mini|Ankunft der 42 Passagiere der Santa Maria am Amsterdamer Flughafen Schiphol Bei der Santa-Maria-Affäre 1961 handelte es sich um den Versuch portugiesischer Rebellen der bürgerlichen Demokratiebewegung, in Portugal und der Kolonie Angola eine Revolution auszulösen und das totalitäre Herrschaftssystem von António de Oliveira Salazar zu Fall zu bringen.
Hierzu kaperte in der Karibik ein gemischtes portugiesisches/spanisches Kommando in der Operação Dulcineia (Operation Dulcinea) unter Führung des Hauptmanns der Reserve, Henrique Galvão, das portugiesische Passagierschiff Santa Maria. Die Entführer gaben das Unternehmen nach Verhandlungen mit der US Navy auf und übergaben das Schiff in Recife den brasilianischen Behörden. Ihnen selbst wurde in Brasilien politisches Asyl gewährt.
Politische Hintergründe der Entführung Gegen die ab 1926 bestehende Diktatur Salazars und den von ihm geschaffenen Estado Novo hatte sich zu Beginn der 1950er Jahre ein bürgerlich-liberaler Widerstand gebildet, der versuchte, das System auf legitimem Weg innerhalb der Verfassung zu reformieren. Ein entscheidender Katalysator für die Operation Dulcinea waren die Präsidentschaftswahlen von 1958, in denen der Kandidat der liberalen Opposition, General Humberto Delgado, gegen den Kandidaten Salazars, Konteradmiral Américo Tomás, verlor. Die Wahlen waren von Seiten Salazars massiv manipuliert worden.
Delgado, der seine Niederlage bis zu seiner Ermordung 1965 nicht akzeptierte und sich fortan als legitimer Staatspräsident Portugals sah, begab sich daraufhin ins Exil nach Brasilien. Henrique Galvão, ein ehemaliger Berufsoffizier, Parlamentarier, Gouverneur in Angola sowie aktiver Schriftsteller, Historiker und Hauptmann der Reserve, sah nach dem Wahlbetrug keine Möglichkeit mehr, das System Salazar aus sich selbst heraus zu beseitigen, und entschied sich für den bewaffneten Umsturz. Nach einem Putschversuch 1959 zu einer 15-jährigen Haftstrafe verurteilt, gelang ihm im selben Jahr die Flucht in die argentinische Botschaft Lissabons, wo er Asyl erhielt. Über Buenos Aires begab er sich nach Caracas/Venezuela, wo er hoffte, in Zusammenarbeit mit Exil-Portugiesen und -Spaniern eine Revolution sowohl in Portugal als auch in Spanien zu initiieren.
Organisatorisches Rückgrat der Rebellion war das von Delgado 1959 in Brasilien gegründete Directorio Revolucionario Iberico de Liberación (DRIL = Iberisches Revolutionsdirektorium der Befreiung); eine Organisation, von der bis heute unklar ist, welches reale politische Gewicht ihr zukam. Offenbar existierten jedoch DRIL-Zellen in Spanien, Portugal und einigen lateinamerikanischen Staaten in den dortigen Exilkreisen. Nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau vom 30. Januar 1961 sollte es angeblich von Fidel Castro, der UdSSR, Jugoslawien und Anarchisten finanziert worden sein, doch waren diese Angaben äußerst vage.Portugals Demokraten sind entsetzt. „Santa-Maria“-Rebellen im Bunde mit dem „Iberischen Befreiungs-Direktorium“ Fidel Castros. In: Frankfurter Rundschau, 30. Januar 1961, S. 3.
Im Laufe des Jahres 1960 stellte Galvão in Caracas ein 26-köpfiges DRIL-Kommando aus Portugiesen und Spaniern auf, das bereit war, an einer bewaffneten Aktion gegen die portugiesische Regierung und die Diktatur von Francisco Franco in Spanien teilzunehmen. Ursprünglich war die Kaperung eines portugiesischen oder spanischen Kriegsschiffs in einem venezolanischen Hafen geplant, doch schließlich entschloss sich Galvão zu einer Entführung des portugiesischen paquete (Paketschiff) Santa Maria, neben ihrem Schwesterschiff Vera Cruz die größte Einheit der portugiesischen Handelsflotte. Logistische Unterstützung erhielt Galvão aus Brasilien, wo Delgado als Führer des DRIL residierte.
Operation Dulcinea Ende 1960 waren die Vorbereitungen für die Entführung der Santa Maria abgeschlossen. Galvão hatte das Unternehmen nach der literarischen Figur der Dulcinea aus Miguel de Cervantes’ Don Quijote benannt. Die Santa Maria, ein 1951 in Belgien vom Stapel gelaufener, 1953 von der Companhia Colonial de Navegação in Dienst gestellter 21.000-t-Liner mit Heimathafen Lissabon, lief in dieser Ära auf Kreuzfahrten alle vier Wochen den venezolanischen Hafen La Guaira an, um dann über die niederländische Insel Curaçao Port Everglades in Florida anzulaufen um schließlich nach Lissabon zurückzukehren.
Plan Die tatsächlichen Absichten der Entführer sind bis heute ungeklärt. Galvão behauptete in seinen bereits 1961 auf Englisch erschienenen Memoiren, dass ursprünglich geplant gewesen sei, mit dem Liner die spanische Insel Fernando Póo, Teil von Spanisch-Guinea (heute Äquatorial-Guinea) anzulaufen und dort eine Revolution auszulösen, um schließlich in der Kolonie Angola einzufallen und in der Kolonie sowie in Portugal selbst eine Revolution auszulösen. Die Biografen Delgados erklärten allerdings 1974, dass die ganze Operation einen rein propagandistischen Charakter besaß und das eigentliche Ziel darin bestand, aus dem Ausland langfristige Unterstützung für die portugiesische Opposition zu gewinnen.
Informationen über die Santa Maria bezogen die Rebellen aus Werbebroschüren der Reederei, einem in einem Reisebüro in Caracas ausgestelltem Modell des Schiffs sowie Besuchen an Bord während seiner Liegezeiten in La Guayra, wobei sie sich als Touristen ausgaben. Für die navigatorische Seite der Operation war José Fernando Fernández Vázquez (1904–1986) alias Jorge de Sotomayor zuständig. Fernández war ein ehemaliger Fähnrich der spanischen Marine und ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens. Im Spanischen Bürgerkrieg war er auf republikanischer Seite 1937 an der Sabotage an einem deutschen Frachter beteiligt gewesen und gehörte daher vermutlich der Wollweber-Organisation an. Anschließend kämpfte er im französischen Maquis und wurde nach seiner Festnahme im KZ Auschwitz inhaftiert. 1948 trat er aus der PCE aus, als diese offiziell den bewaffneten Kampf aufgab. Die übrigen Mitglieder des DRIL-Kommandos besaßen, soweit bekannt, keine seemännische Ausbildung. Galvao rechtfertigte die Aktion mit einem Verweis auf den Kampf zwischen David und Goliath quasi als Akt einer asymmetrischen Kriegführung:
Angeblich hatte der DRIL ursprünglich geplant, mit konventionellen militärischen Mitteln in eine portugiesische afrikanische Kolonie einzudringen und dort den Widerstand zu organisieren. Diese Überlegungen wurden jedoch aufgegeben, da derartige Aktionen militärisch leicht niedergeschlagen werden konnten und aufgrund der Pressezensur in Portugal keine Gelegenheit bestanden hätte, propagandistisches Kapital aus dem Unternehmen zu schlagen.
Kaperung der Santa Maria Am 20. Januar 1961 lief der Liner unter dem Kommando von Kapitän Mário Simões Maia La Guayra an, wo bereits ein Teil des DRIL-Kommandos eincheckte. Galvão selbst flog mit dem Rest der Gruppe nach Willemstad/Curaçao und wartete dort das Eintreffen des Schiffs ab. Dadurch sollte eine frühzeitige Enttarnung Galvãos verhindert werden. Bis zur Ankunft des Schiffs übernachtete die zweite Gruppe im Hotel „Brion“. Am Samstag, dem 21. Januar, gingen ihre Mitglieder, ebenfalls als Kreuzfahrttouristen getarnt, an Bord. Die Waffen, darunter auch zwei Maschinenpistolen und mehrere Handgranaten sowie angeblich auch Sprengstoff, waren in präparierten Gepäckstücken verborgen. Nach der Abfahrt aus Curaçao befanden sich an Bord circa 600 Passagiere und gut 300 Besatzungsmitglieder. Das Schiff wurde am 24. Januar 1961 in Port Everglades, Florida, erwartet.
Am Sonntag, dem 22. Januar 1961, 01:45 Uhr, besetzten zwei Gruppen des Kommandos schlagartig die Brücke, das Ruderhaus, den Funkraum und den Maschinenraum. Sie waren mit Khaki-Uniformen bekleidet und trugen Armbinden in den portugiesischen Nationalfarben Rot und Grün. Galvão trug zusätzlich seine Rangabzeichen als Hauptmann (capitão) der Reserve. Außerdem wurden die Schiffsoffiziere, deren Kabinen sich auf dem 2. Deck befanden, gefangen genommen. Bei der Besetzung der Brücke wurde der Wachhabende, der 3. Offizier João José do Nascimiento Costa, vermutlich bei einem Handgemenge von den Rebellen erschossen. Die Einzelheiten des Vorfalls sind bis heute ungeklärt. Costa blieb das einzige Todesopfer der Entführung. Bei der Schießerei auf der Brücke wurden außerdem zwei weitere Besatzungsmitglieder durch die Rebellen verletzt.
Die Santa Maria wurde von den Entführern in „Santa Liberdade“ umbenannt und sofort auf einen östlichen Kurs Richtung Westafrika gelegt. Doch Galvãos Plan, die Entführung so lange wie möglich geheim zu halten, um den Kurs auf Afrika zu verschleiern, scheiterte bereits am nächsten Tag, dem 23. Januar, als ihm der Schiffsarzt Dr. Campos Leite erklärte, dass er sich nicht in der Lage sehe, das Leben der beiden Verwundeten sowie eines Schwerkranken an Bord zu gewährleisten. Daraufhin wurden die Betroffenen in Begleitung von Sanitätern vor St. Lucia ausgebootet. Dort teilten sie den Polizeibehörden mit, dass der Liner von Piraten überfallen worden sei, die sich als Passagiere getarnt hätten. Diese Version verbreitete sich per Radio, Telegraph und Telefon innerhalb von Stunden weltweit und erzeugte ein enormes Medienecho. So auch in der Bundesrepublik Deutschland, wo Tageszeitungen mit Überschriften wie '„Kriegsschiffe jagen gekapertes Luxusschiff. Überfall durch portugiesische Rebellen in der modernen Seegeschichte ohne Beispiel“Nordwest-Zeitung, 25. Januar 1961, S. 1 oder Tolles Piratenstück vor MartiniqueSüddeutsche Zeitung, 25. Januar 1961, S. 1 titelten.
Der Terminus Piraten verschwand allerdings nach einigen Tagen aus der Berichterstattung, als sich herauskristallisierte, dass die Entführung des Liners rein politische Gründe besaß und es sich, wie britische Juristen konstatierten, um eine innerportugiesische Angelegenheit handelte. Die DDR-Presse, so das Neue Deutschland, war in der Kommentierung der Vorgänge äußerst zurückhaltend und verzichtete aus unbekannten Gründen auch darauf, über das Ende der Entführung zu berichten. Der Bordbetrieb wurde von den Entführern, die von der staatlich gelenkten portugiesischen und spanischen Presse durchgehend als Terroristen bezeichnet wurden, so wenig wie möglich eingeschränkt. Unter den Passagieren befanden sich auch 37 US-amerikanische Staatsbürger, dazu vier Kinder des Ehepaars Floyd W. Preston im Alter von zwei bis elf Jahren. Da die Klimaanlagen der unteren Klassen bereits bei der Ausfahrt in La Guyara defekt waren, litten die Angehörigen dieser Klassen aufgrund der tropischen Temperaturen außerordentlich unter der Hitze. Außerdem hatten die Entführer nicht einkalkuliert, dass die Santa Maria nur bis Florida Proviant und Trinkwasser gebunkert hatte, so dass dies umgehend rationiert werden musste. Soweit bekannt, verzichtete die Schiffsführung mit Rücksicht auf die Sicherheit der Passagiere auf jedweden Widerstand gegenüber den Entführern.
Diplomatische Verhandlungen mit der US Navy Von Anfang an hatten Galvão und Delgado auf die Sympathien der US-amerikanischen Öffentlichkeit und Präsident John F. Kennedys spekuliert. Delgado besaß aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Dienststellen der US Navy im Zweiten Weltkrieg gute Verbindungen in die USA und sandte offenbar bereits am 23. Januar 1961 von Brasilien aus ein Telegramm an Kennedy: