Die Visio Godeschalci ( für „Vision Gottschalks“) ist der Bericht eines Rodungsbauern namens Gottschalk in Holstein von seiner im Jahre 1189 erlebten Vision.
Zwei verschiedene Geistliche haben ihn unabhängig voneinander befragt und seine Erzählung 1190 in lateinischer Sprache aufgeschrieben. In Gottschalks Vorstellung vom Jenseits mischen sich christliche Bilder mit altnordischen aus vorchristlicher Zeit. Der Visionsbericht vermittelt Einblicke in das Alltagsleben und die Jenseitsvorstellungen eines Angehörigen der sozial niederen Schicht fast am Rande der christlichen Welt im späten 12. Jahrhundert.
Vorgeschichte Gottschalk gehörte in die zweite Generation der Holsten, die Graf Adolf II. 1143 zur Landnahme Wagriens aufgerufen hatte. Vermutlich in den 1170er JahrenAssmann (s. Literatur) S. 12 und S. 95, Anm. 172 kam er aus dem Kirchspiel Nortorf nach Horchen, dem heutigen Großharrie Großharrie ist offenbar der älteste der Harrie-Orte, mit einer Besiedlung bis in die Jungsteinzeit. (Assmann S. 11) Die neuen Siedler legten ihre Dörfer für Bauern ihrer Wirtschaftsweise und Rechtsordnung an; die vorhandene slawische Siedlung wurde verlegt. (Walther Lammers: Das Hochmittelalter bis zur Schlacht bei Bornhöved. Neumünster 1981 S. 303) Kleinharrie wäre dann die jüngere Siedlung. in Mittelholstein, das damals zur Pfarrei des Augustiner Chorherrenstifts Neumünster gehörte und schon 1141 als Ausstattung des Stifts genannt wird. Es war Gottschalks Zehntherr,Bünz, Güterverzeichnis (s. Literatur) S. 94ff. persönlich war er ein freier Mann. Um seine Ackerfläche zu erweitern, rodete er Bäume mit Stubben im angrenzenden Hochwald. Mit seiner fast blinden Frau, seinem schwächlichen Sohn und einem Gaul bewirtschaftete er seine Kate. Gottschalk war immer wieder krank und häufig litt er Not, selbst im Winter ging er barfuß.Assmann (s. Literatur) S. 10–13
Gottschalk gehörte zum militärischen Aufgebot der holsteinischen bäuerlichen Führungsschicht, die Heinrich den Löwen unterstützte und 1189 die Siegesburg belagerte, eine der letzten Stellungen Graf Adolfs III. Vergebens hatte er den Overboden gebeten, ihn wegen Erkrankung von seiner Pflicht zu entbinden. Mit seinen Dorfgenossen erreichte er Segeberg am 10. Dezember. Zwei Tage später kam die Krankheit mit Fieberschauern zum Ausbruch. Bis zum 17. Dezember war er noch ansprechbar und konnte die Kommunion empfangen. Dann schwanden seine Sinne, er konnte nicht mehr sprechen und der Pulsschlag hörte auf. Der Leib wirkte wie entseelt, am 20. entströmte seine Seele, wie Gottschalk später erzählt. In dieser Phase des Scheintods hatte Gottschalk eine Sterbevision.Dinzelbacher (s. Literatur) S. 76Bünz, Neue Forschungen (s. Literatur) S. 79
Visionsbericht Das Motiv von der Wanderung im Jenseits und der Rückkehr in die irdische Welt gehört zur verbreiteten erbaulichen Literatur des Mittelalters, von der Gottschalk aus der Predigt manches erfuhr. Für die Jenseitsreise ist typisch, dass der Visionär in Ekstase oder Schlaf fällt und die Seele den Körper verlässt, der wie tot zurückbleibt. Häufig begleiten Engel den Visionär als Führer. Typisch ist auch, dass er im Jenseits verschiedene Plätze sieht und dass er nach seiner Rückkehr nicht alles erzählen darf. Dass er in der anderen Welt ihm aus dem Leben bekannte Menschen trifft und dort nicht verweilen darf, sind ebenfalls Topoi in der Visionsliteratur des 12. Jahrhunderts.
Gottschalks Weltbild ist durch die Überlieferungen seiner Familie und seiner Dorfgenossen bestimmt, durch die sonntägliche Predigt und die Bilder in der Kirche. Seine Jenseitsvorstellung entspricht im Wesentlichen der kirchlichen Lehre, vor allem auch in dem Glauben, dass das irdische Handeln im Jenseits belohnt oder bestraft wird. In dem erst vor ein oder zwei Generationen wirklich christianisierten Gebiet ist der Volksglaube aber noch stark von der germanischen Mythologie geprägt. Gottschalks Erlebnisse im Jenseits entsprechen dem Volksglauben seiner Zeit und seiner Umgebung. Dinzelbacher (s. Literatur) S. 75f.
Wanderung im Jenseits Gottschalks Vision beginnt mit einem Topos, mit der Ankunft der beiden Engel, die ihn durch das Jenseits geleiten und das Gesehene erläutern. Dinzelbacher (s. Literatur) S. 76 An einer Linde, die mit unzählbar vielen Schuhpaaren behängt war, strömten die Seelen der Toten zusammen. Wer in seinem Leben dem Nächsten nach seinen Möglichkeiten Barmherzigkeit erwiesen hatte, der bekam schützende Schuhe. Dem Toten wurden Schuhe mitgegeben, um ihm den Weg ins Jenseits zu erleichtern. (Lammers Anm. 11) Der Brauch, Totenschuhe mit ins Grab zu geben findet sich schon im vorchristlichen Nordgermanien und in England. In der isländischen Gísla saga werden Totenschuhe erwähnt, und in einem südnorwegischen und einem nordenglischen Volkslied ist vom schützenden Jenseitsschuh die Rede. (Dinzelbacher (s. Literatur) S. 81)
Mit 14 Schuhträgern und ungefähr 120 Unbeschuhten begann der Marsch der Toten durch eine öde Heide mit Dornen und Stacheln. Die ungeschützten Füße wurden zerstochen; Stürzende wurden so zugerichtet, dass an ihnen keine heile Stelle blieb. Als Gottschalk barfuß zusammenbrach, holte ihm sein Engel ein Paar Stiefel von der Linde. Die Linde ist in anderen Visionsberichten nicht anzutreffen. Vielleicht dachte Gottschalk an die Gerichtslinde, unter der eine Strafe erfolgte oder erlassen wurde. (Dinzelbacher (s. Literatur) S. 86) Die Unbeschuhten wurden bestraft, weil sie sich den Geboten Gottes und den Lehren der Priester nicht gehorsam gefügt hatten; zu ihnen gehörte offensichtlich auch Gottschalk. Nachdem alle die dornige Heide passiert hatten, waren 25 der Unbeschuhten von ihren Sünden erlöst und durften sich der Gruppe der Schuhträger anschließen.
Die Seelen kamen an einen breiten Fluss, aus dem die Klingen von Schwertern, Spießen und Lanzen emporragten. Tote, die schwimmend ans andere Ufer mussten, wurden zerfleischt.Gefährliche Flüsse tauchen in mittelalterlichen Jenseitsberichten mehrfach auf. Sie sind Grenzflüsse vor dem Totenreich und symbolisieren den schwierigen Zugang zur anderen Welt. Der waffenstarrende Fluss steht in der vorchristlich-nordgermanischen Tradition. Einen ähnlichen Fluss gibt es in der Völuspá, und auch der dänische Autor Saxo Grammaticus kennt den waffenführenden Fluss in der Funktion der reinigenden Strafe. (Dinzelbacher (s. Literatur) S. 90f.) Im Strom schwimmende Balken glitten ans Ufer, nahmen die Beschuhten auf und brachten sie selbsttätig unverletzt auf die andere Seite.Der Gedanke an Balken, die sich wie vernunftbegabte Wesen bewegen und als Jenseitsbrücke dienen, taucht offenbar hier zum ersten Mal auf. Wer im Zeitalter des Landesausbaus und der Bodenmelioration freiwillig dem Gemeinwohl gedient, Wege gangbar gemacht, im Schlamm Dämme errichtet und Brücken gebaut oder renoviert hatte, den nahmen die Balken auf.Die Erfüllung dieser Aufgabe war gleichbedeutend mit menschlicher Barmherzigkeit. (Lammers Anm. 13) Bis auf sechs waren jetzt alle entsühnt. Gottschalks erster Tag in der jenseitigen Welt ging zu Ende.
Mit den in ihrer Gestalt wieder hergestellten Seelen formierte sich der Zug in der Reihenfolge der Erlösung. An einer Weggabelung Im Bild von der Weggabelung erscheint die im Mittelalter wichtige Bedeutung von rechts und links. Der Rechten wird alles Gute zugeordnet, der Linken alles Schwache und Böse. (Bünz, Neue Forschungen S. 93) führte der helle und breite Mittelweg geradeaus; er war für die Guten bestimmt. Der enge und morastige linke Weg für die hoffnungslosen Sünder ging in die Tiefe und war auf beiden Seiten von hohen Mauern gesäumt. Der Gestank aus diesem Weg zur Hölle verpestete die Luft und war der Anlass für Gottschalks sich später verschlimmernde Krankheit. Der Weg zur Rechten für die Vollkommenen strebte feurig glänzend himmelwärts. Fünf Schuhträger wies ein Engel nach rechts. Die sechs noch nicht Entlasteten am Ende des Zugs befahl er auf einen Pfad zwischen Abgrund und Mittelweg durch unwegsames, finsteres Gelände. Mit Abstand folgte ein Schwerbelasteter, dessen Identität Gottschalk nicht preisgibt. Mit diesem Pfad gibt es vier Wege in Gottschalks Vision, wie in einer mittelenglischen Legende, wo von den Wegen in den Himmel, ins Paradies, ins Fegefeuer und in die Hölle die Rede ist. (Dinzelbacher (s. Literatur) Anm. 189) Von den Vollkommenen hörte man lieblichen Jubelgesang; sie leuchteten in unvergleichbarem Licht und meisterten leichtfüßig den steilen Aufstieg. Die Wanderer auf dem Mittelweg durch eine liebliche Landschaft besangen heiter die Herrlichkeit Gottes. Die sechs noch nicht Entsühnten am Ende des Zugs seufzten und klagten. Gottschalk wurde zu ihrem Führer bestimmt und befürchtete Schlimmes. Aber sein Engel tröstete ihn, er werde die Bestrafungen zwar sehen, aber seine Engel würden ihn schützen.
Am Ende des zweiten Tages loderte ein Feuer Auch die Theologen glaubten, dass das Fegefeuer ein konkretes Feuer ist. (Dinzelbacher (s. Literatur) S. 93) von unermesslicher Hitze auf der Fläche eines Neunecks. Die Neunzahl spielte im Germanischen eine bedeutende Rolle. (Dinzelbacher (s. Literatur) S. 94) Neun Dämonen quälten die Büßer auf vielfältige Weise: Sünder legten einen Arm ins Feuer, einen Fuß oder eine andere Körperpartie. Wer an der Hand gestraft wurde, war ein Dieb und wer an den Füßen gebrannt wurde, ging auf falschen Wegen. Die Szenen geben Einblick in das Alltagsleben und in die Rechtspraxis der Zeit. (Dinzelbacher (s. Literatur) S. 94) Noch in einiger Entfernung wurde Gottschalks linke Seite von der Gluthitze gestreift, und er spürte einen heftigen Schmerz. Gottschalk sah einflussreiche Männer im Feuer, einen ehemaligen Overboden und Angehörige der holsteinischen bäuerlichen Führungsschicht, die Heinrich den Löwen unterstützte. Im Ringen um die Landesherrschaft stand Gottschalk auf der Seite der Grafen von Schauenburg und Holstein und der Kirche. (Lammers Anm. 17)
Nachdem Gottschalk Sünder im Feuer gesehen hatte, führten ihn seine Engel auf den Mittelweg zurück, der immer breiter, immer heller leuchtend nach oben führte. Zwei Seelen aus der ehemaligen Sechsergruppe, die durch die Folter entsühnt waren, begleiteten ihn; 25 weitere Erlöste schlossen sich an und folgten dem Zug, gemeinsam sangen sie frohe Lieder. Aus dem Weg wurde eine breite, glänzend schöne Straße und aus einem hohen prachtvollen Haus erklangen fröhliche Lieder. Die Straße wurde nochmals breiter mit einem größeren Haus, dessen Bewohner noch wohltönender sangen. Noch einmal wurde die Straße breiter mit einem Gebäude, das die gesehenen an Größe, Pracht und Zahl der jubelnd singenden Bewohner übertraf. Gottschalk bedauerte, dass er seine Engel nicht nach der Bedeutung dieser Stufung der Straße, der Häuser und ihrer Bewohner zur Weite, Schönheit, Helligkeit und Freude gefragt hatte. Ein wundersamer Duft spendete den Wanderern Kraft, und Gottschalk hatte kein Verlangen mehr nach Speisen. Sicher hatte Gottschalk vom Weg in das Land der Lebenden gehört, der voll duftender Blumen in dreifacher Stufung zum Himmel führt, wie es bei Bonifatius in seinen Briefen bei der Himmelsbeschreibung vorkommt. (Lammers Anm. 21 und Anm. 19) Bei Gottschalk führt der Weg, dreifach gestuft, ins Paradies, in das Reich der Lebenden. Die duftenden Blumen werden zum wundersamen Duft, der den Wanderern die Nahrung ersetzte.