mini|Stadthaus in Stockholm, 1911–1923 (Ragnar Östberg) mini|Hauptbahnhof in Helsinki, 1904–1919 (Eliel Saarinen) mini|Hauptbahnhof in Helsinki mini|Jagdschloss St. Hubert in Otterlo, 1915–1920 (Berlage) mini|Hauptbahnhof in Stuttgart, 1914–1927 (Paul Bonatz)

Der Traditionalismus in der Architektur ist eine Strömung, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in Nordeuropa aufkam. In den Niederlanden ist der Baustil bekannt geworden im Zusammenhang mit der Delfter Schule (1925–1955). In Deutschland und Skandinavien entstanden bedeutende Bauwerke des Traditionalismus. Der Stuttgarter Hauptbahnhof von Paul Bonatz ist ein Beispiel der sogenannten Stuttgarter Schule. In Stuttgart entstand 1933 auch die traditionalistische Kochenhofsiedlung als Gegenmodell zur Weißenhofsiedlung aus dem Jahr 1927, die im kubistischen Stil der aufkommenden modernen Architektur gebaut wurde.

Der architektonische Traditionalismus findet auch in der heutigen Zeit häufig Verwendung, vor allem, seit durch die Postmoderne die Verwendung klassischer Architektursprache wieder populär wurde.

Daneben existiert der Begriff der Traditionellen Architektur, der vor allem regionale Bauarten beschreibt. Vergleiche auch den kritischen Regionalismus in der Architektur sowie den New Urbanism im Städtebau.

Aufkommen des Traditionalismus in den Niederlanden Von 1925 bis 1955 entwickelte sich an der Technischen Universität von Delft unter der Leitung von Prof. Marinus Jan Granpré Molière die sogenannte Delfter Schule (Delftse School). Nach der Vorherrschaft der Delfter Schule mit ihren negativen Folgen (wegen Einseitigkeit) wurde der Traditionalismus lange Zeit durch die neue Avantgarde verpönt und verachtet.

Der Stil Berlage um 1900 (Börse und andere Bauten) kann als Vorläufer des Traditionalismus gesehen werden. Ein Schüler und Nachfolger von Berlage war Alexander Kropholler, der sich zu einem tonangebenden Traditionalisten der Niederlande entwickelte. Kropholler war ein talentierter Architekt mit ausdrucksstarker, aber auch formalistischer und bisweilen übertriebener Formensprache. Seine Schwester, Margaret Staal-Kropholler, war eine bekannte Architektin der expressionistischen Amsterdamer Schule.

Der Architekt Frits Peutz baute in den 1930er Jahren mehrere traditionalistische Kirchen. Er entwarf zudem den kubistisch-konstruktivistischen Glaspalast in Heerlen, der 2003 vorbildlich restauriert wurde.

Traditionalismus und Städtebau

Hendrik Petrus Berlage hat auch vorbildliche städtebauliche Konzepte entwickelt und realisiert. Dazu gehören Amsterdam-Süd und Stadtteile in seinem Wohnort Den Haag und andern Städten. Der renommierte deutschsprachige Autor Vittorio Magnago Lampugnani beschreibt die städtebauliche Arbeit von Berlage in seiner Publikation Die Stadt im 20. Jahrhundert. Der Stadtbaumeister Maarten Schmitt kritisiert Berlages Planungen: „Der Strukturplan von Berlage ist eine total überholte Sache. Er hat praktisch keinen Effekt gehabt. Der Respekt für Berlage beruht mehr auf Nostalgie als auf wirklicher Bedeutung.“

Historische Stadt heute – Traditionalismus oder „Generic City“ mini|Amsterdam-Zuid (Süd), traditionalistischer Städtebauplan von Berlage (1915), Architektur von den Architekten der expressionistischen Amsterdamer Schule Bei den Traditionalisten wird die Stadtsilhouette als bedeutendes städtebauliches Element gesehen, wobei historische Städte, Dörfer und Siedlungen als Vorbild dienen. Für die Gesamtkomposition war früher der Stadtbaumeister verantwortlich. Dies geschah in einem fortwährenden Entwicklungsprozess. Bei den Traditionalisten bestimmt die Stadt- oder Dorfsilhouette das Bild der Gesamtform und der städtebaulichen Identität.

Den Haag – Historisches Zentrum mit „Generic City“ Das niederländische Regierungszentrum in Den Haag steht im Zusammenhang mit der aktuellen städtebaulichen Entwicklung des 21. Jahrhunderts. Das heutige Erscheinungsbild wurde auch von der Idee der "Generic City" des niederländischen Architekten Rem Koolhaas geprägt.

Während seiner Amtszeit von 1998 bis 2009 ließ sich der Stadtbaumeister von Den Haag, Maarten Schmitt, durch die Ideen von Rem Koolhaas beeinflussen. In seiner Biografie (Den Haag – Maarten Schmitt) schreibt er: „Das Ende der historischen Stadt scheint vollkommen zugeschnitten zu sein für eine Stadt wie Den Haag.“

Der amerikanische Architekt Richard Meier lieferte 1986 mit dem Bau des neuen Stadthauses ebenfalls einen wichtigen Beitrag für Den Haag. Sein Entwurf im Stadtzentrum war so gestaltet, dass die naheliegende Stadtsilhouette des nationalen Regierungszentrums erhalten blieb.

Muttenz – Integration von Baustilen verschiedener Zeitepochen Muttenz ist eine Industriestadt östlich von Basel mit 18'000 Einwohnern. Das hier behandelte Gemeindezentrum aus dem Jahr 1970 befindet sich am Kirchplatz des historischen Dorfkerns. Das Projekt war lange Zeit umstritten, sowohl in Heimatschutz- als auch in Architektenkreisen. Heute wird es als architektonische Pionierleistung bezeichnet. Der Architekt Rolf Keller in Zusammenarbeit mit Fritz Schwarz erkannte damals, dass sich ein historischer Baustil vielfach schlecht verträgt mit dem kubistischen Baustil der modernen Architektur. Um ein harmonisches Gebäude-Ensemble zu erreichen, wurden Voraussetzungen für den Entwurf entwickelt „aufgrund eines genauen Studiums der Merkmale der Muttenzer Bauernhäuser“. Ein weiteres bekanntes Projekt von Rolf Keller mit Architekten Esther und Rudolf Guyer, Manuel Pauli, Fritz Schwarz und Guhl-Lechner-Philipp Architekten ist die Siedlung „Seldwyla“ in Zumikon.

Bei der Wohnsiedlung Sandberg in Biberach hatte Rolf Keller die künstlerische Oberleitung, wobei die Handschriften verschiedener Architekten zum Ausdruck kommen. Zur städtebaulichen Gestaltung in Biberach sagte Keller: „Analog zu eindrücklichen alten Städten, die wie aus einem Guss wirken, soll auch hier, auf dem Sandberg, durch wenige Materialien (naturrote Ziegeldächer, weißer Putz, sparsamer Umgang mit Farben) ein harmonisch abgestimmtes Ganzes entstehen. Solche stadtgestalterische Vorgaben sollen einen prägnanten Stadtraum sicherstellen oder – zusammengefasst – Vielfalt in der Einheit ermöglichen.“

Interessant ist der Vergleich der architektonischen Formensprachen von Rolf Keller und Rob Krier. Während man bei Krier von einem historisierenden Traditionalismus sprechen kann, baut Rolf Keller im Stil eines modernen oder zeitgenössischen Traditionalismus.

Beispiele in den Niederlanden (20. und 21. Jahrhundert)

Beispiele in Deutschland und der Schweiz

Siehe auch Delfter Schule Heimatschutzarchitektur Reformarchitektur Architektur im Nationalsozialismus

Literatur Rob Krier (Hrsg.): Town Spaces. Basel 2003. Kai Krauskopf, Hans-Georg Lippert, Kerstin Zaschke (Hrsg.): Neue Tradition. Europäische Architektur im Zeichen von Traditionalismus und Regionalismus. Dresden 2012. Arne Ehmann: Traditionalismus um 1910. Dissertation, Universität Hamburg, Hamburg 2006. Online Uni Hamburg (PDF; 9,5 MB) Hans Ibelings: Unmodern Architecture. Contemporary Traditionalism in the Netherlands. (niederländische und englische Ausgabe) Rotterdam 2004. Vittorio Magnago Lampugnani: Die Stadt im 20. Jahrhundert. Berlin 2010. Reform und Tradition. (Moderne Architektur in Deutschland 1900 bis 1950). Ausstellungskatalog Deutsches Architektur-Museum, Frankfurt am Main 1992, Hatje, Stuttgart 1992. Rolf Keller: Bauen als Umweltzerstörung – Alarmbilder einer Un-Architektur der Gegenwart. Zürich 1973.

Kategorie:Architekturstil