mini|Designerin Rachel Zoe im Persianermantel mit Waschbär-Rockteil (2012) Im Fellhandel hatte sich noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg die alte Bezeichnung für den Waschbären, Schupp, Plural Schuppen erhalten, als Fellbezeichnung daher gelegentlich noch Schuppenfell bzw. kurz Schuppen. Dieser Artikel behandelt das Waschbärfell als Handelsware.

Das Waschbärfell ist als Besatzmaterial und besonders in Zeiten, in der die Pelzmode langhaarige Felle bevorzugt, ein wichtiger Artikel der Rauchwarenbranche. Es gehört zu den dauerhaftesten Langhaarpelzen.

Die als „Finnraccoon“, „Russischer“, auch „Chinesischer Waschbär“ („Russian“ oder „Chinese Raccoon“) im Handel befindlichen Felle stammen nicht vom Waschbären. Es sind Felle vom Marderhund, die auch als „Tanuki“ oder, infolge der größeren Ähnlichkeit mit dem Fuchsfell, als „Seefuchs“ gehandelt werden. Die Verwendung des Zusatzes „Raccoon“ (engl. Waschbär) für eine völlig andere Fellart dürfte zu Verwechslungen führen, nur der Name Raccoon allein bezeichnet stets den Waschbären.

Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Waschbären ist der Westen und Süden Kanadas über die USA bis nach Mexiko. Mehrere kleinwüchsige Formen leben auf den Inseln vor Mexiko und Florida. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist er auch auf dem europäischen Festland, dem Kaukasus und Japan vertreten, nachdem er dort aus Gehegen entkommen ist oder ausgesetzt wurde. In den Zwanziger Jahren wurde neben der Zucht anderer Pelztiere in Deutschland auch die Zucht des Waschbären aufgenommen. Sie erwies sich als unrentabel. Felle dieser freigelassenen oder entkommenen Tiere sind gegenüber denen aus Nordamerika von geringerer Haarqualität.Christian Franke, Johanna Kroll: Jury Fränkel’s Rauchwaren-Handbuch 1988/89. 10. überarbeitete und ergänzte Neuauflage. Rifra-Verlag, Murrhardt, S. 81–83.

Fell

Die Behaarung ist, besonders im Winter, fein bis mittelfein, glänzend und dicht. Die braune Unterwolle ist nicht allzu dicht und wird nach den Seiten zu dünner; sie ist bei nördlichen Formen dichter als bei südlichen. Der Gesamteindruck des Waschbärpelzes ist grau, zur Unterseite hin aufhellend. Die Färbung reicht von gelblichgrau bis bräunlichgrau, dunkelgrau und schwarzgrau bis nahezu blauschwarz („Rüsselbären“, selten). Die dunklen Grannenhaarspitzen am Rücken bewirken einen Pfeffer-Salz Effekt. Die Variabilität der Fellfarbe ist erheblich, auch weiße Mutationen kommen vor.Heinrich Dathe, Paul Schöps u. a.: Pelztieratlas. Gustav Fischer Verlag, Jena 1986, S. 157–158.

Besondere Kennzeichen sind die sich über Augen und Schnauze hinziehende, weiß umränderte schwarze Maske sowie der geringelte Schweif mit fünf bis sieben Ringen, die Spitze ist stets dunkel. Der Waschbär erreicht eine Größe von bis zu über 61 cm, hinzu kommt der Schweif mit etwa 20 bis 25 cm. Mehrere kleinwüchsige Formen leben auf den Inseln vor Mexiko und Florida.

Das dichte Jugendfell ist gelblichgrau mit angedeuteter Gesichtsmaske, der Schwanz ist noch nicht erkennbar geringelt. Der lang andauernde jährliche Haarwechsel bedingt ein wesentlich kürzeres und dünneres Sommerfell.

Der Haltbarkeitskoeffizient für das Waschbärfell wurde anhand allgemeiner Erfahrung mit 50 bis 60 Prozent angegeben.Die angegebenen vergleichenden Werte (Koeffizienten) sind das Ergebnis vergleichender Prüfung durch Kürschner und Rauchwarenhändler in Bezug auf den Grad der offenbaren Abnutzung. Die Zahlen sind nicht eindeutig, zu den subjektiven Beobachtungen der Haltbarkeit in der Praxis kommen in jedem Einzelfall Beeinflussungen durch die Pelzzurichtung und die Pelzveredlung sowie zahlreiche weitere Faktoren hinzu. Eine genauere Angabe könnte nur auf wissenschaftlicher Grundlage ermittelt werden.Die Einteilung erfolgte in Stufen von jeweils 10 Prozent. Die nach praktischer Erfahrung haltbarsten Fellarten wurden auf 100 Prozent gesetzt.Paul Schöps, H. Brauckhoff, K. Häse, Richard König, W. Straube-Daiber: Die Haltbarkeitskoeffizienten der Pelzfelle. In: Das Pelzgewerbe. Jahrgang XV, Neue Folge, Nr. 2, Hermelin Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin / Frankfurt am Main / Leipzig / Wien 1964, S. 56–58. Eine amerikanische Studie ordnete das naturfarbene Waschbärfell anhand von Haaruntersuchungen auf 65 Prozent ein, das gefärbte auf 50 Prozent.Redaktion: Die Haltbarkeit des Pelzhaares. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 26, 28. Juni 1940, S. 12. Primärquelle: American Fur Breeder, USA. Bei einer Einteilung der Pelztiere in die Haar-Feinheitsklassen seidig, fein, mittelfein, gröber und hart wurde das Waschbärhaar als mittelfein eingestuft.Paul Schöps, Kurt Häse: Die Feinheit der Behaarung - Die Feinheits-Klassen. In: Das Pelzgewerbe. Jg. VI / Neue Folge, Nr. 2, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Leipzig / Berlin / Frankfurt am Main 1955, S. 39–40.

Handel, Geschichte 1801 wurden als Verwendung der Waschbärfelle, der Schuppbälge, Husarenmützen und Muffe genannt, „die Schwänze trägt man um den Hals“. 1951 hieß es noch, veröffentlicht in England, „die hauptsächliche Verwendung findet derzeit als Decken für offene Kutschen“ statt.J. A. N.: Leather, Saddlery and Harness, Skins, Fur, and Hair. In Great exhibition of the works of industry of all nations, 1851: official descriptive and illustrated catalogue, S. 530 (englisch). ETH-Bibliothek Zürich. Abgerufen am 22. März 2022. Die erste Verwendung größerer Fellmengen erfolgte in Europa, hier vor allem für Besätze. Der Ursprungskontinent Nordamerika folgte erst später, als die Pelzmantelmode aufkam.

Zirka 1895 kamen etwa 750.000 Felle auf den amerikanischen Markt, von denen zwei Drittel nach Leipzig gingen, um von dort aus weiter nach Russland exportiert zu werden, wo dann Pelzfutter für Herrenmäntel daraus gearbeitet wurden.Richard Davey: Furs and Fur Garments. In: The International Fur Store and The Roxburghe Press. London 1895?, S. 85.

Bereits in den 1920er Jahren begann man in Amerika mit Maßnahmen zum Schutz des Waschbären, nachdem die Bestände durch Raubbau stark zurückgegangen waren. Dies führte auch zu einem spürbaren Anstieg der Bestände.

1936 wurden in der damaligen Sowjetunion, im kirgisischen Teil beginnend, Waschbären zusammen mit anderen Pelztieren zur „Pelztierzucht in freier Wildbahn“ ausgesetzt, die sich in Ostasien beträchtlich vermehrten. 1954 wurde in Russland mit der Jagd auf Waschbären begonnen, um die Felle zu nutzen.Redaktion: Ansiedlung von Waschbären. In: Das Pelzgewerbe. Jg. XV Neue Folge, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin u. a. 1964, S. 232–233 (mit detaillierter Auflistung der russischen Waschbärauswilderungen bis 1958)

mini|hochkant|Ausgelassen verarbeiteter Waschbärmantel (Fahnenstich, Recklinghausen, ca. 1952) mini|„Fuß-Sack. Aus grauem Filz, mit Schuppen-Schweifen eingefasst. Gefüttert mit prima Lammfell.“ Mantelkragen ebenfalls Waschbär (Schuppen) (Fa. Stöckig & Co., ca. 1912)

In Europa wurde erstmals in Norwegen vor dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) begonnen, Waschbären zur Nutzung als für Pelzzwecke zu züchten, in Deutschland begann man damit in den 1920er Jahren. Zuchtziel war es meist, ein möglichst dunkles, fast schwarzes Fell zu erhalten.Herbert Kühtz: Die Zucht der Waschbären. Verlag F. C. Mayer, München 1923, S. 9, 13ff. Noch um die Zeit des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges (1939–1945) wurde in Deutschland für die Errichtung von Waschbärzuchten geworben.Kurt Allner: Der Waschbär und seine Zucht. F. C. Mayer Verlag, München 1939. Nachdem sich die Waschbärzucht in Deutschland für viele Züchter als unrentabel erwiesen hatte, wurde auch hier ein Teil der verbliebenen Tiere ausgewildert, unter anderem bereits 1927 in der Nähe des Edersees.

Das Waschbärfell ist im Gegensatz zu vielen anderen langhaarigen Pelzen besonders strapazierfähig. Vielleicht spielt es deshalb von Zeit zu Zeit auch in der Herrenmode eine Rolle. Zuerst als „Reisemantel“ bezeichnet, verlor er mit der Beheizung der Eisenbahnen seine Bedeutung.Heinrich Hanicke: Handbuch für Kürschner. Verlag von Alexander Duncker, Leipzig 1895, S. 42, 82–83.

Nach der Erfindung des Kraftfahrzeugs entstand er neu als „Automobilistenmantel“, als unfehlbar wasserdichtes Chauffeurkleid und wegen seiner praktischen Färbung.H. Werner: Die Kürschnerkunst. Verlag Bernh. Friedr. Voigt, Leipzig 1914. Amerikanische Collegestudenten entdeckten ihn für sich in den neunzehnhundertzwanziger/dreißiger Jahren; als Waschbär-Kurzmantel galt er als Statussymbol (raccoon-coat-collegiate fashion). Auch in den amerikanischen Footballstadien waren um 1936 „Galaxien von Waschbärmänteln, getragen von beiderlei Geschlecht“, zu sehen.Anna Municchi: Ladies in Furs 1900–1940. Zanfi Editori, Modena 1992, ISBN 88-85168-86-8, S. 53–57. (engl.) Er wurde in Liedern besungenGeorg Olsen and his Music: Doin' the Raccoon. 1928, Youtube-Video. und von Robert W. Service als „hundred Dollar coon coat“ bedichtet.Elizabeth Ewing: Fur in Dress. B. T. Batsford Ltd, London 1981, S. 120 (englisch). In den 1950er Jahren erlebte er in den USA eine kurze Renaissance, zusammen mit wiederverwendeten Vintage-Waschbärpelzen der zwanziger/dreißiger Jahre.

Als um 1910 insbesondere die geringwertigeren aber leichteren Sorten in Kanada und im Westen der USA noch zu Herrenpelzen gearbeitet wurden, hatte in Europa zu der Zeit die Verwendung zu Reisepelzen längst aufgehört. Hier wurden sie meist nur noch, skunksfarbig gefärbt oder naturbelassen, zu Pelzstolen, Muffen und Ähnlichem verarbeitet. Nachdem der Waschbär ein Edelpelz geworden war, wurde manch alter Reisepelz, der seit dreißig Jahren gute Dienste geleistet hatte und noch ziemlich gut erhalten aussah, auf Besätze umgearbeitet oder eingefärbt und dann wieder verarbeitet, vorausgesetzt, dass sich das Leder noch als geeignet erwies.Alexander Tuma jun: Die Praxis des Kürschners. Verlag von Julius Springer, Wien 1928, S. 348.

Zu der noch früheren Zeit, als Biberpelze modern waren, gaben sie geschoren oder mit ausgerupftem Oberhaar eine gute Imitation des teuren Biberfells ab („Schopp-Biber“Francis Weiss: Jugend-Erinnerungen eines alten Pelzmannes. In: Marco. Mitteilungen des Hauses Marco Pelz GmbH.Pelzindustrie KG, Saison 1974, S. 41. Anmerkung: „Schopp-Biber“ erwähnt Francis Weiss als Handelsartikel um etwa 1900.). In Leipzig färbte man hochgeschorenen Waschbär in der Art, dass die Felle mit den harten, jetzt bläulichen Grannenhaaren ein seeotterähnliches Aussehen bekamen. Das war etwa um 1890 ein riesiger Exporterfolg nach Russland, „es konnte gar nicht genug Material beschafft werden“.Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940, Versuch einer Geschichte. Berlin 1941 Band 4. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 398 (→ Inhaltsverzeichnis). Wohlhabende russische Kaufleute, höhere Beamte und der Landadel trugen mit Vorliebe den mit einem grünen Überzug versehenen Waschbärpelz. Sein Preis lag mit zwischen 300 und 400 Rubel verhältnismäßig hoch, so dass der Erwerb schon ein gehobenes Einkommen voraussetzte.Ohne Autorenangabe: Der Pelzmantel als Symbol der Standeszugehörigkeit. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 40, 2. Oktober 1936, S. 5. Auch eigneten sich die Felle als Sealfellimitation, wenn sie gerupft und zusätzlich oberflächlich nachgefärbt (geblendet) und mit weißen eingesetzten Spitzen versehen wurden. Mit dem so genannten „Spitzen“ wurde eigentlich das Silberfuchsfell nachgeahmt, wieso es bei der Imitation des Sealfells zur Anwendung kam, ist heute vielleicht nicht mehr nachzuvollziehen. Geschoren waren sie in den 1940er Jahren ein bedeutender Handelsartikel in Amerika.David G. Kaplan: World of Furs. Fairchield Publications, New York 1974, S. 189.(engl.) mini|links|hochkant|Waschbärverbrämung an einer Herrenjacke (2008)