Der Pietismus (von lateinisch pietas; „Gottesfurcht“, „Frömmigkeit“) ist eine seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Erscheinung getretene Frömmigkeitsbewegung mit einem auf die christliche Spiritualität gesetzten Schwerpunkt und zugleich nach der Reformation die wichtigste Reformbewegung im kontinentaleuropäischen Protestantismus.Martin Brecht: Geschichte des Pietismus. Bd. 1, S. 2.Martin H. Jung: Pietismus., 2005, Fischer, S. 3. Im theologisch-wissenschaftlichen Kontext ist mit Pietismus heute in der Regel der klassische Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts gemeint. Im kirchlichen/christlichen Alltag werden zum Teil spätere und gegenwärtige Strömungen mit ähnlichem Inhalt und ähnlicher Zielsetzung auch noch dem Pietismus zugerechnet.

Der klassische Pietismus plädierte (ähnlich wie die oben genannten späteren und gegenwärtigen Strömungen) für einen persönlich-individuellen lebendigen Glauben, der sich an der Bibel orientiert und lebensverändernd ist, der also Auswirkungen auf die gelebte Lebenspraxis und den Alltag hat. Es geht dabei nicht primär um äußere Taten und Rituale, es geht um die „innere Verwandlung“ des Menschen (Wiedergeburt), der dann innerlich von Gott und der christlichen Botschaft so „berührt, ergriffen und erfüllt“ ist, dass es sich nach außen durch Werke der Liebe zeigt. Große Bedeutung haben im Pietismus auch die interkonfessionelle Gemeinschaft der Christen untereinander sowie das Engagement von Laien.

Theologisch versteht sich der Pietismus als eine Besinnung auf zentrale Anliegen der Reformation (etwa Ersatz des toten Buchstabenglaubens durch einen lebendigen Glauben, wahre Gottesfurcht und werktätige Liebe), die jedoch durch die Aufnahme anderer Traditionsstränge in spezifischer Weise umgeformt wurden. Das fromme Subjekt rückt in den Fokus der pietistischen Bewegung, die reine Lehre sowie die kirchliche Einheit geraten dabei in den Hintergrund. So findet sich einerseits in der pietistischen Bewegung ein moderner, „frühaufklärerischer“Siegfried Wollgast: Pietismus zweier Generationen und Katholizismus als Exponenten der Frühaufklärung. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 14, 1996, S. 403–419, hier insbesondere S. 412 f. Zug, da sie der Persönlichkeit des Einzelnen, zu dessen frommer Pflicht die Selbstbeobachtung gehören sollte, einen hohen Stellenwert gibt. Andererseits ist der Pietismus im Laufe seiner Entwicklung in weiten Teilen eine theologisch und sozial konservative Bewegung geworden.

Die pietistische Bewegung in Deutschland hat seit ihrer Entstehung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zahlreiche Veränderungen durchgemacht: vom klassischen Pietismus der Barockzeit über den Spätpietismus des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts, die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts und die Gemeinschaftsbewegung bis zur evangelikalen Bewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die kirchenkritische Strömung innerhalb des Pietismus wird als radikaler Pietismus umschriebenHans Schneider: Der radikale Pietismus im 17. Jahrhundert. In: Martin Brecht u. a. (Hrsg.): Geschichte des Pietismus. Bd. 1, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, S. 391 f. und zeigte sich in Form eines Separatismus (Ablösung von der Staatskirche).

Wortherkunft Das Wort „Pietismus“ ist eine lateinisch-französisch-griechische Hybridbildung. Zum französischen Wort piété, das seinerseits wie das deutsche Wort „Pietät“ aus dem Stamm „pietat“ des lateinischen Wortes pietas („Pflichtgefühl“, „Pflichtbewusstsein“, „pflichtgerechtes Verhalten gegenüber den Göttern und den Menschen“, „Ehrfurcht“, „Gottesfurcht“, „Frömmigkeit“) gebildet ist, tritt die Latinisierung der griechischen Endung „-ismós“ für intensivierte Denkhaltungen oder Ideologien. Es wird meist mit dem Hauptwerk von Philipp Jacob Spener Pia Desideria (1675) in Verbindung gebracht, aber Speners Erinnerung zufolge war das seit 1680 schriftlich dokumentierte Wort bereits um 1674 im Raum Frankfurt am Main eine spöttische Bezeichnung für „Frömmelei“.

Als positive Selbstbezeichnung hat erstmals der pietistische Leipziger Poesie-Professor Joachim Feller (1638–1691) das Wort „Pietist“ verwendet, beispielsweise im August des Jahres 1689 in dem Sonett auf den verstorbenen Leipziger Theologiestudenten Martin Born (1666–1689): Es ist ietzt Stadt-bekannt der Nahm der Pietisten; Was ist ein Pietist? Der Gottes Wort studirt / Und nach demselben auch ein heilges Leben führt. […]Joachim Feller: Sonnet. In: Luctuosa desideria Quibus […] Martinum Bornium prosequebantur Quidam Patroni, Praeceptores atque Amici. Lipsiae , S. –. (Faksimile in: Reinhard Breymayer (Hrsg.): Luctuosa desideria. Tübingen 2008, S. 24 f.) – Vgl. auch Martin Brecht: Geschichte des Pietismus. Bd. 1, S. 4. Es folgte Fellers Bekenntnis in dem Sonett auf den am 18. Oktober 1689 verstorbenen Leipziger Kaufmann Joachim Göring (1625–1689): Ich habe jüngst gedacht / der hieß’gen Pietisten / […] Ich selbsten will hiemit gestehen ohne Scheu / Daß ich ein Pietist ohn Schmeich- und Heucheln sei. […]Joachim Feller: Sonnet. In: Letztes Ehrengedechtnis welches Herrn Joachim Göring […] aufrichten […] etliche vornehme Patroni, Gönner und Freunde in Leipzig . [Verschollener Erstdruck.] – Wiederabdruck: Sonnet. In: [Adelheid Sibylla Schwartz:] GOttes Ernstliche Offenbahrung/ Wider D. August. Pfeiffern [… 2. Auflage] [o. O.] 1692, Blatt B 2 b. – Vgl. Hans Leube: Orthodoxie und Pietismus. […] Hrsg. von D[ietrich] Blaufuß. Bielefeld 1975, S. 260; Reinhard Breymayer (Hrsg.): Luctuosa desideria […]. Tübingen 2008, S. 6, und Martin Brecht: Geschichte des Pietismus. Bd. 1, S. 4. In vergleichbar positivem Sinn bedeutet das Wort „Pietismus“ das Streben nach intensivierter, vertiefter Frömmigkeit.

Eigenart Der Pietismus entsprang einem Gefühl der mangelhaften Frömmigkeit, unzureichender christlicher Lebensführung und dem Drang zur Verifizierbarkeit des persönlichen Glaubens. Theologisch reagiert er auf die Spannung und das Trauma des Dreißigjährigen Krieges durch Neuorientierung auf die Bibel bzw. die christlichen Traditionen.Martin Brecht: Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland. In: Geschichte des Pietismus. Bd. 1, S. 116–188.

Der Pietismus versteht sich als eine Bibel-, Laien- und Heiligungsbewegung.

Lebendigkeit Im Pietismus geht es zentral um die lebensverändernde Dimension der christlichen Botschaft, um die Auswirkung auf das gelebte Leben, auf die Lebenspraxis. Es geht um den „in der Praxis christlichen Lebens und Handelns [sich] bewährenden Glauben“.Pietismus. In: Meyers großes Taschenlexikon, Bd. 17, Meyers Lexikonverlag, 1981, S. 114.

Der Pietismus trat mit dem Anliegen auf, „die unvollendet gebliebene Reformation zu Ende zu führen bzw. die Reformation der Lehre durch eine zweite Reformation des Lebens zu ergänzen“.Johannes Wallmann: Der Pietismus. aus der Reihe Die Kirche in ihrer Geschichte Lfg. O.1, Bd. 4, Vandenhoeck u. Rupprecht, 1990, S. O7. Die neue Bewegung kritisierte, dass die erste Reformation „durch ihr Ausmünden in die altprotestantische Orthodoxie“ im Institutionellen und Dogmatischen stecken geblieben sei. Der Pietismus postuliert dagegen einen lebendigen Glauben.M. Schmidt: Pietismus. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 3. Auflage. Band 5, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), 1961, Sp. 370.

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf beispielsweise spricht von „einer ‚Religion des Herzens‘, die auf einer intimen persönlichen Beziehung zwischen Christus und dem Gleubenden beruh[e]“.Alister E. McGrath: Der Weg der christlichen Theologie Eine Einführung, übersetzt von Michael Wiese. C.H.Beck, München 1997, S. 97.

Bibelorientiert Eine zentrale Rolle spielt im Pietismus die Auseinandersetzung mit Texten der Bibel. Dabei wird sowohl das persönliche Bibelstudium einzeln als auch das gemeinsame Bibelstudium (zum Beispiel in Konventikeln) praktiziert.Evangelische Hochschule Tabor: Grobe Übersicht über „Die Kennzeichen des Pietismus“: Kennzeichen Bibelstudium. Der Pietismus plädiert für ein bibelorientiertes Leben der Christen: Die Bibel soll Basis des Glaubens und Orientierung für das Leben sein. Der Pietismus hat das Anliegen, „den Glauben neu auf die biblischen Zusagen zu gründen und mit einem vertieften, an der Heiligen Schrift ausgerichteten inneren Leben ernst zu machen“.Erich Beyreuther: Geschichte des Pietismus, Klappentext, J.F.Steinkopf, Stuttgart, 1978.

Individualität und Innerlichkeit Der Pietismus betonte das subjektive Wesen bzw. die individuelle Seite des christlichen Glaubens, er „drang auf Individualisierung und Verinnerlichung des rel. Lebens“. Er legt Wert auf eine persönliche Gottesbeziehung und das individuelle Glaubenserlebnis.

Neues Leben. Neuer Mensch. Eine ganz besondere Rolle nimmt der Begriff „Wiedergeburt“ im Pietismus ein. Laut Martin Schmidt ist im Pietismus die Wiedergeburt sogar „an die Spitze des christlichen Wertsystems“ gerückt: „die völlige Neuschöpfung“. Im Fokus steht also „die neue Kreatur, der neue Mensch, der innere verborgene Mensch des Herzens, das Kind Gottes. Die Leidenschaft dafür einte alle Pietisten“.Martin Schmidt: Pietismus. Kohlhammer, Stuttgart 1972, S. 14.

Gemeinschaft Auch das Leben christlicher GemeinschaftEvangelische Hochschule Tabor: Grobe Übersicht über „Die Kennzeichen des Pietismus“: Kennzeichen Gemeinschaft. hat einen hohen Stellenwert: Gruppen, in denen gemeinsames Bibelstudium und Gebet praktiziert wird (Bibelstunden oder häusliche Bibel- bzw. Hauskreise, früher: KonventikelEvangelische Hochschule Tabor: Grobe Übersicht über „Die Kennzeichen des Pietismus“: Begriff Konventikel.) haben oft eine ähnlich große oder größere Bedeutung als Gottesdienste. Der Pietismus entwickelte daneben auch einen starken missionarischen und sozialen Grundzug.

Betonung der Bedeutung von Laien Darüber hinaus betont der Pietismus das Priestertum aller Gläubigen. Neben Theologen wurden und werden auch Laien ohne akademische Bildung als Prediger geschätzt: so bis heute als Redner, „redende Brüder“, in den Hauskreisen („Stunden“, das heißt Erbauungsstunden bzw. Bibelbesprechstunden).

Programmatisch hat Zinzendorf dies zum Ausdruck gebracht: „Gelobet sei die Gnadenzeit, In der auch ungeübte Knaben Befehl und Macht erhalten haben Zu werben auf die Seligkeit.“

Pietismus und Aufklärung Durch die im 18. Jahrhundert aufkommende Aufklärung gerieten die Vertreter des Pietismus ebenso wie die der altprotestantischen Orthodoxie sukzessive in die Defensive und verloren zunehmend an Einfluss. Die Aufklärer erschütterten das traditionelle Weltbild durch neue Erkenntnisse der Naturwissenschaft und stellten die traditionelle Theologie infrage. Die Theologie reagierte darauf mit einer zunehmenden Verwissenschaftlichung, wurde aber für die normalen Gemeindemitglieder immer unverständlicher.

Pietismus und absolutistischer Staat Der absolutistische Staat verlangte ein Bekenntnis zum offiziellen Dogma der jeweiligen Landeskirche, hielt aber persönliche Frömmigkeit eher für störend, sofern sie sich kritisch zur herkömmlichen Frömmigkeit stellte. Die Pietisten kritisierten beide Entwicklungen als rein äußerlich und stellen diesen ihr Ideal einer persönlichen, gefühlsbetonten Frömmigkeit entgegen. Eine Besonderheit bildete der preußische Staat, wo der Pietismus bereits früh sehr einflussreiche Befürworter fand (u. a. einige Könige) und einen nicht zu unterschätzenden staatsprägenden Einfluss ausübte; so sind auch die sogenannten preußischen Tugenden unmittelbar mit den Idealen des Pietismus verknüpft.

Pietismus und Judentum Bereits im frühen Pietismus bestand ein entspanntes Verhältnis zum Judentum, was insbesondere bei Nikolaus Ludwig von Zinzendorf zum Ausdruck kam. Friedrich Christoph Oetinger ließ sich für seine Theologie unter anderem von der Kabbala inspirieren.Andreas Ebert: Fromme Allversöhner. In Glaube und Heimat Nr. 31/2021, 1. August 2021, S. 4

Pietismus heute