Patrick Finucane (* 21. März 1949; † 12. Februar 1989 in Belfast) war ein nordirischer Rechtsanwalt, der von loyalistischen Paramilitärs erschossen wurde. Die Umstände der Ermordung Finucanes sind Teil einer bis in die Gegenwart anhaltenden Kontroverse um die Zusammenarbeit von Angehörigen der britischen Sicherheitskräfte und loyalistischen Paramilitärs während des Nordirlandkonflikts.
Leben Der Sohn eines Mühlenarbeiters wuchs zusammen mit sieben Geschwistern im katholisch-nationalistisch geprägten Gebiet der Falls Road im Westen der nordirischen Hauptstadt Belfast auf.Zur Biographie siehe Kevin Toolis: Rebel hearts. Journeys within the IRA's soul. St. Martin's Press, New York 1996, ISBN 0-312-14478-4, S. 84–90; Doherty, Beyond collusion (PDF, 685 kB), S. 4ff. Ende der 1960er Jahre nahm er ein Studium am Trinity College in Dublin auf. Finucane studierte zunächst Anglistik und Philosophie; später wechselte er zu Jura. An der Universität lernte er eine Frau aus einer protestantischen Belfaster Familie kennen, die er 1970 heiratete. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Finucanes Sohn John wurde 2019 für Sinn Féin ins Britische Unterhaus gewählt.
Finucanes Eltern waren im Frühjahr 1968 in ein Haus im überwiegend von Loyalisten bewohnten Gebiet der Shankill Road gezogen. Während der Unruhen im August 1969, die zum Einsatz der britischen Armee führten, floh die Familie zur Falls Road, nachdem ein loyalistischer Mob versucht hatte, in das Haus einzudringen.Toolis, Rebel hearts, S. 94ff. In den 1970er Jahren traten drei jüngere Brüder Finucanes in die Provisional Irish Republican Army (IRA) ein: John Finucane starb 1972 während eines IRA-Einsatzes bei einem Autounfall. Dermot Finucane war ab 1979 an zahlreichen Schießereien beteiligt, brach 1983, zwei Jahre nach seiner Verhaftung, aus dem Maze-Gefängnis aus und war von 1987 bis 1991 in der Republik Irland inhaftiert, wo er sich erfolgreich seiner Auslieferung nach Nordirland widersetzte. Seamus Finucane wurde 1972 als 15-Jähriger interniert und 1976 zusammen mit Bobby Sands verhaftet. Im Gefängnis beteiligte er sich am Blanket Protest; nach der Haftentlassung 1986 war er der Verlobte von Mairéad Farrell.Basierend auf Interviews mit der Familie: Toolis, Rebel hearts, S. 105–183. Nach Angaben seiner Frau versuchte Pat Finucane seine Brüder zu überzeugen, den Schulabschluss zu machen und nicht der IRA beizutreten. Er habe ihre Entscheidung respektiert, aber für töricht gehalten.Toolis, Rebel hearts, S. 105.
Ab Mitte der 1970er Jahre praktizierte Finucane als Rechtsanwalt in Belfast; 1979 schloss er sich mit Peter Madden zur Kanzlei Madden and Finucane zusammen. Die Kanzlei bearbeitete sowohl Zivil- als auch Strafsachen und spezialisierte sich auf die Verteidigung von Personen, die auf Grund der Anti-Terror-Gesetzgebung für Nordirland angeklagt wurden. Angesichts des familiären Hintergrunds Finucanes wurden zahlreiche Republikaner, die paramilitärischer Aktivitäten verdächtigt wurden, Mandanten der Kanzlei; zugleich verteidigte Finucane Loyalisten.Toolis, Rebel hearts, S. 88f. Doherty, Beyond collusion (PDF, 685 kB), S. 1, 4.
1981 wurde Finucane als Anwalt von Bobby Sands während dessen Hungerstreiks mehrfach im Fernsehen interviewt. Madden and Finucane erzielte besondere Erfolge mit Zivilklagen, bei denen eine Gesamtentschädigungssumme von vielen £100.000 wegen Misshandlungen in Polizeihaft und Freiheitsberaubungen durch fälschliche Festnahmen erstritten wurden. Anfang der 1980er Jahre war Finucane Verteidiger bei den sogenannten Supergrass-Prozessen, bei denen es zu zahlreichen Anklagen auf der Grundlage von Aussagen von Kronzeugen kam. Finucane kritisierte, dass die Verfahren rein auf Aussagen beruhen und es keine materiellen Beweise gebe. Die bis zu vier Jahre lange Untersuchungshaft während der Prozesse nannte er „Internierung durch Untersuchungshaft“. 1988 engagierte ihn die IRA-nahe Partei Sinn Féin, um die Gesetzmäßigkeit des Verbots von Fernseh- und Radio-Interviews mit Sinn-Fein-Mitgliedern überprüfen zu lassen. Im gleichen Jahr war Finucane Verteidiger des IRA-Mitglieds Pat McGeown, dessen Mordanklage fallen gelassen wurde. Ebenfalls 1988 war er für die erste erfolgreiche Habeas Corpus-Petition verantwortlich, in der eine Inhaftierung unter der Anti-Terror-Gesetzgebung für Nordirland wegen Misshandlungen durch die Polizei als unrechtmäßig anerkannt wurde. Anfang 1989 erstritt Finucane bessere Haftbedingungen für Gefangene in Einzelhaft und setzte zwei Verfahren gegen die britische Regierung vor der Europäischen Kommission für Menschenrechte in Straßburg in Gang.Zur Anwaltstätigkeit siehe Toolis, Rebel hearts, S. 88–93, Doherty, Beyond collusion (PDF, 685 kB), S. 5f.
Am 17. Januar 1989 erklärte Douglas Hogg, parlamentarischer Unterstaatssekretär im Innenministerium, im britischen Unterhaus, es gebe in Nordirland Anwälte, die mit der Sache der IRA übermäßig sympathisieren würden.Hansard: House of Commons, Standing Committee B., 17. Januar 1989, Spalte 508. Zitiert bei Doherty, Beyond collusion (PDF, 685 kB), S. 9. Hoggs Äußerungen stießen im Parlament auf den Protest von Seamus Mallon (SDLP), der nach Hoggs Erklärung Menschenleben in großer Gefahr sah.Hansard: House of Commons, Standing Committee B., 17. Januar 1989, Spalte 511. Zitiert bei Doherty, Beyond collusion (PDF, 685 kB), S. 10. Zu dieser Zeit hatten sich von den mehreren hundert Rechtsanwälten in Belfast nur wenige auf die Verteidigung von Mandanten spezialisiert, die nach den Anti-Terror-Gesetzen angeklagt waren.David McKittrick: Lost lives. The stories of the men, women and children who died as a result of the Northern Ireland troubles. Mainstream Publishing, Edinburgh 1999, ISBN 1-84018-227-X, S. 1160. Nach Angaben von Finucanes Ehefrau war das Ehepaar über Hoggs Äußerungen erschrocken und erwog zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen.Zitiert bei Toolis, Rebel hearts, S. 86.
Am 12. Februar 1989 wurde Finucane in seinem Haus im Norden Belfasts vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder erschossen. Die beiden maskierten Täter hatten zuvor die Haustür zertrümmert. Nach Aussagen der Frau gingen die Täter sehr kaltblütig und methodisch vor; sie hatte den Eindruck, es sei nicht der erste Mord, den sie verübten. Zu dem Anschlag bekannten sich die Ulster Freedom Fighters (UFF), ein Tarnname, den die 1989 noch legale Ulster Defence Association (UDA) benutzte. Die UFF nannte den Anschlag Teil ihrer „unvermeidlichen Vergeltung“ für IRA-Anschläge und behauptete, Finucane sei IRA-Offizier gewesen. Eine IRA-Mitgliedschaft Finucanes wurde vom Leiter der Morduntersuchung dementiert und von Finucanes Partner Madden energisch bestritten. Madden erklärte, Finucane habe seine Missbilligung der Verhältnisse in Nordirland ausgedrückt, in dem er sie im Gerichtssaal herausforderte. Er sei besorgt gewesen, dass die Strafjustiz im Kampf gegen einen gewaltsamen politischen Aufstand eingesetzt werde, um diesen als kriminelle Verschwörung zu klassifizieren.Zum Mord siehe Toolis, Rebel hearts, S. 84–87, Doherty, Beyond collusion (PDF, 685 kB), S. 13ff.
Morduntersuchung Der Mord an Finucane gilt als einer der umstrittensten Todesfälle des Nordirlandkonflikts.Mark Devenport: Pat Finucane's murder was one of NI's most controversial killings. BBC News, 11. Oktober 2011 (Abgerufen am 17. Januar 2012). Irische Republikaner sehen den Tod Finucanes als Beleg für eine weitreichende Kooperation zwischen den britischen Sicherheitskräften und loyalistischen Paramilitärs. Der Sinn Féin-Politiker Alex Maskey meinte 2009, der Mord an dem Anwalt verdeutliche die Tiefe und den Umfang der Zusammenarbeit zwischen der britischen Armee, unionistischen „Todesschwadronen“ und dem britischen „Establishment“.Zitiert bei Sinn Féin West Belfast: 15. Februar 2009 (Abgerufen am 17. Januar 2011). Die Familie Finucanes setzt sich für eine unabhängige öffentliche Untersuchung über die Umstände der Ermordung ein.Finucane Family Statements bei www.patfinucaneinquiry.com (Abgerufen am 18. Januar 2012).
Unmittelbar nach dem Mord gab es den Verdacht, dass sich Angehörige der britischen Sicherheitskräfte mit den Tätern abgesprochen hatten. Mandanten Finucanes berichteten, dass Beamte der nordirischen Polizei Royal Ulster Constabulary (RUC) während Vernehmungen Todesdrohungen gegen ihren Anwalt geäußert hätten.Doherty, Beyond collusion (PDF, 685 kB), S. 8. John Stalker, der in den 1980er Jahren die Tötung von IRA-Mitgliedern durch die RUC untersuchte, berichtete von Einschüchterungsversuchen der RUC, nachdem er mit Finucane redete, und sprach davon, dass er noch nie solch offenen Hass von Polizisten auf einen Anwalt erlebt habe.John Stalker: The Stalker affair. Viking, New York 1988, ISBN 0-670-82262-0, S. 49. Zitiert bei: Doherty, Beyond collusion (PDF, 685 kB), S. 7.
Im Januar 1992 wurde Brian Nelson zu zehn Jahren Haft verurteilt.Collusion - Chronology of Events in the Stevens Inquiries. 22. Januar 1992 bei CAIN – Conflict archive on the Internet (Abgerufen am 18. Januar 2012). Dem Gerichtsverfahren zufolge war Nelson als hochrangiges Mitglied der UDA für deren Nachrichtenbeschaffung verantwortlich und arbeitete zugleich als Informant für den Militärgeheimdienst Force Research Unit (FRU).Doherty, Beyond collusion (PDF, 685 kB), S. 29ff. Presseberichte vom Sommer 1992 brachten Nelson in Verbindung mit der Ermordung Finucanes: Nelson soll mit Wissen seiner FRU-Führungsoffiziere Informationen über Finucane zusammengestellt haben und den für die Ausführung des Anschlags verantwortlichen UDA-Mitgliedern eine Fotografie des Anwalts übergeben haben.Amnesty International: United Kingdom: Political Killings in Northern Ireland. April 1994, S. 21f (PDF, 133 kB, abgerufen am 18. Januar 2012).
1999 wurde William Stobie angeklagt, an der Ermordung Finucanes beteiligt gewesen zu sein. Stobie war innerhalb der UDA für die Waffenverwaltung zuständig und war zugleich Informant des Special Branch der RUC, des Nachrichtendienstes der nordirischen Polizei. Stobie war erstmals im September 1990 verhaftet worden; im Januar 1991 wurde zunächst entschieden, keine Anklage gegen ihn zu erheben. Stobie gab zu seiner Verteidigung an, er habe dem Special Branch genügend Hinweise gegeben, um den Anschlag zu verhindern; auch sei ihm nicht bekannt gewesen, dass Finucane das Ziel des geplanten Anschlags sei. Stobie wurde im November 2001 aus Mangel an Beweisen freigesprochen, nachdem die Anklagebehörde zuvor entschieden hatte, dass ein wichtiger Zeuge auf Grund seiner gesundheitlichen Probleme nicht glaubwürdig sei. Stobie wurde im Dezember 2001 erschossen; der Anschlag wurde der UDA zugeschrieben.Doherty, Beyond collusion (PDF, 685 kB), S. 40–50, 63–69.
Nach einem Bericht der Sunday Times vom Oktober 2000 hatte das UDA-Mitglied Ken Barrett im Oktober 1991 gegenüber Kriminalpolizisten der RUC gestanden, einer der beiden Mörder Finucanes zu sein. Der Special Branch der RUC habe jedoch entschieden, keine Anklage zu erheben, sondern Barrett als Informanten einzusetzen. 2002 gab Barrett in einem verdeckt aufgezeichneten Interview der BBC die Beteiligung an der Ermordung Finucanes zu. Zugleich erklärte er, ein Beamter des Special Branch habe versucht ihn zu überzeugen, dass Finucane ein „legitimes Ziel“ sei; der gleiche Beamte habe die Attentäter in der Nacht des Anschlags unterstützt.Doherty, Beyond collusion (PDF, 685 kB), S. 73–89. Siehe auch Collusion - Transcript of BBC Panorama programme, 19 June 2002 bei CAIN – Conflict archive on the Internet (Abgerufen am 18. Januar 2012). Barrett wurde im Mai 2003 verhaftet, gestand den Mord an Finucane und wurde zu einer Haftstrafe von 22 Jahren verurteilt.Finucane killer gets 22 years. BBC News, 16. September 2004 (Abgerufen am 18. Januar 2012). Im Mai 2006 wurde Barrett gemäß dem Karfreitagsabkommen vorzeitig aus der Haft entlassen.Finucane killer freed from jail. BBC News, 23. Mai 2006 (Abgerufen am 18. Januar 2012).