mini|hochkant=1.5|Stiftungsurkunde des Hospitals St. Georg vom 20. März 1212 Das Hospital St. Georg (später auch Georgenhaus) war die älteste soziale Einrichtung in Leipzig. Seit seiner Gründung im Jahre 1212 bestand es in verschiedenen Formen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Heute trägt den Namen St. Georg seine Nachfolgeeinrichtung, das Klinikum St. Georg.

Das Hospital zu St. Georg vor dem Ranstädter Tor (1212–1631) mini|hochkant=1.5|Im Vordergrund die Gebäude des Hospitals St. Georg vor dem Ranstädter Tor, Kupferstich von 1595 Die Stiftungsurkunde des Hospitals St. Georg wurde am 20. März 1212 auf dem Frankfurter Reichstag ausgefertigt. Kaiser Otto IV. ermächtigt darin den Markgrafen Dietrich von Meißen, das Kloster St. Thomas samt einem Hospital zu gründen.Angelika Raulien: Von Anfang an mit sozialer Mission. Klinikum St. Georg steckt in den Vorbereitungen zum 800-jährigen Bestehen. Leipziger Volkszeitung vom 18. Juli 2011, S. 17. Obwohl diese Urkunde nur die Gründung eines namenlosen monasterium et hospitale (Kloster und Hospital) erwähnt, wird sie auch als Gründungsurkunde der zum Kloster gehörenden Thomasschule mit ihrem Thomanerchor angesehen. In einer weiteren Urkunde aus dem Jahr 1213 mit der Formulierung der Aufgabenstellung für das Hospital wurde es erstmals als Spittal sente Jorgen erwähnt. Der Heilige Georg war traditionell der Patron der Spitäler und Siechenhäuser. Über 200 Jahre lang wurde das Hospital gemäß dem kirchlichen Recht und der Pflicht der sozialen Fürsorge vom Thomaskloster betrieben. Es diente zunächst als Übernachtungsstätte für Pilger und Asyl für Obdachlose, Waisen und Findelkinder, widmete sich aber mehr und mehr der Aufnahme von Schwerkranken und Siechen.

Zunächst lag das Hospital zu St. Georg außerhalb der Stadtmauer vor dem Ranstädter Tor im Bereich der heutigen Rosentalgasse.Haupt/Güldner: 800 Jahre St. Georg in Leipzig. S. 24.Gretschel: Leipzig und seine Umgebungen. S. 90. () Es wird aber auch ein Platz in Klosternähe (heute etwa Ratsfreischulstraße Ecke Martin-Luther-Ring) angegeben.Riedel: Stadtlexikon Leipzig von A bis Z. S. 565. Am 29. September 1439 verfügte der Bischof Johannes von Merseburg die Abtretung des Georgenhospitals und der Kapelle zu St. Georg vom Thomaskloster an den Rat der Stadt Leipzig. Mit der Übergabe war die Auflage verbunden, das Hospital durch einen Neubau zu ersetzen. Dieser entstand in den Jahren 1440 und 1441 an alter Stelle vor dem Ranstädter Tor. Nach dem Besitzwechsel nahm es einen bedeutenden Aufschwung. Viele reiche Bürger errichteten Stiftungen zugunsten des Hospitals. Diese Stiftungen erbrachten kontinuierlich bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ein beträchtliches Kapital zugunsten des Hospitals St. Georg (siehe dazu die Tabelle Stiftungen für das Hospital St. Georg und die Stadt Leipzig insgesamtHaupt/Güldner: 800 Jahre St. Georg in Leipzig. S. 25.). Stiftungen für das Hospital St. GeorgGesamtzahlfür die Stadt Jahre Zahl Betrag 1439–1500 7 2.820 Gulden,dazu Wiesen und Häuser 24 1501–1539 25 11.525 Gulden 70 1539–1600 27 2.535 Gulden, Gut Eicha,Wiesen und Häuser 81 1601–1631 11 1.487 Gulden 57 1631–1668 2 250 Gulden 55 1668–1700 2 150 Gulden 46 1700–1750 14 7.710 Taler 116 1750–1800 12 8.287 Taler 167 mini|links|hochkant|Lageplan des Hospitals nach dem Wiederaufbau von 1547 Das städtische Georgenhospital wurde von zwei Spitalsmeistern geleitet, die meist einflussreich und oft sogar Ratsherren waren, so zum Beispiel der von 1472 bis 1499 als Bürgermeister amtierende Ludwig Scheibe. Diese Leitung beschränkte sich allerdings auf administrative Aufgaben und die Oberaufsicht. Die Leitung im Haus oblag einem Hausherrn, der mit seiner Familie auch im Haus wohnte. Die ärztliche Fürsorge wurde zunächst von einem nebenamtlich wirkenden Arzt der Stadt übernommen, bis 1517 eine Stiftung die Beschäftigung eines Arztes am Hause ermöglichte.

1546 befahl Herzog Moritz von Sachsen im Schmalkaldischen Krieg, zur besseren Verteidigung die westliche Vorstadt Leipzigs mit dem Georgenhospital niederzubrennen. Als Entschädigung für die kriegsbedingte Zerstörung des Gebäudes schenkte Moritz, inzwischen Kurfürst, 1547 dem Georgenhospital das Gut Eicha bei Naunhof. Der Wiederaufbau des Hospitals am selben Ort erfolgte 1548/1549, wobei ab jetzt die Funktion als Herberge unterblieb und vor allem temporär Kranke, Arme und alte Leute aufgenommen wurden. Das gleiche Schicksal des organisierten Abbrennens erfuhr das Hospital nochmals 1631 im Dreißigjährigen Krieg. Damit hatte das Hospital seine Tätigkeit eingestellt, sein Vermögen bestand jedoch weiterhin. Ein schneller Wiederaufbau fand nicht statt. Der Vorsteher, der das Vermögen verwaltete, war gleichzeitig Vorsteher des Johannishospitals. Nach dessen Tod 1646 wurde die Vermögensverwaltung an die beiden Vorsteher des Johannishospitals übertragen. Den Ausschlag dafür gab die Tatsache, dass einige Insassen des Georgenhospitals vom Johannishospital aufgenommen worden waren und die Aufgaben beider Hospitäler ähnlich waren, so dass man sogar an ihre Vereinigung dachte.

Das Zucht- und Waisenhaus (Georgenhaus) am Johannisplatz (1668–1701) mini|Das Zucht- und Waisenhaus (Georgenhaus; links) vor dem Äußeren Grimmaischen Tor Da die Stadt inzwischen Bedarf an einem „Irrenhaus“ (Psychiatrie) und einer Besserungsanstalt hatte, beschloss der Rat der Stadt, das Vermögen des Georgenhospitals zum Grundstock einer neu zu gründenden Einrichtung zu machen. 1668 wurde mit dem vorhandenen Kapital auf dem Grund und Boden des Johannishospitals das neue St. Georgen-Hospital errichtet. Es befand sich an der Nordseite des Johannishospitals vor dem Äußeren Grimmaischen Tor (auch Kohlgärtnertor). () Das neue Georgenhaus diente nun zur Unterbringung von „Wahnwitzigen und Sinnlosen“, als Zuchthaus und Besserungsanstalt.

Da die zwischen 1631 und 1668 in Familienpflege gegebenen Waisenkinder von ihren Pflegeeltern meist nicht gut behandelt und nicht regelmäßig zur Schule geschickt wurden, wurde bald ein Waisenhaus im neuen Georgenhaus eingerichtet, das von einem Lehrer und einem Geistlichen geleitet wurde. Der Unterricht beschränkte sich jedoch nur auf Lesen und Schreiben, bei den Größeren kam noch Katechismus hinzu. Da das Georgenhaus für seinen Unterhalt möglichst selbst sorgen sollte, wurden die Kinder zu leichten Arbeiten, wie Stricken von Strümpfen, Nähen und andere Handarbeiten herangezogen.

Später diente das Georgenhaus als Findelhaus und zur Aufnahme von Bettlern. Das Georgenhaus wurde das Armenhaus der Stadt, und die Räume reichten bald nicht mehr aus. Die Lage außerhalb der Stadtmauer schien für ein Zuchthaus unsicher, da sie das Entkommen der Zuchthäusler erleichterte. Es fehlte an Wasser und die Gefahren bei künftigen Kriegshandlungen waren auch nicht zu vernachlässigen. 1701 erfolgte der Umzug in einen Neubau am Brühl.

Ab 1710 wurde das alte Georgenhaus noch einmal genutzt, um melancholische Patienten und arme alte Menschen unterzubringen. Da die doppelte Wirtschaftsführung zusammen mit dem neuen Georgenhaus jedoch hohe Kosten verursachte, wurden die Patienten in das Haus am Brühl gebracht und das Georgenhaus am Johannisplatz 1765 vom Johannishospital übernommen.

Das Armen-, Zucht- und Waisenhaus (Georgenhaus) am Brühl (1701–1871) mini|hochkant|links|Das Georgenhaus am östlichen Ende des Brühls, 1749 mini|Der Georgenhaus-Komplex, um 1830,von der Promenade aus gesehen mini|Der Abbruch des Georgenhauses (1870/71) Der Vorsteher des Georgenhauses Georg Bose trieb wegen der Unzulänglichkeiten die Errichtung eines Neubaus voran. 1700/1701 wurde innerhalb der Stadtmauer im Nordosten der Innenstadt bei der Hallischen Bastei am östlichen Ende des Brühls (der damals noch eine Sackgasse war) etwa an der Stelle der Einmündung in die heutige Goethestraße ein prächtiger Barockbau errichtet. ()

Außer als Siechen- und Waisenhaus diente es auch zur Unterbringung von psychisch Kranken und von „unwilligen und ungeratenen Leuten“ im Sinne eines Arbeitshauses. Dass ein solches Arbeitshaus auch wirtschaftliche Bedeutung besaß, zeigt der Umstand, dass das Georgenhaus Leipzig das sächsische Privileg der Farbholzraspelei besaß, also der vorbereitenden Arbeiten zur Herstellung von Farben aus Farbhölzern.

Die Oberaufsicht des Georgenhauses hatte nun ein Vorsteher, der dem Rat der Stadt angehörte und meist auch Stadthauptmann war. Im Stadtgeschichtlichen Museum existiert eine nahezu lückenlose Serie von Gemälden der Vorsteher des Georgenhauses, unter ihnen zum Beispiel Johann Ernst Kregel von Sternbach, der den Bau initiierte, Johann Caspar Richter und Jacob Bernhard Limburger.

Der Komplex am Brühl, der ab 1705 auch eine Kirche, die Georgenkirche mit einem Deckengemälde von Adam Friedrich Oeser, enthielt, wurde bis 1799 mehrfach erweitert. Die erste Erweiterung fand bereits 1725 statt, bei der auch ein Barockportal mit der Figur des Heiligen Georg von Paul Heermann angefügt wurde (jetzt im Stadtgeschichtlichen Museum) sowie zwei Frauenfiguren der Zucht und der Caritas. 1729 fiel das benachbarte Grundstück, auf dem das erste Leipziger Opernhauses gestanden hatte, dem Georgenhaus zu. Die letzte Erweiterung durch Johann Carl Friedrich Dauthe umfasste auch eine zum Park gerichtete klassizistische Schmuckfassade mit vier Säulen.

In Kriegszeiten wurde das Georgenhaus auch immer wieder als Militärlazarett benutzt, so im Siebenjährigen Krieg, in den Koalitionskriegen, in der Völkerschlacht und im Preußisch-Deutschen Krieg 1866.

Im Jahr 1864 wurde das Waisenhaus vom Georgenhospital abgespalten und zog in die Münzgasse. Das Grundstück wurde an die Allgemeine Deutsche Credit-Anstalt (ADCA) verkauft und das Georgenhaus am Brühl 1870/71 abgerissen. Die ADCA errichtete einen Neubau, und der Brühl wurde zur Goethestraße hin geöffnet. Heute befindet sich dort ein Hotelneubau.

Das Hospital St. Georg im Rosental (1871–1892) mini|links|Das Georgenhaus im ehemaligen Jacobshospital mini|hochkant|St.-Georg-Standbild vom alten Georgenhaus neben dem Hauptgebäude des ehemaligen Jacobshospitals Nachdem das Jacobshospital 1871 in die Waisenhausstraße (heute Liebigstraße) umgezogen war, wurde mit Abriss des Georgenhauses am Brühl das Hospital St. Georg am 1. Juli 1871 in den Gebäudekomplex des ehemaligen Jacobshospitals nahe dem Rosental verlegt. () Das vom Barockgebäude übrig gebliebene Standbild des Heiligen Georg wurde an der Seite des Hauptgebäudes aufgestellt, es befindet sich heute im Stadtgeschichtlichen Museum.

Das Hospital hatte nun die Aufgabe, sich um Obdachlose, Geisteskranke, Siechende und zur Zwangsarbeit verurteilte Personen zu kümmern. Durch den Verkauf des wertvollen Grundstücks am Brühl hatte sich das Vermögen des Hospitals entscheidend verbessert, so dass der größte Teil des Haushalts aus eigenen Stiftungsmitteln bestritten werden konnte.

Die Einrichtung unterstand seit 1881 dem Armenamt der Stadt. Die Versorgten- und Siechenabteilung befand sich zusammen mit der Straf- und Reinigungsabteilung am Rosental. Zu den Gebäuden gehörte auch das von der Georgenhausverwaltung geleitete und bewirtschaftete Stadtbad. Für Obdachlose war das Georgenhaus nur eine Übergangsstation. Abgesehen von wenigen Personen (z. B. obdachlose Schwangere, die im Georgenhaus selbst aufgenommen wurden), kamen diese ins Exmittiertenhaus (Exmittieren = Zwangsräumen; im Sinne von Obdachlosenhaus), einer Zweigstelle des Georgenhauses, die sich seit Oktober 1879 in der ehemaligen Ratsziegelei auf dem Gelände der heutigen Festwiese an der jetzigen Jahnallee befand.

Die unzulänglichen alten Gebäude wurden bald baufällig. Man entschloss sich deshalb für einen Neubau in Thonberg und riss das ehemalige Jacobshospital nach 1892 ab.

Die Zwangsarbeitsanstalt zu St. Georg in Thonberg (1892–1908) mini|Plan der Zwangsarbeitsanstalt in Thonberg (1892)