Wilman Villar Mendoza (* 30. Mai 1980 in Palma Soriano; † 19. Januar 2012 in Santiago de Cuba) war ein kubanischer Dissident und politischer Gefangener, der in Haft an den Folgen eines über 50-tägigen Hungerstreiks starb.

Er hatte die Nahrungsaufnahme aus Protest gegen seine Verurteilung wegen Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und mangelndem Respekt gegenüber den Behörden (spanisch: desacato) verweigert.

Der Todesfall verdankte seine Beachtung auch dem Kontext einer Kette von kontroversen Todesfällen innerhalb der vorangegangenen 23 Monate und einem härteren Umgang der Regierung mit der trotz gleichzeitiger Auswanderung nicht merklich schrumpfenden Opposition:Sandro Benini: Kuba: Castro setzt weiter auf Repression in: Die Presse vom 13. Oktober 2011, abgerufen am 24. Januar 2012Jeff Franks (Reuters): Catholic Church condemns assaults on Cuba dissidents in: Huffington Post vom 5. September 2011, abgerufen am 24. Januar 2012 (englisch)Juan Tamayo: . In: Miami Herald vom 6. Juli 2011, abgerufen via Cuba Study Group am 24. Januar 2012 (englisch) Im Februar 2010 war der politische Gefangene Orlando Zapata Tamayo nach einem Hungerstreik gestorben, wobei es Hinweise auf grobe Mängel bei den Haftbedingungen und der medizinischen Betreuung gegeben hatte.Kuba: Gewaltloser politischer Gefangener stirbt nach Hungerstreik Meldung auf der Website von Amnesty International Deutschland vom 24. Februar 2010, abgerufen am 23. Januar 2012 Obwohl im März 2011 die letzten von der Verhaftungswelle im Frühjahr 2003 betroffenen politischen Gefangenen auf Bewährung aus der Haft entlassen worden waren, nachdem bereits seit Sommer zahlreiche politische Gefangene und ihre Familien zur Ausreise bewegt wurden, nahm die Zahl von vorübergehenden Festnahmen, gewaltsamen Behinderungen und Einschüchterungsmaßnahmen (s. a. Acto de Repudio) gegen Oppositionelle im Jahr 2011 dramatisch zu.Kuba kann Rekord feiern: So viele Festnahmen wie noch nie in: taz.de vom 12. Januar 2012, abgerufen am 23. Januar 2012Observatorio denuncia un aumento de la violencia contra las Damas de Blanco EFE-Meldung in: lainformacion.com vom 12. August 2011, abgerufen am 24. Januar 2012 (spanisch). In: El Mundo vom 7. September 2011, abgerufen am 23. Januar 2012 (spanisch) Im Mai 2011 war der Dissident und ehemalige politische Häftling Juan Wilfredo Soto García unter ungeklärten Umständen gestorben, kurz nachdem er erklärt hatte, durch Polizeischläge lebensgefährlich verletzt worden zu sein.Der Dissident mit kahlem Kopf in: taz.de vom 10. Mai 2011, abgerufen am 23. Januar 2012 Anfang des Jahres 2012 war in Santiago de Cuba ein hungerstreikender Häftling verstorben, der jedoch kein politischer Gefangener war.Entierran preso político cubano, muerto al día 50 en huelga de hambre in: La Red 21 vom 21. Januar 2012, abgerufen am 23. Januar 2012 (spanisch)Cuba lashes out at the U.S. over criticism of prisoner's death in: CNN vom 21. Januar 2012, abgerufen am 23. Januar 2012 (englisch)

Leben und politisches Engagement Wilman Villar lebte in der ostkubanischen Kleinstadt Contramaestre und besaß einen Abschluss als Textilmechaniker, lebte jedoch wie viele Kubaner von unterschiedlichen freiberuflichen und Gelegenheitstätigkeiten – beispielsweise als Handwerker, Schreiner und Straßenverkäufer von Knollenfrüchten oder Kochbananen.Un típico cubano: carpintero, albañil y vendedor ambulante in: ABC vom 21. Januar 2012, abgerufen am 22. Januar 2012 (spanisch) Nach Angaben seiner Ehefrau reiste er mehrfach nach Havanna, wo seine Mutter lebt, um dort nach Arbeitsmöglichkeiten zu suchen. Von dort sei er jedoch regelmäßig in seine Heimatstadt deportiert worden. Er sei niemals mit den sich in Kuba ereignenden Ungerechtigkeiten einverstanden gewesen und habe aufgrund seiner regierungskritischen Haltung niemals einen regulären Arbeitsplatz erhalten können. Er war getauftes Mitglied der Baptistengemeinde von Contramaestre.Yanet Pérez Moreno: “Wilman deja huérfanas a dos niñas pequeñas” Interview mit José Daniel Ferrer in: Cuba Encuentro vom 21. Januar 2012, abgerufen am 23. Januar 2012 (spanisch) Nach Angaben von Villars Ehefrau war sein Vater vor rund drei Jahren in Haft verstorben, dem Verstorbenen sei damals von den Behörden drei Monate nach dem Tod nachträglich die Freilassung ausgesprochen worden.Yusmila Reyna Ferrera: La tiranía de los Castro mostrará al Papa Benedicto XVI otra de sus víctimas... in: Patria Pueblo y Libertad vom 20. Januar 2012, abgerufen am 22. Januar 2012 (spanisch)

2010 schloss sich Villar laut seiner Ehefrau der politischen Widerstandsbewegung in Contramaestre an. Seit er dies öffentlich vertreten habe, sei er von der politischen Polizei verfolgt, bedroht und schikaniert worden. Kurz nachdem der prominente Oppositionsaktivist und ehemalige politische Gefangene José Daniel Ferrer im August 2011 die von ihm angeführte Oppositionsgruppe „Unión Patriótica de Cuba“ (UNPACU, deutsch: Patriotische Union Kubas) gegründet hatte, schloss sich Villar ihr im September an. Der im nahe gelegenen Ort Palma Soriano lebende Ferrer war im März 2011 nach Ablauf von acht Jahren seiner 25-jährigen Haftstrafe als einer der letzten von über 75 im „Schwarzen Frühling“ 2003 verurteilten politischen Gefangenen auf Vermittlung der katholischen Kirche Kubas vorzeitig auf Bewährung entlassen worden. Da jegliche oppositionelle Tätigkeit in Kuba verboten ist, ist auch die UNPACU eine illegale, von den Behörden nicht anerkannte Gruppierung. Auch Maritza Pelegrino, die seit acht Jahren mit Villar verheiratet war, engagierte sich in der Oppositionsbewegung, indem sie sich der Frauengruppe „Damas de Blanco“ (deutsch: Damen in Weiß) anschloss, die trotz teilweise gewaltsamer Behinderung durch die Behörden regelmäßig Demonstrationen für die Beachtung der Universellen Menschenrechte durch die kubanische Regierung abhält. Pelegrinos Eltern sind dagegen aktive Anhänger der kubanischen Regierung, auch Villar stammte aus einer „revolutionstreuen“ Familie: Der Lebensgefährte seiner Mutter arbeitet für das Innenministerium und der Partner seiner Schwester ist Beamter des Staatssicherheitsdienstes.

Am 14. November 2011 nahm Villar in den Straßen Contramaestres an einer Protestdemonstration der UNPACU für mehr Respekt für die Menschenrechte und gegen die gewaltsame Unterdrückung der Damas de Blanco teil. Im Laufe dieser Protestaktion wurde er festgenommen und nach Angaben weiterer Demonstrationsteilnehmer dabei auch von Polizisten geschlagen.Knut Henkel: Menschenrechte auf Kuba: Gefangener hungert sich zu Tode in: taz.de vom 20. Januar 2012, abgerufen am 22. Januar 2012Erika Olavarría: Fallecimiento de un disidente cubano por huelga de hambre in: RFI español vom 21. Januar 2012, abgerufen am 23. Januar 2012 (spanisch, mit Audio) Nach Angaben seiner Ehefrau wurde er für die Dauer von drei oder vier Tagen vorübergehend festgenommen, nach denen ihn die Angehörigen des Staatssicherheitsdienstes gewarnt hätten, ihn verschwinden zu lassen, wenn er seine Oppositionsaktivitäten nicht aufgebe. Er habe sich jedoch nicht einschüchtern lassen und habe ihr gegenüber erklärt, im Falle einer Verhaftung bis zum Tod für seine Freiheit streiten zu wollen. in: Directorio Democrático Cubano vom 18. Januar 2012, abgerufen am 23. Januar 2012 (spanisch)

Gerichtsverfahren und Verurteilung Wenige Tage nach seiner Freilassung wurde am 25. November ein schnell abgewickeltes Gerichtsverfahren gegen Villar veranstaltet, in dem er in den Anklagepunkten Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und mangelndem Respekt gegenüber den Behörden für schuldig befunden und zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt wurde. in: ZEIT Online vom 20. Januar 2012, abgerufen am 23. Januar 2012 Während der Verhandlung wurden keine Zeugen der Verteidigung zugelassen. Nach der Verhandlung bezeichnete der Verurteilte das Verfahren als Farce.Wilmar Villar Mendoza, 'muy grave' tras más de 50 días en huelga de hambre in: Diario de Cuba vom 15. Januar 2012, abgerufen am 23. Januar 2012 (spanisch)

Körperverletzung Auf welche Körperverletzung sich das Urteil genau bezieht, ist unklar. Die Stellungnahmen der kubanischen Regierung und der von ihr unmittelbar abhängigen kubanischen Medien erwähnen einen angeblichen Angriff Villars auf seine Ehefrau, bei dem sich diese Verletzungen im Gesicht zugezogen habe. Nach Villars Tod veröffentlichten zunächst anonyme, bzw. unter Pseudonym veröffentlichende Blogger, die dem kubanischen Staatssicherheitsdienst zugerechnet werden, die Fotografie eines medizinischen Befunds vom 12. Juli 2011, mit dem die These des tätlichen Angriffs Villars auf seine Frau untermauert werden sollte. in: Yohandry's Weblog vom 20. Januar 2012, abgerufen am 22. Januar 2012 (spanisch) Allerdings ist in dem Befund lediglich von einer „leichten Verletzung auf der Innenseite der Oberlippe“ die Rede, was in keinem Justizsystem der Welt zur Begründung einer mehrjährigen Freiheitsstrafe herangezogen werden könnte. Auch geht aus dem Befund nicht hervor, dass Villar in irgendeiner Weise für die festgestellte Verletzung verantwortlich gewesen sei. Nach offiziellen Angaben hatte seine Schwiegermutter nach Villars tätlichem Angriff auf Pelegrino die Polizei um Einschreiten ersucht, anschließend habe er sich der Verhaftung widersetzt und die Polizisten tätlich angegriffen. Wilman Villars Ehefrau war als angebliches Hauptopfer der Körperverletzung weder als Zeugin noch als Zuschauerin des Gerichtsverfahrens zugelassen. Nach ihren Informationen dauerte die Verhandlung weniger als eine Stunde.Human Rights Watch: Cuba: Dissident’s Death Highlights Repressive Tactics Meldung auf der HRW-Webseite vom 20. Januar 2012, abgerufen am 23. Januar 2012 (englisch)

Haft und Hungerstreik Villar wurde nach seiner Verurteilung am 25. November 2011 in das Gefängnis Aguadores in unmittelbarer Nähe des internationalen Flughafens am südlichen Stadtrand von Santiago de Cuba überstellt. Dort begann er einen Hungerstreik aus Protest gegen seine Inhaftierung. Als Bedingung für die Beendigung des Hungerstreiks forderte er die Aufhebung seiner Haftstrafe. Nach Angaben seiner Ehefrau, die ihn am 29. Dezember zuletzt im Gefängnis besuchen durfte, sah er zu diesem Zeitpunkt bereits sehr dünn und dehydriert aus. Trotzdem habe er am selben Tag seinen Hungerstreik wieder aufgenommen, den er am 23. Dezember unterbrochen hatte, nachdem ihm Vertreter der Gefängnisbehörde wahrheitswidrig versichert hatten, er werde im Zuge der von Staatspräsident Raúl Castro verkündeten Amnestie von 2900 Häftlingen freigelassen, sofern er den Hungerstreik aufgebe.La viuda de Wilman Villar pide al régimen que le permita contar su versión en televisión in: Diario de Cuba vom 22. Januar 2012, abgerufen am 23. Januar 2012 (spanisch) Als zweite Form des Protests gegen seine Inhaftierung weigerte sich Villar, Häftlingskleidung anzulegen. Vom Gefängnispersonal wurde ihm daraufhin die Zivilkleidung abgenommen und er wurde unbekleidet in eine Bestrafungszelle eingeschlossen, wo er sich die Lungenentzündung zuzog und während seines Gefängnisaufenthalts ohne medizinische Betreuung blieb. Spätestens seit dem 22. Dezember hatten Villars Frau sowie mehrere Oppositionelle von den Behörden die Einweisung des Häftlings in ein Krankenhaus zur medizinischen Begleitung des Hungerstreikenden gefordert, was sie durch Demonstrationen vor dem Gefängnis bekräftigten.Detenidas ocho damas de blanco en Santiago de Cuba in: Cuba Encuentro vom 23. Dezember 2011, abgerufen am 9. Oktober 2012 (spanisch) Diese Aufforderungen blieben jedoch ohne Reaktion.

Einlieferung ins Krankenhaus und Tod