Das Königreich Ägypten (), auch (Neues) Ägyptisches Reich () genannt, bezeichnet den Gesamtstaat des Reiches der Muhammad-Ali-Dynastie in Nord- und Ostafrika in seiner letzten Phase im Zeitraum von 1922 bis 1953.

Das Königreich wurde am 28. Februar 1922 vom Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland in die staatliche Unabhängigkeit entlassen und entstand mit der Proklamation des bisherigen Sultans Fu'ād I. zum König am 15. März 1922.Fritz Steppat: Nationalismus und Islam bei Mustafa Kamil. Ein Beitrag zur Ideengeschichte der ägyptischen Nationalbewegung. Dissertation, Berlin 1954; Rainer Büren: Die Arabische Sozialistische Union. Einheitspartei und Verfassungssystem der Vereinigten Arabischen Republik unter Berücksichtigung der Verfassungsgeschichte von 1840–1968. Leske, Opladen 1970. Vorausgegangen war dem 1919 ein Volksaufstand gegen die Kolonialmacht. Damit war nach über 2000 Jahren mehrerer Fremdherrschaften unter einer monarchischen Staatsform erstmals wieder ein souveräner ägyptischer Nationalstaat entstanden.

Das Königreich Ägypten erstreckte sich über das Territorium der heutigen Republiken Ägypten, Sudan und Südsudan und umfasste zeitweise Teile der Staaten Libyen (Großteil der historischen Region Kyrenaika) und Tschad (Regionen Ennedi und Borkou) und das umstrittene Ilemi-Dreieck (heute von Kenia kontrolliert) und war bislang der größte neuzeitliche Staat Afrikas und zur damaligen Zeit der sechstgrößte Staat der Erde. Mit über 27 Millionen Einwohnern war die Monarchie auch das bevölkerungsreichste Land des Nahen Ostens. Das Land hatte dadurch eine enorme politische und kulturelle Ausstrahlung in der arabischen und islamischen Welt und löste damit quasi das 1922 untergegangene Osmanische Reich, zu welchem das Land nominell bis 1914 gehört hatte, als sunnitische Führungsmacht ab. Drei Jahrzehnte lang beanspruchte das Königreich Ägypten daher politisch, militärisch und wirtschaftlich eine regionale Hegemonie gegenüber den dortigen europäischen Kolonialmächten und den bereits unabhängigen arabisch-islamischen Staaten. In Libyen kämpfte das Reich mit Italien und lokalen Stammesführern und im Sudan mit Großbritannien um die wirtschaftliche und politische Vormachtstellung. Nach dem Zweiten Weltkrieg rang es mit dem Königreich Irak, Iran und der Türkei um die militärische und wirtschaftliche Dominanz in der Region. In der 1945 neugegründeten Arabischen Liga forderte das Reich Saudi-Arabien um die Führungsrolle in der Organisation heraus und rang mit diesem um wirtschaftlichen Einfluss im Königreich Jemen. In Palästina führte die ägyptische Expansionspolitik zu Interessenkonflikten mit den dortigen Nachbarstaaten Jordanien und Syrien.

Während der Zeit des Königreichs war Ägypten wirtschafts- und sozialgeschichtlich durch eine schnelle Industrialisierung und einen gesellschaftlichen Modernisierungskurs geprägt, der unter anderem auf eine radikale Säkularisierung, die weitgehende Gleichstellung der Geschlechter, sowie eine Verbesserung des Lebensstandardes abzielte. Ökonomisch und sozial-strukturell begann sich das Reich ab ca. 1925 vom Agrar- zum ersten Industriestaat Afrikas zu wandeln. Durch den Ausbau des Handels mit Baumwolle und des Bankwesens gewann auch der Dienstleistungssektor an Bedeutung. Das rasante Wirtschaftswachstum wurde durch die Weltwirtschaftskrise und die ihr folgende langjährige Konjunkturkrise zeitweilig gebremst. Trotz erheblicher politischer Folgen änderte dies nichts an der strukturellen Entwicklung hin zum Industriestaat. Diese wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilisierungsphase dauerte von 1922 bis 1939.

Kennzeichnend für den demographischen Wandel in der Monarchie waren ein rapides Bevölkerungswachstum, Binnenwanderung, Urbanisierung und die intensivierte Zuwanderung von europäischen Ausländern. Die Gesellschaftsstruktur wurde durch die Zunahme der städtischen Arbeiterbevölkerung und der Bildung eines neuen Bürgertums aus Technikern, Angestellten sowie kleinen und mittleren Beamten und Militärs wesentlich verändert. Dagegen ging die wirtschaftliche Bedeutung des Handwerks und der Landwirtschaft – bezogen auf deren Beiträge zum Bruttosozialprodukt – eher zurück. Trotzdem konnten die ägyptische und sudanesische Aristokratie ihr hohes Sozialprestige, ihre dominante Rolle beim Militär, in der Diplomatie und der höheren Zivilverwaltung behaupten. Durch den Aufstieg von mehreren Massenverbänden und -parteien und den Ausbau des Radios und Zeitungswesens zu Massenmedien gewann zudem die öffentliche Meinung an Gewicht.

Die innen- und außenpolitische Entwicklung wurde vor allem in den Anfangsjahren von der nationalistischen Wafd-Partei bestimmt. Deren verschiedene Regierungen setzten auf einen relativ liberalen Kurs mit vielen politischen und gesellschaftlichen Reformen. Außenpolitisch versuchte man das Reich durch ein komplexes Bündnissystem mit den Großmächten Italien, Frankreich und Großbritannien abzusichern (z. B. Anglo-Ägyptischer Vertrag von 1936).

Die Phase nach dem Tod von König Fu'ād I. 1936 führte zu einer erheblichen persönlichen Einflussnahme seines Sohnes Faruq auf die Tagespolitik. Auch war seine Regierungszeit von Korruption und einer widersprüchlichen Außenpolitik geprägt, die zwischen einer Anlehnung an die faschistischen Diktaturen in Europa und die westlichen demokratischen Staaten schwankte und am Vorabend des Zweiten Weltkriegs Ägypten letztendlich in die Isolation führte. Auch die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich mit der Weltwirtschaftskrise ab 1930 zunehmend. Der danach beginnende Aufstieg der faschistischen Jungägyptischen Partei und der islamistischen Muslimbruderschaft führten zu einer fünfjährigen Diktatur (1930–1935).

1940 wurde Ägypten von Großbritannien besetzt. Das Land war dabei in einen Mehrfrontenkrieg verwickelt und erst 1942 konnten die Truppen des britischen Weltreichs die seit 1940 andauernde Invasion der Achsenmächte abwehren. Die aus dem Krieg resultierende tiefe ökonomische und politische Krise 1946 und der weiterhin beträchtliche britische Einfluss führten zu einem starken Rückhaltverlust der Monarchie in der Bevölkerung und dem Militär.

Der Niedergang und das Ende des Reiches kamen im Fahrwasser des Kalten Krieges. In diesem gewann das Königreich zunächst als strategisch bedeutende Macht enormen geopolitischen Einfluss. Als zunächst pro-westlicher blockfreier Staat intervenierte das Land indirekt erfolgreich im Griechischen Bürgerkrieg gegen die dortigen kommunistischen Aufständischen. Mit der Niederlage ägyptisch-arabischer Truppen gegen den neuentstandenen Staat Israel im Palästinakrieg 1948/49 verlor Ägypten seine Machtstellung in der Region und brach 1951 politisch mit dem Westen. Die in der Nachkriegszeit zunehmende Unterdrückung der linksliberalen, kommunistischen und islamistischen Opposition führte zu vielseitigen gesellschaftlichen Spannungen, die in der „Revolution des 23. Juli“ 1952, in der Faruq gestürzt wurde, kulminierten. Die darauffolgende Diktatur des Militärs während der Herrschaftszeit des minderjährigen Fu'ād II. bis 1953 führte zu einer verstärkten Anlehnung an die Sowjetunion und deren Satellitenstaaten und zum Erstarken des arabischen Nationalismus. Am 18. Juni 1953 wurde die jahrhundertealte Monarchie abgeschafft und das Gebiet des Reiches aufgeteilt. Der nördliche Landesteil wurde im selben Jahr zur Republik Ägypten, der südliche 1956 zur Republik Sudan. Die beiden nachfolgenden Staaten schafften die Aristokratie ab, verwiesen die Muhammad Ali-Dynastie des Landes und Ägypten führte eine Landreform durch. Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen der nachfolgenden Jahrzehnte (Sechstagekrieg 1967, Erstarken des Islamismus, Diktatur von Husni Mubarak 1983–2011, Militärherrschaft und Sezessionskrieg im Sudan 1969–1985 und 1983–2005) gibt es in den heutigen Nachfolgestaaten eine vielseitig positive Erinnerungskultur zum Königreich Ägypten.

Vorgeschichte Osmanische Herrschaft und Begründung der Muhammad-Ali-Dynastie

mini|Muhammad Ali Pascha, Gemälde von Auguste Couder 1840 mini|Ägypten unter der Muhammad Ali-Dynastie von seiner Gründung bis 1914

Die Wurzeln des Königreichs Ägypten lagen in der Eroberung des Landes durch den osmanischen Sultan Selim I. Danach wurde Ägypten als Eyâlet eine Großprovinz des Osmanischen Reiches. Im 16. Jahrhundert wurde das Land für die Osmanen ein wichtiger Stützpunkt für die Expansion in Nordafrika und Arabien. Die ständige militärische Präsenz der Osmanen hatte tief greifende Einschnitte in die ägyptische Zivilgesellschaft und die bisherigen wirtschaftlichen Institutionen zur Folge. Sie führte zu einer Abschwächung des Wirtschaftssystems. Das Eyâlet Ägypten verarmte danach und erlitt zwischen 1687 und 1731 sechs Hungersnöte. Allein die Hungersnot von 1784 kostete etwa ein Sechstel der damaligen Bevölkerung ihr Leben.Icelandic Volcano Caused Historic Famine In Egypt, Study Shows. In: ScienceDaily. 22. November 2006.

1798 begann, im Zuge des Zweiten Koalitionskriegs zwischen den europäischen Monarchien und der revolutionären französischen Republik, die Eroberung Ägyptens durch Napoleon Bonaparte. Die ägyptische Expedition endete erst mit der Vertreibung der Franzosen im Jahre 1801 durch die Osmanen. Danach brachen im Land innere Machtkämpfe aus, in denen die Mamluken, Teile der britischen Streitkräfte, die Osmanen und Albaner, die nominell den Osmanen gegenüber loyal waren, um die Macht rangen. Aus diesem Chaos ging der Kommandant der albanischen Regimenter Muhammad Ali Pascha als Sieger hervor. Muhammad Ali wurde im Jahre 1805 von Sultan Selim III. der Titel Wālī (Gouverneur) von Ägypten zuerkannt. Im selben Jahr begründete er die gleichnamige Dynastie.Nejla M. Abu Izzeddin: Nasser of the Arabs. 1973, S. 2.

Nach seiner Machtübernahme verlagerte Muhammad Ali Pascha seinen Schwerpunkt auf das Militär. Er erschuf die moderne ägyptische Armee und eroberte in mehreren Kampagnen den Sudan (1820–1824), Syrien (1833), Teile der arabischen Halbinsel, Anatoliens und Griechenlands (siehe Griechische Revolution). Im Jahre 1841 bremsten die führenden europäischen Mächte, in der Befürchtung, dass Muhammad Ali das Osmanische Reich stürzen könnte, die territoriale Expansion Ägyptens und zwangen die Provinz, die meisten Eroberungen an die Osmanen zurückzugeben. Muhammad Ali wurde aber der Türkisch-Ägyptische Sudan zuerkannt und er durfte weiterhin weitgehend unabhängig regieren. Danach modernisierte er das Land. Er schickte dafür ägyptische und sudanesische Schüler in den Westen, um die neuen Techniken der Großmächte für Ägypten zugänglich zu machen und lud ausländische Ausbildungsmissionen nach Ägypten ein. Er versuchte, das Land zu industrialisieren, ließ ein System von Kanälen für die Bewässerung und den Transport errichten und reformierte den öffentlichen Dienst.

1820 begann Ägypten mit dem Export von Baumwolle. Der Anbau wurde von Muhammad Ali unterstützt und gefördert. Dadurch entstand eine Monokultur, die Ägypten bis zum Ende des Jahrhunderts prägen sollte. Die sozialen Auswirkungen dieses Projektes waren enorm: Landbesitz wurde eingeengt, viele Ausländer kamen ins Land und es fand eine Verlagerung der Produktion auf internationale Märkte statt.

Im September 1848 übergab Muhammad Ali, der 1849 sterben sollte, das Amt des Wālī an seinen Sohn Ibrahim, dann folgte ihm sein Enkel Abbas I. (im November 1848), dann Said (1854) und Ismail (im Jahre 1863). Abbas regierte Ägypten relativ zurückhaltend, während Said und Ismail ehrgeizige Entwickler waren. Der Suezkanal, der in Partnerschaft mit Frankreich von 1859 bis 1869 gebaut wurde, wurde im November vollendet. Der Bau war aber mit hohen Kosten verbunden.

Britische Herrschaft bis zum Ersten Weltkrieg

mini|Karte des Khedivats Ägypten von 1912