Ableismus (; von , mit Suffix -ism = „-ismus“) bezeichnet unterschiedliche Diskriminierungsformen gegenüber Menschen mit Behinderung. Der Begriff leitet sich vom anglo-amerikanischen ab () und wurde von der US-amerikanischen Behindertenrechtsbewegung geprägt. Er steht für „die alltägliche Reduktion eines Menschen auf seine Beeinträchtigung“.Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e. V., 2018, zitiert von Ableismus kann sich durch Nicht-Thematisierung der Behinderung zeigen wie durch Überbetonung der Behinderung, durch Abwertung und Ausgrenzung wegen abweichender Körperlichkeit wie durch paternalistische Fürsorge. Der neue Begriff geht laut Rebecca Maskos über Behindertenfeindlichkeit hinaus. Er ziehe eine Parallele zu Sexismus und Rassismus, demnach diskriminierende Haltungen und Handlungen Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse seien. Eine einheitliche Definition des Begriffs gibt es bislang nicht.
Begriffsherkunft und -geschichte Geprägt haben den aus dem Anglo-amerikanischen abgeleiteten sozialwissenschaftlichen Begriff die Disability Studies im Rahmen des US-amerikanischen Disability Rights Movement (Behindertenbewegung für die Rechte von behinderten Menschen) in den 1980er-Jahren; die US-amerikanische Wissenschaftlerin Fiona Kumari Campbell hat dabei maßgeblich zur internationalen Bekanntheit des Konzepts beigetragen: In ihrer Publikation Contours of Ableism hat sie ihn ausgearbeitet und etabliert und beschreibt ihn als ein Netzwerk von Überzeugungen, Prozessen und (eingeübten, eingefahrenen) Praktiken, die ein bestimmtes Selbst- und Körperbild (einen körperlichen Standard) hervorbringen, was als „perfekt“ und „art-typisch“ und damit wesentlich und vollständig menschlich dargestellt wird. Damit wird „Behinderung“ ein Zustand verminderter bzw. minderwertiger Menschlichkeit.
Der Ansatz erweitert das Konzept der Behindertenfeindlichkeit auf die potenziell diskriminierende Bewertung von Fähigkeiten im Allgemeinen; er betrachtet gesellschaftliche Normen und Vorstellungen von „Normalität“ als Grundlage für die Abwertung oder Benachteiligung von Personen aufgrund ihrer Fähigkeiten oder deren Wahrnehmung und soll analog zu Sexismus oder Rassismus theoretische Auseinandersetzung ermöglichen, ist auch in aktivistischen Kontexten von Bedeutung und wird sowohl in angloamerikanischen Debatten als auch im deutschsprachigen Raum aufgegriffen.
Die britischen thematisierten unter den Begriffen und bzw. Behinderung zunächst als eine Form gesellschaftlicher Unterdrückung. Gleichzeitig wurden in den in den USA, Australien und Kanada unter dem Konzept des ableism spezifische Formen der behinderungsbezogenen Diskriminierung problematisiert.
Begriffserklärung und -definition Ableismus (englisch ableism) beschreibt ähnlich wie Sexismus und Rassismus ein System von Praktiken, Institutionen, Glaubensbildern und Werten, die soziale Beziehungen formen und ein geschlossenes Weltbild schaffen. Dieses System schließt Menschen ein, die als zur „Norm“ gehörig angesehen werden, während es andere ausschließt und zu (unsichtbaren) „Anderen“ erklärt; bestimmte Fähigkeiten, die als wesentlich erachtet werden, werden gezielt hervorgehoben und gleichzeitig wird bewertet, wie Fähigkeiten aussehen müssten, um als „nicht behindert“ eingeordnet zu werden. Ableismus bzw. Disablismus bezeichnet eine „Diskriminierung bezüglich abweichender Körperlichkeit / Behinderung (z. B. Körpergröße, Schädigungen des Stütz- und Bewegungsapparates, Albinismus, chronische Erkrankung)“.
Es existiert allerdings weder unter Behindertenrechtsaktivisten noch in der Wissenschaft eine einheitliche Definition, die den Umfang des Begriffs klar abgrenzt. 2023 waren die Forschungen zu Ableismus noch nicht weit fortgeschritten, und im deutschsprachigen Raum gibt es nur wenige umfassende Publikationen, die sich mit diesem Thema befassen.
Begriffsabgrenzung/Unterformen Disablismus Der Begriff Disablismus (von englisch ) bezeichnet das Konzept, bei dem Personen wegen fehlender oder verminderter (Leistungs-)Fähigkeiten als „behindert“ kategorisiert werden: Die Diskriminierung von Behinderten wird auch so genannt. Gregor Wolbring, Assistant Professor in der Abteilung Community Health Service der Universität von Calgary (Kanada), erklärt Disablismus zum „Begleiter“ des Ableismus:
Auch Fiona Campbell unterscheidet Disablismus und Ableismus: Ihr zufolge fördere Disablismus die Ungleichbehandlung der (körperlich) Behinderten gegenüber Nichtbehinderten, markiere den Behinderten (distanziert) als „den anderen“ und arbeite aus der Perspektive der Menschen ohne Behinderung.
Behindertenfeindlichkeit Laut Rebecca Maskos „ist Ableismus breiter als ‚Behindertenfeindlichkeit‘: Wie Rassismus und Sexismus bildet der Begriff nicht nur die Praxis im Umgang mit einer Gruppe ab, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse und Strukturen, welche diese Praxis hervorbringen.“ Ableismus zeige sich nicht nur im „schrägen Kommentar“ oder im „Kopfstreicheln“, sondern auch in der Treppe ohne Rampe, im fehlenden Aufzug, in den Geldern, die Veranstalter für Lautsprach-/Gebärdensprachdolmetscher, Live-Streaming oder Leichte Sprache nicht aufbrächten. „Behindertenfeindlichkeit“ könne umgekehrt auch suggerieren, dass es reiche, einfach nur die eigene Haltung umzuwandeln – nämlich in eine „behindertenfreundliche“.
Literatur
Schidel, Regina: „Behinderung“ und Gesellschaft: Ableismus in philosophischer und sozialtheoretischer Perspektive. Suhrkamp, Frankfurt 2025, ISBN 978-3-518-30066-4.
Weblinks Ableismus erkennen und begegnen (PDF; 824 kB) Broschüre der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben. auf der Webseite von Scope (britische gemeinnützige Organisation für Chancengleichheit, englisch) Informationen über Diskriminierung Behinderter (englisch) Historische Literatur zu Behinderung und sozialer Ausgrenzung – die Sammlung Max Kirmsse an der UB Marburg Steven Solbrig: Wo wir stehen: Behinderung im Fokus, in: Dossier „Kunst kommt von Können?!“ Klassismus im Kulturbetrieb (Stiftung für kulturelle Weiterbildung und Kulturberatung Berlin, Mai 2022). Ableismus in leichter Sprache
Einzelnachweise
Kategorie:Diskriminierung von Menschen mit Behinderung Kategorie:Sozialer Wandel Kategorie:Soziologische Theorie Kategorie:Menschenrechte Kategorie:Wertvorstellung Kategorie:Sozialpsychologie