Alfons Pannek (* 30. März 1907 in Hamburg; † 20. Februar 1995 in Lübeck) war ein deutscher Kommunist und Interbrigadist, der sich nach seiner Verhaftung 1939 und schweren Misshandlungen durch Gestapo-Mitarbeiter zur Kollaboration mit der Geheimen Staatspolizei bereit erklärte. Während des Zweiten Weltkriegs lieferte er in seiner Rolle als V-Mann und Agent Provocateur zahlreiche Mitglieder des Widerstands der Gestapo aus. Im Hamburger Gestapo-Prozess wurde er 1949 zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt, aber bereits 1951 aus der Haft entlassen.
Leben
Politische Tätigkeit bis 1939 Pannek, der nach eigenen Angaben ursprünglich Missionar werden wollte,Bruder, Kleffner: Die Erinnerung darf nicht sterben. 2000, S. 57; mit Bezug auf die Prozessakten. war von Beruf Maurer.Herbert Diercks: Dokumentation Stadthaus. Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg 2012, S. 47. Im Alter von 17 Jahren schloss er sich 1924 dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands an. 1930 wurde er Mitglied der KPDBruder, Kleffner: Die Erinnerung darf nicht sterben. 2000, S. 56–57. und war bereits vor 1933 Parteifunktionär.Jörg Friedrich: Die kalte Amnestie. Berlin 2007, S. 161 und 162. Er war kein gewöhnliches Parteimitglied, sondern ein Mann für spezielle Aufgaben gewesen. Pannek habe Sprengstoff besorgt, die SPD ausspioniert und ab 1931 habe er auch den „Polizeizersetzungsapparat“ der KPD geleitet.Stefan Buchen: Kein gewöhnliches KPD-Mitglied - Die neuen Akten des Gestapo-Verräters. In: taz, 14. Mai. 2019. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde er inhaftiert, konnte aber 1933 in die Tschechoslowakei emigrieren.Bruder, Kleffner: Die Erinnerung darf nicht sterben. 2000, S. 57. 1937 kämpfte er bei den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Spanischen Republik gegen die falangistischen Milizen unter General Francisco Franco. Nach Auflösung der internationalen Brigaden kehrte er im Sommer 1938 nach Prag zurück, wo er unter den Emigranten seine politischen Aktivitäten fortsetzte. Nach der Besetzung und Okkupation Tschechiens durch das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde er im März 1939 in Prag verhaftet und an die Hamburger Gestapo überstellt.Jörg Friedrich: Die kalte Amnestie. 2007, S. 161Ursel Hochmuth: Niemand und nichts wird vergessen. 2005, S. 44
Kollaboration mit der Gestapo mini|Gedenktafel am Alten Torhaus des KZ und Gestapogefängnisses Fuhlsbüttel
Beginn der Tätigkeit für die Gestapo Nachdem Pannek während seiner Vernehmung im Hamburger Stadthaus und seiner Haft im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel schwer misshandelt und gefoltert worden war, gelang es Kriminalinspektor Fritz Knuth vom Gestapodezernat II A, Abteilung „Kommunismus und Marxismus“, Pannek umzudrehen, zur Kollaboration zu bewegen und als V-Mann mit der Registriernummer 120/40 G 2459 anzuwerben.Gertrud Meyer: Nacht über Hamburg. 1971, S. 84.
Gertrud Meyer ging in ihrer Darstellung von 1971 noch davon aus, dass er mit manipulierten Hauteinschnitten an den Handgelenken bei NS-Gegnern aus dem Widerstand den Eindruck erwecken wollte, dass er als „gefolterter Antifaschist“ während der Gestapohaft einen Suizidversuch unternommen hätte. Jüngere Untersuchungen wie von Jörg Friedrich (2007),Jörg Friedrich: Die kalte Amnestie. Berlin 2007, S. 161–162. oder Franziska Bruder und Heike Kleffner in der Biographie von Barbara Reimann (2000)Franziska Bruder, Heike Kleffner (Hrsg.): Die Erinnerung darf nicht sterben. 2000, S. 57. kommen dagegen zu dem Ergebnis, dass Pannek tatsächlich einen Selbstmordversuch unternommen hatte, danach mehrere Monate in der Krankenanstalt Langenhorn verbrachte und zu diesem Zeitpunkt als Gestapo-Spitzel angeworben wurde.
Aus taktischen Gründen wurde Pannek aus dem Polizeigefängnis Fuhlsbüttel ins Untersuchungsgefängnis überstellt. Während seiner Untersuchungshaft wurde er zu Mitgliedern der KPD-Abschnittleitung Nord gelegt, die in Dänemark gefasst worden waren. Dabei erfuhr er von ihnen den Aufenthaltsort von Karl Nieter und anderen Kommunisten und lieferte diese Informationen an die Gestapo. Im Juli 1941 wurde er zur weiteren Tarnung vom Hanseatischen Oberlandesgericht zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Diese Haft trat er im Zuchthaus Oslebshausen bei Bremen an, aber der Kriminalinspektor und SS-Obersturmführer Fritz Knuth von der Hamburger Gestapo-Leitstelle erwirkte eine vorzeitige Entlassung mit der Begründung, Panneks Beteiligung am Spanischen Bürgerkrieg sei amnestiert worden. Hierüber stellte er Pannek eine Bescheinigung aus. Anschließend erhielt Pannek die V-Nummer 193/44 G – 24/150, und er agierte unter verschiedenen Decknamen wie „Willi Hagemann“ und „Hans Müller“ als V-Mann der Gestapo. Daneben verwendete er auch Namen bekannter Antifaschisten.Gertrud Meyer: Nacht über Hamburg. 1971, S. 85. mini|Fassade des Stadthauses, in dem bis zur Bombardierung im April 1943 das Gestapo-Hauptquartier untergebracht war, in einer Ansicht von 2011 mini|Gedenktafel für die Gestapo-Opfer im Eingang des Gebäudes Stadthausbrücke 8
Zu seiner Tarnung richtete die Gestapo für Pannek eine „antifaschistische“ Leihbücherei ein, die mit beschlagnahmter Literatur von verhafteten NS-Gegnern bestückt war. Ein weiteres Mittel, um Personen gezielt anzusprechen und zu bespitzeln, war der Vertrieb einer Lesemappe, die der SS-Sturmführer und Kriminalsekretär Henry Helms mithilfe von Josef Kreuzer, Chef der Staatspolizeileitstelle Hamburg, Panneks Bruder Georg verschaffte. Dies gelang durch eine gezielte Strafanzeige gegen den vorherigen Betreiber und dessen Frau. Zwar wurde das Ehepaar freigesprochen, aber Panneks Bruder Georg wurde treuhänderisch als Betreiber eingesetzt.Gertrud Meyer: Nacht über Hamburg. 1971, S. 85; mit Bezug auf das Archiv AIN (Amicale Internationale de KZ Neuengamme) Alfons Pannek, der bereits zuvor beim Austragen von Lesemappen geholfen hatte, konnte damit, ebenso wie sein Bruder gezielt NS-Gegner aufsuchen. Nach dem Plan Knuths sollte sie Pannek zunächst nur ausspionieren, über geplante Aktionen berichten und weitere Namen nennen.
Panneks Spitzelnetz war bald wie ein „Familienunternehmen“ strukturiert, in das nicht nur sein Bruder, sondern auch seine Schwester Lucie Rehbein, seine minderjährige Nichte, seine geschiedene Frau, sowie deren Bekannte Helene Müller, Deckname Lisa Franck als V-Frau und Schreibkraft eingebunden waren.Bruder, Kleffner (Hrsg.): Die Erinnerung darf nicht sterben. 2000, S. 70–71
Da Pannek die tschechische Sprache beherrschte, ließ ihm der Gestapokommissar Fritz Knuth gegen Ende 1942 einen tschechischen Ausweis ausstellen,Hochmuth, Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand 1933–1945. Frankfurt am Main 1969, S. 453. mit dessen Hilfe Pannek unter einem Decknamen in den tschechischen Club Svornost eintreten konnte. Mithilfe von weiteren V-Männern wurde er zum Bibliothekar gewählt, sodass er an den Vorstandssitzungen teilnehmen konnte. Im Sommer 1944 wurde der Verein, der es sich zur Aufgabe gestellt hatte, tschechischen Landsleuten und Zwangsverschleppten zu helfen, durch die Gestapo aufgelöst. Zwei Mitglieder von „Svornost“, die gleichzeitig der Widerstandsgruppe „Kampf dem Faschismus (KdF)“ angehörten, wurden auf Panneks Betreiben im September 1944 verhaftet,Bruder, Kleffner (Hrsg.): Die Erinnerung darf nicht sterben. 2000, S. 73–74 auf die Liquidationsliste gesetzt und im April 1945 bei den Endphaseverbrechen im KZ Neuengamme ermordet.Herbert Diercks: Gedenkbuch Kola-Fu. Für die Opfer aus dem Konzentrationslager, Gestapogefängnis und KZ-Außenlager Fuhlsbüttel. Hamburg 1987, S. 53–54
Denunzierung von untergetauchten Mitgliedern der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe Pannek, der zunächst für den Kriminalinspektor Fritz Knuth Spitzeldienste geleistet hatte, wurde nach dessen Tod bei der Bombardierung des Stadthauses in der Nacht vom 23. auf den 24. April 1943 dem Gestapo-Sekretär Henry Helms unterstellt, als dessen Mitarbeiter, Zuträger und „rechte Hand“ er fungierte. Pannek war maßgeblich an der Wiederergreifung von untergetauchten Mitgliedern der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe, die nach den Bombenangriffen der Operation Gomorrha Hafturlaub erhalten hatten, beteiligt. Dies geht auch aus einer Aussage der Gestapo-Angestellten Hildegard Lembke hervor, die als Sachbearbeiterin im Dezernat IV 1 A arbeitete:
Als Ende 1943 einige untergetauchte Mitglieder der Bästlein-Gruppe verhaftet worden waren, versuchte die Gestapo Geständnisse mit „verschärften Vernehmungen“ und brutalen Foltermethoden zu erzwingen. Unter Vortäuschung falscher Tatsachen wurde den Gefolterten anschließend ein „besorgter Genosse“ in Handschellen gegenübergestellt. Dieser sollte die Häftlinge zu weiteren Geständnissen bewegen, indem er ihnen einredete, dass die Gestapo sowieso alles wisse und dass sie sich nur selbst schadeten. Die Rolle des besorgten Mithäftlings übernahm häufig Pannek.Gertrud Meyer: Nacht über Hamburg. 1971, S. 90, sowie S. 334; Ablichtung des Geständnisses der Gestapo-Sekretärin Käte Dohrn vom 8. März 1947, in dem sie über die Vernehmung von Kurt Schill, Hans Hornberger und dem Ehepaar Bruhn am 13. Februar 1944 berichtet
Nachdem auch Magda Thürey, die der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe angehörte und in Hamburg-Eimsbüttel das Seifengeschäft Waschbär betrieb, Ende Oktober 1943 verhaftet worden war, ergab sich für die Gestapo eine weitere Möglichkeit, Systemgegner mithilfe von Lockspitzeln unter Panneks Mitwirkung aufzuspüren. Helms zwang Magda Thürey zu unterschreiben, dass das Geschäft, das zuvor ein Treffpunkt des Widerstands gewesen war, während ihres „Sanatoriumaufenthaltes“ von Anneliese Pölze weitergeführt werden sollte.Gertrud Meyer: Nacht über Hamburg. 1971, S. 91. Anneliese Pölze, eine V-Frau der Gestapo, sah mithilfe von Pannek die Kundenkartei für rationierte Seifenwaren durch, erfuhr dadurch viele Namen von Antifaschisten und vermittelte mit Unterstützung Panneks Treffen, die in dem Seifenladen stattfanden. Der Gestaposekretär Helms lauschte manchmal hinter einem Vorhang und konnte damit weitere untergetauchte Mitglieder der Bästlein-Gruppe aufspüren. Pannek, der sich als „aktiver Illegaler“ ausgegeben hatte, verriet Mitte Dezember 1943 den untergetauchten Gustav Bruhn,Hochmuth, Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand. 1980, S. 374–375; dort Datum 16. Dezember 1943. der sich nach Hannover absetzen wollte. Pannek bewirkte seine unauffällige Festnahme, indem er ihn zum Bahnhof begleitete.Ursel Hochmuth: Niemand und nichts wird vergessen. Hamburg 2005, S. 47; dort Datum 13. Dezember 1943. Am 4. Januar 1944 lieferte er Hans Hornberger und Walter Bohne aus, mit dem sich Hornberger am Folgetag verabredet hatte.
Eindringen in andere Widerstandsgruppen Noch unter dem Kriminalinspektor Fritz Knuth war es Pannek 1942/43 gelungen, auch in andere Hamburger Widerstandsgruppen einzudringen, darunter in die „Etter-Rose-Hampel-Gruppe“, eine Gruppe junger Menschen, die Knuth nach der Denunziation durch Pannek zynisch als „Gruppe der Nichtvorbestraften“ bezeichnete. Als Max Kristeller, ein Mitglied der Gruppe, verhaftet worden war, warnte man selbst Pannek, den niemand für einen Spitzel gehalten hatte, vor der Gestapo.Hochmuth, Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand. 1980, S. 430. Zwölf Mitglieder der Gruppe wurden vom Volksgerichtshof abgeurteilt und hingerichtet oder wie Erika Etter, bei der man die Enttarnung eines V-Mannes der Gestapo befürchtete, bei den Endphaseverbrechen im KZ Neuengamme ermordet.Herbert Diercks: Gedenkbuch Kola-Fu. Für die Opfer aus dem Konzentrationslager, Gestapogefängnis und KZ-Außenlager Fuhlsbüttel. Hamburg 1987, S. 55, Herbert Diercks: Dokumentation Stadthaus. Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus .Hamburg 2012, S. 48. Hochmuth, Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand. 1980, S. 439–440.