mini|300px|Startfahrzeug 2P2 des Raketenkomplexes 2K1 Mars 2K1 Mars () ist der Name eines der ersten in der damaligen Sowjetunion entwickelten taktischen Raketenkomplexes. Das Waffensystem wurde von 1948 bis 1958 entwickelt. In die Bewaffnung der Sowjetarmee wurde das System 1958 übernommen. Von 1959 bis 1960 wurden insgesamt 25 Startfahrzeuge hergestellt. Bis 1970 wurde der Raketenkomplex aus der Bewaffnung der Sowjetarmee herausgelöst.
Bezeichnungen Die sowjetischen Einsatzgrundsätze unterschieden bei Boden-Boden-Raketen strategische, operative und taktische Raketen. Raketensysteme strategischer Bedeutung wurden in den strategischen Raketentruppen zusammengefasst. Truppenteile, die mit operativ-taktischen Raketenkomplexen mit Reichweiten von mehreren hundert Kilometern ausgerüstet waren, wurden den Armeen bzw. Armeekorps (im Frieden Militärbezirke) zugeordnet. Taktische Raketenkomplexe wurden den motorisierten Schützen- und Panzerdivisionen zugeordnet. Sie dienten der Bekämpfung von Zielen im Verantwortungsbereich der Division und hatten eine Reichweite von bis zu 120 km. Nach Zweckbestimmung und taktisch-technischen Daten wird das System 2K1 als taktischer Raketenkomplex (тактический ракетный комплекс) bezeichnet. Im westlichen Sprachgebrauch wird für derartige Waffensysteme der Begriff Gefechtsfeld-Kurzstreckenrakete oder Battlefield Short Range Ballistic Missile (BSRBM) benutzt.
Der GRAU-Index des Waffensystems ist 2K1, Mars ist der Gebrauchsname. Das Air Standardization Coordinating Committee (ASCC) vergab sowohl für das System als auch die Rakete den Namen Frog-2.
Entwicklung mini|Die 1953 eingeführte 280-mm-Haubitze T-131 war das erste taktische Nuklearwaffensystem der US Army Gegen Ende der 1940er-Jahre verfügten sowohl die USA als auch die Sowjetunion über Nuklearwaffen. Diese Waffen waren verhältnismäßig groß und schwer, so dass als Träger dieser Waffen nur strategische Bombenflugzeuge zur Verfügung standen. Diese waren jedoch zur Bekämpfung taktischer Ziele auf dem Gefechtsfeld nicht geeignet. Der technologische Fortschritt ließ jedoch bereits zum damaligen Zeitpunkt die Konstruktion von nuklearen Gefechtsköpfen erwarten, die nur wenige hundert Kilogramm wogen. Damit erschien der Einsatz von taktischen Atomwaffen möglich. In den USA wurde 1952 die 280-mm-Haubitze T-131 in Dienst gestellt. Das Geschütz war zum Verschuss von Granaten mit nuklearen Sprengköpfen geeignet. Im Folgejahr begann die Indienststellung der Gefechtsfeldrakete MGR-1 Honest John, die ungelenkte Feststoffraketen mit nuklearen Gefechtsköpfen abfeuern konnte. In der Sowjetunion wurden Vorarbeiten zur Entwicklung nuklearfähiger taktischer Raketen 1948 bis 1951 im Wissenschaftlichen Forschungsinstitut Nr. 1 (НИИ-1) (seit 1967 Moskauer Institut für Wärmetechnik) unter der Führung von N. P. Masurow geleistet, jedoch erst mit der Indienststellung der Honest John wurden die Arbeiten energischer vorangetrieben.А.Ф. Рябец: Первые отечественные подвижные средства хранения и стыковки СБЧ. (russisch)
Die in der UdSSR verfügbaren nuklearen Gefechtsköpfe hatten zum damaligen Zeitpunkt einen Durchmesser von ungefähr 800 mm. Für den Verschuss mit herkömmlichen Geschützen waren diese Gefechtsköpfe zu groß und zu schwer. Als Träger konnten daher nur Raketen eingesetzt werden. Das Waffensystem musste insgesamt eine hohe taktische Beweglichkeit haben und die Rakete innerhalb weniger Minuten einsatzbereit sein, daher kamen grundsätzlich nur Feststoffraketen in Frage. Die zum damaligen Zeitpunkt verfügbaren Trägheitsnavigationssysteme wiesen auf Entfernungen von rund 30 km – dies war die angenommene Einsatzreichweite – eine Genauigkeit von 500 bis 1000 m auf. Dieser Wert konnte jedoch auch einfacher mit ungelenkten Raketen erreicht werden. Eine Funkfernsteuerung erschien problematisch, da diese das System anfällig gegen Störungen gemacht hätte. Das bei der MGM-1 Matador eingesetzte Shanicle-Steuersystem (Short Range Navigation Vehicle) war zwar wesentlich genauer, erforderte jedoch eine Reihe bodengestützter Mikrowellen-Sender, die ein Funknetz zur Darstellung von Entfernung und Azimuth generierten, auf dessen Basis die Matador navigierte. Dieses Funknetz konnte jedoch nicht über gegnerischem Territorium errichtet werden, so dass hier wieder auf die Trägheitsnavigation zurückgegriffen werden musste. Bei einer Gefechtsfeldrakete, bei der sich der größte Teil der Flugbahn über gegnerischem Territorium befand, war dieses System nicht sinnvoll einzusetzen.
Im Jahr 1953 gab die Hauptverwaltung Artillerie (Главное артиллерийское управление МО, ГАУ) die Aufgabenstellung zur Entwicklung einer taktischen Rakete mit einer Reichweite von 50 km heraus. Die Entwicklung der taktischen Raketenkomplexe 2K1 Mars, 2K4 Filin und 2K6 Luna begann nahezu gleichzeitig und wurde parallel fortgeführt. In die Entwicklung des Waffensystems 2K1 Mars wurden verschiedene Konstruktionsbüros einbezogen. Der Treibstoff der Rakete wurde im Wissenschaftlichen Forschungsinstitut Nr. 125 (НИИ-125) in Ljuberzy entwickelt. (Das Konstruktionsbüro firmiert heute als Федеральный Центр Двойных Технологий Союз.) Die Entwicklung des Gefechtskopfes begann 1955 im Konstruktionsbüro KB-11 (КБ-11), heute Föderales Forschungsinstitut für Experimentalphysik in Sarow. Während im KB-11 die nuklearen Anteile des Gefechtskopfes entwickelt wurden, übernahm das Konstruktionsbüro KB-25 (КБ-25) die Entwicklung der übrigen Anteile. Die Entwicklungsarbeiten konnten 1957 abgeschlossen werden.
1956 begannen die Entwicklungsarbeiten der Startfahrzeuge. Federführend war hier das Spezialkonstruktionsbüro SKB-3 (СКБ-3) des Zentralen Wissenschaftlichen Forschungsinstitutes ZNII-58 (ЦНИИ-58) unter der Leitung von Wassili Gawrilowitsch Grabin. Für das Waffensystem wurden mehrere Startrampen entwickelt. Die Startrampe S-121 (С-121) wurde von März 1957 bis Juli 1958 in Kapustin Jarin diesem Artikel werden die zum damaligen Zeitpunkt üblichen Ortsnamen benutzt zur Erprobung der Rakete eingesetzt. Die erste für den Truppeneinsatz entwickelte Variante S-122 (С-122) bestand aus mehreren Fahrzeugen. Die Startrampe S-119 (С-119) konnte ein Raketentriebwerk transportieren. Drei Triebwerke konnten auf dem Ladefahrzeug S-120 (С-120) mitgeführt werden. Vier Gefechtsköpfe wurden im Ladefahrzeug S-121 (С-121) mitgeführt. Nach der Montage des Gefechtskopfes an das Triebwerk konnte die Startrampe S-119 mit der gefechtsbereiten Rakete eine kurze Strecke bis in die Feuerstellung selbständig zurücklegen. Für die Startrampe wurden zwei Varianten der Startschiene entwickelt. Eine Version besaß eine gerade Startschiene, die zweite eine um 4° geneigte, welche die Rakete in die für die Stabilisierung notwendige Umdrehung versetzte. Für alle Fahrzeuge wurde ein auf dem PT-76 basierendes Fahrgestell genutzt. Die S-122 wurde von der Hauptverwaltung Artillerie abgelehnt. Die überarbeitet Variante S-122A (С-122A) kam mit zwei Fahrzeugen aus: der Startrampe S-199A (С-119A, GRAU-Index 2P2 (2П2)) und dem Transport-Ladefahrzeug S-120A (С-120A, GRAU-Index 2P3 (2П3)). Die Raketen konnten nun von beiden Fahrzeugen im startbereiten Zustand, also mit montiertem Gefechtskopf, transportiert werden. Das Transport-Ladefahrzeug besaß nun auch einen Kran, was die Übernahme der Raketen erleichterte. Die Versuchsmuster der 2P2 und 2P3 wurden vom ZNII-58 hergestellt. Bei der Erprobung stellte sich jedoch heraus, dass das vorgegebene Gesamtgewicht der Startrampe überschritten worden war, auch zeigten sich zahlreiche weitere Mängel. Die Fahrzeuge wurden daher zur Überarbeitung an das ZNII-58 zurückgegeben.
Im Konstruktionsbüro des Werkes Barrikady (Баррикады) in Stalingrad wurde eine weitere Version auf Basis des ZIL-135 entwickelt. Das System bestand aus der Startrampe Br-217 (Бр-217) und dem Transport-Ladefahrzeug Br-218 (Бр-218). Die Projektierungsphase konnte im September 1958 abgeschlossen werden. Auf Weisung des Verteidigungsministeriums wurde die Entwicklung jedoch abgebrochen. Grund war die geplante Übernahme in den Truppendienst 1960/61, die durch die Entwicklung nicht weiter verzögert werden sollte.
Im April 1957 wurden während der Erprobung in Kapustin Jar insgesamt 30 Raketen abgefeuert. Zwischen Juni und August dieses Jahres wurden die Raketen und die Startfahrzeuge erprobt. Das Waffensystem wurde am 20. März 1958 in die Bewaffnung der Sowjetarmee aufgenommen. Die abschließende Erprobung der Raketen fand im Juni und Juli 1958 wiederum in Kapustin Jar statt. Zwischen September und Dezember dieses Jahres wurden die ersten Versuchsmuster im Werk Barrikady hergestellt, anschließend fand die Werkserprobung statt. Zwischen dem 30. Januar und dem 28. Februar 1959 fand die Erprobung der Waffensysteme 2K1 Mars und 2K6 Luna auf dem Schießplatz in Aginskoje unter tiefen Temperaturen statt. Zwischen 1959 und 1960 wurden im Werk Barrikaden insgesamt je 25 Startrampen und Transport-Ladefahrzeuge hergestellt.
Konstruktion Aufbau des Waffensystems Das Waffensystem besteht aus: der Rakete 3R1 Sowa (3Р1 Сова) der Startrampe 2P2 (2П2), Werksindex C-119A (С-119?) dem Transport-Ladefahrzeug 2P3 (2П3), Werksindex S-120A (С-120?) Zum Waffensystem gehören weiterhin: die bewegliche technische Basis PRTB-1 Step (ПТРБ Степь) verschiedene Ausrüstungsgegenstände und Trainingsgeräte
Rakete 3R1 mini|Heck der Rakete mit der Austrittsdüse des Marschtriebwerks Die Rakete 3R1 Sowa ist eine einstufige, ungelenkte, drallstabilisierte Feststoffrakete. Die Rakete besteht aus dem Triebwerk und dem Gefechtskopf. Der Gefechtskopf befindet sich im vorderen Teil der Rakete, dahinter liegt das Triebwerk. Am Heck der Rakete befinden sich vier kreuzförmig angeordnete Stabilisierungsflächen.
Das Triebwerk hat zwei Brennkammern. Die zwölf Düsen der vorderen Brennkammer sind zur Längsachse der Rakete geneigt, um den Abgasstrahl vom Rumpf der Rakete fernzuhalten. Die Düsen besitzen ebenfalls eine leichte Neigung gegenüber der Kursebene. Dadurch wird die Rakete in eine Umdrehung um ihre Längsachse versetzt, was den Flug stabilisiert. Beide Kammern werden beim Start der Rakete gleichzeitig gezündet. Als Treibstoff kommt NMF-2 (НМФ-2) zum Einsatz. Bei einer Außentemperatur von −40 °C liegt der Schub bei 13.600 kg, bei +16 °C 17.300 kg und bei +40 °C 17.400 kg. Das Triebwerk arbeitet nur auf den ersten 2.000 Metern der Flugstrecke. Die erreichte Maximalgeschwindigkeit liegt bei 531 m/s, im Ziel beträgt die Geschwindigkeit des Flugkörpers noch 350 m/s. Die Rakete hat eine minimale Reichweite von 8.000–10.000 m, die maximale Reichweite beträgt 17.500 m. Bei minimaler Reichweite beträgt die Treffergenauigkeit 770 m, bei maximaler Reichweite bei 200 m.
Die Rakete ist ungelenkt. Ihre Reichweite kann nur durch die Neigung der Startschiene der Startrampe verändert werden. Bei einer Neigung von 24° wird die minimale Reichweite der Rakete erreicht. Der Kurswinkel wird vor dem Start grob mit der Richtung der Startrampe festgelegt und durch Schwenken der Startschiene präzisiert.
Der Gefechtskopf der Rakete hat einen Durchmesser von 600 mm und ist damit deutlich größer als der Durchmesser des Triebwerkes. Während des Transportes und auf der Startrampe wird der Gefechtskopf mit einer elektrisch betriebenen Heizdecke abgedeckt, um die für die maximale Wirkung des Gefechtskopfes notwendige Temperatur zu erreichen bzw. zu halten. Konventionelle Gefechtsköpfe waren nicht verfügbar. 3R1Länge 9010–9043 mmDurchmesser 324 mmSpannweite 969–976 mmGewicht 1756–1760 kgGefechtskopf Typ Gefechtskopf nuklearDurchmesser GK 600 mmGewicht GK 565 kg
Startrampe 2P2 mini|Startfahrzeug 2P2. Gut zu erkennen ist das Laufwerk ohne Stützrollen. Das Startfahrzeug wurde aus dem schwimmfähigen Panzer PT-76 entwickelt. Laufwerk, Kraftübertragung und Triebwerk wurden praktisch unverändert übernommen.Александр Борисович Широкорад: Атомный таран XX века. (russisch)