Lloyd’s Reiseführer waren mit Illustrationen und Karten ausgestattete Reiseführer in deutscher und teilweise in englischer und französischer Sprache, die von 1854 bis 1881 zunächst jeweils als „Reisehandbuch“ in „Lloyd’s illustrirte Reisebibliothek“ von der Literarisch-Artistischen-Abtheilung des Österreichischen Lloyd, später von der Literarisch-Artistische[n] Anstalt (Julius Ohswaldt.), sowie in den Jahren 1901 und 1902 als „Officielles Reisehandbuch der Dampfschiffahrtsgesellschaft des Österreichischen Lloyd“, hier auch in italienischer Sprache, verlegt wurden.

Lloyd’s illustrirte Reisebibliothek mini|hochkant=0.6|Varianten der Buchrücken von Lloyd’s illustrirte(r) Reisebibliothek, Broschur, Pappband und Calikoeinbände Allgemeines zur Illustrirten Reisebibliothek Vor allem durch den raschen Ausbau des Eisenbahnnetzes in Mitteleuropa nahm ab Mitte des 19. Jahrhunderts das Reiseinteresse des wirtschaftlich aufstrebenden Bürgertums in allen entwickelten Ländern Europas stark zu. Damit ging ein rasch wachsender Bedarf an handlichen Reiseführern, in denen die zur Reisedurchführung erforderlichen Informationen in knapper Form zusammengestellt sind, einher. Um diesen zu befriedigen, legten in Deutschland vor allem Karl Baedeker und das Bibliographische Institut mit Meyers Reisebüchern, in England John Murray und in Frankreich Adolphe Joanne Reisebücher-Reihen auf, die sich bald wachsender Beliebtheit erfreuten. Im Kaiserreich Österreich griff diesen Trend u. a. der Österreichische Lloyd auf, der seinen Sitz in der Adriastadt Triest, Österreichs Tor zum Meer, hatte. Gerade die Adria und die Mittelmeerregion erfreuten sich bei der wohlhabenderen Bevölkerung des österreichischen Binnenlandes im 19. Jahrhundert einer wachsenden Beliebtheit als Reiseziel, waren sie doch per Eisenbahn und Schiff ab Sommer 1857 direkt erreichbar geworden. Doch bereits im Jahre 1852 hatte die für die Verlagstätigkeit des Österreichischen Lloyd 1849 gegründete 3. Sektion begonnen, mit aufwendigen Illustrationen ausgestattete Reiseführer zu publizieren; dabei war der erste Band dem Ort des Unternehmenssitzes Triest gewidmet. Sie trugen ab 1854 den Untertitel „Reisehandbuch“.

Die mit römischen Ziffern von I bis VIII nummerierten neun Reiseführer – Band VII wies zwei Unternummern aufWilhelm Heinsius (Hrsg.), bearbeitet durch Karl Robert Heumann: Allgemeines Bücherlexikon oder vollständiges alphabetisches Verzeichnis aller von 1700 bis zu Ende 1861 erschienenen Bücher welche durch Deutschland und in den durch Sprache und Literatur verwandten Ländern gedruckt worden sind. Leipzig, F.A. Brockhaus 1864, 2. Abt. L-Z, S. 46 – wurden zumeist in der Buchdruckerei des Österreichischen Lloyd gedruckt und kosteten laut den in den Bänden häufig angegebenen Preislisten zwischen 80 Neukreuzer oder 16 Silbergroschen (Adelsberger Grotte) und 3 Gulden oder 2 Talern (Bände der Orientreihe). Die Caliko-Einbände sind – möglicherweise unter Rückgriff auf die schon etwas früher angebotenen Murray’s und Baedeker – in einer dunkelroten Farbe gehalten, kommen bei der Orient-Reihe aber auch in hellrosa und lila sowie – abweichend vom Grundfarbton – sogar dunkelgrüner Farbe vor. Sie tragen den mit Biedermeierornamenten verzierten Namen des beschriebenen Reisegebiets oder der Stadt in goldfarbener Schrift auf dem Vorderdeckel. Bei den Orient-Bänden kommen auch zusätzlich zum Titel Biedermeier-Verzierungen auf den Buchdeckeln vor.Vergleiche die 2. Auflage des „Aegypten“-Bands von 1870 sowie die Erstauflage des „Türkei“-Bands von 1857 und die 3. Auflage desselben Titels von 1881.

Der Buchrücken variiert in seiner Gestaltung sehr stark, wie die nebenstende Abbildung deutlich zeigt. Teilweise trägt er den Reihennahmen (Triest, Venise), zumeist nur den abgekürzten Bandnamen (Venedig, Wien bis Triest). Mitunter ist sogar der Autorenname angegeben (Die Türkei). Die Erstauflage von Venedig (1854) kommt auch in einem Broschureinband vor, und der Band Adelsberg und seine Grotten wurde entsprechend den Angebotslisten in den anderen Bänden wohl ausschließlich so ausgeliefert. In einem Pappband wurden „Triest“ (1852) sowie „Venedig“ (1854) – hier neben der Broschur – und „Venise“ (1855), sämtlich Erstauflagen der Titel, ausgeliefert. Auch die Buchdeckel zeigen bei den Leineneinbänden insgesamt und sogar innerhalb der einzelnen Auflagen bei den einzelnen Ausgaben vielfältige Gestaltungsvarianten. Bei letztgenannten ist dies ein Zeichen dafür, dass sich der Verkauf einer Auflage über einen längeren Zeitraum hingezogen hat, sie also in mehreren Binderaten abgesetzt worden ist.

Inhaltlich gliedern sich die Bände in der Regel in einen historisch-geographischen Abriss, die Beschreibung der Hauptsehenswürdigkeiten und praktische Hinweise zum Reisegebiet, wie Unterkünfte, die Währung nebst Umtauschverhältnissen und Verkehrsmittel.

Die im Juni 1872 lieferbaren 11 Reihentitel wurden nebst Lieferkonditionen von der Literarisch–Artistischen Anstalt im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vom 19. Juni 1872 angezeigt.Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vom 19. Juni 1872, Nr. 140, S. 2275 (Digitalisat der SLB).

Städte- und Ortsbände Ausstattung mini|hochkant=0.8|Lloyd’s Triest (1857), „Handelsflaggen verschiedener seefahrender Nationen“ und „Erläuterungen der Leuchtthurm-Signale zu Triest“ Die behandelten Orte wurden topographisch durch Stadtpläne im Stahlstich (Venedig) bzw. als Lithographie (Triest) sowie Umgebungskarten erschlossen. Im Gegensatz zu den in Deutschland schon damals verbreiteten Baedekern, bei denen zumeist auf Illustrationen verzichtet worden war, wurden in den Lloyd-Reiseführern die wichtigsten Sehenswürdigkeiten mit aufwändigen Stahlstichen abgebildet. Teilweise illustrierten zusätzliche Holzstiche die Beschreibungen direkt im Text. Daneben wurden z. B. den Ausgaben von Triest eine handkolorierte Flaggentafel und ein Plan „Dampfschiffahrt des Österreichischen Lloyd“ – der 2. Auflage zusätzlich ein Eisenbahnfahrplan und ein Grundriss vom neuen Lloydarsenal – sowie dem Band Adelsberg ein Grottenplan und eine Eisenbahnkarte beigegeben. Beim Triest-Band tragen die beiden Erstausgaben einen Titelholzschnitt mit der Abbildung der Piazza della Borsa.

mini|hochkant=0.8|Lloyd’s Triest (1857), „Plan der Dampfschiffahrt“ (Ausschnitt) Triest Die erste Ausgabe für das europäische Gebiet, der Band Triest und seine Umgebungen. Ein Wegweiser für Fremde und Einheimische, erschien bereits 1852 ohne AutorenangabeIm Vorwort zu Bd. I seiner Geschichte der Stadt Triest (Triest 1857, S. II) erwähnte der Autor Jakob Löwenthal, dass Pietro Kandler 1852 eine „Guida“ für Triest, d. h. einen „Leitfaden für Fremde“, vorgelegt habe, der sich nur auf die „vorzüglichsten Ereignisse“ der historischen Entwicklung der Stadt beschränkt habe. Bei der erwähnten „Guida“ (deutsch: Führer) könnte es sich um die Erstausgabe des Führer[s] für Triest und seine Umgebungen, ab der zweiten Auflage war dies Band II der „Illustrirte[n] Reisebibliothek“, aus jenem Jahr handeln. Damit kommt als Autor dieses Titels Kandler in Betracht., aber wohl noch außerhalb der Reihe „Illustrirte Reisebibliothek“. Dies lässt sich ablesen an der Gestaltung des aus Pappe hergestellten Einbands mit einer Abbildung des Kenotaphs von Johann Joachim Winckelmann in Triest und des Titelblatts, auf dem der Börsenplatz (Piazza della Borsa)Vergleiche die italienische Wikipedia. mit der Leopoldsäule abgebildet ist. Diese war in Erinnerung an den 1660 erfolgten Besuch Kaiser Leopolds I. von Stadt und Litorale errichtet worden.Der Besuch von Kaiser Leopold I. wird ausführlich beschrieben in der Diplomarbeit von Daniela Hahn: Zwei Besuche im österreichischen Litorale. Triest als Station der innerösterreichischen Erbhuldigungsreisen Leopold I. 1660 und Karl VI. 1728. Universität Wien, Wien 2013 – online-Abruf Die 1857 folgende 2. Auflage trug dann den Titel Triest. Historisch-topographisches Reisehandbuch für die Besucher dieser Stadt und ihrer Umgebungen und folgte nun der Reihenausstattung, erhielt aber nur die Gesamtbandnummer II, obwohl die Erstauflage des Bandes für Venedig, erst 1854, also später als Triest, verlegt worden war. Neben den Ausführungen zu Triests Geographie, Geschichte, Lebensart und Sehenswürdigkeiten sowie seinen Behörden und Institutionen wurden skizzenhaft viele Orte in der Umgebung Triests beschrieben. Nur gestreift wird u. a. das 1857 noch im Bau befindliche Schloss Miramare ebenso der Gestütsort Lipizza, Triests Vorort Opichina oder der Bischofssitz Parenzo. Ausführlichere Würdigungen erhielten u. a. Schloß Duino, wo der Dichter Rilke über ein halbes Jahrhundert später die ersten drei seiner berühmten Duineser Elegien verfassen sollte, das am weltgrößten Sickersee belegene Zirkniz, die Grottengemeinde Adelsberg – sie erhielt dann 1861 einen eigenen Reiseführer des Lloyd (s. u.) –, die Höhlenburg Lueg und der istrische Küstenort Pola, der mit einem römischen Amphitheater aufwarten konnte.

mini|hochkant=0.8|Lloyd’s Reisehandbuch Venedig (1862), Karte der Lagune mini|hochkant=0.8|Lloyd’s Venedig (1862), Stahlstich Piazza San Marco von Giovanni Pividor (1816–1872)

Venedig Nach der Erstauflage des Bandes Historisch-topographisches-artistisches Reisehandbuch für die Besucher der Lagunenstadt (Gesamtband I) von 1854 – wie bei „Triest“ noch ohne Reihenhinweis – gab es für Venedig nun in Reihenausstattung 1857 und 1862 erweiterte Folgeauflagen, in denen der Maler und Kunstschriftsteller Friedrich Pecht den kunstgeschichtlichen Teil redigiert und ergänzt hatte; außer Friedrich Pecht ist bei keiner Auflage dieses Bands für den Inhalt eine Autorenangabe gemacht worden. Erst bei der letzten Auflage wurde dem Reisenden eine zusätzliche, ausfaltbare Karte der Lagune von Porto Caleri (S), wo sich heute ein botanischer GartenVergleiche die italienische Wikipedia. erstreckt, bis Porto di Piave vecchia (N) – seit 1846 ein LeuchtturmortVergleiche die italienische Wikipedia. –, an die Hand gegeben. Die in der ersten Auflage dem Textteil noch vollständig vorangestellten 12 Stahlstiche der Sehenswürdigkeiten der Stadt von Giovanni PividorDie Stiche waren zuvor in einem separaten Mäppchen unter dem Titel Venise en miniature. Collection de douze Vues sur acier (ital. Venezia in miniatura) bei J. A. Habnit, Venice, Place St. Marc 102 (ohne Jahr), erschienen. sind in den Folgeauflagen den jeweiligen Beschreibungen zugeordnet worden. Ein Stahlstich verblieb jedoch jeweils als Frontispiz. In der dritten Auflage änderte sich die Textanordnung: der bisher auf die 1. Abteilung (Geographisches, Historisches, Kulturgeschichtliches und Kunstgeschichtliches) folgende Textteil „Der Fremde in Venedig“ rückte nun an das Buchende nach der Beschreibung der einzelnen Orte und Sehenswürdigkeiten Venedigs. Bei einer Binderate der dritten Auflage wurde der Stahlstich der Piazetta doppelt eingebunden, dafür fehlt die Piazza.

Adelsberg Den beiden vorgenannten Bänden für größere Städte folgte 1861 als abschließender Gesamtband VIII der „Illustrirten Reisebibliothek“ der von Peter von Radics für seinen Geburtsort verfasste Führer Adelsberg und seine Grotten. Eine historisch-topographische Schilderung des Ortes, seiner Grotten und der nächsten, in seiner Umgebung befindl. Sehenswürdigkeiten. Die Aufnahme der vergleichsweise kleinen Stadt Adelsberg in die Reihe war ihren berühmten Tropfsteinhöhlen geschuldet, die 10 Jahre zuvor, am 11. März 1851, auch durch das Kaiserpaar Franz Joseph I. und Elisabeth besucht worden waren, zumal der Ort seit 1857 eine Bahnstation an der Karstbahn von Laibach nach Triest (Gesamtstrecke: Wien – Triest) erhalten hatte und damit für Besucher sehr gut erreichbar war. Die Vorlagen für die im Bändchen enthaltenen drei Stahlstiche, u. a. eine Ansicht des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Viadukts von Franzdorf (heute: Borovnica in Slowenien), schuf Chapuy.