mini|Reine Leinölfarbe wird hergestellt aus kalt gepresstem, entschleimtem, sterilisiertem und „gekochtem“ Leinöl, das mit getrockneten und gemahlenen Erdfarben oder Pigmenten verrieben wird. Leinölfarben sind Ölfarben, die im Handwerk zur Konservierung und farblichen Gestaltung von Holz und Eisen und in der Kunst für die Leinwand- und Tafelmalerei verwendet werden. Zur Anwendung als Künstlerfarbe in der Tafelmalerei siehe Leinölfarben bestehen aus trockenen Pigmenten oder Erdfarben, die mit „gekochtem“ Leinöl verrührt und vermahlen werden. Je intensiver Pigmente oder Erdfarben mit dem Leinöl vermahlen werden, desto konzentrierter und deckender wird der Farbauftrag. Zur Unterstützung des Autoxidationsvorgangs des Leinöls werden zwischen 0,09Sicherheitsdatenblatt bei linoljeprodukter.se. und maximal 3 Prozent Trockenstoffe zugesetzt.Gerd Ziesemann, Martin Krampfer, Heinz Knieriemen: Natürliche Farben. Aarau (Schweiz) 1996, ISBN 3-85502-523-1, S. 94.

Aufgrund der guten Aushärtung wird überwiegend Leinöl zur Herstellung von Ölfarben verwendet. Es kommen jedoch auch andere härtende Pflanzenöle zur Anwendung. So werden etwa Walnuß- und Distelöl eingesetzt, wenn die Ölfarbe möglichst transparent auftrocknen soll, um der bei Leinöl üblichen Vergilbung vorzubeugen.

Begriffsbestimmung Leinölfarbe Eine Farbe wird als Leinölfarbe bezeichnet, wenn ein gut getrocknetes Pigment oder eine Erdfarbe als Farbmittel mit „gekochtem“ oder rohem Leinöl als Bindemittel vermahlen wird.Georg Zerr: Handbuch der Farbenfabrikation. Berlin 1922, S. 820. Als traditionell verwendetes Substanzgemisch zur Konservierung und farblichen Gestaltung unterliegt Leinölfarbe keiner Normierung oder rechtlichen Regelung. Im Zuge der jahrhundertealten Erfahrung mit Leinölfarbe wurde die „ursprüngliche Methode der Herstellung“, also die „Vereinigung des Farbmaterials mit dem Bindemittel“,Georg Zerr: Handbuch der Farbenfabrikation. Berlin 1922, S. 821. von jedem Anwender „oft unter großer Geheimniskrämerei“ individuell abgewandelt.Georg Zerr: Handbuch der Farbenfabrikation. Berlin 1922, S. 832. Die Einführung der industriellen Herstellung von Ölfarben im 19. Jh. verlangte Modifizierungen der traditionellen Zusammensetzung, sodass die ursprünglichen Eigenschaften der reinen Leinölfarbe auch durch das Hinzufügen von Verdünnungs- oder Lösemittel allmählich verändert wurden.

Farben mit Zusatz von Leinölfirnis und Verdünnungsmitteln Die Nachfrage nach natürlichen Farben hat dazu geführt, dass es heute neben Leinölfarben nach handwerklicher Überlieferung auch industriell hergestellte Farben gibt, die unter anderem Leinölfirnis und Verdünnungsmittel enthalten, und vom Hersteller als „Leinölfarbe“ bezeichnet werden. Sie können sich aber in ihrer Herstellung, Zusammensetzung und ihrer Eigenschaft merklich von traditioneller Leinölfarbe unterscheiden. Die Bezeichnung „Leinölfarbe“, aber auch „Farbe auf Leinölbasis“ für diese lösemittelhaltigen Farben mit Anteilen von Leinölfirnis ist zur Unterscheidung dieser von Leinölfarben jedoch irreführend, denn Alkydharzfarben oder Dickschichtlasuren werden ebenfalls „auf der Basis“ von Leinöl hergestellt.Verband Schweizerischer Hobelwerke: (PDF; 190 kB). Leinölfarbe in guter Qualität benötigt kein Verdünnungsmittel. Wird bei der Farbenherstellung unter Verwendung von so genanntem „Leinölfirnis“ Terpentinöl zugesetzt, so soll dieses nicht als Lösemittel wie bei Harzen und Wachsen, sondern als Verdünnungsmittel wirken.Kurt Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei. Ravensburg 1985, ISBN 3-473-48350-8, S. 215. Verdünnungsmittel werden mit dem Ziel eingesetzt, zähflüssige (viskose) Farben und Leinölfirnisse zu verdünnen um ein Eindringen der Substanzen in den Untergrund zu verbessern. Kalt gepresstes, niedrigviskoses Leinöl ist teurer in der Herstellung als minderwertiges Leinöl, das mittels chemischer Extraktion unter Verwendung von Hexan und durch Erhitzen gewonnen wird. Diese durch chemische Extraktion und Erhitzung gewonnenen Öle enthalten Bestandteile, die ein weites Eindringen des Öls ohne die Zugabe von Verdünnungsmitteln behindern. Diese „verdünnten“ Öle werden als Halböle bezeichnet. Wenn so genannte „Farben auf Leinölbasis“ gesundheitsschädigende Löse- und Verdünnungsmittel (VOC), wie aliphatische KohlenwasserstoffeSchadstofflexikon: Aliphatische Kohlenwasserstoffe. enthalten, müssen diese nach der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) eingestuft und gekennzeichnet werden. Flüchtige organische Verbindungen dienen in „Farben auf Leinölbasis“ als „Verteilungsmittel“Kurt Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei. Ravensburg 1985, ISBN 3-473-48350-8, S. 214. für viskose Derivate von Leinöl, wie Leinölfirnis und verflüchtigen sich nach einer gewissen Zeit vollständig. Da hinzugefügte, flüchtige Verdünnungsmittel geringer viskos sind als das zu verdünnende Leinölderivat, können sie auch weiter in den Maluntergrund eindringen. Nach der Verdunstung der hinzugefügten Verdünnungsmittel ist der verbliebene Bindemittelanteil, der die Pigmentteilchen umgeben soll, aber geringer. Damit ist aber die konservierende Eigenschaft von Leinöl nicht vollständig gewährleistet. Daher sind Leinölfarben mit hohem Anteil an Verdünnungsmitteln weniger beständig und trocknen wegen des geringeren Bindemittelanteils matter auf.Erich Kopinski: So arbeitet der Maler. Arbeitstechniken des Malerhandwerks. (Schriftenreihe der Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden). Berlin 1965, S. 64. Kalt gepresstes, rohes und gereinigtes Leinöl hat eine Molekülgröße von 0,000005 bis 0,00001 mm, „gekochtes“ Leinöl hat eine Molekülgröße von 0,0001 mm.Monica Svederoth: Linolja vid impregnering/konservering av trä (PDF; 1,7 MB), S. 5. Hieraus erklärt sich, dass Leinölfarbe seine hervorragende konservierende Wirkung nur erzielen kann, wenn das Leinöl als Ausgangssubstanz eine hochwertige Qualität und daher ein hohes EindringvermögenErich Kopinski: So arbeitet der Maler. Arbeitstechniken des Malerhandwerks. (Schriftenreihe der Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden). Berlin 1965, S. 65. ohne zugesetzte Verdünnungsmittel aufweist.Kurt Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei. Ravensburg 1985, ISBN 3-473-48350-8, S. 237. Werden allerdings Verdünnungsmittel wie Terpentinöl verwendet, so ist die Regel „fett auf mager“ zu beachten. Dieser Grundsatz entstammt der Leinwand- und Tafelmalerei und bedeutet, dass mit fortschreitendem Farbaufbau immer weniger Verdünnungsmittel zur Ölfarbe hinzugefügt werden dürfen, damit ein Aufreißen des Farbaufbaus aufgrund unterschiedlicher Spannungen verhindert wird. Die Regel „fett auf mager“ spielt in der Anwendung reiner Leinölfarbe keine Rolle, da das Leinöl als Konservierungsmittel – im Gegensatz zur Leinwand- und Tafelmalerei – in den Malgrund eindringen soll und dem Leinöl schon deshalb keine Verdünnungsmittel wie Terpentinöl zugesetzt werden sollten.

Eigenschaften Physikalische und chemische Eigenschaften reiner Leinölfarben Leinöl ist sowohl ein natürliches Holzschutzmittel für Holz als auch ein Bindemittel zur Herstellung von Farben. Es wird als einteiliges Bindemittel bezeichnet. Dies bedeutet, dass Leinöl und Leinölfarbe durch die chemische Vernetzung zu einem neuen Stoff und nicht durch die Verflüchtigung eines hinzugefügten Lösemittels „trocknet“ und erhärtet.Kurt Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei. Ravensburg 1985, ISBN 3-473-48350-8, S. 212. Die chemische Umwandlung des Leinöls zu Linoxin geschieht durch die Aufnahme von Sauerstoff (Oxidation) und durch eine Umesterung und eine radikalische Polymerisation der zuvor einzelnen Moleküle. Daher ist der Begriff „trocknend“ in diesem Zusammenhang irreführend. Bei einer Verwendung von Lösungsmitteln dient dieses nur einer Verdünnung, nicht dem Lösen von Leinöl und reiner Leinölfarbe. Bei der Herstellung und Anwendung reiner Leinölfarbe werden daher keine flüchtigen organischen Verbindungen benötigt. Damit die Oxidation und Aushärtung nicht zu lange dauert, wird kalt gepresstes, entschleimtes und sterilisiertes Leinöl voroxidiert. Dieses so genannte „gekochte“ Leinöl ist kalt gepresstes Leinöl, das auf 130–150 °C erhitzt und über 5–6 Stunden mit Sauerstoff „geblasen“ und mit 0,1 % Sikkativen versetzt wird. Es handelt sich demnach nicht um Leinöl, das tatsächlich gekocht wurde, denn der Siedepunkt von Leinöl liegt bei über 316 °C. Der „beispielhaft solide Trockenvorgang“, den Leinöl auszeichnet, kann nur dann erfolgen, „wenn das Leinöl nach Herkunft der Leinsamen, nach Preßvorgang und Nachbehandlung von hochwertiger Qualität ist.“Kurt Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei. Ravensburg 1985, ISBN 3-473-48350-8, S. 237.mini|links|Ein Hersteller von reinen Leinölfarben zeigt auf einer Messe an einem Dreiwalzenstuhl, wie Leinölfarben verrieben werden. Werden Leinölfarben zu dick aufgetragen, verhindert die obere Linoxinschicht eine Diffusion von Sauerstoff, wodurch der Untergrund nicht aushärtet, sondern flüssig bleibt und die Oberfläche wellig wird. Die Esterbindungen der enthaltenen Öle können bei häufigem Wasserkontakt hydrolysieren, wodurch es zu einem Auswascheffekt kommen kann. Durch die Esterbindung ist Leinölfarbe nicht gegen Säuren oder Basen resistent. Linoxin neigt zur Vergilbung.R. Lambourne, T. Strivens: Paint and Surface Coatings. 2. Auflage. Woodhead, 1999, ISBN 1-85573-348-X, S. 29, 334 f. und 369.

Konservierung durch reines Leinöl Reine Leinölfarbe wird nach einer Grundierung mit reinem kalt gepresstem Leinöl in drei Anstrichen auf Bauteile im Außenbereich aufgetragen. Die äußerst geringe Viskosität von reiner Leinölfarbe ermöglicht es gerade, dass in der handwerklichen Anwendung das Leinöl ganz ohne den Zusatz von Verdünnungsmitteln bei jedem Anstrich durch die vorangegangenen Anstriche durchdringt und dadurch einen schicht- und filmfreien Aufbau der Leinölkonservierung herstellt. Reine Leinölfarbe bildet keine unterscheidbaren Schichten, sondern erzeugt nach seiner chemischen Umwandlung des Leinöls einen homogenen Aufbau von Linoxin, der von den Poren des Holzes bis zur Anstrich-Oberfläche reicht. Da sich Leinöl bei der Umwandlung zu Linoxin um ungefähr 10 % ausdehnt, werden die Holzporen zusätzlich verdichtet. Linoxin behält über Jahrzehnte eine gewisse Elastizität. Daher sind reine Leinölfarben auch im Außenbereich sehr dauerhaft. Bei reiner Leinölfarbe handelt es sich folglich nicht um einen Beschichtungsstoff im Sinne des § 2 Abs. 4–6 Lösemittelhaltige Farben- und Lack-Verordnung – ChemVOCFarbV (Lösemittelverordnung),gesetze-im-internet.de: ChemVOCFarbV – Chemikalienrechtliche Verordnung zur Begrenzung der Emissionen flüchtiger organischer Verbindungen (VOC) durch Beschränkung des Inverkehrbringens lösemittelhaltiger Farben und Lacke. der einen Film bildet, sondern um eine substanzielle Verbindung des Linoxins mit dem Malgrund, die daher weder reißt, noch abblättert. Kaltgepresstes, entschleimtes und sterilisiertes Leinöl, „gekochtes“ Leinöl und reine Leinölfarbe benötigen zur Verfestigung keine flüchtigen Lösemittel und zur Erreichung einer hohen Eindringtiefe keine Verdünnungsmittel und fallen somit naturgemäß nicht unter die Lösemittelverordnung.

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