mini|Wibke Bruhns (2012) Wibke Gertrud Bruhns (geborene Klamroth; * 8. September 1938 in Halberstadt; † 20. Juni 2019 in Hamburg) war eine deutsche Journalistin und Autorin. Sie präsentierte 1971/72 in der Spätausgabe der Sendung heute im ZDF als erste Frau im Fernsehen der Bundesrepublik Deutschland eine Nachrichtensendung. Nach einem abgebrochenen Volontariat bei der Bild-Zeitung arbeitete sie als Redakteurin und Moderatorin in verschiedenen öffentlich-rechtlichen deutschen Hörfunk- und Fernsehsendern (NDR, WDR, SWF, VOX) und war Auslandskorrespondentin der Zeitschrift Stern in Jerusalem und Washington, D.C. sowie Sprecherin der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover.

Leben Kindheit, Jugend und Familie Wibke Bruhns war das jüngste von fünf Kindern des Kaufmanns Hans Georg Klamroth und seiner Frau Else. Klamroth war Mitglied der Reiter-SS und im Zweiten Weltkrieg als Major der Reserve Abwehroffizier in der Wehrmacht. Er wurde am 15. August 1944 als Mitwisser des Hitler-Attentates vom 20. Juli wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und am 26. August 1944 in Plötzensee hingerichtet.

Else Klamroth, geborene Podeus, war die Tochter eines Fabrikanten aus Wismar.Wibke Bruhns: Meines Vaters Land; S. 158, Econ Verlag, 2004, ISBN 3-430-11571-X. In der Zeit des Nationalsozialismus war sie Ortsgruppenleiterin der NS-Frauenschaft in Halberstadt. Nach dem Tod ihres Mannes musste sie ihre Kinder allein großziehen. Im Sommer 1948 zog die Familie von Halberstadt nach Braunschweig. In Mattierzoll führte Else Klamroth zunächst eine Dependance des Halberstädter Familienunternehmens, dennoch war die Familie in finanziellen Nöten und lebte von Spenden des Hilfswerks 20. Juli. Im Jahr 1949 war Wibke Bruhns vorübergehend in einem Kinderheim in Gaienhofen am Bodensee untergebracht.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 9–19. Nach jahrelangen Verhandlungen wurde Else Klamroth eine Entschädigung für die Verurteilung und Hinrichtung ihres Mannes zugesprochen.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 52. 1949 trat sie in den diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland ein und zog mit ihren Kindern nach Stockholm, wo sie Referatsleiterin an der deutschen Botschaft wurde.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 27.

Eine Schwester von Bruhns war die Juristin und Autorin Sabine Klamroth. Bruhns heiratete 1961 den Werbekaufmann Peter Teichgräber, die Ehe wurde im Jahr darauf geschieden. Von 1965 bis zu dessen Tod 1977 war sie mit dem Schauspieler Werner Bruhns verheiratet. Aus dieser Ehe gingen die beiden Töchter hervor. Ihre älteste Tochter, Annika Bruhns, geboren 1966, ist Schauspielerin und Sängerin. Ihre zweite Tochter, Meike Bruhns, geboren 1968, ist Journalistin.Wibke Bruhns (2012): Nachrichtenzeit. Meine unfertigen Erinnerungen. München: Droemer Verlag, S. 91.Wibke und Meike Bruhns: »Du kannst das«, taz.de, taz, Ausgabe 9959 vom 7. November 2012, S. 7.

Bruhns war eine Großtante des TV-Moderators Louis Klamroth (Hart aber fair).

Ausbildung Bruhns besuchte in ihrer Schulzeit mehrere Internate. Vor dem Umzug nach Schweden ermöglichte ihr ein Stipendium des Hilfswerks 20. Juli, das evangelische Bugenhagen-Internat in Timmendorfer Strand zu besuchen. Später besuchte sie ein Internat in Plön, das sie wegen einer Beziehung zu einem Mitschüler verlassen musste. Die Abiturprüfungen legte Bruhns in Berlin ab. Danach ging sie für ein halbes Jahr nach London, wo ihre Mutter in der deutschen Botschaft arbeitete. Anschließend besuchte sie ein Jahr eine Handelsschule.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 30, 44, 51, 62. Ein Hochschulstudium der Geschichte und Politikwissenschaften in Hamburg führte sie nicht zu Ende.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 65.

Arbeit in den Medien Erste Berufserfahrungen als Journalistin Ihre ersten journalistischen Erfahrungen sammelte Bruhns bei der Bild-Zeitung. Dort begann sie 1960 ein Volontariat, das sie jedoch abbrach, als sie mit einem Artikel, der anlässlich des Baus der Berliner Mauer in Bild erschien, nicht einverstanden war. Darin wurde die Politik der DDR mit der Machtergreifung Adolf Hitlers verglichen.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 67–68. Diese Gleichsetzung empfand Bruhns als Geschichtsfälschung.

Arbeit bei Hörfunk und Fernsehen Von 1968 bis 1971 war Bruhns freie Mitarbeiterin der Wochenzeitung Die Zeit und insbesondere des NDR-Hörfunks.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 69–71. Hier erhielt sie erstmals breitere Aufmerksamkeit, indem sie im Wechsel mit Monika Jetter und Henning Venske die auf den Musikgeschmack der Jugend abgestimmte Sendung Fünf-Uhr-Club moderierte.

Im NDR-Fernsehen leistete sie außerdem, ebenfalls als freie Mitarbeiterin, regionale Berichterstattung für die Redaktion „Mensch und Landschaft“. Mit dem Vorgesetzten dieser Redaktion wechselte sie später zum neu gegründeten ZDF,Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 68–69. wo sie unter anderem Die Drehscheibe moderierte und am Aufbau des Hamburger ZDF-Studios beteiligt war.

Erste Nachrichtensprecherin in der BRD Am 12. Mai 1971 moderierte Bruhns erstmals die Spätausgabe der ZDF-Nachrichtensendung heute. Sie war damit die erste Nachrichtensprecherin im bundesdeutschen Fernsehen.In der DDR hatte Anne-Rose Neumann bereits 1963 erstmals Nachrichten in der Aktuellen Kamera gesprochen. Die Tatsache, dass eine Frau Nachrichten verlas, provozierte Kritik. Ablehnende Briefe kamen vor allem von Zuschauerinnen, die Bruhns aufforderten, sich lieber um Mann und Kinder zu kümmern. Unterdessen wurde Bruhns von anderen Gruppen, darunter Gewerkschafterinnen und Feministinnen, als Vorbild gefeiert. Sie selbst sah sich nicht als Mitglied der Frauenbewegung: „Gewerkschaftsfrauen hoben mich auf ihren Schild, Frauenzeitschriften boten Schützenhilfe, und als Alice Schwarzer einen Monat später ihre Kampagne ‚Wir haben abgetrieben‘ im Stern startete, mutierte ich, obwohl völlig unbeteiligt, in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer der Vorkämpferinnen der offenbar völlig abgedrehten deutschen Frauen“.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 78. Die Arbeit einer Nachrichtensprecherin befriedigte Bruhns kaum: „Anderer Leute Texte vorzulesen ohne eigene Interpretation war mein Ding nicht. […] Ich wollte weg. Dann aber sähe das aus, gaben die ZDF-Oberen zu bedenken, als sei das ‚Experiment‘ Nachrichtenfrau gescheitert. Das wollte ich nicht riskieren.“Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 78–79. Während ihrer Zeit bei heute unterstützte Bruhns den Wahlkampf von Willy Brandt, was weitere Kritik hervorrief. Nach 380 Sendungen kündigte sie und widmete sich eine Zeitlang vor allem der Familie.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 91.

Wechsel zu WDR und SWF Anfang 1973 stieg sie wieder ins Berufsleben ein und arbeitete beim WDR unter anderem für das politische Magazin Panorama. 1974 wurde sie außerdem für den Südwestfunk tätig.

Redakteurin beim Stern Neben ihrer Arbeit beim WDR begann Bruhns als freie Mitarbeiterin Artikel für die Zeitschrift Stern zu schreiben.

Korrespondentin in Israel Bruhns zog für den Stern 1979 als Nahost-Korrespondentin nach Jerusalem. In dieser Position führte sie unter anderem Interviews mit Adnan Jabar, dem Attentäter von Hebron, Jassir Arafat, Mosche Dajan und Abu IjadWibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 190–275. und berichtete über den libanesischen Bürgerkrieg.Bei Ausbruch des Bürgerkriegs besuchte sie gerade den deutschen Botschafter in Beirut, Rüdiger von Pachelbel, und erlebte, dass die Botschaft beschossen wurde.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 195.

Am 25. April 1983 publizierte der Stern die sogenannten Hitler-Tagebücher. Eine Woche später wurden sie als Fälschung entlarvt, und die zuständigen Chefredakteure der Zeitschrift traten zurück. Bruhns gehörte der Kommission für die Neubesetzung ihrer Stellen an. Im Zuge der Affäre um die gefälschten Tagebücher trat sie auch in der Fernsehsendung Der Internationale Frühschoppen auf, in der sie die Handlungsweise des Stern kritisierte.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 249.

Im Jahr 1983 beschloss sie, Jerusalem zu verlassen. Als Grund nannte sie später: „Die Freude war zermürbt in Erschöpfung. Meine Neugier war nicht mehr bereit, jeden Tag die neue Katastrophe zu erwarten.“Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 291. Ihre Erlebnisse als Nahost-Korrespondentin hielt sie in ihrem Buch Mein Jerusalem (1982) fest.

Korrespondentin in den USA Vom Sommer 1985 an war Bruhns Korrespondentin des Stern in Washington, D.C. Sie berichtete unter anderem über das politische Geschehen in der Amtszeit Ronald Reagans, die verschiedenen Religionsgemeinschaften in Nordamerika, den INF-Vertrag zur Vernichtung von Atomwaffen und führte Interviews unter anderem mit dem Physiker Edward Teller, der als „Vater der Wasserstoffbombe“ bekannt wurde.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 306–332. Für eine Reportage für die Zeitschrift Geo über das Vietnam-Denkmal in Washington wurde sie mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet.

Spätere Berufsjahre und Lebensende Nach vier Jahren in den USA kehrte Bruhns nach Europa zurück und zog zunächst nach Ingolsheim im Elsass.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 350 ff. Ab 1989 arbeitete sie wieder für den WDR und moderierte im dritten Fernsehprogramm des Senders mit Gisela Marx die politische Talkshow Drei vor Mitternacht. Außerdem moderierte sie regelmäßig im Wechsel mit Marx, Dieter Thoma, Manfred Erdenberger u. a. das Mittagsmagazin im WDR-Hörfunk, machte Sendungen bei der Deutschen Welle, drehte Filme für Arte und den Südwestfunk und schrieb Kolumnen und Kommentare für Printmedien, darunter die Abendzeitung, die Zeitschrift Natur und weiterhin der Stern.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 355/394.

Von 1993 an moderierte Bruhns die Nachrichten im neuen Fernsehsender VOX. Nachdem VOX am 1. April 1994 in die Liquidation gegangen und 250 Mitarbeitern gekündigt worden war, wechselte sie 1995 zum Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg, dessen Kulturchefin sie wurde.

Im Jahr 2000 war sie Sprecherin der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover.

mini|hochkant|Grabstätte auf dem Friedhof Ohlsdorf Wibke Bruhns lebte zuletzt in Berlin.Grande Dame mit Haltung und Hartnäckigkeit Sie starb am 20. Juni 2019. Am 19. Juli 2019 fand in der Kapelle 13 auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg zu ihren Ehren eine Trauerfeier statt, der 170 Familienangehörige und Kollegen beiwohnten. Beigesetzt ist Bruhns an der Grabstelle BK 61-1121.Die Ruhestätten von Hamburgs Persönlichkeiten In zahlreichen Zeitungsmeldungen, TV- und Hörfunkberichten wurde insbesondere an ihre Rolle als erste Nachrichtensprecherin des bundesdeutschen Fernsehens erinnert.

Politisches Engagement Schon als Studentin in Hamburg war Bruhns Mitglied der SPD. Kurz nachdem sie als Nachrichtensprecherin bekannt geworden war, unterstützte sie aktiv den SPD-Wahlkampf von Bundeskanzler Willy Brandt 1972.Hamburger Abendblatt Für zahlreiche Wahlveranstaltungen tourte sie durch ganz Deutschland, was für Kritik und Aufruhr sorgte. Währenddessen beauftragte die CDU die Erstellung eines Gutachtens, das klären sollte, ob es erlaubt sei, als Angestellte eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders politisch aktiv zu sein. Das Gutachten ergab, dass dies nicht erlaubt sei, allerdings wurde es erst nach dem Wahlkampf fertiggestellt.Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit, S. 80–82. Das Gerücht, sie habe eine Liebesbeziehung zu Willy Brandt unterhalten, dementierte BruhnsNachrichtenfrau Bruhns: Kein Sex mit Willy Brandt, augsburger-allgemeine.de vom 1. März 2012 und gewann mehrere Gerichtsverfahren gegen Medien, die solche Gerüchte verbreiteten.Die erste Nachrichtenfrau Westdeutschlands, biografisches Langinterview im Deutschlandfunk Kultur, gesendet und abgerufen am 20. Dezember 2018.

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