miniatur|Hermann Garlichs Hermann Garlichs (* 31. Januar 1807 in Bremen; † 24. Juni 1865 in Brooklyn) war ein deutscher Theologe, Gründer der ersten evangelischen Gemeinden westlich des Mississippi und Präses des „Deutsch-Evangelischen Kirchenvereins des Westens“ der USA. Er war verheiratet mit Adelheid von Borries. Das Leben des Ehepaares wurde Gegenstand der Auswanderer-Forschung. In der angelsächsischen Literatur ist sein Name gelegentlich zu Herman Garlichs (auch Garlich) abgeändert.

Herkunft und Jugend Garlichs kam aus einer Familie, die überwiegend im Oldenburgischen und dem Jeverland beheimatet war. Er wuchs in Bremen in einem wohlhabenden protestantischen Elternhaus auf. Der Vater Gerhard Christian Garlichs (1778–1830) war Kaufmann und bekannt dafür, dass er tief religiös und klassisch gebildet war.Floyd Calvin Shoemaker 1924: Missouri historical review, Volume 18, State Historical Society of Missouri Die Mutter Jnsea Katharina Elise Lambertz (1782–1816) kam aus einer angesehenen Oldenburger Familie. Hermann hatte zwei Schwestern, darunter Emma Caroline Garlichs, verheiratete Eggers, die später als Freundin von Clara Schumann bekannt wurde und der Clara die „valses romantiques pour le pianoforte“ (op. 4, 1835) widmete. Das Ehepaar Schumann war sowohl bei der Familie Garlichs als auch Eggers häufiger zu Besuch, beide Familien waren dafür bekannt, dass sie bedeutende Kunstsammlungen besaßen.Berthold Litzmann (Hrsg.) 1907: Clara Schumann, ein Künstlerleben: Ehejahre, 1840-1856. Verlag Breitkopf & HärtelNancy B. Reich 2001: Clara Schumann: the artist and the woman. 2. Aufl., Verlag Cornell University Press. ISBN 0-801-43740-7John Daverio 1997: Robert Schumann. Herald of a new poetic age. Verlag Oxford University Press, 1997. ISBN 0-199-83931-XEva Weissweiler (Hrsg.) 2002: The complete correspondence of Clara and Robert Schumann, Bd. 3, S. 310, Verlag P. Lang, ISBN 0-820-42446-3

Ausbildung und Auswanderung Garlichs lernte mehrere Sprachen und das Violin-Spiel und studierte vier Jahre lang Philosophie an den Universitäten von Göttingen, Bonn, Leipzig und Münster,Charles van Ravenswaay 2006: The arts and architecture of German settlements in Missouri: a survey of a vanishing culture. 2. Aufl., 539 S., University of Missouri Press. ISBN 0-8262-1700-1 promovierte zum Doktor der Philosophie und nahm eine Stelle als Erzieher auf dem Rittergut Steinlake des Landrats C.L. Philipp von Borries an. Dort verliebte er sich in die Tochter des Hauses, Adelheid von Borries (* 12. Juni 1815 Gut Steinlake; † 21. April 1873 Hannover)Familie von Borries: Adelheid von Borries . Wohl vor allem wegen ihres noch jungen Alters wanderte er 1833 zunächst ohne sie, aber mit Meller und Westerkappelner Auswanderern, in die USA aus. Angeregt durch die damals sehr bekannten Schilderungen von Gottfried Duden über die guten Verhältnisse in Missouri,Gottfried Duden 1829: Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerika's und einen mehrjährigen Aufenthalt am Missouri (in den Jahren 1824, 25, 26 und 1827), in Bezug auf Auswanderung und Übervölkerung, oder …, Elberfeld, Verlag Samuel Lucas, 348 S. ließ die Gruppe sich dort nieder. Ein Nachkomme dieser Aussiedler von 1833 schildert später Kosten und Umstände des damaligen Reisens über den Atlantik, den Existenz-Aufbau in den USA sowie den „vigorous pastor Hermann Garlichs“.Paul C. Nagel: The German Migration to Missouri. My Family's Story. Kansas City Star Books, 1. Aufl. 2002. The Jackson County Historical Society. ISBN 0-972-2739-6-4

Gründung deutscher evangelischer Gemeinden in Missouri Garlichs gründete 1833 noch vor seiner Ordination, also als Laien-Prediger, in den kleinen Orten Femme Osage und St. Charles die ersten evangelischen Gemeinden westlich des Mississippi.Carl E. Schneider 1932: Review of John W. Flucke „Evangelical Pioneers“, in: Church History, Bd. 1, S. 185 fWegmarken: Femme Osage, erste Evangelische Gemeinde westlich des Mississippi 1835 kehrte er wieder nach Westfalen zurückJohann Gottfried Büttner 1844: Die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, Bd. 1, Verlag M. Geber, heiratete Adelheid von Borries, ließ sich in Bielefeld zum Pfarrer ordinieren und reiste mit seiner Frau zurück nach Femme Osage. Zunächst wohnte das Paar wie die anderen Siedler unter sehr einfachen VerhältnissenFriedrich Schütte 2005: Westfalen in Amerika. 256 S., Landwirtschaftsverlag Münster (2005), ISBN 3-7843-3356-7Walter D. Kamphoefner]] 2006: Vom Weißen Haus in die Blockhütte: Das Tagebuch der Pastorenfrau Adelheid Garlichs, geb. von Borries, S. 123–140 in: Harzig, Christiane (Hrsg.): Migration und Erinnerung: Reflexionen über Wanderungserfahrungen in Europa und Nordamerika. Bd. 4 von Transkulturelle Perspektiven, 228 S., Verlag V&R unipress. ISBN 3-899-71338-9Robyn Burnett u. a. 2005: Adelheid Garlichs, geb. von Borries, S. 60–62, in: Immigrant women in the settlement of Missouri. Missouri heritage readers. Verlag University of Missouri Press, 149 S., ISBN 0-826-21591-2 in einer Holzhütte, die fünf Meilen vom nächsten Ort Femme Osage entfernt war. Garlichs schilderteC. Wossidlo (Hrsg.) 1865: Erinnerung an den ehrwürdigen Hermann Garlichs, Pastor der deutschen evangelischen Gemeinde in Brooklyn …, 104 S., Verlag H. Ludwig, Buchdrucker, New-York:

Außerdem gab es damals in dieser Gegend noch Indianer außerhalb von Reservaten, die weitgehend noch nicht missioniert waren.United Church of Christ: The German Evangelical Synod Bill Schwab: 2010 (PDF; 42 kB, englisch) Garlichs und die anderen Siedler hatten sich also tatsächlich im Wilden Westen niedergelassen. Erst Mitte 1837 ließ sich Garlichs neben der Kirche von Femme Osage auf eigene Kosten ein Pfarrhaus aus Stein erbauen. Es ist noch erhalten, erfährt dort traditionelle WertschätzungAncient faces: Wohnhaus der Familie Garlichs-von Borries in Femme Osage und gilt als Beispiel der Architektur deutscher Einwanderer in Missouri.

Garlichs gründete und betreute von Femme Osage aus neben St. Charles mit der Friedens-Kirche (1834) zahlreiche weitere Gemeinden, so in den Orten Holstein (Immanuel-Kirche, 1839)Concordia Historical Institute quarterly 2004: Immanuel-Gemeinde in St. Charles auf Grundlage einer Gründung durch Hermann Garlichs, S. 245 in Bd. 77–78, Warrenton (Harmonie-Kirche, 1842), Washington (St. Peter, 1844) und Schluersburg (Bethanien, 1884). Schon wegen der großen Entfernungen war diese Arbeit sehr aufwändig. Auf seine Bitte hin wurde er daher zeitweise durch Gehilfen unterstützt, auch solche, die ihm der befreundete Johann Hinrich Wichern aus dem Rauhen Haus auslieh.Johann Hinrich Wichern 1845: Dritte Nachricht über die Brüder des Rauhen Hauses als Seminar für innere Mission unter deutschen Protestanten, Agentur des Rauhen Hauses Brüderanstalt, Horn bei Hamburg

Auseinandersetzung mit anderen Glaubensrichtungen Garlichs war von der unierten preußischen Staatskirche geprägt. Wie die aus ländlichen Gegenden emigrierten Deutschen vertrat er eine eher konservative Auslegung der Bibel, was in den heutigen USA als „evangelikal“ bezeichnet würde. Damit stand er im Gegensatz zu anderen deutschsprachigen Einwanderern seiner Zeit, die reformierte Protestanten waren, vor allem aber zu solchen, die in religiöser Hinsicht „liberale“ Auffassungen hatten und wie beispielsweise Pastor Friedrich Münch aus Dutzow und andere aus städtischen Gemeinden wie Berlin, Gießen, Barmen und Basel die Dreieinigkeit lediglich als Konzept, nicht als wortwörtliches Dogma ansahen und sich „Freidenker“, „Rationalisten“ oder „Aufgeklärte“ nannten. Einige dieser Einwanderer hatten auch deistische Auffassungen und erklärten christliche Auffassungen als Aberglauben. Es kam zwischen diesen Richtungen zu lebhaften Auseinandersetzungen, auch zum Wechsel der Konfession. Schließlich gelang es Garlichs aber, seine religiöse Auffassung in den von ihm betreuten Gemeinden durchzusetzen. Ab 1839 unterstützte ihn dabei in Femme Osage Kasper Bode, der 1845 durch Garlichs ordiniert wurde und ab 1846 sein Nachfolger war.Ruth Freese 1998: Geschichte der deutsch-evangelischen Gemeinde St. John, Missouri The State Historical Society of Missouri: Heute erinnert eine Gedenktafel vor der (1888 neu errichteten) Kirche von Femme OsageEvangelische Kirche von 1888 in Femme Osage jpg an Garlichs und seinen Nachfolger Bode:Femme Osage: Gedenktafel für Garlichs und Bode jpg

Deutsch-Evangelischer Kirchenverein des Westens In dem Bestreben, die protestantischen Gläubigen deutscher Sprache ungeachtet ihrer Ausrichtung zusammenzufassen, wurde 1840 in St. Louis der „Deutsch-Evangelische Kirchenverein des Westens“ gegründet. Garlichs wurde sein Sekretär, dann bis 1846 sein Präses und bestimmte so die Entwicklung der deutschsprachigen protestantischen Gemeinden bis weit über Missouri hinaus.Jakob Conzett, Johann Launitz 1878: S. 110, 121 in: Evangelisches, historisches Jahrbuch: für alle deutschen Confessionen Amerika's, Verlag Ernst LuftEvangel. Kirche Deutschlands (EKD): Ein Jahr nach dem Tod von Garlichs ging der Kirchenverein zusammen mit anderen protestantischen Konfessionen deutscher Einwanderer in der „Deutschen Evangelischen Synode des Westens“ (German Evangelical Synod of the West) auf, die seit 1929 auf die Bezeichnung „Deutsche“ (German) in ihrem Namen verzichtet.Albert Mücke 1915: Geschichte der Deutschen Evangelische Synode von Nord-Amerika. Verlag Eden Pub. House, ChicagoLouis H. Gunnemann 2007: „From the Continent of Europe: The Evangelical and Reformed Story“, in: American Church Life, Kap. 7 pdf (PDF; 1,9 MB)

Finanzielle und gesundheitliche Erschöpfung Dass er Missouri 1846 verließ, begründete Garlichs mit zwei Umständen: Zum einen war er wie in amerikanischen Gemeinden üblich zum Unterhalt auf Spenden der Gläubigen vor Ort angewiesen:

Zu den von Garlichs selbst bezahlten „Ansprüchen“ zählte nicht nur der Bau des Pfarrhauses, sondern teilweise auch der Bau der Steinkirche in Femme Osage und ihrer Orgel. Zwar war Garlichs 1833 mit beträchtlichem eigenen Vermögen nach Amerika ausgewandert und hatte danach immer wieder Zuwendungen aus Deutschland erhalten, so nach der Versteigerung der Gemäldesammlung aus dem Nachlass seines Vaters. Schließlich waren aber seine Mittel doch erschöpft.

Zum anderen habe seine Gesundheit einen Wechsel seiner Tätigkeit erfordert. Er betreute seit 1833 mehrere weit voneinander entfernte Gemeinden:

Vor allem diese dauernden Reisen als „circuit pastor“ führten zunehmend zur körperlichen Erschöpfung von Garlichs.

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