mini|hochkant|Ethel Smyth, 1922 mini|hochkant|John Singer Sargent: Ethel Smyth, Kreidezeichnung von 1901 (National Portrait Gallery (London))
Dame Ethel Mary Smyth [] (* 23. April 1858 in Sidcup, Kent; † 8. Mai 1944 in Woking, Surrey) war eine britische Komponistin, Dirigentin, Schriftstellerin und eine der Mitkämpferinnen der britischen Suffragetten.
Ethel Smyths Leben war wesentlich davon geprägt, sich als Komponistin durchzusetzen und als solche Anerkennung in der Öffentlichkeit zu finden. Sie hatte den Anspruch, in ihrer Arbeit nicht als nebenher komponierende Lady, sondern als gleichwertig mit ihren männlichen Kollegen gesehen zu werden und von ihrer Arbeit zu leben. Ihre Kompositionen umfassen sinfonische Werke, Kammermusik, Chorwerke und Opern. Ihre bekannteste Oper ist The Wreckers (deutsch Strandrecht). Ihr bekanntestes Werk ist allerdings The March of the Women, das zu einer Hymne der englischen Frauenbewegung wurde.
Leben Familie und frühe Erziehung Ethel Smyth entstammt einer typischen viktorianischen Familie der oberen Mittelschicht, deren männliche Mitglieder – wenn sie nicht die militärische Laufbahn einschlugen – Karriere als Bischof, Kaufmann oder Bankier machten. Ihr Vater John Hale Smyth war Generalmajor und diente lange in der bengalischen Armee. Ungewöhnlicher war ihre Mutter Nina Emma Struth, die ihre Jugend in Paris verbracht hatte und besser Französisch als Englisch sprach. Ihre Eltern heirateten am 30. Dezember 1848 in Norfolk."England Marriages, 1538–1973", database, FamilySearch (: 13 March 2020), John Hale Smyth, 1848.
Gemeinsam mit fünf Schwestern und einem Bruder wuchs Ethel in der Grafschaft Kent in der Nähe der englischen Ortschaft Sidcup, heute ein Teil von Greater London, auf. Die sechs Schwestern wurden von deutschen Gouvernanten erzogen, von denen eine ein vollständiges Klavierstudium am Leipziger Konservatorium absolviert hatte. Unter dem Einfluss dieser Gouvernante lernte Ethel die Musik Beethovens, Schuberts und Schumanns kennen, und in ihr reifte der Wunsch heran, gleichfalls in Leipzig Musik zu studieren. Als Smyth am Klavier über den üblichen Unterricht hinaus professionelle Ambitionen entwickelte, beendeten ihre Eltern den Unterricht zunächst.
Sie war ein temperamentvolles, eigenwilliges Kind: Mit vierzehn Jahren wurde sie kurzzeitig in ein Mädchenpensionat geschickt, weil sie daheim als „unmanageable“ (nicht beherrschbar) galt. Nach Hause zurückkehren durfte sie, nachdem zwei ihrer Schwestern für Töchter ihrer Schicht angemessene Ehen eingegangen waren. Ethel wurde daheim benötigt, um bei der Aufsicht über die übrigen drei Schwestern behilflich zu sein.
Smyths Wunsch, Musik zu studieren, wurde daheim entschieden abgelehnt. Ihre Kontakte zu einem Ehepaar – er war Musiker, sie Schriftstellerin –, mit denen sie Wagnerpartituren und die Berliozsche Instrumentationslehre studierte, wurden vom Vater rüde unterbunden. Immerhin gestattete ihre Familie, dass sie in London bei Clara Schumann Werke von Johannes Brahms spielen und hören konnte.
1877 erkämpfte sie sich endlich die Zustimmung ihrer Familie, in Leipzig Musik zu studieren. Vorausgegangen war ein vehementer Widerstand ihrerseits: Mit Hungerstreik, eisigem Schweigen und der Verweigerung der Aktivitäten, die von einer jungen Lady ihrer Schicht erwartet wurden – nämlich Kirch-, Dinner- und Ballbesuchen –, setzte sie ihre Absicht durch. Ihr konsequentes Sich-Verweigern gegenüber den familiären Erwartungen war ein wichtiger Schritt dafür, dass sie schließlich in Leipzig Komposition studieren durfte. Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger macht deutlich, wie ungewöhnlich diese Pläne waren:
Immerhin war es in Leipzig möglich, als Frau überhaupt Komposition zu studieren – ihrer Zeitgenossin Sabine Lepsius, die an der Musikhochschule Berlin in etwa zur gleichen Zeit studierte, wurde dort der Zutritt zur Kompositionsklasse verwehrt.
Am Leipziger Konservatorium mini|hochkant|Elisabeth und Heinrich von Herzogenberg Das Leipziger Konservatorium enttäuschte sie. Die Lehrer (darunter Carl Reinecke, der sie in Kompositionslehre unterrichtete) schienen ihr nicht ernsthaft genug: Sie kamen zu spät zum Unterricht, interessierten sich nicht wirklich für die von den Studenten vorgelegten Kompositionen und schienen lieber den Unterricht mit Anekdoten als mit wirklichem Inhalt zu füllen.
Wichtiger als der Unterricht am Leipziger Konservatorium wurde daher der Kreis der Musiker, in dem sie sich nun bewegen konnte, nachdem sie die engen Fesseln ihrer Familie abgelegt hatte. Nach wie vor galten für sie jedoch auch die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit, die sie in ihrer unkonventionellen Art gelegentlich trickreich unterlief:
Sehr engen Kontakt hatte Smyth anfangs zu der Familie Röntgen. Engelbert Röntgen, Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, ermutigte sie, in ihren Kompositionen fortzufahren, indem er das Rondothema ihrer ersten Klaviersonate mit Kompositionen von Mozart verglich. Auch das wohlhabende, kinderlose Ehepaar Herzogenberg förderte sie stark: Als sie nach einem Jahr Studium das Leipziger Konservatorium verließ, nahm sie bei Heinrich von Herzogenberg, dem Präsidenten des Leipziger Bachvereins, Privatunterricht. Die Herzogenbergs nahmen sie gleichsam als Ersatztochter an. Die Bindung zu der 11 Jahre älteren Elisabeth von Herzogenberg war jedoch noch wesentlich enger: Die beiden verband ein Liebesverhältnis, das Heinrich von Herzogenberg entweder ignorierte oder nicht wahrnahm.
Im Hause der Herzogenbergs nahm Smyth sehr intensiv am Kulturleben von Leipzig teil. Sie lernte Clara Schumann, Anton Rubinstein, Max Friedländer, Edvard Grieg und Johannes Brahms persönlich kennen und war mit der jüngsten Tochter von Mendelssohn, Lili Wach, eng befreundet. Insbesondere Brahms verkehrte viel im Hause der Herzogenbergs. Zu Brahms, der komponierenden Frauen gegenüber starke Vorbehalte hatte, entwickelte sie jedoch ein distanziertes Verhältnis: Einerseits bewunderte sie ihn, andererseits war seine ablehnende Haltung gegenüber Komponistinnen verletzend.
Begegnung mit Henry Brewster Im Herbst 1882 zog Smyth für eine kurze Zeit nach Florenz, wo die Schwester von Elisabeth von Herzogenberg, Julia Brewster, lebte. Das Verhältnis zu Julia Brewster war anfangs sehr innig. Deren Ehemann, der wohlhabende Literat Henry Brewster, verliebte sich bald heftig in die eigentlich eher lesbisch orientierte Smyth. Zwischen Julia und Henry Brewster kam es daraufhin zum Bruch, der auch dazu führte, dass sich Elisabeth von Herzogenberg von Smyth abwandte. Unter diesem Bruch litt Smyth sehr intensiv. Sie versuchte bis 1890, ihre Freundin Elisabeth von Herzogenberg zurückzugewinnen, und erst nach deren Tod im Jahre 1892 vertiefte Ethel Smyth ihre Beziehung zu Henry Brewster. Diese blieb jedoch noch mehrere Jahre rein platonisch. In ihrer Autobiografie What happened next schildert sie mit entwaffnender Offenheit, wie sie sich 1895 entschloss, auch sexuell eine Beziehung mit Henry Brewster einzugehen, und spricht von einer „erhabenen Kapitulation“ ihrerseits. Die enge Beziehung zu Henry Brewster hielt bis zu dessen Tode 1908 an. Der Opernfreund brachte sie darüber hinaus dieser Kunstform näher und schrieb für Smyth alle ihre weiteren Opernlibretti.
Begegnung mit Tschaikowski Die Entwicklung bis zu den ersten öffentlichen Erfolgen Anfang der 1890er Jahre war für Ethel Smyth durch eine Reihe von Misserfolgen geprägt. Die deutschsprachigen Lieder und Balladen, die in England in den 1880er Jahren aufgeführt wurden, fanden keinen Widerhall, und Joseph Joachim ließ sich herablassend über ihre kammermusikalischen Kompositionen aus. 1887 kehrte sie nach Leipzig zurück und begegnete dort dem russischen Komponisten Pjotr I. Tschaikowski. Er beeinflusste ihre weitere kompositorische Entwicklung und regte sie an, sich vor allem auf dem Gebiet der Instrumentationslehre weiter auszubilden, was dazu führte, dass sie sich zunehmend großer Orchestermusik zuwandte. Die Instrumentation war während ihrer ersten Zeit in Leipzig vernachlässigt worden – in ihrer Biografie begründet sie dies damit, dass ihre Lehrer wesentlich von Brahms beeinflusst waren und für diesen die Instrumentation keine große Rolle gespielt hatte. Über Herzogenberg, der sie so maßgeblich in ihrer frühen Zeit beeinflusst hatte, schrieb sie später, seine Instrumentierungen seien so miserabel gewesen, dass sie seine orchestrierten Stücke, mit denen sie als Klavierduos bestens vertraut war, kaum wiedererkannte.
Uraufführung der Messe in D Ethel Smyths erster großer Erfolg, die Messe in D (), war die musikalische Verarbeitung einer heftigen Verliebtheit in die römisch-katholische Pauline Trevelyan. Die Messe in D ist eines ihrer wichtigsten Werke, sie selbst hielt es für ihre beste Arbeit. Die Uraufführung der Messe in der Royal Albert Hall in London verdankte sie jedoch letztlich ihren gesellschaftlichen Beziehungen. Zu den Bekannten der Familie gehörte auch die exilierte französische Kaiserin Eugénie de Montijo, die mit der Messe wohlvertraut war, da ein Teil des Werkes entstanden war, als Smyth zu Gast in ihrem Ferienhaus war. Sie arrangierte, dass Smyth Königin Viktoria und ihrem Hofstaat auf Schloss Balmoral Teile der Messe vorspielen durfte – ein Erlebnis, zu dem Smyth angesichts der dort allgegenwärtigen Schottenmuster auch anmerkte, dass es „schmerzhafter ästhetischer Konzessionen bedarf, Königin von Schottland zu sein“. Dieses Vorspiel und die Zusage Eugénies sowie mehrerer Mitglieder des britischen Königshauses, der Uraufführung beizuwohnen, sorgten dafür, dass sich die Konzertleitung der Royal Albert Hall bereit fand, die Messe der noch weitgehend unbekannten Komponistin im März 1893 aufzuführen. Diese Aufführung war ein Erfolg; George Bernard Shaw schrieb am 25. Januar 1893 eine ausführliche positive Besprechung ihrer Messe,George Bernard Shaw: Musik in London, Suhrkamp Verlag 1949, S. 88. während ein anderer Kritiker sich darüber amüsierte, „eine Komponistin zu sehen, die versucht, in dem hochfliegenden Bereiche der musikalischen Kunst zu steigen.“
Erste Opernaufführungen Trotz dieses Erfolges war es für Ethel Smyth schwierig, ein Opernhaus zu finden, das bereit war, ihre ersten Opern aufzuführen. Da es in Großbritannien nur eine einzige professionelle Opernbühne gab, versuchte sie, ihr Stück an einem der vielen deutschen Opernhäuser zur Aufführung zu bringen. Die anstrengende Rundreise zu den deutschen Bühnen absorbierte einen Großteil ihrer künstlerischen Energie: Wenn sie vor Ort Dirigenten fand, die ihre Werke aufführen wollten, fehlte es an Zustimmung seitens der Intendanz. Nachdem es ihr jedoch gelungen war, Großherzog Carl Alexander in Weimar für ihr Werk zu interessieren, kam ihre Oper Fantasio 1898 am Hoftheater Weimar zur Uraufführung. Wie Eva Weissweiler schrieb, war der Publikumserfolg beträchtlich, aber die aus allen Teilen Deutschlands zugereisten Kritiker ergingen sich in den üblichen Klischees. Nur die Orchestrierung wurde gelobt. Trotz einer hervorragenden Aufführung drei Jahre später begann sie an ihrem Werk so zu zweifeln, dass sie ihre Partitur im Garten ihres englischen Landhäuschens verbrannte. mini|hochkant|Ethel Smyth (um 1903) Die Uraufführung der Oper Der Wald fand 1902 an der Staatsoper Berlin statt, fand dort jedoch kein begeistertes Publikum. Der Wald wurde noch im selben Jahr am Royal Opera House Covent Garden in London aufgeführt und ein Jahr später an der Metropolitan Opera in New York herausgebracht. Die Premiere in New York war ein voller Erfolg – ein Kritiker schrieb über den Abend:
Die schwierige Aufgabe, Bühnen zu finden, die ihre Opern aufführten, setzte sich trotz der erfolgreichen Aufführungen weiterhin fort. Zu den Personen, die sie persönlich überzeugen wollte, gehörte unter anderem auch der berühmte Dirigent Bruno Walter, der über die erste Begegnung mit ihr schrieb: