Marie Joseph Aimé Albert Jean Baptiste Henri „Henry“ de Heaulme (* 23. Juni 1899 in La Reunion; † 29. November 1986 in der Dordogne)Henry de Heaulme, http://gw2.geneanet.org/lesmascareignes?lang=fr;p=marie+joseph+aime+albert+jean+baptiste+henri;n=de+heaulme war französischer Kolonist („Colon“), Plantagenbesitzer, Unternehmer und Politiker in Madagaskar.

Familie Die Familie de Heaulme geht zurück auf Françoise Châtelain, die 1674 als eine von 15 „Töchtern des Königs“Töchter des Königs, vgl. u. a. Ludwig XIV. im Alter von 16 Jahren aus dem Pariser Hôpital de la Salpêtrière über Fort Dauphin (heute Tolagnaro) nach Réunion kam. Françoise wurde in einer Massenhochzeit am 27. August 1674 mit einem Fähnrich der Marine verheiratet. Die Frauen der Antanosy, eine Ethnie in Madagaskar,Antanosy, :en:Antanosy people die bisher mit den Männern der Kolonie gelebt hatten, waren außer sich. Es kam zu einem Massaker. 75 Franzosen wurden getötet, 63 konnten entkommen. Auch Françoise überlebte, verlor ihren Ehemann, floh nach La Réunionvgl. S. 43 ff. „Lord & Lemurs“ von Alison Jolly, Houghton Mifflin Company, 2004 und heiratete dort, nachdem sie zwei weitere Ehemänner überlebt hatte, Augustin Panon. Die Familie Panon stieg in der Folge zur größten Familiendynastie in La Réunion auf. Françoise Châtelain Panon, die 1730 starb, wurde zur Stammmutter der Inselaristokratie, zu der auch die de Heaulmes gehören.

Jean Roland Boutsocq de Heaulme (* 1705; † 1773)Jean Roland Boutsocq de Heaulme, http://gw5.geneanet.org/samlap?lang=de;p=gaspard+victor;n=boutsocq+de+heaulme emigrierte 1729 nach La Réunion. 1732 wurde er Offizier der von Ludwig XIV. als Gegenentwurf zur britischen East India Company geschaffenen Grande Compagnie des Indes Orientales. Bald gehörten ihm Zuckerrohr-Plantagen, die von Sklaven aus Madagaskar betrieben wurden und die einen großen Teil der Insel einnehmen. Der Familiensitz „La Basse-Terre“ wurde zu einem stattlichen Palast ausgebaut. Die de Heaulmes wurden später überflügelt von noch höher geborenen Siedlern, wie den Panon Desbassayns, den de Villèle,Jean-Baptiste de Villèle den de Villentroy,Marianne Bellier de Villentroy, http://gw5.geneanet.org/samlap?lang=de;p=marianne;n=bellier+de+villentroy den de ChâteauvieuxJoseph Sosthène d'Armand de Chateauvieux https://www.lexpress.fr/region/l-icirc-le-m-eacute-tisse_489961.html und den de Dieuleveult,De Dieuleveult, „Archives de l'Île lointaine: la Réunion, autrefois Bourbon: études et documents sur la famille Panon Desbassayns et certaines de ses branches“, von Alain de Dieuleveult, 1995 die nach La Réunion emigrierten, um der Guillotine der Französischen Revolution zu entgehen.

Als Frankreich 1895 Madagaskar erobert und zur Kolonie degradiert hatte, wehrten sich die Merina, die bisher vom Hochland um Antananarivo die Insel beherrscht hatten, gegen die Invasion. Der neue Generalgouverneur General Joseph Gallieni ließ den von Königin Ranavalona III. angeführten Widerstand brutal niederschlagen. Er schickte die Königin ins Exil nach La Réunion. Dort wurde sie von Madame de Villentroy, der Großmutter Henry de Heaulmes,vgl. Joseph Louise Thérèse Marie de Villèle, http://gw2.geneanet.org/lesmascareignes?lang=fr;p=charlotte+marie+genevieve+antonie;n=mezieres+de+lepervanche in einem Stadthaus untergebracht, bis die französische Regierung sie endgültig in Algerien internierte, wo sie 1917 starb.

Leben und Karriere Henry de Heaulme war in achter Generation einer der Söhne des Plantagenbesitzers Narcisse de Heaulme (1856–1945)[Narcisse de Heaulme, http://gw5.geneanet.org/samlap?lang=en;p=narcisse;n=boutsocq+de+heaulme] und der Marie Bellier de Villentroy (1866–1962)[Marie Bellier de Villentroy, http://gw5.geneanet.org/samlap?lang=de;p=marie+elisabeth;n=bellier+de+villentroy] aus Le Chaudron auf der Insel La Réunion. Er nahm mit vier Brüdern auf der Seite Frankreichs am Ersten Weltkrieg teil. Als ihre fünf Brüder wohlbehalten aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrten, trat Marthe de Heaulme (* 1902; † 1994) gemäß einem Gelübde, als Soeur Gabrielle in Fort Dauphin in den Orden der Barmherzigen Schwestern ein. Als „Kleine Schwester der Armen“ gründete sie neben einer Sozialstation in Amboasary, nahe Berenty, zwei weitere Gemeinden im Süden Madagaskars. Ihr Einsatz, insbesondere während der großen Hungersnöte 1942–1943 und 1947–1949, bleibt bei den Bedürftigen in der madagassischen Bevölkerung unvergessenvgl. S. 50 ff. „Lord & Lemurs“ von Alison Jolly, Houghton Mifflin Company, 2004.

Nach dem Ende des Krieges machte Henry mit seinem jüngeren Bruder Alain de Heaulmevgl. Marie Joseph Frédéric Alain de Heaulme http://gw2.geneanet.org/lesmascareignes?lang=de;p=marie+joseph+frederic+alain;n=de+heaulme Station im Hafen von Tamatave und besuchte von dort aus die Hauptstadt Tananarive. Nach der Familientradition hatte der älteste Bruder die Ländereien in La Réunion übernommen (wahrscheinlich Roland de Heaulme (1889–1974)). In der Nähe von Tananarive erwarben die Brüder eine Plantage. Alain überstand dort eine Pesterkrankung, und als Henry und Alain dreimal hintereinander an der Gelbsucht erkranken, verließen sie auf Rat der Ärzte das Hochplateau, gaben die Plantage auf und verdingten sich bei ihrem Onkel Pierre Bellier de Villentroyvgl. Pierre Bellier de Villentroy, http://gw4.geneanet.org/pierfit?lang=en;p=pierre;n=bellier+de+villentroy im trockneren und gesünderen Süden der Insel. Ende 1926 heiratete Henry die Tochter des Glimmer-Magnaten Marcelle Bellier de Villentroyvgl. Marcelle Bellier de Villentroy, http://gw4.geneanet.org/pierfit?lang=en;p=marcelle;n=bellier+de+villentroy. Mit seiner hochschwangeren Ehefrau fuhr er im Mai 1928 mit einer Harley-Davidson mit Beiwagen von Tananarive nach Fort Dauphin.

Alain wurde Betriebsleiter und Sprengmeister in den Glimmer- und Grafitminen in Ambihy, in der Nähe von Tsivory. Später arbeitete er als Manager der Sisalplantage seines Bruders in Berenty. Henry übernahm den Versand und Export des auch als Mica bekannten Glimmers. Für den Transport bestellte Henry bei der Firma Alatari & Pitts, Geschäftspartner seines Onkels in New Yorkvgl. S. 70 ff. „Lord & Lemurs“ von Alison Jolly, Houghton Mifflin Company, 2004, einen Lastwagen der Marke Chevrolet, der erste seiner Art in Südmadagaskar.

Als Huguette de Heaulme (* 1929) 1932 getauft wurde, schickte er das Ersparte als Mitgift für die Tochter nach Fort Dauphin.

Gründung der Sisal-Firma In Fort Dauphin machte Marcelle Bellier de Villentroy das Haus der wachsenden Familie zum gesellschaftlichen Mittelpunkt der französischen Kolonie und Henry plante die Gründung eines eigenen Sisal-Geschäfts. Französische Siedler hatten 1922 die ersten 42 Tonnen der aus Mexiko stammende Agavenart Sisal nach Frankreich exportiert. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges war die Produktion auf 2.500 Tonnen angestiegen, davon kamen 880 Tonnen aus der Region um Fort Dauphinvgl. S. 364 „The Malagasy Republic, Madagaskar Today“, Virginia Thompson und Richard Adloff, Stanford Press, 1965.

Auf der Suche nach geeignetem Holz für die Transportkisten überquerte er 1936 den Mandrare Fluss bei Berenty. Er erwarb zusammen mit seinem Bruder Alain von dem Antandroy Mahafaha in Ankoba Wald und Ländereien. Henry wurde Blutsbruder des Antandroykönigs Tsiongakarivovgl. S. 40 „Lord & Lemurs“ von Alison Jolly, Houghton Mifflin Company, 2004. Für das Land, das nach Auffassung der Einheimischen unveräusserbar und von den Vorvätern nur treuhänderisch überlassen ist, wurde kein Preis verlangt. Die de Heaulme-Brüder baten jedoch Zeburinder an, um den Vertrag zu besiegeln. Die Kolonialverwaltung untermauerte den Anspruch der Neusiedler mit der Erteilung großzügiger LandkonzessionenZu den Landkozessionen vgl. S. 332, „The Malagasy Republic, Madagaskar Today“, Virginia Thompson und Richard Adloff, Stanford Press, 1965.

Im Tal des Mandrare siedelten sich mit den Confolent, Gallois und François und Aymar de Guitaut weitere „Colons“ aus Frankreich an. Es gibt Hinweise darauf, dass auch die de Heaulmes bei der Landrodung auch von dem unter Gouverneur Marcel Olivier 1926 für junge Madagassen eingerichteten Zwangsarbeitsdienst SMOTIGvgl. „Service de la Main d’Oeuvre des Travaux d’Intérêt Général“, profitiert haben. Die Brüder pflanzten Sisal, errichteten Verarbeitungsanlagen und beschafften eine deutsche Dampfmaschine mit Schwungrad (gebaut 1928) und eine Motorsägevgl. S. 65 „The Malagasy Republic, Madagaskar Today“, Virginia Thompson und Richard Adloff, Stanford Press, 1965. Für die Arbeiter und Familien bauten sie in Berenty Wohnhütten, eine Schule und eine Krankenstation, die später von Henrys Tochter Chantal geleitet wurde.

Henry de Heaulme ließ auf 6.000 ha Wald, zu dem 100 ha Galeriewald am Mandrare gehören, ein Naturschutzgebiet für die dort beheimateten Lemuren, einrichten, insbesondere für weiße Sifaka und die wegen ihres geringelten Schwanzes unverwechselbaren Katta.

Alain übernahm die Rolle des Plantagenaufsehers, Henry kümmerte sich um Versand und Export des Sisals. Am Anfang dauerte der Transport auf zweirädrigen Ochsenkarren zum Hafen in Fort Dauphin zwei Tage. Später übernahm ein Lastwagen die Lieferungvgl. S. 12, 67–68 „Lord & Lemurs“ von Alison Jolly, Houghton Mifflin Company, 2004 und Berenty Nationalpark, https://travography.com/lemurs/berenty.html.

Während des von 1947 bis 1949 andauernden Freiheitskampfes der Madagassen verhinderte Henry de Heaulme in Fort Dauphin zusammen mit dem Hauptmann Martin und anderen Siedlern die von einem Polizeigericht verhängte Hinrichtung von 117 Aufständischen. Außerdem setzte er sich erfolgreich für die Ablösung des für die Folter an Gefangenen verantwortlichen Polizeikommissars Gervais ein.vgl. S. 119 ff „Lord & Lemurs“ von Alison Jolly, Houghton Mifflin Company, 2004

Nachkriegszeit Die hohen Preise, die Ende der 1940er Jahre von Frankreich für Sisal aus Madagaskar gezahlt wurden und der Marshall-Plan, der Europa wirtschaftlich auf die Beine half, trieb auch die Sisalproduktion in Madagaskar in die Höhe. Berenty produzierte 1949 lediglich 20 Tonnen, 1964 aber bereits 600 Tonnen Sisalvgl. S. 131 „Lord & Lemurs“ von Alison Jolly, Houghton Mifflin Company, 2004. Auch Henry de Heaulme erhielt 1950 einen Zuschuss aus dem Marshall-Plan. Er beschaffte Traktoren und eine Waldrodungsmaschine. Eine eigene Stromversorgung trieb Generatoren, Förderbänder und Quetsch- und Faserbürstmaschinen anvgl. S. 132 „The Malagasy Republic, Madagaskar Today“, Virginia Thompson und Richard Adloff, Stanford Press, 1965. Als 1953 das Nylon erfunden wurde und die Weltmarktpreise für Sisal einbachen, subventionierte der französische Fonds „L’Encouragement Textil“ mit 10.000 CFA-Franc jede Tonne exportierten Sisals.vgl. S. 365 „The Malagasy Republic, Madagaskar Today“. Stanford Press, 1965. Die 1950er und 1960er Jahre wurden zu goldenen Jahren des Sisals. Nylon schaffte es nicht, Sisal vom Markt zu verdrängen, da es sich für manchen Anwendungen besser eignete als Nylon.

Politische Karriere in Madagaskar Als Charles de Gaulle 1958 mit dem Mandat an die Macht zurückkehrte, das französische Kolonialreich endgültig aufzulösen, begann auch Madagaskars Weg in die Unabhängigkeit. Henry de Heaulme wurde von den Madagassen zunächst als ihr Provinzvertreter gewählt, übernahm den Vorsitz in der Provinzversammlung und wurde Vizepräsident der verfassunggebenden Nationalversammlung. Als einer der Gründungsväter unterzeichnete er im Oktober 1958 gemeinsam mit den Politikern Laurent Botokeky, Monja Jaona und dem künftigen Präsidenten Tsiranana das Grundgesetz der neuen Republik Madagaskar.vgl. S. 150 „Lord & Lemurs“ von Alison Jolly, Houghton Mifflin Company, 2004