mini|Wolfgang Bibel (r.) im Gespräch mit C. A. R. Hoare (2006)

Leonhard Wolfgang Bibel (* 28. Oktober 1938 in Nürnberg) ist ein deutscher Informatiker, der zu den Begründern des Gebietes Künstliche Intelligenz in Deutschland und Europa gehört.

Bibel baute die notwendigen Institutionen, Konferenzen und wissenschaftlichen Fachzeitschriften auf und sorgte für die notwendigen Forschungsprogramme, damit sich das Fachgebiet der Künstlichen Intelligenz etablieren konnte. Er war Gründungspräsident der Europäischen Vereinigung für künstliche Intelligenz (EurAI) und hat am 23. April 2018 die Ereignisse in Gang gesetzt, die zum Start der Initiative CLAIRE führten, die die KI-Forschung in Europa stärken will.

Bibel war Professor für Intellektik am Fachbereich Informatik der Technischen Universität Darmstadt und arbeitete vor allem auf dem Gebiet der Automatischen Deduktion. Zu seinen wissenschaftlichen Beiträgen zählt die von ihm entwickelte Konnektionsmethode, die Computern ermöglicht, korrekte logische Schlussfolgerungen in sehr kompakter Weise zu ziehen. Für seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt er 2006 den Herbrand Award.

Er wurde von der Gesellschaft für Informatik als einer der zehn prägenden Köpfe der deutschen KI-Forschung ausgezeichnet.

Werdegang Wolfgang Bibel wurde in Nürnberg als Sohn von Hans und Johanna Maria Bibel geboren, ist dort aufgewachsen und bis zum Abitur zur Schule gegangen. In der Zeit von 1944 bis 1947 musste er wegen einer kriegsbedingten Ausquartierung nach Georgensgmünd. Nach dem Abitur wollte er Physik an der Universität Erlangen studieren. Aufgrund eines Erlasses musste er die Wehrpflicht nicht ableisten. Vor dem Studium musste er Industrieerfahrung vorweisen, weswegen er ein Praktikum beim Großkraftwerk Franken absolvierte. Schließlich begann er 1958 ein Studium der Mathematik und Physik mit Schwerpunkt Physik an der Universität Erlangen. Für Bibel stellte das erste Studienjahr eine Herausforderung dar, da der Inhalt für ihn unbekannt war im Gegensatz zu den Kommilitonen, die von naturwissenschaftlichen Schulen kamen. In der vorlesungsfreien Zeit erledigte er ein weiteres Praktikum bei Siemens-Schuckertwerke. Am 4. Mai 1961 erhielt er sein Vordiplom. Ab 1962 absolvierte er einen Teil seines Studiums an der Universität Heidelberg. Mit dem Wechsel seines Schwerpunktes auf die Mathematik wechselte er an die Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er bis 1964 studierte und seinen Diplomabschluss für Mathematik erreichte. Seine Diplomarbeit behandelte den Beweis des Remmertschen Abbildungssatzes. Danach war er wissenschaftlicher Arbeiter am Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in München, das damals Werner Heisenberg leitete. Am Max-Planck-Institut lernte er Peter Mittelstaedt kennen, der ihm ein Stipendium und seine Betreuung für die Promotion anbot. Mittelstaedt schlug Bibel als Promotionsthema vor, die Lösung zum Umkehrproblem in der Streutheorie zu erarbeiten, jedoch wurde später bekannt, dass die Lösung schon lange erbracht worden war. Dies war Mittelstaedt damals nicht bewusst gewesen. Später stellte sich dann noch heraus, dass Mittelstaedt eine Professur an der Universität zu Köln angenommen hatte. Bibel zog mit Mittelstaedt an die Universität zu Köln, wo er als wissenschaftlicher Assistent tätig war. Die bereits erbrachte Lösung, die plötzlich angenommene Professur von Mittelstaedt und die Entfernung zu seiner damaligen Freundin führten dazu, dass er seine Stelle nach kurzer Zeit kündigte. 1968 promovierte er unter der Betreuung von Kurt Schütte mit cum laude in der Mathematischen Logik. Seine Dissertation lautete „Schnittelimination in einem Teilsystem der einfachen Typenlogik“.

Gescheiterte Habilitation an der TU München In der Zeit von 1969 bis 1987 war er wissenschaftlicher Assistent/Oberassistent im Institut für Informatik bei der Technischen Universität München. Eigentlich hatte Bibel vor, an der Universität zu habilitieren. Dazu legte er im Dezember 1974 seine Habilitationsschrift zur Prüfung vor. Seine Habilitationsschrift lautete „Programmieren in der Sprache der Prädikatenlogik“.Bibel, Wolfgang. (1974). Programmieren in der Sprache der Prädikatenlogik. Sein Betreuer war Klaus Samelson. Jedoch legte überraschenderweise Friedrich Ludwig Bauer, der damals das Institut leitete, ein Veto gegen seine Habilitation ein, was bedeutete, dass man ihm die Eignung dafür absprach, was unüblich angesichts der Leistungen von Bibel war. Bauer empfahl ihm noch fünf Jahre zu forschen, bevor an eine Habilitation zu denken wäre. Außerhalb von der TU München erkannte man jedoch seine Leistung, weswegen er versuchte, ein Habilitationsverfahren ohne Einverständnis von Bauer einzuleiten, da sich Bauer vehement dagegen wehrte. In dem akademischen Jahr 1975/1976 wurde er als Lehrbeauftragter vom Fachbereich Informatik der Hochschule der Bundeswehr in München berufen. Zudem vertrat er im Sommersemester 1975 den Lehrstuhl von Jacques Loeckx an der Universität des Saarlandes und wurde vom Dekan des Fachbereichs Mathematik/Informatik der Gesamthochschule Paderborn aufgerufen, sich auf eine Professur zu bewerben. Vorsitzender der Habilitationskommission war Karl-Heinz Helwig, der Gutachter bestellte, die keine Kenntnisse in seinem Fach Automatisches Beweisen vorzeigen konnten. Daraufhin wandte sich Bibel an den damaligen Präsidenten der TU München, Ulrich Grigull, jedoch erfolglos. Bibels Eindruck nach sagte Grigull sinngemäß, dass Tradition keine Erklärungen benötige und dass er auf Bauer hätte hören sollen. Bibel hatte in der Zeit weitere Stellen inne, darunter an der Duke University, erfuhr international Unterstützung und holte sich zusätzliche Gutachten ein, die positiv ausfielen. Darunter waren Gutachten von Bruno Buchberger und Woody Bledsoe, jedoch wurde 1977 sein Antrag mit 31 Gegenstimmen und 3 Enthaltungen abgelehnt. Aus Verzweiflung versuchte er, den Antrag zurückzunehmen. Er kannte nur einige Gründe für seine Ablehnung aus indiskreten Gesprächen. Die vollständigen Gründe für die Ablehnung konnte er jedoch nicht aus den Gutachten entnehmen. Auch ein Gesuch für die Einsicht in die Unterlagen scheiterte, weswegen er Klage einlegte, in denen er inhaltliche Fehler bei den Gutachten nachwies. Die Klage wurde jedoch 1982 abgewiesen, da das Habilitationsverfahren formell richtig gewesen sei und Inhaltliches nicht überprüft werden könne, sodass nach sieben Jahren sein Habilitationsverfahren endete und er damit nicht an der TU München lehren durfte. In der Zeit änderte sich die Einstellung seiner Kollegen zu ihm, die er selbst als feindlich beschrieb. 1978 versuchte er eine weitere Habilitation, da es eine Änderung im Gesetz gab, die Oberassistenten ermöglichte, eine Professur zu übernehmen. Jedoch wurde auch dies 1980 mit der Begründung, dass kein Bedarf in seinem Fach gäbe, abgelehnt. Das gesamte Geschehen beschreibt Bibel so, dass man versuchte, ihn „[…] akademisch zu liquidieren.“ und er erklärte es sich damit, dass Bauer seiner Meinung nach machtbesessen sei und Menschen nicht aufgrund der fachlichen Qualifikation unterstützte, sondern nach Macht gestrebt habe. Bauer und die Kollegen konnten sich auch nicht fachlich mit Bibel identifizieren und lehnten das Fach und Bibels wissenschaftliche Herangehensweise ab. Bauer war Befürworter der imperativen Programmierung mit ALGOL, während Bibel sich auf die logische Programmierung mit PROLOG stütze. So hat Bauer auch erst später die funktionale und objektorientierte Programmierung mit LISP, die von Wahlster vertreten worden war, anerkannt. Vor allem Bauer habe nicht an die Zukunft des Fachgebietes Künstliche Intelligenz geglaubt. Zu dem Zeitpunkt war die ablehnende Haltung zum Fachgebiet Künstliche Intelligenz nicht nur in München angesiedelt, sondern erstreckte sich darüber hinaus. Auch Wahlster bezeichnete das Vorgehen von Bauer als von Ideologie getrieben. Im selben Jahr, in dem die Habilitation gescheitert ist, förderte die Deutsche Forschungsgemeinschaft auf einen Antrag von Bibel hin das Projekt Verwendung von Beweisverfahren in der Programmierung. Das Thema war inhaltlich vom Thema der gescheiterten Habilitation geprägt, weswegen sich auch Bauer über die Förderung empörte, sodass Bibel der Zugang zu den Rechnern der TU München versperrt worden war. Erst mit dem Einschreiten des damaligen DFG-Präsidenten konnte das Problem gelöst werden. Jedoch fand Bibel international Unterstützung und auch einige Professoren an der TU München unterstützen ihn, darunter Eike Jessen, der später die Verantwortung für die Arbeitsgruppe von Bibel hatte, und Josef Heinhold, der auf eigene Initiative mit zwei anderen Professoren Gutachten von außen einholte, die positiv ausfielen. Jessen sei der erste Professor gewesen, der völlig unabhängig von Bauers Meinung berufen worden war. Dies sei dem Nachfolger von Grigull, Wolfgang Wild, zu verdanken gewesen, der eine andere Berufungspolitik ausübte. So sei Bauer laut Bibel nicht aufgrund seiner wissenschaftlichen Beiträge, sondern als Wissenschaftspolitiker bekannt geworden und zum Kellerprinzip, der mit den Namen Samelson und Bauer verbunden ist, habe Samelson den größten Beitrag geleistet. Eickel, der zu den Gutachtern und der Gruppe von Bauer gehörte, wurde habilitiert, obwohl er zu dem Zeitpunkt nur eine Veröffentlichung mit drei weiteren Autoren vorweisen konnte, sodass Bauers Vorgehen letztendlich dazu geführt haben soll, dass das wissenschaftliche Niveau an der Universität sank. Das Vorgehen habe Bibels Meinung nach dazu geführt, dass keine großen IT-Unternehmen wie SAP, Software AG und Scheer AG aus der TU München entstanden sind. So sei auch Andreas von Bechtolsheim unterfordert und verärgert gewesen, weswegen er an die Carnegie Mellon University gewechselt ist. Die Geschichte sprach sich herum und erschwerte Bibel das Leben, denn Bauer hatte zu diesem Zeitpunkt einen großen Einfluss in der Informatik in Deutschland. Bibel schrieb 26 erfolglose Bewerbungen. In den folgenden Jahren versuchte Bibel seine Zeit in München auf ein Minimum zu halten. Das Ereignis prägte Bibel und die Einschätzung von Bauer und seinen Kollegen stellte sich als falsch heraus.

In diesem Zeitraum hatte er Gastprofessuren an der Wayne State University, Detroit, USA (1970–1971), der Universität Karlsruhe (1978–1979), der Universität Rom (1983), der Duke University, Durham NC, USA (1985) und der Technischen Hochschule Darmstadt (1985–1986).

Zeit nach der TU München Nach der gescheiterten Habilitation war er im Zeitraum von 1987 bis 1988 Professor an der University of British Columbia in Vancouver, Kanada. Es war die erste Professur auf Lebenszeit, die er innehatte. 1989 wurde Bibel dann Adjunct Professor an der University of British Columbia, ein Ehrentitel, die ihm die Universität noch verliehen hat, bevor er an die TU Darmstadt wechselte.