Josef oder Joseph (), der Sohn von Jakob und Rachel, ist eine Person der Bibel. Die Josefserzählung () stellt den Übergang von den Vätergeschichten der Genesis zur Geschichte des Volkes Israel im Buch Exodus her.
Im Koran ist die biblische Josefstradition breit aufgenommen. Die gesamte zwölfte Sure ist Yusuf (so lautet sein arabischer Name) gewidmet.
Josef in der Bibel Name Der Name Josef wird anlässlich seiner Geburt auf doppelte Weise sprachspielerisch gedeutet. Seine Mutter Rachel sagt :
„Gott hat meine Schmach von mir genommen“ (Verbalwurzel ); „Der HERR möge mir noch einen Sohn dazu geben“ (Verbalwurzel ).
Die zweite Deutung trifft philologisch das Richtige; ist ein verkürzter Satzname, der ursprünglich einen Gottesnamen enthielt und in der Langform lautete: „Jah(we) möge hinzufügen.“
Entstehung des Brüderkonflikts Als 17-jähriger Jugendlicher gerät Josef in einen Konflikt mit seinen Halbbrüdern, der sich für ihn lebensgefährlich zuspitzen wird. In Gen 37,2 ist von einer Indiskretion Josefs die Rede. Die Übersetzungen ermöglichen unterschiedliche Deutungen:
„Josef hinterbrachte ihrem Vater ihre üble Nachrede“ (Lutherbibel, Einheitsübersetzung); „Josef hinterbrachte ihrem Vater, was man ihnen Schlimmes nachsagte“ (Zürcher Bibel).
Dieses Motiv wird aber nicht wieder aufgenommen und bleibt rätselhaft.Gerhard von Rad: Das erste Buch Mose Kap. 25,19–50,26. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1953. Für den Hass der Brüder auf Josef bringt der Erzähler zwei Gründe:
Motiv Kleid: Der Vater schenkt Josef ein luxuriöses Kleidungsstück. Die Bezeichnung begegnet in der Hebräischen Bibel noch ein weiteres Mal für das Kleid einer Königstochter (). Mit diesem Gewand wird Josef als rechte Hand des Vaters eingesetzt und die Altershierarchie der Brüder auf den Kopf gestellt.Jörg Lanckau: Der Herr der Träume: eine Studie zur Funktion des Traumes in der Josefsgeschichte der Hebräischen Bibel. TVZ, Zürich 2006. Motiv Traum: Der Bevorzugung Josefs entspricht bei diesem ein „überbordendes Selbstbewußtsein“, das sich in zwei Träumen ausdrückt.Markus Witte: Die nichtpriesterschriftliche Josefsgeschichte. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundwissen Altes Testament. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019. Die Träume kreisen um das Motiv der Proskynese; im ersten Traum werfen sich bei der Getreideernte die Garben der Brüder vor Josefs Garbe nieder, im zweiten Traum huldigen Sonne, Mond und elf Sterne dem Josef. Der „Familienrat“ kann diese Träume nicht deuten. Bei den Brüdern vertieft das Missverstehen den Hass auf Josef und begründet die nun folgende Tragödie; die literarische Figur Jakob zeigt als Vater Eigenschaften, die für diesen Akteur typisch sind: „sein mangelndes Gespür für Gerechtigkeit und seine Unschlüssigkeit“.
Gen 37 zeichnet das Bild des „verwöhnten und bevorzugten Prinzen“ Josef; im Hintergrund stehen die „Unheil brütenden Brüder“. Im Kontrast zu seinem kecken Auftreten als Traumerzähler ist Josef im weiteren Verlauf hilflos () und passiv. Die Brüder planen Josefs Ermordung, um die Erfüllung seiner Träume zu verhindern (), aber gerade damit setzen sie die Handlung in Gang, die zu Josefs Aufstieg führen wird.Dieser Zug der Josefsgeschichte ist eine auffällige Parallele zur Ödipus-Sage, und es ist wahrscheinlich, dass dieser von mehreren griechischen Schriftstellern aufgegriffene Stoff durch Kulturkontakt in Israel bekannt war. Vgl. Konrad Schmid: Kommentar zu Gen. 37,18–20. In: Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich (Hrsg.): Erklärt – Der Kommentar zur Zürcher Bibel. Band 1. TVZ, Zürich 2010, S. 121 f. mini|Josefs blutiges Gewand wird dem Jakob gebracht (Diego Velázquez, 1630, Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial) Motiv Grube: bezeichnet sowohl die Zisterne als auch das Gefängnis, weil eine leere Zisterne so genutzt werden konnte. Damit wird in Gen 37,20 ein weiteres Motiv der Josefsgeschichte eingeführt.
Die Brüder reißen Josef sein Kleid vom Leib als Beweisstück gegenüber dem Vater, dass „ein böses Tier“ seinen Lieblingssohn gefressen hätte, und werfen ihn in eine trockene Zisterne. Am Ende von Kap. 37 ist Josef aber nicht tot, sondern lebend in der Hand von Sklavenhändlern. Die Erzählung oszilliert zwischen zwei Szenarien, wie es dazu kommen konnte: a) er wurde auf Initiative Judas von den Brüdern aus der Zisterne gezogen und an Ismaeliter als Sklave verkauft; b) er sollte nach einem Vorschlag Rubens in der Zisterne umkommen, ohne dass die Brüder Blutschuld auf sich lüden (wobei Ruben vorhatte, ihn heimlich zu retten), wurde aber von Midianitern entdeckt und „gestohlen“.Gerhard von Rad: Das erste Buch Mose Kap. 25,19–50,26. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1953, S. 309. „Soll man das so deuten, daß die Midianiter den Joseph an die Ismaeliter verkauft haben? Viel näher liegt die Annahme eines doppelten Erzählfadens.“ Redaktionskritisch lässt sich eine Juda-Ismael-Grunderzählung und eine Ruben-Midian-Bearbeitung unterscheiden. Vgl. Markus Witte: Die nichtpriesterschriftliche Josefsgeschichte. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundwissen Altes Testament. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, S. 279–285, hier S. 282.
In der lokalen Überlieferung wird die Zisterne namentlich mit Ǧubb Yūsuf () in Verbindung gebracht, einem heute verlassenen Dorf nördlich von Dotan, wo an der Via Maris die Ruine einer Karawanserei, Ḫān Ǧubb Yūsuf, aus dem 14. Jahrhundert erhalten blieb.Robert Hillenbrand: Mamlūk Caravansarais in Galilee. In: Ders.: Studies in Medieval Islamic Architecture. Vol I. The Pindar Press, London 2001, S. 397–446, hier S. 406.
Josefs Aufstieg in Ägypten Kapitel bis enthalten einen Erzählstoff der jüdischen Diaspora, wobei sich die Lebensgeschichte Josefs ähnlich wie diejenige Daniels und Esters entwickelt: steile, aber gefahrvolle Karriere im fremden Land. Ägypten ist hier durchaus positiv als Lebensraum gekennzeichnet (anders als im Buch Exodus), und Josef lässt sich sehr weitgehend auf die ägyptische Kultur ein, was der Erzähler offenbar billigt. Das wäre für andere biblische Autoren inakzeptabel.Michael Fieger, Sigrid Hodel-Hoenes: Der Einzug in Ägypten. Ein Beitrag zur alttestamentlichen Josefsgeschichte. Lang, Bern 2007, ISBN 978-3-03911-437-5, S. 8: „Bemerkenswert ist die auffallend positive Einstellung gegenüber Ägypten, die als exzeptionell in der Bibel angesehen werden kann.“
Als Sklave kommt Josef in Ägypten in ein „gutes Haus“ und gelangt dort zu einer Vertrauensstellung. Sein Herr ist Potifar, der Oberaufseher der Leibwache und Kämmerer des Pharao (). Es ist gut möglich, dass der Erzähler sich vorstellte, hohe Hofbeamte seien in Ägypten Eunuchen gewesen, und auch die von ihm geschaffene literarische Figur Potifar so verstanden wissen will.Michael Fieger, Sigrid Hodel-Hoenes: Der Einzug in Ägypten. Ein Beitrag zur alttestamentlichen Josefsgeschichte. Lang, Bern 2007, ISBN 978-3-03911-437-5.
Der Erzähler zeichnet von Josef das Bild eines „klugen, gefälligen, bescheidenen, tüchtigen jungen Mannes“ und entspricht damit einem weisheitlichen Erziehungsideal. Diesen idealen Weisheitsschüler kennzeichnet, dass er sich in die verschiedensten Verhältnisse schicken kann, aber zum Erfolg kommt etwas Unverfügbares – sein Gott JHWH ist mit ihm.Die Tätigkeit Josefs als Verwalter eines großen Haushalts setzt eine entsprechende Bildung voraus, z. B. Kenntnis der ägyptischen Schrift, die für einen illiteraten Kleinviehzüchter kaum wahrscheinlich ist. Der Erzähler problematisiert nicht, auf welchem Wege Josef diese Bildung erworben hat. Michael Fieger, Sigrid Hodel-Hoenes: Der Einzug in Ägypten. Ein Beitrag zur alttestamentlichen Josefsgeschichte. Bern 2007, S. 93. Erst jetzt () fügt der Erzähler zum Bild Josefs hinzu, dass er „schön von Gestalt und schön von Aussehen“ war. Die folgende Episode Josef und die Frau des Potiphar hat innerhalb der Hebräischen Bibel besondere erzählerische Qualitäten. Potifars Frau versucht, Josef zum Geschlechtsverkehr zu verführen (, im Original nur zwei Worte: ); Josef lehnt ab mit einer gewundenen moralischen Erklärung.Robert Alter: The Art of Biblical Narrative, Revised and updated. Basic Books, New York 2011, S. 91. Sie bedrängt den Sklaven weiterhin und ergreift schließlich sein Kleid, woraufhin Josef nackt entflieht. Mit diesem Kleid in der Hand verklagt sie Josef bei Potifar, er habe sie vergewaltigen wollen. Josefs Kleid hatten bereits die Brüder nach ihrem Anschlag als falsches Beweisstück für Josefs Tod verwendet; dieses Motiv wird nun variiert. Die Ähnlichkeit mit dem Anfang des ägyptischen Zweibrüdermärchens (Papyrus d’Orbiney) ist auffällig; das gilt besonders für das Dilemma des Protagonisten – willigt er ein, ist mittelfristig mit Entdeckung und Strafe zu rechnen; lehnt er ab, gerät er sofort in Schwierigkeiten. Der Erzähler gibt Potifars Reaktion () etwas Mehrdeutiges: Es „packte ihn der Zorn“. Dass der Zorn sich nicht gegen Josef richtete, ist gut möglich, da er seinen Sklaven nicht mit dem Tod, sondern mit Gefängnis bestraft.Konrad Schmid: Kommentar zu Gen. 39,11–20. In: Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich (Hrsg.): Erklärt – Der Kommentar zur Zürcher Bibel. Band 1. TVZ, Zürich 2010, S. 127. Und so kehrt Josef in die „Grube“ zurück.Der Begriff begegnet für den Ort der Haft Josefs in und . mini|Josef deutet im Gefängnis Träume (James Tissot, vor 1902, Jewish Museum) Gefängnisse im heutigen Sinne sind in Ägypten erst seit der Ptolemäerzeit bekannt, und deshalb (Kenntnis ägyptischer Verhältnisse beim Verfasser vorausgesetzt) ist das Gefängnis als Schauplatz der folgenden Szenen eher als Arbeitshaus vorzustellen. Josef steigt aufgrund göttlichen Beistands vom einfachen Zwangsarbeiter zum Aufseher auf (). Sodann ergibt sich die ungewöhnliche Situation, dass zwei Höflinge (der oberste Mundschenk und der oberste Bäcker) in Ungnade fallen und in Josefs Arresthaus aufbewahrt werden, bis ihr Urteil gefällt wird. Josef wird ihnen als Bedienung zugeteilt. Als beide einen bedeutsamen Traum haben, erweist Josef ihnen den „Dienst“ der Traumdeutung. Er sagt dem Mundschenk Begnadigung, dem Bäcker die Todesstrafe voraus. Dass es sich um einen positiven und einen negativen Traum handelt, ist offensichtlich; was Josef den beiden Höflingen bietet, ist das Herausgreifen der entscheidenden Züge aus dem jeweiligen Traumbild und das Übergehen des Unwichtigen. Er verbindet das mit einer Bitte: „Aber denke an mich, wenn es dir gut geht, und erweise mir die Gunst: Nenne meinen Namen beim Pharao und bringe mich aus diesem Haus.“, Übersetzung: Zürcher Bibel.
Als alles wie von Josef vorhergesagt eintrifft, beginnt der Leser für Josef zu hoffen, doch vergebens: der Obermundschenk vergisst ihn, und Josef verbringt zwei Jahre im Gefängnis. Dann hat der Pharao zwei bedeutsame Träume, die ihm keiner der berufsmäßigen Traumdeuter erklären kann. Jetzt erinnert sich der Mundschenk wieder an Josef. Aus dem Kerker geholt, mit geschnittenen Haaren und neu eingekleidet tritt Josef vor den Pharao und bietet eine ähnlich souveräne Deutung des Doppeltraums wie zuvor bei den beiden Höflingen. Ägypten stehe nach einigen guten Ernten eine ebenso lange Hungersnot bevor, und Josef gibt praktischen Rat, wie man sich darauf vorbereiten solle.Es ist von sieben reichen und sieben teuren Jahren die Rede, vgl. Gen 41, 29 f., 34, 36, 47 f., 53 f. Das Bildungsideal, für das er steht, zielt darauf, in bedeutungsvollen Situationen kompetent beraten zu können. Der Pharao wird durch Josefs Rede dessen göttlichen Beistands gewahr und erhebt ihn deshalb zum Landesvater, noch ehe sich die Weissagung bewahrheitet.Vgl. Gen 41,37–43. Indem kein handgreiflicher Beweis für einen künftigen Nutzen, sondern die Gewissheit göttlichen Wirkens den Pharao zu Josefs Erhöhung veranlasst, kontrastiert die Darstellung Ägyptens in der Genesis abermals mit derjenigen im Exodus.