miniatur|hochkant=1.5|Utsuro-bune; Darstellung aus dem frühen 19. Jahrhundert Utsuro-bune, Utsuro-fune oder seltener Utsubo-fune (japanisch , (utsuro-~), (utsubo-~), zu deutsch „Hohles Schiff“) ist die Bezeichnung für ein Boot oder Schiff, das nach einer Legende Anfang des Jahres 1803 an der japanischen Küste strandete.

Dieser Legende zufolge beobachteten ortsansässige Fischer ein auf dem Meer treibendes fremdartiges Boot. Bei genauerer Untersuchung entdeckten sie im Inneren des Utsuro-bune eine schöne junge Frau von fremdartiger Erscheinung. Wegen ihrer Scheu vor Fremden und aufgrund von Verständigungsproblemen beschlossen die Fischer, die Frau und ihr Boot wieder auf das Meer treiben zu lassen. Die Geschichte des Utsuro-bune wurde erstmals 1925 vom japanischen Ethnologen Yanagita Kunio () untersucht, ein zweites Mal im Jahr 1962. Ein drittes Mal wurde die Geschichte 1997 von Professor Tanaka Kazuo () überprüft. Beide Gelehrte bewerten die Erzählung vom Utsuro-bune als Folklore. Sie weisen außerdem darauf hin, dass Utsuro-bune auch in zahlreichen anderen Sagen vorkommen.

Die Legende ist auch unter Anhängern von Hypothesen über den extraterrestrischen Ursprung von UFOs verbreitet und wird von diesen als historischer Beleg für Begegnungen der dritten Art in früherer Zeit angesehen.

Historische Quellen Die bekanntesten Legenden von Utsuro-bune finden sich unter anderem in: Toen shōsetsu (; „Geschichten vom Kaninchengarten“) von Kyokutei Bakin aus dem Jahre 1825, heute im Besitz der Bibliothek der Tenri-Universität in Tenri, Präfektur Nara.

Hyōryū-ki-shū (, „Gesammelte Aufzeichnungen über Gestrandete“), die nach 1835 von einem unbekannten Autor verfasst wurde und sich heute in der Privatbibliothek Iwase-Bunko-Toshokan () der Stadt Nishio befindet.Website der Iwase Bunko Toshokan

Ume-no-chiri (; „Der Staub der Pflaume“) von Nagahashi Matajirōs () aus dem Jahr 1844, das heute in der Bibliothek Mukyū-Kai-Toshokan von Machida (Präfektur Tokio) aufbewahrt wird

In Kyokutei Bakins Toen shōsetsu findet sich die ausführlichste Schilderung der Geschichte, im Ume-no-chiri eine etwas verkürzte und leicht abgeänderte Version desselben Vorfalls.Kazuo Tanaka: Did a close encounter of the Third Kind occur on a Japanese beach in 1803? S. 37–44.

Überlieferung thumb|300px|Utsurobune-Darstellung von Manjudō. Toen shōsetsu

Ume-no-chiri

Unter dem Text ist die Information angefügt: „Haratono-hama ist ein Gebiet des Herrn Ogasawara Izumi ().“

Weitere, ähnliche Schriftstücke Es existieren weitere Schriftstücke, so zum Beispiel Hirokata Zuihitsu () und Ōshu Kuzakki (). In den Jahren 2010 und 2012 wurden weitere Dokumente aus der Edo-Epoche entdeckt, die von Professor Tanaka untersucht wurden. Beide Berichte decken sich inhaltlich mit der Überlieferung aus Toen shōsetsu. Allerdings geben sie als Ortsnamen des Ereignisschauplatzes Minato Bōshū (; „Hafen von Bōshū“) an.Ausführliche Legendenbeschreibungen und Abbildungen zum Utsuro-bune

Utsuro-bune in anderen Legenden Eine in Japan sehr bekannte Sage ist jene vom Ursprung der Familie Kawano in der Provinz Iyo. In dieser Erzählung hatte ein Fischer namens Wakegorō () von der Gogo-Insel () ein Mädchen im Alter von zwölf bis dreizehn Jahren in einem Utsuro-bune auf hoher See gefunden und an Land gebracht. Das Mädchen hätte angegeben, eine chinesische Prinzessin zu sein, welche vor dem Jähzorn und der Rachsucht ihrer Stiefmutter geflohen sei. Der Fischer nannte das Mädchen „Prinzessin Wake“ (, Wake-hime) und zog sie groß. Wake heiratete einen kaiserlichen Prinzen in der Provinz Iyo und gebar Ochimiko (), den Stammvater der Kawano-Familie. Diese Prinzessin wird noch heute im Wakehime-Schrein (, Wakehime-jinja) in der Siedlung Funakoshi () auf dieser Insel verehrt. Es heißt noch heute, sie habe die ersten Seidenkokons nach Japan gebracht.Moku Jōya: Japan And Things Japanese. Japan Times, Tokyo 1958. S. 227 & 228.

Hintergründe mini|Weitere Darstellung des Utsuro-bune (um 1825) Ufologie In der modernen, insbesondere westlichen Subkultur, vor allem in der Ufologie, wird das geheimnisvolle Utsuro-bune gern als Gegenstand und Beweis frühzeitlicher Begegnungen der Dritten Art in Japan herangezogen. In erster Linie gründen die Theorien auf den teils kolorierten, teils schwarz-weiß gehaltenen Abbildungen, die angeblich große Ähnlichkeiten mit modernen Ufo-Beschreibungen „fliegender Untertassen“ aufweisen sollen. Ufo-Gläubige argwöhnen, dass es sich bei dem Utsuro-bune um ein sogenanntes „Uso (Unbekanntes Submarines Objekt)“ handelte. Des Weiteren wird auf die unbekannten Schriftzeichen verwiesen, die denen aus modernen Ufo-Begegnungen verblüffend ähnlich sein sollen, besonders jenen aus dem sogenannten „Rendlesham-Vorfall“ in Großbritannien. Auch der geheimnisvolle Kasten, den die fremdartige Frau so achtsam hütete, steht im Interesse der Ufologie. Befürworter der These um Begegnungen der Dritten Art wollen in dem Kasten ein technisches Gerät erkannt haben. Auch auf die fremdartige Erscheinung und unbekannte Sprache der Frau wird wiederholt hingewiesen. Die von Historikern und Ethnologen angeführten Darlegungen hierzu werden dabei meist bewusst ignoriert.Ryūtarō Minakami, Kazuo Shimizu, Shōichi Kamon: 新・トンデモ超常現象60の真相. S. 206.

Historische Forschungen Bereits der Schriftsteller Kyokutei Bakin (1767–1848) machte verschiedene Anmerkungen zu dem Text. Zur Haarfarbe bemerkte er: „In einem Buch mit dem Titel Roshia bunkenroku (; „Aufzeichnungen von Gehörtem und Gesehenem aus Russland“, Autor: Kanamori Kinken) finden wir folgenden Satz: ‚Der Schnitt weiblicher Kleider ist zylindrisch und der Durchmesser nimmt oberhalb der Hüfte zunehmend ab. Die Farbe ihrer Frisur ist mit weißem Puder gefärbt.‘ Nach diesem Satz zu urteilen, könnte das weiße Haar der Frau mit Puder gefärbt sein und sie könnte eine Frau sein, die in einer russischen Kolonie lebt. Weitere, detaillierte Studien sind erforderlich.“ Zum Wasser, das im Inneren des Bootes gefunden wurde, schreibt er: „In einem anderen Buch wurde ein anderes Wort gebraucht, 2 Tō (36 L) anstelle von 2 Shō und anstelle ‚kleine Flasche‘ das Kanji für ‚große Flasche‘.“ Zu den unbekannten Symbolen im Innern des Utsuro-bune äußerte er sich wie folgt: „Viele ausländische Schriftzeichen wurden im Inneren des Bootes gefunden. Ich fand ähnliche Schriftzeichen an einem britischen Schiff, das kürzlich an der japanischen Küste vor Uraga erschienen war. Nach dieser Beobachtung könnte die Frau eine britische, bengalische oder amerikanische Prinzessin sein. Keiner weiß es genau. Die Frau und das Boot wurden von Menschen gezeichnet, die Interesse an dem Vorfall hatten und (diese Zeichnungen) sind in Abbildung 2 wiedergegeben. Ich bin etwas enttäuscht, da die Illustrationen und der Text nicht übereinstimmen. Wenn irgendjemand etwas über den Vorfall weiß, möchte er es mich wissen lassen.“

Moderne Erforschung Im Jahr 1997 untersuchte der japanische Professor für Elektronik- und Computerentwicklung, Tanaka Kazuo, von der Gifu-Universität die Dokumente. Die von Anhängern der Ufo-Theorie oft angeführten Vergleiche des Utsuro-bune mit Ufos moderner Sichtungen hält Tanaka für haltlos, da das Utsuro-bune der Legende nicht fliegt und auch sonst keinen eigenen Antrieb, geschweige denn technische Gerätschaften aufweist. Er kommt stattdessen zu dem Schluss, dass die Geschichte vom Utsuro-bune eine Mischung aus volkstümlicher Überlieferung und Einbildung ist. Er stützt sich dabei auf die Darlegungen des Ethnologen Yanagita Kunio, der die Geschichte des Utsuro-bune bereits in den Jahren 1925 und 1962 untersucht hatte.

Yanagita hatte nachgewiesen, dass Legenden, die derjenigen des Utsuro-bune ähnlich sind, auch in anderen Landesteilen und bereits zu früheren Zeiten (also vor 1800) verbreitet waren. Yanagita verwies auch auf die Legende der Prinzessin Wake.

Aus der Arbeit Yanagitas zitiert Kazuo noch ein in Kyūshū überliefertes Lied, dessen Strophen viele Sätze enthalten, die denen im Bericht Kyokuteis sehr ähnlich sind. In den meisten der von Yanagita gefundenen Varianten der Geschichte wird die aufgefundene Frau, beziehungsweise das Mädchen, wieder im Meer ausgesetzt, so dass eine Überprüfung durch Dritte nicht mehr möglich war. Für bedeutsam hielt Yanagita auch die Tatsache, dass die Erscheinung der Frau im Utsuro-bune stark auf eine weiße, westliche Frau hindeutet und die Japaner der Edo-Zeit sich vor den westlichen Ländern wie Russland, England und den USA fürchteten. Er verweist auch auf die unbekannten Schriftzeichen, die angeblich innerhalb und außerhalb des Utsuro-bune entdeckt wurden und in diversen Darstellungen zu finden sind. Da Yanagita diese Schriftzeichen trotz intensiver Recherche in keiner bekannten Kultur finden konnte, schloss er daraus, dass sie frei erfunden sein mussten. Yanagitas Abschlussbericht von 1962 zufolge war das fragliche Schiff in den ältesten Varianten der Legende ein einfaches rundes Korbboot, wie es auch heute noch im südlichen Asien benutzt wird. Zudem führte er an, dass runde Boote an sich auch in Japan nichts Ungewöhnliches gewesen seien, erst die westlichen Details wie Fenster aus Glas und metallene Schutzplatten ließen das Rundboot exotisch erscheinen. Diese fantastisch wirkenden Details wurden wohl deshalb hinzugedichtet, weil Skeptiker die Stabilität und Seetauglichkeit eines bescheidenen Korbboots anzweifeln würden. Ein stahlverstärktes und mit Glasfenstern ausstaffiertes Utsuro-bune hingegen würde stabil genug sein, um über größere Strecken auf hoher See dahinzutreiben.

mini|Weitere, stark abweichende Darstellung Professor Tanaka untersuchte über die volkskundlichen Überlieferungen hinaus weitere Details der Geschichte. Die Ortsnamen, „Haratono-hama“ und „Harayadori“, verweisen demnach auf eine Lage am Meer. Hama () bedeutet „Strand“ und Yadori () kann in der Bedeutung von „Hafen“ gelesen werden. Die östliche Grenze der Provinz Hitachi, die heutige Präfektur Ibaraki, grenzt direkt an den Pazifischen Ozean. Also müsste sich nach Tanaka ein Beleg dafür finden lassen, dass ein Ort namens „Haratono-hama“ bzw. „Harayadori“ an der Küste Hitachis im Japan des Jahres 1803 existiert hatte. Reale Orte mit diesen Namen gab und gibt es jedoch in ganz Japan nicht. Die erste vollständige Kartographierung Japans erfolgte zwar erst 1907, aber bereits während der Herrschaft der Tokugawa-Dynastie (1603–1868) hatte es umfangreiche Aufzeichnungen geographischer Namen gegeben. Wenn sich der Name eines Ortes geändert haben sollte, ließen sich die älteren Namen leicht in den weitgehend erhaltenen Dokumenten finden. Tanaka merkt dazu an, dass es verwunderlich ist, dass ein Ort, an dem sich ein solch bemerkenswerter Vorfall wie der des Utsuro-bune ereignet haben soll, einfach in Vergessenheit geraten sein sollte. Weiter hält Tanaka fest, dass der Name Osagawara der Name eines Clans von Hatamoto-Samurai im Dienst der Tokugawa-Shōgun war. Die biographischen Daten der Hatamoto-Samurai wurden umfassend überliefert und die entsprechenden Dokumente seien veröffentlicht. Ein Ogasawara Izumi ist darin aufgeführt, aber dessen Ländereien befanden sich nicht in der Provinz Hitachi. Der Name Ogasawara Etchū no Kami findet sich ebenfalls in den Listen. 1799 wird er als „Yoriai“ im Dienst des Bakufu mit einem Einkommen von 4500 Koku beschrieben. Seine Ländereien lagen zwar tatsächlich in der Provinz Hitachi, jedoch alle im Binnenland und sie hatten keine Verbindung zum Meer. Darüber hinaus kann auf seinen Ländereien kein Ort identifiziert werden, dessen Name an „Haratono-hama“ bzw. „Harayadori“ erinnern würde.