Proto-Elamiter ist eine unscharfe Bezeichnung für die älteste bekannte Kultur Irans. Der Begriff umschreibt ein archäologisches Gesamtbild, das in der frühen Bronzezeit im Westen des heutigen Iran in Chusistan aufgetreten ist. Ein wesentliches Attribut ist die proto-elamische Bilderschrift. Man weiß heute, dass die proto-elamische Schrift von rechts nach links gelesen wird. Die Vorderseite einer Tontafel stellt meistens eine Reihe von Einträgen dar, während die Rückseite eine Übersicht der Einträge enthält. Es handelt sich dabei um administrative Zusammenstellungen. Da die proto-elamische Bilderschrift trotz 1600 Tontafeln noch nicht entziffern werden konnte, ist unklar, ob die später nachgewiesenen Elamer eine Fortsetzung der proto-elamischen Kultur darstellen.

Zentren der Proto-Elamiter bestanden in Susa,Vgl. Erika Bleibtreu: Proto-elamische Rollsiegel. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 121–124 (Katalognummer 45 und 46). Tepe Sialk, wo sich die einzige erhaltene Zikkurat befindet, und an anderen Orten über das ganze Iranische Hochland verteilt.

Im Jahr 2007 geriet die Kultur in den Blickpunkt des Interesses, als die Guennol-Löwin mit einem Verkaufspreis von 57 Millionen Dollar zur teuersten Antiquität wurde.

Zeitraum Aufgrund von fehlenden oder ungenügenden Daten der Radiokarbonmethode gibt es keine Einigkeit bezüglich der Definition des proto-elamischen Zeitraums. Manche legen sie auf die Zeitspanne zwischen 3200 und 2800 v. Chr. fest. Da die Tontafeln mit proto-elamischer Schrift ein fundamentales Attribut darstellen, wird sie von anderen auf 3100–2900 v. Chr. festgelegt. Die Schrift war nur während weniger Generationen von Schreibern in Gebrauch und ist zeitgenössisch mit der Dschemdet-Nasr-Zeit, der Frühdynastischen Zeit Mesopotamiens und der Frühtranskaukausischen Kultur. Archäologische Materialien in Form von keramischen und glyptischen Kunstgegenständen sprechen für die chronologische Vorrangigkeit der proto-keilschriftlichen Schrift von Uruk. Die Abfolge ist nicht unumstritten, da eine gleichzeitige Ableitung der beiden Schriften von Funden aus Susa, Godin Tepe und anderen Orten mit einer früheren numerischen und bildnerischen Schrift für möglich gehalten wird.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 192 und 196.

Merkmale Siedlungsmuster und Architektur Das proto-elamische Siedlungsmuster ist durch wichtige regionale Zentren und spärliche Hinweise von umliegenden Dörfern geprägt. Im späten 4. Jahrtausend und frühen 3. Jahrtausend v. Chr. scheint in weiten Teilen Irans ein starker Rückgang der sesshaften Bevölkerung stattgefunden zu haben, verbunden mit einem Trend zu Einzugsgebieten von regionalen Zentren. Die Konzentration menschlicher und wirtschaftlicher Ressourcen in den proto-elamischen Zentren und die Landflucht könnte eine Reaktion auf ein relativ plötzliches Auftreten ungünstiger klimatischer und landwirtschaftlicher Bedingungen gewesen sein.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 230.

Proto-elamische Zentren zeigen architektonische Elemente, wie das Layout von Gebäuden und die Verwendung von standardisierten Backsteinen, die auf eine zentrale Planung hinweisen und überregional nachgewiesen werden können. Die Eigenschaften lassen vermuten, dass eine mächtige Organisation oder Individuen existiert haben, die neue Siedlungen nach ihren Vorstellungen bauen konnten. Das proto-elamische Malyan umfasste 50 Hektaren und enthielt monumentale Architekturen wie eine 5 km lange Mauer. Es gab spezialisiertes Handwerk und administrative Aktivitäten. Andere Zentren hatten bescheidenere Größen. Aber auch sie zeigen Anhaltspunkte von sozialer und wirtschaftlicher Komplexität. Die Zentren können als Tor zu anderen Kulturen interpretiert werden. So könnte Susa das Tor zu Mesopotamien, Shar-e Sokhta zu Afghanistan und zum Indus, Tepe Hissar zu Turkmenistan und Zentralasien gewesen sein.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 230 und 232.

Wirtschaft Die Nahrung und Wirtschaft basierten auf der landwirtschaftlichen Produktion von Gerste und Weizen und der Viehzucht, im Besonderen von Schafen und Ziegen. Die Tiere lieferten Fleisch, Milch und Wolle. Rinder könnten als Zugtiere und Esel als Lasttiere benutzt worden sein. In manchen Regionen wie in Fars gibt es Hinweise auf eine saisonale Mobilität der Hirten. Metalle wie Kupfer, Gold, Silber und Blei sind über das ganze proto-elamische Gebiet nachgewiesen. Arisman, in der Provinz Isfahan gelegen, war ein wichtiger Ort zur Gewinnung und Verarbeitung von Kupfer.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 230–232.

Verwaltung Ein charakteristisches Merkmal des proto-elamischen Zeitraums sind die materiellen Überbleibsel einer Verwaltung in der Form von Texten, Siegeln und Siegelabdrücken. Bis anhin wurden proto-elamische Tontafeln an acht verschiedenen Orten über ganze Iranische Hochland verteilt gefunden: Susa, Tall-e Geser, Malyan, Sialk, Ozbaki, Sofalin, Yaha und Shahr-e Sokhta. Es ist möglich, dass die proto-elamische Schrift mit der gesprochenen Sprache der damaligen administrativen Elite in Verbindung stand. Obwohl die Verbindung vom proto-elamischen Zeitraum zu den späteren Elamern unklar ist, ist die frühe Einrichtung eines elamischen Kulturgebiets, das mindestens die Täler von Fars und das Tiefland von Chuzestan mit Außenposten oder Enklaven im Norden und Osten dieser Regionen, in Betracht zu ziehen. Angesichts späterer sprachlicher Belege ist anzunehmen, dass eine einheimische elamisch-sprechende Bevölkerung in der späteren Hälfte des 4. Jahrtausend v. Chr. in Iran gelebt hat.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 231.

Die Verwaltungstexte drehen sich um die Anliegen einer ländlichen Wirtschaft mit Produkten der Landwirtschaft, der Viehwirtschaft und Arbeitskräften. Sie behandeln den Verkehr von Waren und Gegenständen des täglichen Gebrauchs sowie Stein- und Metallwerkzeuge. Verschiedene Arten von Rollsiegeln wurden zum Kennzeichnen an Tontafeln, Lagertüren und einer Reihe von Behältern angebracht. Rollsiegel aus glasiertem Speckstein sind ein Merkmal der proto-elamischen Ikonographie. Sie wurden weit über das proto-elamische Einzugsgebiet hinaus, im Nordosten des heutigen Iraks, im südlichen Teil Mesopotamiens und in Niniveh gefunden. Die Bilder der Siegel zeigen eine Abneigung, Menschen darzustellen. Stattdessen sind Tiere in menschlichen aufrechten Positionen und Symbole wie Dreiecke und Kreuze abgebildet.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 231.

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Proto-elamische Schrift

Zusammen mit der proto-keilschriftlichen Schrift von Uruk gehört die proto-elamische Schrift zu den ältesten Schriften des Nahen Ostens. Sie ist auf das Ende des 4. Jahrtausend v. Chr. datiert und vom Iranischen Hochland überliefert. Die beiden ältesten Schriften des Nahen Ostens zeigen Parallelen in den Zahlensystemen und den numerischen Wertzeichen und Unterschiede bei den Zeichen. Aufgrund eines Unterbruchs in der schriftlichen Tradition um 2800 v. Chr. sind keine Nachfolger der proto-elamischen Schriften bekannt, die bei der Entzifferung geholfen hätten, im Gegensatz zur proto-keilschriftlichen Tradition. Deshalb ist die Schrift bis heute im Großen und Ganzen nicht entziffert und nur die gemeinsamen Elemente mit der proto-keilschriftlichen Schrift tragen zu einem Verständnis bei.François Desset: Proto-Elamite Writing in Iran. In: Naissance de l’état, naissance de l’administration: le rôle de l’écriture en Égypte, au Proche-Orient et en Chine. Achéo-Nil. Revue de la société pour l’étude des cultures prépharaoniques de la vallée du Nil. Band 26, Paris 2016, S. 67–104, hier S. 67–68.

Proto-elamische Texte werden von rechts nach links gelesen. Sie beginnen auf der Vorderseite und enden auf der Rückseite. Die Vorderseite enthält normalerweise eine Serie von Einträgen und die Rückseite die Summe. Außer zwei Texten aus Susa sind es Zahlenlisten, vergleichbar den Texten aus der Uruk IV/späten Susa II Zeit. Es handelt sich um Aufzählungen und Erfassungen. Nur zwei Tontafeln behandeln metro-mathematische Themen, die wahrscheinlich zur Schulung benutzt wurden.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 195.

Obwohl die Schrift noch nicht entziffert ist und es auch keine Beweise für eine Verbindung zur altelamischen Schrift gibt, sind die proto-elamischen Texte als administrative Dokumente und Zahlensysteme identifiziert. Mindestens ein Zahlensystem wie zum Beispiel das Zahlensystem für die Erfassung des Getreidevolumens war bereits in den Schichten des späten Susa II aktiv. Die meisten der numerischen Zahlensysteme wurden als identische oder davon abgeleitete Systeme der proto-keilschriftlichen Systeme aus Uruk erkannt. Die Verwendung von Zahlensystemen, die bereits in den Schichten von Susa II vorkamen und im proto-elamischen Zeitraum überdauert haben, sind ein Beweis für eine soziale und kulturelle Kontinuität angesichts eines dramatischen Wandels in vielen anderen Bereichen des damaligen Lebens.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 195–196.François Desset: Proto-Elamite Writing in Iran. In: Naissance de l’état, naissance de l’administration: le rôle de l’écriture en Égypte, au Proche-Orient et en Chine. Achéo-Nil. Revue de la société pour l’étude des cultures prépharaoniques de la vallée du Nil. Band 26, Paris 2016, S. 67–104, hier S. 91–93.

Einer der führenden Experten für die Entzifferung der proto-elamischen Schrift sagt:

Das Ende Der Kollaps des proto-elamischen Systems in Susa wird zwischen 2900 und 2800 v. Chr. und derjenige in Tall-e Malyan und Tepe Yahya später, sicher vor 2700 v. Chr., datiert. In Susa kann der Zusammenbruch auf das Wiedererstarken der sumerischen Stadtstaaten zurückgeführt werden und war möglicherweise mit einer Invasion begleitet. Weitere Gründe für das Zusammenbrechen könnten innere Instabilitäten der proto-elamischen Gesellschaft gewesen sein.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 233.

Für die Beschleunigung des Verschwindens der proto-elamischen Schrift wird das Fehlen einer Schreibertradition in Susa, die keine Schreiberkultur hervorgebracht hatte, verantwortlich gemacht. In der Überlieferung fehlen ausführliche Lexikonlisten, die zum Beispiel in Uruk Bestandteil einer Schreibkultur waren, um Schüler zu unterrichten. Als das proto-elamische Schreibsystem zu kollabieren begann, waren wohl nur einige wenige Schreiber der Schrift mächtig und es gab keinen Apparat, der den Zerfall aufhalten oder die Schrift später wieder einführen konnte. Nach 2800 v. Chr. verschwand sie im Westen von Iran für beinahe 500 Jahre und tauchte erst in der Form der mesopotamischen Keilschrift wieder auf. Für die anderen iranischen Gebiete dauerte die schriftlose Zeit viel länger.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 233.