Die Aprilia RS 125 ist ein supersportliches Motorrad/Leichtkraftrad des italienischen Motorradherstellers Aprilia, der seit 2004 zur Piaggio-Gruppe gehört. Dieser Artikel beschreibt das Modell mit Zweitaktmotor, das von 1992 bis 2012 gebaut und vertrieben wurde. Für das gleichnamige Viertaktmodell ab 2017 siehe Aprilia RS4 125. Zur Unterscheidung hat sich für das Zweitakt-Modell auch die Bezeichnung „Aprilia RS 125 2T“ etabliert.
Ursprünglich entwickelt wurde die RS 125 Anfang der 1990er Jahre für die in Italien populäre 125er Klasse. Dort durften 16-Jährige bis Mitte der 1990er Jahre Motorräder mit bis zu 125 cm³ Hubraum ohne jegliche Beschränkung von Spitzenleistung und Höchstgeschwindigkeit fahren. Die RS 125 hatte passend dazu bei Markteinführung im Juni 1992 31 PS Spitzenleistung und eine Höchstgeschwindigkeit von über 150 km/h zu bieten.
In Deutschland populär wurde die RS 125 ab 1996, als 16-Jährigen und Führerschein 1b-Besitzern (heute A1) im Rahmen der europaweit einheitlichen Leichtkraftrad-Regelung das Fahren vom Leichtkrafträdern bis max. 125 cm³ Hubraum und 11 kW/15 PS Spitzenleistung ermöglicht wurde. Aprilia bot dafür ab Werk entsprechend in der Spitzenleistung und Höchstgeschwindigkeit angepasste („gedrosselte“) Ausführungen der RS 125 an.
Konkurrenzmodelle aus den 1990er Jahren mit Zweitakt-Motoren und mehr als 15 PS Spitzenleistung sind unter anderem Cagiva Mito, Gilera GFR 125, Honda NSR 125 R, Sachs XTC 125 (Zweitakt), Suzuki RG 125 Gamma und Yamaha TZR 125. Spätere Konkurrenzmodelle – größtenteils mit Viertaktmotoren – und maximal 15 PS sind zum Beispiel Derbi GPR 125, Honda CBR 125 R, Sachs XTC 125 (Viertakt) und Yamaha YZF-R 125.
In der 20-jährigen Bauzeit wurden Technik und Optik mehrfach überarbeitet und an neue gesetzliche Bestimmungen, insbesondere strengere Abgasgrenzwerte angepasst. Auch geänderten Führerscheinbestimmungen und Versicherungsrandbedingungen wurde mit dem Angebot unterschiedlicher Leistungsvarianten Rechnung getragen. Deshalb gab es im Laufe der Bauzeit mehrere Modelltypen und Varianten, die aber alle unter dem Modellnahmen RS 125 vertrieben wurden. Insgesamt wurden von der Zweitakt RS 125 mehr als 100 000 Exemplare gebaut und in über 30 Länder verkauft.
2012 wurde die Produktion eingestellt. In der Zwischenzeit waren 125er Viertaktmotoren durch Massenproduktion günstig geworden, sodass für den Zweitaktmotor der Kostenvorteil schwand. Auch Weiterentwicklungen der Gemischaufbereitung und des Brennverfahrens hatten beim Zweitaktmotor seit Mitte der 1990er Jahre keine Marktreife mehr erlangt. Der Viertaktmotor war durch günstig verfügbare Einspritzsysteme und die kontinuierliche Weiterentwicklung mit geringerem Aufwand an die zukünftigen Abgasvorschriften (Einführung Euro 4 2017) anzupassen. Das 2011 präsentierte Nachfolgemodell Aprilia RS4 125 hat einen Viertaktmotor mit Saugrohreinspritzung und maximal 11 kW/15 PS.
Technik Das technische Grundkonzept für Fahrwerk und Antrieb der RS 125 blieb über die gesamte Bauzeit unverändert.
Grundlegende technische Daten (zum Beispiel Radstand, Hubraum, Bohrung × Hub) und sogar einige Bauteile (wie Schwinge, Federbein, Umlenkung, Fußrasten, untere Gabelbrücke) haben sich nie geändert oder wurden nur leicht modifiziert, sodass die Teile prinzipiell in alle Baujahre passen.
Gegenüber dem Vorgängermodell Aprilia AF1 125 wurden Rahmen, Heckrahmen, Schwinge, Felgen, Krümmer sowie die komplette Verkleidung neu entwickelt. Der Rotax-123-Motor wurde zunächst unverändert aus der letzten Aprilia AF1 125 übernommen, ebenso die Gabel, die vordere Bremszange und weitere Teile wie Lenkerarmaturen und Cockpit. Ab 1995 (Typ MP0/MPA) wurde parallel der Rotax-122-Motor eingebaut, ab 1999 (Typ MPB) nur noch der Rotax 122.
Da der Grundmotor ab Typ MP immer derselbe ist, kann man theoretisch bei allen Modellen danach durch den Austausch leistungsbestimmender Anbauteile (unter anderem Auspuffanlage, Auslasssteuerung, Zündung, Vergaser(abstimmung) ) die Leistung auf MP-Niveau (ca. 22 kW (30 PS)) steigern, was aber illegal ist, da hierdurch die Betriebserlaubnis erlischt (Änderung der Nennleistung und/oder des Abgasverhaltens). Im Umkehrschluss könnte man eine MP auch mit RM-Technik ausstatten und würde dadurch Euro 3 erreichen, hätte jedoch weniger Spitzenleistung.
Motor
Wassergekühlte Einzylinder-Zweitaktmotoren der österreichischen Firma Rotax (Typen 123 und 122)
Aluminium-Zylinder mit Nickel-Siliziumkarbid Beschichtung der Lauffläche („NIKASIL“ / „GILNISIL“) Bohrung × Hub: 54,0 × 54,5 mm Hubraum: 124,8 cm³ Verdichtung 12,5:1 Einlasssteuerung über Membran und Kanäle im Zylinder Auslasssteuerung („RAVE“) mit elektronisch (per Solenoid) angesteuertem Flachschieber Gemischbildung durch Vergasermini|Vergaser Dell'orto VHSB34LD Getrenntschmierung mit Zweitakt-Öl über separate Ölpumpe (last- und drehzahlabhängig) Resonanzkrümmer mit angeschraubtem Endschalldämpfer kontaktlose Zündanlage Elektrostarter eine Ausgleichswelle
Antrieb Mehrscheiben-Nasskupplung, seilzugbetätigt Primärübersetzung Rotax 123: 20 / 64 = 1: 3,2 Rotax 122: 19 / 63 = 1: 3,316 Sechsganggetriebe
Gang 10 / 30 = 1: 3 Gang 14 / 29 = 1: 2,071 Gang 17 / 27 = 1: 1,588 Gang 19 / 25 = 1: 1,316 Gang 21 / 24 = 1: 1,143 Gang 22 / 23 = 1: 1,045 Endantrieb über Rollenkette, 520er Teilung (5/8" x 1/4"), 106 Glieder (außer MPA1: 104 Glieder)
Fahrwerk Brückenrahmen aus verschweißten Aluminium-Gussteilen Radstand 1345 mm Lenkkopfwinkel 64° Nachlauf 88 mm Heckrahmen aus Vierkant-Stahlrohr Verschraubte Zweiarm-„Bananen“-Schwinge aus Aluminium Zentralfederbein von Sachs-Boge mit Hebelumlenkung (Aprilia-Progressiv-System [APS]), Federvorspannung einstellbar (außer 1992 und 1993: nicht einstellbares Sebac-Federbein) Federweg hinten 120 mm Upside Down Gabel von Marzocchi mit 40 mm Innenrohr-Durchmesser, nicht einstellbar. Feder nur im linken Gabelholm, Dämpfung nur im rechten. Federweg vorne 120 mm Aluminium Gabelbrücken Leichtmetallfelgen: vorne 3.00" x 17" / hinten 4.00" x 17" (außer Typ LA 1993)
Bremsen Hydraulisch betätigt Vorne: Eine Scheibe, schwimmend, 320 mm / Vierkolben Festsattel-Zange Hinten: Eine Scheibe, starr, 220 mm / Zweikolben Festsattel-Zange
Im Marketing wurde oft der Vergleich zu den damals erfolgreichen Aprilia Zweitakt-Rennmaschinen aus der Motorrad-Weltmeisterschaft genutzt. Technisch gab es auch einige grundsätzliche Gemeinsamkeiten, wie Aluminium als Material für Rahmen und Schwinge und einen Zweitaktmotor. Im Detail und den Bauteilen selbst wie zum Beispiel der Einlasssteuerung (Drehschieber vs. Membran) oder dem Heckrahmen (selbsttragendes Carbon vs. Stahlrohr) gibt es aber erhebliche Unterschiede. Technische Verwandtschaft besteht nur entfernt. Die Bezeichnung „Replica“ trifft im Wesentlichen auf das Verkleidungsdesign zu, aber nur bedingt auf die Technik.
Verkleidung Die Form der Verkleidungsteile orientierte sich bis zum SF-Modell 2005 an den in der Motorrad-Weltmeisterschaft erfolgreichen 125-cm³- und 250-cm³-Aprilia-Rennmaschinen. Ab dem PY-Modell 2006 gab es Ähnlichkeiten zur Aprilia RSV 1000, dem damaligen Spitzenmodell von Aprilia im Superbike-Segment.
Die Verkleidungsdekore waren häufig Aprilia-Rennmotorrädern aus unterschiedlichen Rennserien (Motorrad-Weltmeisterschaft und Superbike-Weltmeisterschaft) nachempfunden. Meistens wurde das durch den Schriftzug „Replica“ noch unterstrichen und dieser auch als Namenszusatz für die Werbung genutzt. Für Aprilia erfolgreiche Rennfahrer bekamen eigene Replica-Dekore, wobei der Name, ein Schriftzug oder die Unterschrift des Fahrers auf der Maschine zu finden ist. Es gab aber auch Dekore ohne Rennvorbild. Von 1992 bis 1994 waren diese mit „Extrema“ Schriftzügen versehen und wurden auch mit diesem Namenszusatz beworben. Ab 1995 wurde der Namenszusatz "Extrema" nicht mehr verwendet.
Grundsätzlich verbergen sich hinter den Dekorvarianten und Zusatzbezeichnungen keine technischen Unterschiede. Nur beim Typ LA weisen die dort exklusiv aufgebrachten „Sport Pro“ Schriftzüge auf die modifizierte Technik hin.
Modelltypen und technische Daten Aufgeführt sind die technischen Daten der in Deutschland legal straßenzulassungsfähigen Serienmodelle („ab Werk“). Außerdem die Abweichungen für die Schweiz und Österreich. Sondermodelle für reinen Wettbewerbsgebrauch oder Ländervarianten für weitere Märkte sind nicht berücksichtigt.
Bis Anfang 1996 gab es in Deutschland nur die ungedrosselte „Full Power“ Ausführung.
Ab 1996 vertrieb Aprilia die RS 125 in Deutschland ab Werk in drei Ausführungen: Als Kraftrad („Full Power“, „f.p.“ „offen“, „ungedrosselt“): jeweils die Ausführung mit maximaler Leistung und mehr als 11 kW/15 PS. Nur mit Motorradführerschein (aktuell A und A2) ab 18 Jahren fahrbar. Leistung bis zu 23 kW/31 PS je nach Typ. In der zuletzt gebauten RS 125 (Typ RM) kamen diverse Maßnahmen zur Einhaltung der Euro 3 Abgasnorm zum Einsatz und es wurden maximal 18 kW/24 PS erreicht. Als Leichtkraftrad („gedrosselt“): 11-kW-/15-PS-Ausführung, die über eine deaktivierte Auslasssteuerung, einen gedrosselten Krümmer, (teilweise) andere Zündsteuergeräte und eine darauf angepasste Vergaserabstimmung leistungsbeschränkt ist und mit der Führerscheinklasse A1 fahrbar ist. Als Leichtkraftrad 80 km/h („gedrosselt“): Damalige 80-km/h-Ausführung für Fahrer mit Führerscheinklasse A1 unter 18 Jahren. Die Beschränkung auf 80 km/h für unter 18-jährige ist am 19. Januar 2013 weggefallen. Neben den werksseitig gedrosselten Leichtkraftrad-Ausführungen gab und gibt es Drittanbieter von Leistungsumrüstungen zum nachträglichen Ändern der Leistung/Fahrzeugklasse.
1992–1998 Typ GS Die Markteinführung der Aprilia RS 125 erfolgte im Juni 1992 mit dem Typ GS. Die Bauzeit der GS lässt sich grob in zwei Abschnitte gliedern. 1992 bis 1994 und 1995 bis 1998. Der Verkauf in Deutschland endete mit Baujahr 1997. 1998 wurde die GS höchstwahrscheinlich nur noch in Spanien angeboten. In Italien endete der Verkauf schon nach 1994.
1992–1994 "Extrema" mini|Aprilia RS 125 Cockpit 1992 und 1993 Die Modelle von 1992 bis 1994 haben eine eher „eckige“ Verkleidung mit einem einzelnen trapezförmigen Frontscheinwerfer, beidseitig aufgesetzten Lufteinlässen an der Front und ein ebenfalls eher eckiges Rücklicht. Die Instrumente sind komplett analog, bestehen aus Drehzahlmesser, Tacho und analoger Kühlmitteltemperatur-Anzeige sowie sechs Kontrolllampen (Glühbirnen). Es gibt noch keinen Laptimer und keinen Knopf dafür am linken Lenker. mini|Vordere Bremsscheibe Aprilia RS 125 Typ GS und LA 1992 und 1993 ist das Federbein noch nicht in der Federvorspannung einstellbar. Rahmen und Schwinge besitzen eine raue/matte Optik, der Endschalldämpfer besteht aus Aluminium. Die Vorderradgabel weist als Verschlüsse Stopfen mit Innensechskant auf. Der Motor hat noch keinen Stützkanal zwischen Kurbelgehäuse und Einlasskanal am Zylinder. Der Verkauf in Deutschland erfolgte ohne Typprüfung mit Einzelbetriebserlaubnis. mini|Zündeinheit "SEM TM14-04 101 888 00" in einer Aprilia RS 125 Typ GS 1994 erfolgten technische Überarbeitungen. Das Federbein ist nun in der Vorspannung einstellbar, die Gabel besitzt Verschlussstopfen mit großem Außensechskant und schwarze statt silberner Gabelfüße. Rahmen und Schwinge sind erstmals poliert, der Endschalldämpfer erhält eine Carbonummantelung (ist innen aber weiterhin aus Aluminium). Motorseitig kommt durch Modifikation von Kurbelgehäuse und Zylinder der Stützkanal hinzu. Die Zifferblätter von Drehzahlmesser und Kühlmitteltemperatur-Anzeige sind schwarz statt weiß. Auch in Deutschland wurde die RS 125 nun typgeprüft und erhält ab Mai 1994 die ABE G796.