Die Bahnstrecke Distelrath–Schneidhausen war eine normalspurige Kleinbahnstrecke der Dürener Kreisbahn (DKB). Sie führte von Distelrath in einem Bogen über Birkesdorf nördlich um die Stadt Düren herum und wurde daher auch als Ringbahn, Umgehungsbahn oder Güterring bezeichnet.

Die Strecke diente vornehmlich dem Güterverkehr zu den Industriebetrieben im Norden der Stadt Düren sowie in Mariaweiler, Rölsdorf, Lendersdorf und Schneidhausen. Auf dem Streckenabschnitt zwischen Distelrath und Mariaweiler wurde zeitweise auch Personenverkehr durchgeführt.

Der Streckenabschnitt Rölsdorf – Lendersdorf Ort wurde bis 1954 von der Straßenbahn der DKB mitbenutzt und war daher mit 600 Volt Gleichspannung elektrifiziert.

Geschichte Eröffnung 6. Oktober 1908: Rölsdorf – Lendersdorf (Personenverkehr, Straßenbahn) 20. Juli 1912: Gesamtstrecke (Güterverkehr) 1951: Distelrath – Birkesdorf-Süd – Mariaweiler (Personenverkehr)

Stilllegung 1944: Lendersdorf – Schneidhausen 30. April 1954: Rölsdorf – Lendersdorf (Personenverkehr, Straßenbahn) nach 1958: Distelrath – Birkesdorf-Süd – Mariaweiler (Personenverkehr) 28. Februar 1970: Distelrath – Lendersdorf (Gesamtstrecke)

Erste Planungen Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die im Dürener Raum ansässige Industrie – vor allem Papier- und Tuchindustrie – ein wesentlicher Treiber zur Errichtung von günstigen Verkehrsverbindungen. Bereits seit 1841 hatte die Kreisstadt Düren mit ihrem Bahnhof an der Bahnstrecke von Köln nach Aachen einen wichtigen Verkehrsanschluss. Von diesem konnten die Industriebetriebe im weiter entfernten Stadtgebiet und im Umland zunächst nicht in zufriedenstellendem Umfang profitieren. So gab es beispielsweise in den südlich von Düren gelegenen Gemeinden Rölsdorf und Niederau Papiermühlen, daneben in Lendersdorf ein Walzwerk und schließlich eine Eisenschneidmühle in Schneidhausen. Diese Orte wurden – wie auch das nördlich von Düren gelegene Birkesdorf – von den von Düren ausgehenden Eisenbahnstrecken nicht oder nur teilweise erschlossen.

Einen ersten Meilenstein konnte die 1888 gegründete Dürener Dampfstraßenbahn A.G. (DDAG) mit ihrer 1893 in Betrieb genommenen Strecke vom Bahnhof Düren nach Birkesdorf erreichen. Die Bahn stellte mit einer Spurweite von 1000 Millimetern einen Anschluss der Industriebetriebe im Norden der Stadt und in Birkesdorf an die Staatsbahn her.

Mit der verkehrlichen Erschließung des restlichen Kreises befasste sich bereits am 13. März 1895 der Dürener Kreistag. Geschehen ist jedoch längere Zeit nichts. Im November 1904 wurden vom Minister der öffentlichen Arbeiten die folgenden projektierten Kleinbahnstrecken freigegeben:

Zülpich – Nörvenich – Düren: Dampfbetrieb (Personen- und Güterverkehr) Distelrath – Düren – Rölsdorf – Schlich – Weisweiler: Elektrischer Betrieb (Personenverkehr, Distelrath – Schlich auch Güterverkehr) Düren Staatsbahnhof – Lendersdorf Staatsbahnhof: Elektrischer Betrieb (Personenverkehr)

Der Kreistag beauftragte daraufhin am 21. Dezember 1904 die Westdeutsche Eisenbahn-Gesellschaft (WEG) mit der weiteren Projektierung der Strecken. Damit war der Bau der Dürener Kreisbahn endlich ins Rollen gekommen.

Geplante Streckenführung der Ringbahn mini|Übersichtsblatt mit der geplanten Umgehungsbahn Dezember 1906

In einer Sitzung am 9. März 1905 befasste sich eine Kommission der Kreisbahn mit der Planung einer Ringbahn Düren – Lendersdorf – Düren. Diese wäre als eine Verlängerung der bereits erwähnten Strecke Düren Staatsbahnhof – Lendersdorf Staatsbahnhof über Lendersdort, Ort – Boisdorf – Rölsdorf wieder nach Düren Staatsbahnhof mit einer Zweigstrecke nach Gürzenich ausgeführt worden. Diese Ringbahn hätte zweimal die Rur gequert, am Niederauer Wehr und im Zuge der Aachener Straße, und wäre zwischen Lendersdorf Staatsbahnhof und Rölsdorf als reine Güterzugstrecke ausgeführt worden. Übergabebahnhof zur Staatsbahn wäre die Station Lendersdorf Staatsbahnhof gewesen.

Im Vertrag zwischen dem Kreis Düren und der WEG vom 30. April 1906 sollte die Güterumgehungsbahn südlich um Düren herum bereits im Bahnhof Distelrath beginnen, die Binsfelder Straße, Zülpicher Straße und Nideggener Straße berühren und oberhalb der Neumühle die Rur queren. In Distelrath war ohnehin der Übergabebahnhof zur Staatsbahn für die Strecke nach Nörvenich – Zülpich geplant. Für den Güterverkehr war neben dem Dampfbetrieb Distelrath – Lendersdorf – Rölsdorf außerdem elektrischer Betrieb Lendersdorf – Rölsdorf – Gürzenich vorgesehen. Der Kostenvoranschlag für die Umgehungsbahn lag bei 350.000 Mark.

Für die Umgehungsbahn war südlich von Düren eine Rurbrücke geplant. Dabei sollte auch die Rurtalstrecke nach Heimbach niveaufrei überquert werden. Der Verlauf der Rur sollte im Bereich der Rurbrücke begradigt werden.

Der erste Baubeginn miniatur|Planskizze der Rurbrücke für die südliche Güterumgehungsbahn und der geplanten Rur-Regulierung

Bereits 1906 wurde mit dem Bau der Kreisbahnstrecken begonnen, obwohl die Genehmigung des Aachener Regierungspräsidenten zum Bau der Kreisbahn erst am 8. Januar 1908 erteilt wurde. Da aber die landespolizeilichen Gutachten für die vom Bau betroffenen Gemeinden bereits Ende November 1906 vorlagen, erfolgte Mitte Dezember der erste Spatenstich für einen Einschnitt bei Merzenich. Ende April 1907 war die Strecke von Rölsdorf nach Lendersdorf bereits baureif, hingegen mussten bei anderen Strecken noch Enteignungsverfahren abgewartet werden. Im September 1907 begannen zudem die Arbeiten für die Umgehungsbahn; diese wurden aber im Oktober des gleichen Jahres wieder unterbrochen. Grund war ein Streit bezüglich der neuen Brücke über die Rur. Obwohl am linken Rurufer auf der Lendersdorfer Seite bereits das Fundament für den ersten Brückenpfeiler ausbetoniert war und für die übrigen Pfeiler die Ausschachtungen fertiggestellt waren, waren sich Stadt und WEG über den Standort der Rurbrücke nicht einig. Die Dürener Stadtverwaltung schlug eine andere Bauausführung vor, als in den bereits teilweise umgesetzten Plänen der WEG. Der eigentliche Streitpunkt war der Verlauf der Rur selbst. Die Dürener Stadtverwaltung wünschte eine Begradigung des Flussbettes, wohingegen die WEG den bisherigen Verlauf beibehalten wollte. Da sich beide Seiten offenbar nicht über den Sachverhalt einigen konnten, wurden die Arbeiten an der Umgehungsbahn am 21. Dezember 1907 endgültig eingestellt.

Trotz der Schwierigkeiten beim Bau der Umgehungsbahn ging die Bautätigkeit auf den übrigen Strecken weiter voran. Zwischen Rölsdorf und Lendersdorf lagen 1907 bereits die Gleise. Nach Fertigstellung der innerstädtischen Straßenbahnstrecken führte am 3. September 1908 die erste Probefahrt mit einem Straßenbahnwagen von Distelrath durch die Stadt über Rölsdorf nach Lendersdorf, womit erstmals ein Streckenabschnitt der späteren Ringbahn von einem Schienenfahrzeug befahren wurde. Nach weiteren erfolgreichen Probefahrten, unter anderem am 18. September nach Gürzenich, erfolgte am 6. Oktober 1908 die offizielle Eröffnung der Dürener Straßenbahn. Damit konnte die Bauabteilung der WEG für Düren am 10. Oktober 1908 aufgelöst werden. Allein die Umgehungsbahn und damit der für die Industrie so wichtige Anschluss an den Güterverkehr fehlte immer noch.

Der zweite Baubeginn Das Projekt der südlichen Umgehungsbahn wurde nach 1907 nicht mehr weiterverfolgt, zumal von Seiten der Stadtverwaltung Düren befürchtet wurde, diese Strecke hemme die weitere bauliche Entwicklung der Stadt. Daher wurde mit der WEG verhandelt, die Umgehungsbahn stattdessen nördlich um die Stadt herumzuführen. Die Strecke sollte zwischen Rölsdorf und Gürzenich sowie zwischen Distelrath und Merzenich in die bereits fertiggestellten Kreisbahnstrecken einmünden. Zwar waren für diese Variante mehr Kunstbauten erforderlich, beispielsweise die Überführungen über die Bahnstrecken Düren – Köln, Düren – Neuss und Jülich – Düren östlich des Dürener Bahnhofs, jedoch konnte eine größere Anzahl industrieller Werke und bedeutender Ortschaften angeschlossen werden. Bahnhöfe waren auf dieser nördlichen Trasse in Birkesdorf und Mariaweiler vorgesehen. Am 5. Januar 1910 wurde schließlich die Konzession für den Güterverkehr auf der Gesamtstrecke erteilt, zwischen Birkesdorf und Rölsdorf wurde außerdem elektrisch betriebener Personenverkehr genehmigt.

Leider zog sich das Enteignungsverfahren in die Länge und konnte erst Ende August 1911 abgeschlossen werden, was wiederum die Bauausführung auf der gesamten Strecke mit ihren zahlreichen Unter- und Überführungen verzögerte. Die Inbetriebnahme der Strecke erfolgte schließlich am 20. Juli 1912.

Geplante Straßenbahn Lendersdorf – Winden Kurz nach der Eröffnung der Straßenbahnstrecken nach Lendersdorf Ort und Friedenau (bei Kreuzau) wurde der Bau einer Straßenbahn nach Winden zur Diskussion gestellt. Hierfür wurden zwei Varianten erörtert: Zum einen die Verlängerung der Straßenbahn von Kreuzau nach Winden, wobei die Rur hätte überquert werden müssen. Zum anderen die Verlängerung der Ringbahn über Schneidhausen hinaus links der Rur nach Winden. In diesem Fall wäre die Straßenbahn von Lendersdorf aus nach Winden weitergeführt worden. Zwischenzeitlich wurde von Seiten der Politik gefordert, beide Strecken nach Winden zu bauen. In der Kreistagssitzung vom 4. April 1912 wurde beschlossen, das Projekt nicht weiter zu verfolgen.

Zweiter Weltkrieg und Wiederaufbau mini|Die im Jahr 1951 errichtete Rurbrücke wird noch im Jahr 2013 als Fuß- und Radweg genutzt

Da die Rurbrücke der Ringbahn 1944 aufgrund der Kriegseinwirkungen zerstört wurde, war die Strecke zwischen Mariaweiler und Birkesdorf-Süd außer Betrieb. Von 1945 bis zur Einweihung der neuen Rurbrücke am 9. Oktober 1951 konnte der westliche Teil der Ringbahn nicht von Distelrath aus bedient werden. Hierzu wurde eine Gleisverbindung zwischen der Strecke Köln – Aachen der Deutschen Reichsbahn und dem DKB-Güterbahnhof Gürzenich hergestellt. Damit konnten die Güterzüge über die bereits wieder aufgebaute Rurbrücke der Reichsbahn den Bahnhof Düren erreichen. Über diese Gleisverbindung wurden ebenso Straßenbahnwagen der DKB von den Strecken Rölsdorf – Lendersdorf beziehungsweise Gürzenich bei Bedarf zur Hauptwerkstatt in Distelrath geschleppt, da die Straßenbahnverbindung durch die Dürener Innenstadt aufgrund der starken Kriegszerstörung erst 1952 wieder zur Verfügung stand. Die Strecke zwischen Lendersdorf Ort und Schneidhausen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder in Betrieb genommen.

Mit der Inbetriebnahme der neuen Rurbrücke 1951 wurde gleichzeitig der Personenverkehr zwischen Distelrath und Mariaweiler aufgenommen, welcher auf die Schichtzeiten der Industriebetriebe ausgerichtet war. Die Fahrten wurden mit einem Wismar-Schienenbus durchgeführt und bereits 1955 wieder eingestellt. Allerdings sind im Sommerfahrplan 1958 noch fünf Zugpaare Distelrath – Birkesdorf-Süd und zwei Zugpaare Distelrath – Mariaweiler verzeichnet. Fast alle Züge tragen jedoch den Hinweis „nur auf besondere Anweisung“.

Geplante Straßenbahn Düren – Mariaweiler Im Zuge der Diskussionen um die Verlängerung der Schienenstrecke der Dürener Eisenbahn (DEAG) vom Bahnhof Düren zum Kaiserplatz 1950 forderte die Dürener Kreisbahn von der DEAG die Erlaubnis, auf eigene Kosten eine dritte Schiene in die DEAG-Strecke zwischen Düren und der Kreuzung mit der Ringbahn bei Birkesdorf-Süd zu verlegen. Geplant war in diesem Zusammenhang eine Verknüpfung mit der Ringbahn, so dass eine direkte Straßenbahnverbindung von Mariaweiler über Birkesdorf nach Düren Stadtmitte entstanden wäre. Aufgrund von Unstimmigkeiten zwischen der Stadt Düren, der DKB und der DEAG wurden diese Planungen nicht umgesetzt.

Niedergang und Betriebseinstellung