mini|hochkant|Die frisch approbierte Charlotte Landé, Foto um 1915
Charlotte Landé (* 25. Mai 1890 in Elberfeld; † 19. September 1977 in Oberursel), auch Lotte Landé, Charlotte Czempin / Lotte Czempin oder Lottie Champain / Lotte Champain, war eine deutsche Kinderärztin, Stadtärztin (1928 bis 1933) und Schulärztin in Frankfurt am Main sowie (sozial-)medizinische Autorin.Neue Deutsche Biographie (vergleiche Literatur)Kristina Böhm: Kinderärztin und Sozialpolitikerin: Charlotte (Lotte) Landé, verh. Czempin. In: Geschichte im Wuppertal. 10(2001), S. 107–110 Sie gehörte zur ersten Generation von Frauen, die in Deutschland ihr medizinisches Staatsexamen ablegten. Sie wurde von den Nationalsozialisten aus ihrem Amt entfernt.
Familie mini|hochkant|Von links: der jüngere Bruder Franz, die Mutter Thekla und Charlotte im Garten der Familie in Elberfeld, um 1905
Charlotte Landé wurde als zweites von vier Kindern in eine liberale, aufgeschlossene, bürgerliche und vom damaligen Verständnis des Sozialismus geprägte Familie jüdischer Herkunft hineingeboren, die jedoch keine religiösen Bindungen pflegte.Stadtarchiv Frankfurt am Main: Städtische Personalakte 134.511, Fragebogen zur Einstellungsuntersuchung beim Stadtgesundheitsamt vom 27. August 1926Herbert Champain: Autobiographische Tonbandaufzeichnung mit Charlotte Champain-Landé in Oberursel (Taunus), Tonband 1, 1977
Ihr Vater Hugo Landé (1859–1936) war ein angesehener Rechtsanwalt und aktiver Sozialdemokrat, dessen politische Aktivität bei Friedrich Engels und Karl Kautsky Beachtung fand. Im Jahre 1909 zog er als einer der ersten Sozialdemokraten in die Elberfelder Stadtverordnetenversammlung ein. Im Sommer 1919 war er Fraktionsführer der SPD im Elberfelder Stadtrat und Regierungspräsident in Düsseldorf. Charlottes Mutter Thekla Landé (1864–1932) war ebenso Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und wurde wie ihr Ehemann im Jahre 1919 Stadtverordnete. Sie war die erste weibliche Stadtverordnete im Rheinland und in ihren politischen Wirken auf das Wohlfahrtwesen sowie die Bildung von Mädchen und Frauen fokussiert.
Charlottes ältester Bruder Alfred (1888–1976) studierte Theoretische Physik, der jüngere Bruder Franz (1893–1942) zunächst Rechtswissenschaft und Nationalökonomie. In Berlin besuchte Franz zusätzlich musiktheoretische Kurse bei Wilhelm Klatte am Stern’schen Konservatorium und entschied sich schließlich beruflich für die Musik. Die jüngere Schwester Eva (1901–1977)Bekannte Mitglieder im Verband deutscher Lehreremigranten: Eva Landé und Erich Stedeli machte ihr Abitur ebenfalls als Externe an der Odenwaldschule und wurde Lehrerin, zunächst an der reformpädagogischen Neuen Schule Hellerau in Hellerau bei Dresden, später an einer Volksschule in Chemnitz. Seit 1933 lebte sie mit ihrer Familie im Exil.
Schulzeit Charlotte, in der Familie Lotte genannt, besuchte neun Jahre die Höhere Töchterschule Elberfeld (genannt „Sarresschule“) in der Weststadt. Danach absolvierte sie im Verlauf von vier Jahren einen nachmittags stattfindenden dreistündigen Realgymnasialkurs, den ihre Mutter für zehn Mädchen im Alter zwischen 15 und 25 ins Leben gerufen hatte – eine damals nicht unübliche Initiative, da Mädchen noch keinen Zugang zu den Gymnasien hatten. Den Unterricht hielten entsprechend aufgeschlossene Lehrer des Städtischen Gymnasiums Elberfeld, für die Naturwissenschaften wurden die Laboratorien des Realgymnasiums zur Verfügung gestellt. Ostern 1909 erhielt Charlotte Landé als Externe das Zeugnis der Reife am Realgymnasium in Remscheid.
Studium mini|Allgemeines Krankenhaus Altona, an dem Charlotte Landé in den Sommersemesterferien 1912 ein klinisches Praktikum absolvierte
Im Sommersemester 1909 nahm sie ihr Studium der Humanmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München auf. Schon im Sommersemester 1910 wechselte sie an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Zum Wintersemester 1910/1911 kehrte sie nach München zurück und teilte dort für die beiden folgenden Semester ihr Zimmer mit ihrem älteren Bruder Alfred. Im Sommer 1911 legte sie nach fünf vorklinischen Semestern ihr Physikum ab und ging zum ersten klinischen Semester an die Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Während des Perkussions- und Auskultationskurses machte sie durch ihr von der Musik geschultes Gehör und ihre außerordentliche Fähigkeit, Gehörtes beschreiben zu können, auf sich aufmerksam. Der Kliniker Gustav von Bergmann (1878–1955) nahm sie in den Sommersemesterferien 1912 mit an das Allgemeine Krankenhaus Altona, wo sie ein Praktikum absolvieren konnte. Im Sommersemester 1913 begann Charlotte Landé ihre Dissertation und war als Famula an der Romberg’schen Klinik in München tätig. Am 19. Mai 1914 bestand Landé ihr Staatsexamen mit dem Prädikat „Sehr gut“. Etwa zur gleichen Zeit reichte sie ihre Dissertation über „Die Palpabilität der Arterien“ ein, die noch im selben Jahr im Deutschen Archiv für Klinische Medizin veröffentlicht wurde. Der Approbationsordnung folgend, absolvierte Landé im Anschluss ihr Praktisches Jahr als Medizinalpraktikantin, das sie ab Mitte 1914 wiederum in der Romberg’schen Klinik ableisten konnte.
Diese Situation änderte sich jedoch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs vollständig. Der Bedarf der Streitkräfte an medizinischem Personal wurde vorrangig, so dass zahlreiche Mediziner der Reserve einberufen wurden. Das Praktische Jahr wurde gestrichen, per Bundesratsbeschluss vom 6. August 1914 zur „Notapprobation“ verkürzte sich die Zeit zum Ablegen des Staatsexamens auf zwei Tage. Für Landé hatte dies zur Folge, dass sie nach nur zweimonatigem Medizinalpraktikum am 1. August 1914 approbiert wurde.
Berufliche und private Entwicklung mini|hochkant|Foto vom 25. Mai 1918, zur Zeit des Ersten Weltkrieges anlässlich ihres 28. Geburtstags während ihrer Arbeit als Ärztin im Kaiserin-Auguste-Victoria-Haus in Berlin
München Der Krieg bewirkte an den Kliniken einen erheblichen Personalmangel. Die vierundzwanzigjährige Landé musste als Assistenzärztin zusammen mit einer Kollegin, einem nicht militärdienstfähigen Assistenzarzt, einem Oberarzt und dem Chefarzt Ernst von Romberg (1865–1933) bis Weihnachten 1914 den Betrieb der Universitätsklinik München aufrechterhalten. Während dieser Zeit überlegte sich Charlotte Landé, in welchem Fachgebiet sie sich weiterbilden sollte. Sie entschied sich für eines ihrer Lieblingsfächer während des Studiums, die Kinderheilkunde.
Göttingen Ende 1914 wechselte Landé von München an die Universitätskinderklinik Göttingen. Die dort ab 1. Januar 1915 aufgrund des Mangels männlicher Kollegen freie Stelle als Assistenzärztin erhielt sie auf Vermittlung ihres älteren Bruders Alfred, der zu dieser Zeit bei dem Göttinger Mathematiker David Hilbert als wissenschaftlicher Assistent beschäftigt war. Trotz ihrer starken Beanspruchung nutzte sie ihre Zeit in Göttingen, um wissenschaftlich zu arbeiten.
Berlin (1) mini|Im Kaiserin-Auguste-Victoria-Haus in (Berlin-)Charlottenburg entstand eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten von Charlotte Landé mini|Charlotte Landé (vierte von links) im Kreis ihrer Ärztekollegen am Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus in Berlin (1917 bis 1920)
Auf Empfehlung des Göttinger Chefarztes Friedrich Göppert (1870–1927) trat Landé am 1. April 1917 bei Leopold Langstein (1876–1933) ihren Dienst als Assistenzärztin im Kaiserin-Auguste-Victoria-Haus (KAVH) in (Berlin-)Charlottenburg an. auf: zeitzeichen.paritaet.org Das 1909 eröffnete KAVH übernahm im Kampf gegen die hohe Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich eine Vorreiter- und Vorbildfunktion.„Kaiserin-Auguste-Victoria-Haus wird 100 Jahre alt“ auf: aerzteportal.charite.de, Meldung vom 17. Juni 2009 Während ihrer Zeit im KAVH konnte Landé auf dem Gelände in einer Dienstwohnung unterkommen. Langstein förderte die wissenschaftliche Arbeit seiner Assistenten, indem er ihnen für mehrere Stunden täglich Sekretärinnen zur Verfügung stellte. Die Anzahl der wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Publikationen von Charlotte Landé während ihrer Zeit am KAVH war mit 21 Arbeiten entsprechend hoch. Am 31. März 1920 beendete Landé ihre Arbeit am KAVH.
Breslau mini|hochkant|Charlotte Landé, Foto wohl Anfang der 1920er Jahre in Breslau
Mit einer äußerst lobenden Empfehlung von Langstein wechselte Landé zum 1. Juni 1920 auf eine Stelle als Sekundararzt unter Walther Freund (1874–1952) an das Städtische Säuglingsheim und Kinderobdach in Breslau. Dort wurde sie auch Ärztin beim Fürsorgeamt.
Aufgrund ihrer überwiegend in Berlin ausgeführten Arbeit für das in diesem Jahr erschienene Preußische Hebammenlehrbuch im Auftrag des preußischen Ministers für Volksgesundheit, Adam Stegerwald, wurde ihr vom Kultusminister der Professorentitel angetragen, den sie jedoch mit dem Hinweis ablehnte, dies sei keine wissenschaftliche Arbeit gewesen; man werde sie dann mit Recht Hebammenprofessor nennen. Zudem sei der Professorentitel eine Alterserscheinung, ein Status, den sie noch nicht erreicht habe.Herbert Champain: Autobiographische Tonbandaufzeichnung mit Charlotte Champain-Landé in Oberursel (Taunus), Tonband 2, 1977 Titularprofessuren erhielten damals nur Personen, die nicht für eine Hochschullaufbahn in Betracht kamen. Landé wollte sich diese Option jedoch offenhalten, damit ihre wissenschaftlichen Leistungen ernst genommen werden.
Im selben Jahr trat Landé auf Anraten von Bekannten in die SPD ein, ein zustimmendes Votum für die Weimarer Republik. Allerdings verließ sie die Partei bereits 1921.Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Personalakte 134.513; Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933/12. Juni 1933Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Magistratakten Az. 7.113 Bd. 1 Entlassung Landé vom 7. Juli 1933 Zum 30. September 1922 gab sie die Stelle in Breslau auf und kehrte nach Berlin zurück, um dort Erfahrungen mit älteren Kindern zu sammeln.
Berlin (2) mini|Das Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus in Berlin-Wedding, um 1890, in dem Charlotte Landé ab 1922 tätig war
Am 1. Oktober 1922 trat sie ihre neue Stelle als Erste Assistenzärztin am Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus (KKFK) unter Heinrich Finkelstein (1865–1942) an. Diese Kinderklinik war 1890 eröffnet worden und galt als eines der modernsten Kinderkrankenhäuser im Deutschen Reich. auf: egzb.de auf: egzb.de Nach insgesamt zwölf Jahren fachlicher Ausbildung als Kinderärztin und wissenschaftlicher Arbeit an verschiedenen Universitätskliniken sowie 25 Veröffentlichungen in Fachzeitschriften beendete Charlotte Landé Anfang 1926 ihre Tätigkeit in Berlin. Trotz ausgezeichneter Beurteilungen und einer bemerkenswerten wissenschaftlichen Arbeit war sie wegen der Benachteiligung von Frauen nicht über die Position einer Assistenzärztin hinausgekommen. Sie suchte nach einer Position, die ihr mehr Selbständigkeit versprach.
Frankfurt am Main (1) Zum 1. Oktober 1926 erhielt Landé die Stelle einer Stadtassistenzärztin beim Stadtgesundheitsamt der Stadt Frankfurt.Sitzungsbeschluss Nr. 57 vom 8. Oktober 1926, Deputation des städtischen Gesundheitsamtes zur Einstellung von Lotte Landé per 1. Oktober 1926. Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Personalakte 134.511, Magistratsakte 7.113, Band 1 Bereits zwei Jahre später, zum 1. April 1928, wurde sie zur Stadtärztin ernannt – eine Stellung mit hohem gesellschaftlichen Renommée.Anstellungs-Urkunde Lotte Landé zur Stadtärztin vom 22. Oktober 1928. Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Personalakte 134.511, Magistratsakte 7.113, Band 1