Einzelnachweise

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