Die Burgundische Geschichte umfasst die Entwicklung der verschiedenen Gebiete und Gemeinwesen zwischen Mittelmeer und Nordsee, die von der Spätantike bis in die Frühe Neuzeit den Namen Burgund trugen. Den Anfang bildete die Besiedlung der heutigen Westschweiz und Südostfrankreichs durch den germanischen Stamm der Burgunder in der Zeit der Völkerwanderung. Im Frühmittelalter entstand das Königreich Burgund, das im frühen 11. Jahrhundert zum römisch-deutschen Reich gehörte, bevor es im endenden Spätmittelalter teils an Frankreich fiel. Zwischen den verschiedenen Gebilden, die in den folgenden Jahrhunderten deren Namen weitertrugen, bestanden zahlreiche kulturelle, wirtschaftliche und dynastische Verbindungen (siehe die Liste der Herrscher von Burgund); doch hatten sie nie klare geographische Grenzen oder eine ethnische Identität und waren nur dynastisch greifbar. Wegen „fehlende[r] Kontinuität“ eines einheitlichen politischen Raums entwickelte sich aus Burgund daher „kein kollektives Subjekt“.Hermann Kamp: Burgund. Geschichte und Kultur. Beck, München 2007, S. 8. Heute bezieht sich mit der französischen Region Bourgogne-Franche-Comté nur noch eine Verwaltungseinheit namentlich auf diese Tradition (zu deren historischer Entwicklung siehe die Geschichte der Regionen Bourgogne und Franche-Comté).

Königreiche des frühen Mittelalters (5.–9. Jahrhundert) Das erste Reich der Burgunder (443–532) mini|400px|Das Königreich der Burgunder bis 534

Das Volk oder der Stamm der Burgunder wird den Ostgermanen zugerechnet. In der Spätantike gelangte es im Zuge der Völkerwanderung an den Rhein und begründete dort im Jahre 413 ein eigenständiges Reich als römische Foederaten. Mittelpunkte waren die Städte Borbetomagus (Worms) und Noviomagus (Speyer).Norman Davies: Verschwundene Reiche. Theiss, Darmstadt 2015, S. 110. Obwohl dieses historisch kaum fassbare Burgunderreich bereits 436 einem Angriff der Hunnen zum Opfer fiel, geriet es nicht ganz in Vergessenheit. Heldenlieder wie vor allem das Nibelungenlied, das allerdings erst zu Beginn des 13. Jahrhunderts niedergeschrieben wurde, besangen seinen Untergang. Politisch und für die spätere Identitätsbildung blieb dieses erste Burgunderreich indessen bedeutungslos.Hermann Kamp: Burgund. Geschichte und Kultur. Beck, München 2007, S. 14 f.

Nach erneuten Konflikten und Niederlagen gegen die Römer siedelte der römische Heermeister Flavius Aëtius die Burgunder um 443 im Militärdistrikt Sapaudia im Bereich des Genfersees in der heutigen Westschweiz und in Savoyen an. Dort gründeten sie ein Königreich und lebten wiederum als römische Foederaten in Garnisonen mit der Aufgabe, die dortigen Alpenpässe gegen die nördlich siedelnden Alamannen abzusichern und als Hilfstruppen gegen Hunnenangriffe schnell verfügbar zu sein.Hermann Kamp: Burgund. Geschichte und Kultur. Beck, München 2007, S. 15 f. Da die Burgunder der ansässigen keltoromanischen Bevölkerung zahlenmäßig stark unterlegen waren, konnten sie zwar eine um ihren König vereinte Herrenschicht bilden, wurden jedoch bald romanisiert.

Im Laufe des 5. Jahrhunderts gingen die noch bestehenden Reste der römischen Verwaltung in der des Königreichs der Burgunder auf. Um 507 ist erstmals der Name Burgundia als Bezeichnung des neuen Reiches belegt. Die Burgunder eroberten nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches weitere Gebiete um ihr Kernland, nördlich bis in die Gegend von Troyes, westlich bis an die Loire, südlich bis Orange und im Osten bis zum Alpenkamm, Rhein und Aare. Obwohl dieses Reich keine 100 Jahre existierte, hinterließ es eindeutige Spuren im kollektiven Gedächtnis seiner Bewohner.Hermann Kamp: Burgund. In: Johannes Fried (Hrsg.): Die Welt des Mittelalters. Erinnerungsorte eines Jahrtausends. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62214-4, S. 26.

Das fränkische Teilreich Burgund (534–843) mini|400px|Das fränkische Teilreich Burgundia

Um das Jahr 506 nahm der Burgunderkönig Sigismund den christlichen Glauben an. Sigismund ließ seinen Sohn Sigerich wegen vermeintlichen Verrats hinrichten, was dessen Großvater, der Gotenkönig Theoderich, als Kriegserklärung ansah. Damit verlor Sigismund einen wichtigen Bündnispartner gegen die benachbarten, ebenfalls germanischen Franken, deren Machtposition immer weiter wuchs. Im Jahr 534 unterwarfen die Franken, geführt von den Söhnen des Merowingerkönigs Chlodwig, die Burgunder, und das Gebiet wurde dem Frankenreich zugeschlagen. Dennoch begann die dort lebende Bevölkerung die Gegend als Burgund zu bezeichnen, um so ihren eigenen Charakter gegenüber den Franken zu betonen. So verknüpfte sich der Name Burgund fest mit der Landschaft zwischen Jura und Morvan, dem Plateau von Langres und den Seealpen. Im 6. und 7. Jahrhundert entstand bei Erbteilungen zweimal ein fränkisches Teilreich Burgund, das jedoch beide Male wieder mit dem Gesamtreich vereint wurde. Innerhalb des Frankenreiches blieb Burgund weiterhin als Reichsteil bestehen. Mit den Karolingern verschwand das Teilreich Burgund wieder von der politischen Landkarte, der Landschaftsname blieb jedoch erhalten. Als 843 das Fränkische Reich im Vertrag von Verdun erneut geteilt wurde, fand die territoriale Einheit der alten Burgundia ein Ende: Die östlich der Saône liegenden Gebiete fielen dem Reich Lothars zu, die westlich liegenden, die etwa der heutigen Region entsprechen, kamen zum westfränkischen Reich. Diese Grenze blieb langfristig bestehen.

Auflösung des fränkischen Königreichs Burgund und Königreich Arelat (9.–14. Jahrhundert) mini|400px|Die Königreiche Hoch- und Niederburgund sowie das Herzogtum von Richard dem Gerichtsherrn

Nach weiteren Teilungen und Grenzverschiebungen (Teilung von Prüm, Vertrag von Meersen, Vertrag von Ribemont, Erwerbung Italiens durch Karl den Kahlen von Westfranken nach dem Tod Ludwigs II.) löste sich nach dem Tod Kaisers Karl des Kahlen 877 zunächst Niederburgund unter dem Buviniden Boso von Vienne, der 879 König wurde, vom Frankenreich. Nach der Absetzung 887 des ostfränkischen Königs und Kaisers Karl des Dicken ließ sich 888 der Welfe Rudolf zum König von Hochburgund wählen. Diese beiden von den Karolingern unabhängigen Herrschaften wurden 930/951 unter Rudolf II. und Konrad III. von Hochburgund im Königreich Arelat vereint. Arelat ging 1033 durch Erbfall an das Heilige Römische Reich. Am 2. Februar 1033 ließ sich der Römisch-Deutsche Kaiser Konrad der Ältere in Peterlingen (Payerne) von seinen Anhängern zum König von Burgund wählen und krönen. Fortan blieb das Königreich formell in Personalunion mit dem jeweiligen römisch-deutschen König und wurde von diesem regiert. In der Goldenen Bulle von 1356 war dem Erzbischof und Kurfürsten von Trier bei der Verteilung der Erzämter das des Reichserzkanzlers für Burgund (archicancellarius per Galliam) verliehen worden, das die Trierer Erzbischöfe bis 1806 führten. Zuletzt ließ sich mit Karl IV. 1365 in Arles ein römisch-deutscher Kaiser zum König von Burgund krönen. Trotz formell zunächst einheitlicher Verwaltung durch das Rektorat von Burgund zerfiel dieses Herrschaftsgebiet jedoch zunehmend in selbstständige Grafschaften, unter ihnen die Grafschaft Burgund, die später zur Pfalz- und zur Freigrafschaft wurde. Viele dieser Gebiete kamen unter den Einfluss der westfränkischen bzw. französischen Krone.

Herzogtum, Freigrafschaft und Niederlande (10.–17. Jahrhundert)

Der Teil Burgunds, der unter der Herrschaft des Westfränkischen Reiches verblieben war, wurde zuerst noch als Regnum Burgundiae bezeichnet. In Vertretung des karolingischen Königtums begründete Richard der Gerichtsherr 918 ein zuerst persönliches Herzogtum in seiner Familie. 1016 besiegte der französische König Robert II. die Erben des Herzogs Heinrich des Großen. 1031 wurde das Herzogtum Burgund Robert, dem zweiten Sohn des französischen Königs Robert II. aus dem Haus der Kapetinger, als Apanage zugewiesen. 1031 bis 1361 regierten die Kapetinger-Herzöge als eine Seitenlinie des französischen Königshauses im Herzogtum Burgund; sie werden auch als älteres Haus Burgund bezeichnet. Sie erreichten eine zunehmende Ausdehnung ihrer Herrschaftsgebiete; so wurde Odo IV. 1331 durch seine Ehe mit Johanna III. von Burgund Inhaber der Pfalzgrafschaft und musste dafür die Lehnshoheit des römisch-deutschen Kaisers anerkennen.Hermann Kamp: Burgund. Geschichte und Kultur. Beck, München 2007, S. 47 f. Der letzte Herzog aus dem älteren Haus Burgund, Philipp I., erreichte durch seine Heirat mit Margarete von Dampierre 1357 bereits eine Ausdehnung seiner Herrschaft nach Norden auf Teile Flanderns und konnte damit den „Grundstein“ der späteren politisch-dynastischen Macht der folgenden burgundischen Herzöge legen, wenn auch mit ihm die Linie der kapetingischen Herzöge 1361 ausstarb und zunächst das Erbe geteilt wurde.

Bevor sich dieses dynastisch ausgerichtete Verständnis von Burgund ab dem 14. Jahrhundert in der Vereinigung der Herrschaft von Herzogtum und Pfalzgrafschaft durchsetzte, war diese Region bereits im 11. und 12. Jahrhundert kulturell zusammengewachsen und strahlte durch den Bau von Burgen und Klöstern weit über ihre Grenzen hinaus.Hermann Kamp: Burgund. Geschichte und Kultur. Beck, München 2007, S. 48–51. So wurde 910 das Benediktinerkloster Cluny gegründet, das als Ausgangspunkt der sogenannten cluniazensischen Reformbewegung das geistliche Leben des lateinischen Europa in der Folgezeit prägte. 1098 erfolgte bei Dijon die Gründung des Klosters Cîteaux, das sich nach dem Eintritt des Bernhard von Clairvaux zum Mutterkloster der Zisterzienser entwickelte.Immo Eberl: Die Zisterzienser. Geschichte eines europäischen Ordens. Thorbecke, Ostfildern 2007, S. 11 ff.

Reich der Herzöge von Valois-Burgund (1363–1477) mini|Provinzen Frankreichs (1477). Herzogtum und Freigrafschaft Burgund mit nördlichen Provinzen (in Gelb).

Im Spätmittelalter regierten von 1363 bis 1482 die Herzöge aus dem Haus Valois-Burgund, einer Seitenlinie des französischen Königshauses, den burgundischen Herrschaftsverbund und führten ihn im französisch-deutschen Grenzraum zu größter Ausdehnung und wirtschaftlich-kultureller Höchstblüte. Nachdem die Dynastie der Kapetinger-Herzöge mit Philipp I. 1361 erloschen war, verlieh der französische König Johann der Gute aus dem Haus Valois das Herzogtum als französisches Kronlehen 1363 an seinen jüngsten Sohn Philipp den Kühnen, der damit das Haus Burgund begründete. Dieser heiratete 1369 die Witwe seines Vorgängers Margarete von Male – Erbtochter des flämischen Grafen Ludwig II. – und kam so nach dem Tod seines Schwiegervaters (30. Januar 1384) in den Besitz der zum Lehnsverband des Heiligen Römischen Reiches gehörenden Freigrafschaft Burgund und der teilweise dazugehörenden Grafschaft Flandern. Die burgundischen Herzöge bauten einen eigenständigen Länderkomplex zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich auf, zu dem neben dem eigentlichen Herzogtum Burgund mit Dijon als Hauptstadt die burgundischen Niederlande mit den wirtschaftlich florierenden Städten Gent, Brügge, Ypern und Löwen gehörten, aus denen die heutigen Benelux-Länder hervorgingen. Zentrum der symbolischen Repräsentation war als Residenz und Grablege Dijon, während die Städte Flanderns als Wirtschafts- und Handelszentren die Burgunderherzöge durch ihre Abgaben zu den reichsten Monarchen Europas machten. Im Streben nach Autonomie und gegen die hohen Steuerforderungen der Herzöge zur Finanzierung ihrer Eroberungskriege und aufwändigen Hofhaltung kam es in den Städten und den Provinzen der burgundischen Niederlande immer wieder zu Aufständen.

Die Herzöge des Hauses Valois-Burgund waren:

mini|Das Herzogtum Burgund erreichte unter Karl dem Kühnen (1465–1477) de facto den Status einer unabhängigen Mittelmacht in Europa