mini|Titelseite von Richard Cantillons Essai sur la nature du commerce en général, posthum 1755 veröffentlicht Als Cantillon-Effekt wird in der Ökonomie der Effekt bezeichnet, dass sich eine Erhöhung der (Giral-)Geldmenge (Nettokreditvergabe) nicht automatisch gleichmäßig auf alle Bereiche einer Volkswirtschaft verteilt, sondern in Stufen, wobei manche Bereiche (insbesondere der Banksektor, andere staatsnahe Firmen, der Unternehmersektor und politisch begünstigte Gruppen) zuerst profitieren, während der Rest der Volkswirtschaft später folgt oder gar nicht von der Geldschöpfung profitiert.
Benannt wurde der Effekt nach Richard Cantillon, der ihn in seiner 1755 erstmals veröffentlichten „Abhandlung über die Natur des Handels im allgemeinen“ folgendermaßen beschreibt, wenngleich heute die Geldvermehrung in der Regel nicht mehr von Minen ausgeht, sondern von den Zentralbanken und damit zunächst zugunsten der Finanzbranche:
Besondere Beachtung findet der Cantillon-Effekt bei den Vertretern der Österreichischen Schule der Nationalökonomie wie Ludwig von Mises oder Friedrich August von Hayek, die eine Begrenzung der Geldmenge fordern.
Wirkung auf die Einkommensverteilung Kritiker sehen in der Geldpolitik der US-Zentralbank seit der Finanzkrise 2008 ein typisches Beispiel für einen Cantillon-Effekt, von dem vor allem die Banken profitierten, während das Geld die Realwirtschaft erst sehr viel später und bestimmte Sektoren gar nicht erreichte. Auch der Einfluss politisch begünstigter Gruppen auf die Geldschöpfung z. B. in Entwicklungsländern ohne starke Zentralbank wird mit Hilfe des Effekts beschrieben: „The president orders the central bank to send an armored truck full of cash to his house. The president’s wife goes into town and pays for her shopping spree with cash from the truck.“Kurt Schuler: Cantillon effects in Africa in www.alt-m.org, 15. Dezember 2012.
Eine exzessive Kreditvergabe, die heute nicht nur durch die Zentralbank, sondern durch die private Schöpfung von Giralgeld erfolgt, trägt dazu bei, dass nur die Kreditnehmer aus der Geldschöpfung Nutzen ziehen. Einkommensschwache Schichten sind ohne Sicherheiten jedoch nicht in der Lage, Kredite zu erlangen. Daher vergrößert eine großzügige Kreditvergabe die Einkommensungleichheit. Thomas Mayer geht davon aus, dass diese Ursache der zunehmenden Ungleichheit der Verteilung der Geldvermögen relevanter ist als die von Thomas Piketty benannten Faktoren.Thomas Mayer: Die wahre Ursache der Ungleichheit. In: faz.net, 27. September 2014.
Einzelnachweise
Kategorie:Volkswirtschaftslehre Kategorie:Geldpolitik
fr:Richard Cantillon#L'effet Cantillon en:Richard Cantillon#Monetary theory