Sarasm () andere Umschrift Sarazm („wo das Land beginnt“), war eine chalkolithisch-frühbronzezeitliche, proto-urbane Siedlung (etwa 3500 v. Chr. bis 2000 v. Chr.) im südlichen Zentralasien, deren kontinuierliche Existenz über eine lange Zeit auf Viehzucht, der Entwicklung einer Landwirtschaft und später auf der Gewinnung von Bodenschätzen zur Metallverarbeitung basierte. Gegründet wurde Sarasm von Kolonisten aus Namazgadepe und benachbarten Oasen im Süden Turkmenistans nahe der iranischen Grenze. Anfangs bestand die Bedeutung des Ortes im Güteraustausch zwischen einer sesshaften und einer nomadischen Bevölkerung im Umland. In der Frühbronzezeit, ab der Wende vom 4. zum 3. Jahrtausend v. Chr., fungierte Sarasm als Bindeglied in einem Netzwerk von Handelsbeziehungen, die bis ins Indus-Tal reichten. Die beiden ältesten der für die Herstellung von Bronze notwendigen Zinn-Lagerstätten in Zentralasien lagen nahe Sarasm und boten die Voraussetzung für den Fernhandel mit Metallen. Mit einer erkannten Fläche von 35 Hektar und einer geschätzten Fläche von 100 Hektar war Sarasm die größte Siedlung einer frühen Ackerbaukultur in Zentralasien zu einer Zeit, als die Hochkulturen in Ägypten und Mesopotamien entstanden.
Der Fundort liegt in der heutigen Provinz Sughd im Nordwesten Tadschikistans westlich von Pandschakent. Er wurde 2010 als erste archäologische Stätte in Tadschikistan von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Lage
Sarasm liegt 15 Kilometer westlich der Stadt Pandschakent am linken, südlichen Ufer des Serafschan, der hier das in Ost-West-Richtung verlaufende Tal zwischen der Serafschankette im Süden und der Turkestankette im Norden verlässt und zur weiten ebenen Bewässerungsoase von Samarqand in Usbekistan fließt. Die Entfernung zur usbekischen Grenze beträgt zehn Kilometer und nach Samarqand knapp 50 Kilometer. Der Ortsname steht außerdem für den Subdistrikt (dschamoat) Sarasm innerhalb des Distrikts (nohija) Pandschakent.
Die Ausgrabungsstätte ist von der Fernstraße A377 Richtung usbekischer Grenze über einen 500 Meter nach Norden führenden Fahrweg zu erreichen und von fern an den großen Überdachungen aus einer mit Wellblech gedeckten Stahlrohrkonstruktion zu erkennen, welche fünf für den Besucher präparierte Areale der Ausgrabungen schützen. Zwischen der Straße und dem Grabungsgelände liegen kleinparzellige Weizenfelder, die übrigen Seiten werden von zwei der Dörfer eingerahmt, die sich in Abständen von einem halben bis einem Kilometer flussabwärts von Pandschakent am Flussufer reihen. Das östlich angrenzende Dorf Avazali hat rund 500 Einwohner, Tajikistan Water Supply & Sanitation Network das Nachbardorf Sohibnazar im Westen rund 1250 Einwohner. Auf den bewässerten Feldern zwischen den Dörfern und dem breit und träge fließenden Serafschan wird hauptsächlich Reis, daneben Mais und Gemüse angebaut. Die Feldbewässerung erfolgt über Kanäle aus dem Fluss, mancherort mit Hilfe von Pumpen oder kleinen Wasserrädern.
Die Lage am Grenzbereich zwischen den Bergen, deren Gipfel Höhen zwischen 3000 und 4500 Metern erreichen und der bei Sarasm rund 900 Meter hohen Talebene ließ den Ort neben seiner landwirtschaftlichen Produktion zu einem Handelszentrum für nomadische Schafhirten aus den Bergen werden. Die Umgebung von Sarasm bot gute alluviale Böden zum Ackerbau in der Ebene, Weideland an den Berghängen und Jagdgebiete in der Tugaivegetation entlang des Flusses. In den dichten Tugaiwäldern und Sümpfen am Serafschan hielten sich Wildschweine, Onager, Gazellen, Bisons und Sibirische Tiger auf.David W. Anthony: How Bronze Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World. Princeton University Press, Princeton/Oxford 2007, S. 388 Es existierte ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem. Ein Kanal von einem Kilometer Länge sollte die Felder vor periodischen Überschwemmungen schützen, ein schmaler Bewässerungskanal (in Zentralasien arik) versorgte den nördlichen Teil der höher gelegenen Felder mit Wasser. Archäologisch untersucht wurde ein 16 Meter breiter Kanal, der damals 1,5 Meter tief gewesen sein muss.
Zum Austausch von Waren über große Entfernungen gab es Verbindungen entlang des Serafschan nach Westen in die Ebene von Turkmenistan und zum Aralsee. Die Strecke nach Westen traf mit der nördlich der Turkestankette verlaufenden Handelsstraße von Ustruschana (Gebiet im westlichen Ferghanatal) zusammen. Nach Norden führte eine andere Route am Serafschan flussaufwärts bis Aini und von dort über den 3500 Meter hohen Schahriston-Pass ins westliche Ferghanatal. Der Schahriston-Pass stellte die direkteste Verbindung zwischen dem nördlichen Zentralasien und Indien dar. Wege führten nach Südosten von Sarasm über das Hochland von Belutschistan bis ins Indus-Tal in Nordwestindien, ferner in die nordostasiatischen Steppengebiete und in südwestlicher Richtung bis Mesopotamien. Die Bergpässe waren in den Sommermonaten begehbar. Der Warenaustausch mit den entfernten Regionen, der vor allem den Export von Metallwaren beinhaltete, fand wahrscheinlich über Zwischenhändler statt.
Eine der für die Herstellung von Bronze benötigten Lagerstätten mit Zinn und Kupfer befand sich in Muschiston, 35 Kilometer südlich von Pandschakent auf 3000 Metern Höhe,Mushiston. Mineralienatlas ein weiteres Zinndepot auf knapp 500 Metern Höhe am Unterlauf des Serafschan in Karnab, das heute halbwegs zwischen Samarqand und Buchara in Usbekistan liegt. Dort wurde zwischen etwa 1700 und 800 v. Chr. Erz abgebaut.Karnab. Mineralienatlas Da Zinn in Mesopotamien fehlt, könnte es bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. nach verbreiteter Ansicht aus diesen Lagerstätten bis dorthin gebracht worden seinJan Cierny: Der Alte Orient und die Zinnbronze. Archäologie Online, 1. März 2001, nach Ansicht von Kai Kaniuth kommen jedoch die Zinnlagerstätten am Serafschan als Quelle für das in Mesopotamien verwendete Zinn nicht in Frage, weil am Serafschan in dieser Zeit kein Zinn abgebaut wurde.Kai Kaniuth: The Metallurgy of the Late Bronze Age Sapalli Culture (Sputhern Uzbekistan) and its Implikations for the Tin Question. In: Iranica Antiqua. Band 52, 2007, S. 23–40, hier S. 34 Es gilt als wahrscheinlich, dass noch Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr. Zinn vom Serafschan nach Mesopotamien, Syrien (Tontafelarchiv von Mari) und Anatolien (Keilschrifttafeln von Kültepe) gelangte.Abdurauf Razzokov: Nomination to the World Heritage List of Sarazm, 2008, S. 4
Geschichtliches Umfeld mini|Areal IX Richtung Osten In Tadschikistan wurden mehrere isolierte Funde südlich von Istarawschan und südlich von Duschanbe dem Mittelpaläolithikum zugeordnet, weitere Funde aus der Umgebung von Pandschakent und aus dem südwestlichen Tadschikistan gehören den Jungpaläolithikum an. Vor der Entdeckung von Sarasm 1976 waren in Tadschikistan Stätten aus der Bronzezeit in der Region Berg-Badachschan, ferner um den Kairakkum-Stausee im Norden und am Fluss Kofarnihon bei Schahritus im Südwesten bekannt.Grégoire Frumkin: Archaeology in Soviet Central Asia. (Handbuch der Orientalistik, 7. Abteilung: Kunst und Archäologie, 3. Band: Innerasien, 1. Abschnitt) E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 58, 61
Vom 6. bis zum 4. Jahrtausend war in einem großen Teil des südlichen Zentralasien die Kelteminar-Kultur verbreitet. Die Menschen gingen auf die Jagd, fingen Fische und sammelten Wildpflanzen, ihre Werkzeuge bestanden hauptsächlich aus Feuerstein und Knochen.Viktor Sarianidi: Food producing and other Neolithic communities in Khorasan and Transoxania: eastern Iran, Soviet Central Asia and Afghanistan. In: A. H. Dani, V. M. Masson (Hrsg.): History of civilizations of Central Asia. Volume 1.: The dawn of civilization: earliest times to 700 B. C. UNESCO Publishing, Paris 1992, S. 121f
Als ältester bekannter Ort einer Ackerbau treibenden Kultur in Zentralasien gilt Dscheitun in der Sandwüste Karakum im Süden Turkmenistans, 30 Kilometer nordwestlich von Aşgabat. Die jungsteinzeitlichen Funde (einschließlich Keramik) des kleinen Tepe von Dscheitun am Nordrand des Kopet-Dag ab dem 6./5. Jahrtausend v. Chr. belegen den Wechsel einer nomadischen Jäger- und Sammlerkultur zu Ackerbau und Haustierhaltung. Die nachfolgende Monjukli-Periode wird als proto-chalkolithisch bezeichnetGeorge F. Dales: Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan. In: Machteld J. Mellink, Jan Filip: Frühe Stufen der Kunst. (Propyläen Kunstgeschichte, Band 14) Propyläen, Berlin 1985, S. 168 und ist nach dem Fundort Monjukli Depe benannt, der in der Nähe der zur gleichen Zeit existierenden Dörfer Chakmakli und Chagylly südöstlich von Aşgabat lag. Eine spätere Entwicklungsstufe, die Kupfersteinzeit am Übergang zur Bronzezeit im 5. und am Anfang des 4. Jahrtausends v. Chr., ist am Kopet-Dag durch eine Bevölkerungszunahme gekennzeichnet. Ihr gehören Namazgadepe und Kara-Depe südöstlich von Aşgabat und die Oase Geoksjur an der Mündung des Tejen-Flusses im südöstlichen Turkmenistan an.Aleksandr Belenickij: Zentralasien. (Archaeologia Mundi. Die großen Kulturen der Welt) Heyne, München 1978, S. 38–41 Diese Orte am Nordrand des Iranischen Hochlands bildeten eine Reihe von Oasen mit bronzezeitlichen Ackerbausiedlungen in einem Gebiet, das in der Forschung als Baktrisch-Margianischer Archäologischer Komplex (Bactria-Margiana Archaeological Complex, BMAC) bekannt ist. Die Blütezeit dieser „Oasenkultur“ (auch Oxus-Kultur) dauerte vom Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. bis zum 18. Jahrhundert v. Chr. Weshalb danach der Niedergang erfolgte, ist unklar. Einer der wenigen, nach 1700 v. Chr. noch besiedelten Orte des Gebiets war Jarqoʻton. Das weiter südlich gelegene baktrische Bergland im heutigen Afghanistan ist dagegen frühestens seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. bewohnt. Vermutlich waren die Menschen vor der Bronzezeit technisch noch nicht in der Lage, die dortigen reißenden Bergflüsse für die Bewässerung der Felder zu nutzen.Viktor Sarianidi: Die Kunst des alten Afghanistan. E. A. Seemann, Leipzig 1986, S. 44 Dzharkutan schafft eine zeitliche Brücke zwischen der turkmenischen Oasenkultur und den südtadschikischen und nordafghanischen Kulturen der Bronzezeit.
mini|Areal XII. In der Mitte eine von mehreren runden Feuerstellen dieses Areals, die seit der Phase III außerhalb des Wohnbereichs angelegt wurden.