LANSA-Flug 508 war ein Linienflug der peruanischen Fluggesellschaft Líneas Aéreas Nacionales S. A. (LANSA), der am 24. Dezember 1971 stattfand. Die eingesetzte Maschine vom Typ Lockheed L-188 Electra (Luftfahrzeugkennzeichen OB-R-941) brach während eines Gewitters mit schweren Turbulenzen und Blitzschlag auf der Strecke von Lima nach Pucallpa in der Luft auseinander, wobei 91 der 92 Insassen ums Leben kamen. Bis heute handelt es sich um den viertschwersten Unfall in der peruanischen Luftfahrtgeschichte.
Einzige Überlebende des Flugzeugabsturzes war die siebzehnjährige Juliane Koepcke, die sich gut zehn Tage lang durch den peruanischen Regenwald schlug, bis sie auf ein Lager von Waldarbeitern stieß. Das Schicksal der Überlebenden war Gegenstand mehrerer Bücher und Filme.
Hintergrund Die 1963 gegründete peruanische Fluggesellschaft LANSA war in der Vergangenheit in zwei schwere Flugunfälle verwickelt gewesen, bei denen insgesamt 150 Menschen ums Leben gekommen waren. Der letzte zurückliegende Absturz Anfang August 1970 in Cusco, ebenfalls mit einer L-188 Electra (Kennzeichen: OB-R-939), war mit 101 Toten der schwerste Unfall in der peruanischen Luftfahrtgeschichte gewesen. Unter den Toten waren die Tochter des Bürgermeisters von Lima und eine Gruppe von 48 US-amerikanischen Studenten, die an einem Austauschprogramm in Peru teilgenommen hatten.H. J. Maidenberg: 99 on Airliner die in Crash in Peru. In: New York Times. 10. August 1970, S. 1. Kurz nach dem Start war es zu einem Triebwerksausfall gekommen.David Gero: Luftfahrtkatastrophen: Unfälle mit Passagierflugzeugen seit 1950. Motorbuch-Verl., Stuttgart 1994, ISBN 3-613-01580-3, S. 94. Daraufhin war LANSA von der peruanischen Regierung mit einem Flugverbot von 90 Tagen belegt worden. Der Motor hätte dem peruanischen Transport- und Verkehrsminister zufolge die reguläre Zahl an Flugstunden gemäß den Vorschriften überschritten. Überprüfungen sollten ergeben, ob die Flotte von LANSA den behördlichen Betriebsverordnungen entsprach und die Besatzungen über genügend Ausbildung verfügten.Transport Notes: T.W.U. Seeks Role. In: The New York Times. 4. September 1970, S. 32. Der Flugbetrieb wurde später wieder aufgenommen.
Flugverlauf mini|Die Flugroute der OB-R-941 (schematische Darstellung)
Flugzeug und Route Flug 508 war ein Inlandsflug, der am 24. Dezember 1971, einem Freitag, von Lima nach Iquitos führen sollte, mit einer Zwischenlandung in Pucallpa. Die Strecke in das nordöstliche Regenwaldgebiet Perus wurde noch regelmäßig von der Líneas Aéreas Nacionales S. A. (LANSA) bedient, die nur mehr über ein einziges flugtüchtiges Gerät verfügte – eine viermotorige Turboprop-Maschine vom Typ Lockheed L-188 Electra mit dem Kennzeichen OB-R-941. Das Flugzeug hatte seinen Erstflug im Jahr 1959 absolviert und vom US-amerikanischen Hersteller Lockheed die Konstruktionsnummer 1106 erhalten. In den Diensten von LANSA trug die Maschine den Beinamen „Mateo Pumacahua“, benannt nach dem gleichnamigen peruanischen Revolutionär (1740–1815).Patrick Mondout: The Survivor. In: Newsweek. 17. Januar 1972, S. 39 (abgerufen am 21. Januar 2012 via super70s.com).
Routinemäßig hätte die Maschine an diesem Tag zuerst von Lima nach Cusco fliegen sollen. Aufgrund schlechten Wetters im Andenhochland fielen aber alle Flüge zu diesem Ziel aus. Nachdem das Wetter nicht aufgeklart hatte, stornierte LANSA den Flug und wich mit Flugnummer 508 auf die Route Lima–Pucallpa–Iquitos mit anschließendem Rückflug aus.
Wetterberichte im Anden- und Regenwaldraum von Peru wurden – wie in ganz Südamerika – zu dieser Zeit nicht regelmäßig herausgegeben und waren auch nicht sehr detailliert. Die peruanische Flughafenbehörde CORPAC (Corporación Peruana de Aeropuertos y Aviación Comercial) verließ sich auf Lageberichte von Landeplätzen und Angaben der Piloten.
Insassen Auf ihrem letzten Flug beförderte die OB-R-941 sechs Besatzungsmitglieder und 86 Passagiere. Unter den Fluggästen, welche die Maschine auf dem Flughafen Lima in Lima bestiegen, befanden sich auch drei Deutsche mit Wohnsitz in Peru: neben einem 33-jährigen Zahnarzt aus Berlin die bekannte Ornithologin Maria Koepcke, die am Naturhistorischen Museum der Universität San Marcos arbeitete, und ihre Tochter Juliane.Siebzehnjährige im Urwald zweimal dem Tod entronnen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. Januar 1972, S. 7. Die Koepckes hatten ursprünglich geplant, einen Tag früher nach Pucallpa zu fliegen, um von dort zur Forschungsstation Panguana weiterzureisen, wo sie das Weihnachtsfest gemeinsam mit dem Vater Hans-Wilhelm Koepcke verbringen wollten.Juliane Koepcke: Als ich vom Himmel fiel: Wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab. Malik, München 2020, ISBN 978-3-492-27493-7. S. 78, 104. Die 17-Jährige hatte aber kurz zuvor am Humboldt-Gymnasium in Lima ihren Abschluss gemacht und nicht auf die Teilnahme am Abschlussball ihrer Schule verzichten wollen. Daraufhin buchten Mutter und Tochter auf den letztmöglichen Flug 508 der LANSA um, obwohl beiden der schlechte Ruf der Gesellschaft bekannt war: Hans-Wilhelm Koepcke hatte seine Familie aufgrund der bekannten Vorgeschichte ausdrücklich davor gewarnt, mit einer Maschine dieser Gesellschaft zu fliegen. Sie taten es dennoch, weil alle anderen Flüge an jenem Heiligabend 1971 bereits ausgebucht waren.Interview in der TV-Sendung Der Regenwald rettete Juliane Diller das Leben. Aus der Reihe Planet Wissen, SWR 2014.Saskia Weneit: Absturz im Urwald. In: Der Tagesspiegel, 5. Juli 2009, Nr. 20310, S. 32. Im Flugzeug nach Pucallpa waren auch fünf Kinder christlicher Missionare aus den Vereinigten Staaten, die ebenfalls die Schule in Lima besuchten und die Weihnachtsferien bei ihren Eltern verbringen sollten.Missionaries in Peru Seek Giants. In: The Washington Post, 5. Februar 1972, S. B11.
Start und Absturz Die Lockheed L-188 Electra startete um 11:38 Uhr Ortszeit vom Flughafen in Lima (anderen Angaben zufolge kurz nach 12:00 Uhr). Für die Strecke nach Pucallpa war etwas mehr als eine Stunde Flugzeit vorgesehen. 31 Minuten nach dem Start gab die Besatzung eine letzte Routinemeldung über Oyón, in den Zentral-Anden, ab. Das Flugzeug befand sich zu diesem Zeitpunkt 30 Meilen (ca. 48 Kilometer) westlich von Cerro de Pasco.Lansa’s Three Big Crashes in Five Years. In: Andean Air Mail & Peruvian Times. 31. Dezember 1971, S. 2. Etwa zur gleichen ZeitFrederik Pleitgen: Survivor still haunted by 1971 air crash. bei cnn.com, 2. Juli 2009 (abgerufen am 21. Januar 2012). flog die OB-R-941 in ein Gewitter ein. In den Cumulonimbus-Anhäufungen traf die Besatzung auf schwere Turbulenzen und Blitze. Die Flughöhe der Electra betrug nur 22.000 Fuß (ca. 6705 Meter), während einige Minuten zuvor eine strahlgetriebene BAC 1-11 der peruanischen Fluggesellschaft Faucett das Gewitter in 31.000 Fuß Höhe (ca. 9449 Meter) überflogen hatte.
Juliane Koepcke, die auf einem Fensterplatz im hinteren rechten Teil der Maschine saß (Reihe 19, Platz F), gab später an, dass ein Blitzschlag die rechte Tragfläche getroffen hätte, woraufhin ein Motor in Brand geraten sein soll. Auch sei die Maschine laut Koepcke in einen Sturzflug übergegangen.Joachim Rienhardt: Was macht eigentlich Juliane Köpcke? In: Stern, 7. April 2011, S. 162. In einer Flughöhe von ca. 6400 Metern über dem Meeresspiegel und 3000 Metern über dem Grund trat plötzlich ein katastrophaler struktureller Schaden bei der Electra ein. Die gesamte rechte und ein Teil der linken Tragfläche rissen ab, der Rumpf brach in mehrere Teile auseinander. Brennende Trümmerstücke wurden auf einer Strecke von 15 Kilometern über die hügelige Regenwaldlandschaft verstreut.David Gero: Luftfahrtkatastrophen: Unfälle mit Passagierflugzeugen seit 1950. Motorbuch-Verl., Stuttgart 1994, ISBN 3-613-01580-3. S. 101–102.
Erfolglose Suchaktion Die geschätzte Ankunftszeit für Flug 508 in Pucallpa war 12:47 Uhr. Als das Flugzeug den Zwischenlandeplatz nicht erreichte und die Besatzung der OB-R-941 auf Funksprüche der Flughafenkontrollzentren von Pucallpa, Iquitos und Lima nicht reagierte, wurde die Verkehrsmaschine als vermisst gemeldet. Daraufhin begann die peruanische Luftwaffe mit einer offiziellen Suchaktion, an der sich auch zivile Verkehrsflugzeuge von Faucett, Leichtflugzeuge des Linguistischen Sommerinstituts (Instituto Lingüístico de Verano ILV bzw. Summer Institute of Linguistics SIL) und der OFASA-Mission in der Pucallpa-Region beteiligten. Mit Maschinen vom Typ Lockheed C-130 flog die Luftwaffe zwei Helikopter in das Suchgebiet. Es umfasste mehrere tausend Quadratkilometer zwischen den Zentral-Anden und einem nordöstlichen Gürtel nahe der brasilianischen Grenze. Über Pucallpa hinaus wurde das Suchgebiet über den Río Ucayali nach Osten ausgeweitet, falls die Maschine durch starke Winde vom Kurs abgekommen war. Viele Piloten nahmen allerdings an, dass die Electra noch im Unwetter über den Zentral-Anden abgestürzt war, bevor sie die Regenwaldausläufer westlich von Pucallpa erreicht hatte. Die Suche wurde nach zehn Tagen ergebnislos eingestellt.Richard Wigg: Girl’s ordeal starts a jungle search. In: The Times, 6. Januar 1972, Nr. 58368, S. 5.
Juliane Koepckes Überleben und ihr Weg durch den peruanischen Urwald Absturz und Bewusstlosigkeit Beim Auseinanderbrechen der Maschine war Koepcke von der neben ihr sitzenden Mutter getrennt worden. Angeschnallt wurde sie allein mit der Dreiersitzreihe aus dem Flugzeug geschleudert und stürzte kopfüber – eigenen Angaben zufolge mit der Sitzbank wie eine Art Hubschrauber oder Fallschirm – dem Boden entgegen, wobei sie das Bewusstsein verlor. Der Aufprall sei vom dichten Blattwerk des Regenwalds und von Lianen gedämpft worden.Juliane Koepcke: Als ich vom Himmel fiel: wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab. Malik, München 2011, ISBN 978-3-89029-389-9. S. 95.
Erwachen und erste Orientierung Juliane Koepcke erlangte am nächsten Morgen, 25. Dezember 1971, nach 9 Uhr – also mehr als 20 Stunden nach dem Absturz – das Bewusstsein wieder. Sie erinnert sich bis heute gut an diesen Zeitpunkt, weil sie nach dem Blick auf das grüne Blätterdach des Urwalds schließlich auch auf ihre unbeschädigte Armbanduhr sah. Während mehrerer Stunden suchte sie vergeblich nach dem Flugzeugwrack und weiteren Überlebenden, insbesondere ihrer Mutter. Knapp zwei Wochen später stellten die Bergungsmannschaften bei ihrer Suche fest, dass sich die meisten Absturzopfer noch in Bäumen befanden. Auch hatte Koepcke im dichten Regenwald die Suchflugzeuge nicht auf sich aufmerksam machen können.Martin Gropp: Abgestürzt in den Sinn des Lebens. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. März 2011, Nr. 73, S. 11.
Verletzungen und Aufbruch von der Absturzstelle Durch den Aufschlag hatte Koepcke neben zwei offenen Wunden am rechten Oberarm und am Bein auch eine Gehirnerschütterung und eine Stauchung der Halswirbelsäule erlitten sowie einen Bruch des Schlüsselbeins und einen Kreuzbandriss des linken Kniegelenks.Juliane Koepcke: Als ich vom Himmel fiel: wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab. Malik, München 2011, ISBN 978-3-89029-389-9, S. 159. Der erlittene Schock führte dazu, dass die Wunden kaum bluteten und sie auch die Verletzung am Kreuzband nicht bemerkte. Die kurzsichtige junge Frau, die nur mit einem kurzen Sommerkleid bekleidet war, hatte beim Absturz auch ihre Brille verloren. Obwohl Koepcke nur noch eine Sandale hatte, behielt sie sie an, was in Presseberichten lächerlich gemacht wurde, da es doch leichter gewesen sei, barfuß zu gehen. Für Koepcke war dieser verbliebene Schuh aber wichtig, da er ihr eine gewisse Sicherheit gab – insbesondere wenn sie Gewässer zu durchwaten hatte, in denen sie damit rechnen musste, möglicherweise auf einen Stechrochen zu treten.
Wissen zum Überleben im Urwald