Der Geschichtenerzähler (spanisch ) ist ein Roman des peruanischen Literatur-Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa aus dem Jahr 1987. Er behandelt am Beispiel der nomadisierenden Machiguenga im Amazonas-Gebiet die Problematik der Integration indigener Völker in die verwestlichte peruanische Gesellschaft.
Überblick Vargas Llosas Roman mit autobiographischen Bezügen handelt von der mehr als dreißigjährigen Beschäftigung des Ich-Erzählers und fiktiven peruanischen Autors mit dem im Amazonas-Gebiet lebenden indigenen Stamm der Machiguengas und seinen geheimnisumwobenen Geschichtenerzählern. Der Erzähler hat diese Thematik bereits während seiner Studienzeit mit seinem Freund Saúl Zuratas in Lima diskutiert. Seitdem hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen und er plant eine Erzählung darüber zu schreiben. In den folgenden Jahren erforscht er durch das Studium anthropologischer Berichte sowie eigene Interviews vor Ort für eine Fernsehreportage die Mythologie und Geschichte dieses Stammes. Aber erst 1985 beginnt er mit der Ausformulierung seines Romans, nachdem er in Florenz durch eine Ausstellung an seinen Studienfreund erinnert wird (Kp. 1 und 8). Im Rückblick erzählt er von dieser Zeit seit den 1950er Jahren (Kp. 2, 4, 6): von seiner Erforschung der Lebensweise und der Mythologie der Indianer, von eigenen Begegnungen mit ihnen und von Gesprächen mit Forschern, die unter ihnen lebten und mehr über sie wussten. Die in den fünf Kapiteln geschilderten Etappen der Erarbeitung des Romans zeigen auch die zunehmende Anpassung indigener Gruppen an die peruanische Gesellschaft sowie die Diskussionen über die Integrationsproblematik: die Verbesserung der Lebensverhältnisse, aber auch der Verlust der alten Identität. Bei seinen Nachforschungen versucht der Autor immer wieder herauszufinden, was aus seinem Studienfreund Saúl geworden ist, der einmal vorhatte, bei den Machiguengas zu leben.
Dieser Handlungsstrang des Romans wird unterbrochen von den Vorträgen eines umherziehenden Machiguenga-Geschichtenerzählers (Kp. 3, 5 und 7). Er spricht über das Wanderleben der Familienverbände, ihre Kämpfe und ihre Erfahrungen mit weißen Händlern sowie die Einbeziehung ihrer Legenden von Göttern und Dämonen in ihren Alltag im Rahmen animistischer und magischer Vorstellungen.
Inhalt Rahmenhandlung Im ersten und achten Kapitel berichtet der AutorVargas Llosa als Ich-Erzähler, Scheerer, S. 153, 18. Z.v.o. über seinen Studienaufenthalt in Florenz im Sommer 1985: In der Santa-Margherita-Passage betritt er eine winzige Galerie mit Fotos des Italieners Gabriele Malfatti aus dem peruanischen Amazonien.eng. Peruanisches Amazonien Der Besucher erkennt auf den Bildern die Gegend um Nueva Luz (span.: Neues Licht) und Nuevo Mundo (span.: Neue Welt) wieder, die er wenige Jahre zuvor bereist hat. Von einem der Fotos wird er besonders angezogen: Im Kreis um einen Erzähler sitzen Männer und Frauen der Machiguenga. Der Autor stellt sich vor, dass der Geschichtenerzähler sein untergetauchter Freund Saúl ist, der sich dem Stamm angeschlossen hat, auch weil er vermutlich damit persönlich die jüdische Geschichte der Ausgrenzung und Isolation weiterführen will. Diese KonstruktionMarkus Klaus Schäffauer: Die Paradoxie des postmodernen Mythos und die Gattung als topographisches Problem in El hablador und Lituma en los Andes. in: Morales Saravia, José (Hg.): Das literarische Werk von Mario Vargas Llosa. Vervuert Frankfurt am Main: 2000, S. 233–258. ermöglicht dem Autor die Verbindung seiner Studien über die Amazonas-Indianer mit der Auffassung seines Freundes von einem Leben in und mit der Natur, und er kann nun mit dem Schreiben des Romans beginnen, der zugleich von seinen Schwierigkeiten handelt, die geistige Welt fremder Kulturen zu verstehen und abzubilden. Der Erzähler weiß, dass sich seit seinem Besuch vor sechs Jahren die Situation im Regenwald Südamerikas weiterhin verschlechtert hat: Abholzung, Besiedlung, Ölsuche, Drogenhandel und Terrorismus usw. werden auch eine Auswirkung auf die Machiguengas gehabt haben, und er fragt sich, wie lange ihre Dörfer erhalten bleiben und wie die Bewohner auf die Entwicklung reagieren werden: ob sie sich weiter den Verhältnissen anpassen oder ob sie sich zurückziehen und wieder den Kreislauf des Wanderns aufnehmen.
Recherchen Saúl Zuratas und des Autors über die Machiguengas Kp. 2
Durch die Ausstellung in Florenz inspiriert, erinnert sich der Autor an den Beginn seiner Bekanntschaft mit Saúl Zuratas, der wegen seines maulbeerfarbenen Muttermals, das die rechte Gesichtshälfte bedeckt, den Spitznamen Mascarita (span. Máscara – Maske) erhält. Zusammen mit seinem Vater, dem Krämer Don Salomón, lebt Saúl in einem heruntergekommenen Viertel Limas. Nach dem Tod der kreolischen Mutter, einer ungebildeten Goi aus Talara, ist der Jude Don Salomón in die Hauptstadt gezogen, um dem Sohn die Ausbildung als Jurist zu ermöglichen. Aber Saúl vernachlässigt 1953 bis 1956 das Jura-Studium, wirft sich mit Feuereifer auf die Ethnologie und sucht in den Semesterferien die Verwandten seiner Mutter, Bauern in Quillabambaeng. Quillabamba bei Cusco, auf. Weiße wie Saúl nennt die dortige Bevölkerung Viracochaseng. Viracocha und wirft ihnen Umweltschädigung, zum Beispiel Fischfang mit Dynamit, vor.Verwendete Ausgabe, S. 31, 5. Z.v.o. Während der Studienjahre in Lima unternimmt Saúl weitere Reisen an den Oberlauf des Urubamba und des Río Madre de Dios.Verwendete Ausgabe, S. 96. 4. Z.v.u.eng. östliche Kordillere in Peru. Siehe auch Nationalpark Manú Von ihm erfährt der Autor erstmals von den Mythen der Machiguengas: von Tasurinchi, dem Gott des Guten, und Kientibakori, dem Gott des Bösen, die beide mit ihrem bloßen Atemhauch das Leben auf der Welt geschaffen haben: der eine die Menschen und alles, was ihnen nützlich ist, der andere alles Übel.Verwendete Ausgabe, S. 21 unten Die beiden diskutieren über die Bewertung des einfachen von der Natur abhängigen Lebens der Indianer: Während der Autor die Entwicklungsmöglichkeiten durch eine Integration in die peruanische Gesellschaft positiv einschätzt, sieht Saúl die Gefahren, v. a. den Verlust ihrer Identität, und möchte sie in ihrer Abgeschiedenheit vor Kontakten mit westlichen Lebensformen und Religionen bewahren. 1956 erwirbt Saúl zwar seinen Bachelor-Abschluss mit einer Arbeit über den Machiguenga-Stamm, will aber seine Feldforschungen nicht fortsetzen, weil er sie als unmoralische Gewalt gegen indigene Kulturen ansieht, welche ihre Ausnutzung durch die Viracochas als billige Arbeitskräfte verstärkt. Diese Situation vergleicht er mit dem Kolonialismus. Saúl lehnt deshalb ein von seinem Professor arrangiertes Stipendium für ein Ethnologiestudium an der Universität Bordeaux in Frankreich ab.
Kp. 4
Zwei Jahre später, im Jahr 1958, reist der Autor zum ersten Mal in den Amazonas-Urwald, als er an Saúls Stelle Professor Matos Mar auf einer Expedition des peruanischen Instituts für Linguistik an die Ufer des oberen Marañón begleitet. Der Autor kann zwar nicht mit Machiguengas direkt reden, er lernt aber das junge Linguisten-Ehepaar Schneil – Absolventen der Universität von Oklahoma – kennen, die in der Wildnis durch behutsames Vorgehen das Vertrauen der Indianer gewonnen haben. Um überhaupt mit ihnen in Kontakt zu treten, hat sich Edwin Schneil nackt mit Gastgeschenken einer Machiguenga-Familie genähert und ist nicht – wie andere vor ihm – abgewiesen worden. Weder hat er nach Gringo-Art fotografiert, noch Tonaufnahmen gemacht. Doch die Schneils sind nicht nur Philanthropen und Sprachforscher. Sie verfolgen mit Geduld eine missionarische Absicht. Sie haben die Bibel im Gepäck und wollen sie in die Sprache der Machiguengas übersetzen. Der Autor erfährt von ihnen viel über das Leben und die Mythen des Stammes. Eine Besonderheit ihrer Sprache ist, dass sie keine EigennamenVerwendete Ausgabe, S. 100, 5. Z.v.o. haben. Dies erklärt, warum der Geschichtenerzähler im Roman alle Männer mit „Tasurinchi“ anspricht.siehe auch Cadera, S. 183 Mitte Am letzten Abend der Expedition hat der Autor noch ein Gespräch mit den Schneils. Beiläufig erzählen sie, dass die Machiguengas auf geheimnisvolle Weise über einen „Geschichtenerzähler“ sprächen. Über seine Rolle haben sie nur Vermutungen. Der Autor ist von diesen umherziehenden Rednern sehr beeindruckt, sucht in den Dokumentationen der Forscher nach weiteren Informationen und plant, einen Roman darüber zu schreiben.Vargas Llosa beschreibt im 6. Kp. seines Romans „Der Traum des Kelten“ (2010) in ähnlicher Weise wie Edwin Schneil im 6. Kp. einen „Seanchai“ genannten umherziehenden irischen Geschichtenerzähler
Der Autor kommt auf seiner Expedition nicht mit den herumziehenden kleinen Verbänden in Berührung, sondern nur mit den sesshaft gewordenen Familien in den Dörfern. Hier haben westliche Einflüsse bereits das Leben der Stämme verändert und es kommt immer wieder zu oft grausamen Konfrontationen. Denn sie werden von den patronos – das sind Weiße und Mestizen – ausgebeutet. Kurz vor dem Besuch der Expedition wurde Jum, der Kazike von UrakusaFoto aus Urakusa in Peru und Chef des Aguaruna-Stammes von Viracochas gefoltert, weil er den Wert des Geldes erkannt hat und eine eigene Handelsgenossenschaft für die Vermarktung ihrer Produkte aufbauen will. Hier wiederholt sich die Geschichte: Bereits während des Kautschukzeitalters sind Machiguengas als begehrte Arbeitskräfte Opfer von Menschenjägern geworden.
Nachdem der Autor von der Expedition nach Lima zurückgekehrt ist, trifft er sich mit Saúl in einer Kneipe und spricht mit ihm über seine Erlebnisse: Der Autor beurteilt die Entwicklung der Indianer ambivalent, sieht, wie zuvor im Gespräch mit Matos Mar, sowohl den Kapitalismus als auch den Kommunismus mit ihren unterschiedlichen Ideologien als potentielle Zerstörer der Amazonas-Kulturen und gibt den auf seiner Reise besuchten Genossenschaften eine Chance. Dagegen sind für Saúl die Linguisten im Amazonasgebiet eine Hauptgefahr, denn sie seien weitaus mächtiger als Missionare, Priester und Nonnen, weil sie über Geld und eine starke Organisation verfügen und die Indianer zu „guten Westlern, guten modernen Männern, guten Kapitalisten“ machen wollen. Er ist der Meinung, man solle die indigenen Stämme in Ruhe lassen und ihre Kultur respektieren. Der Autor reist nach dem Gespräch, es ist ihr letztes, zum Studium nach Madrid und Paris, und der angeblich nach Israel ausgewanderte. Freund beantwortet nicht seine Briefe.
Der Autor recherchiert in Madrid in der Nationalbibliothek und in der Dominikaner-Klosterbibliothek über die Machiguengas und findet in der Sammlung „Misiones Dominicanas“ Artikel über Brauchtum und Sprache. In einem Bericht lobt Fray Vicente de Cenitagoya die „Wilden“ als ehrlich und sanftmütig. Es seien ruhelose Menschen mit einer ungesunden Liebe zu Klatsch und Geschichten und „besessen vom Dämon der Bewegung“. Obwohl ihnen Missionare ein Dorf mit einer Schule aufgebaut und sie mit Essen versorgt hätten, sei der Stamm eines Tages plötzlich verschwunden. Vor allem ein Gespräch mit dem ehemaligen Missionar Fray Elicerio Maluenda ist für den Autor sehr informativ. Dieser erklärt ihm die Vorstellung der Indianer vom Universum. Über der Erde als Zentrum erheben sich die Wolkenregion „Menkoripatsa“ und darüber „Inkite“, die höchste Welt. Unter der Erde liegen das Totenreich, wo sich die Seelen der Verstorbenen aufhalten, und als unterste Region der Fluss mit schwarzem Wasser „Gamaironi“, in dem der Teufel „Kientibakori“ wohnt.
Kp. 6