Uwe Behrendt (* 1. April 1952 in Pößneck; † 16. September 1981 im Libanon) war ein deutscher Rechtsextremist. Ab 1976 wurde er Vizechef der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) und der engste Mitarbeiter deren Gründers Karl-Heinz Hoffmann. Am 19. Dezember 1980 ermordete Behrendt aus antisemitischen Motiven den Rabbiner Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke in Erlangen. Auf Geheiß Hoffmanns floh er danach in den Libanon, wo er ein weiteres WSG-Mitglied zu Tode gefoltert und bald darauf Suizid begangen haben soll.

Weil sich Hoffmann kein Auftrag, Mitwissen, keine Anstiftung oder Beihilfe zum Erlanger Doppelmord nachweisen ließen, gilt Behrendt juristisch seit 1986 als Einzeltäter. Heute ordnen Politikwissenschaftler und Investigativjournalisten ihn einem Netzwerk von Rechtsterroristen zu, die 1980 in mehreren Staaten Europas Anschläge und Morde begingen.

Herkunft und Studium Uwe Behrendt stammte aus Pößneck in Thüringen und machte dort 1970 Abitur. 1973 unternahm er einen Fluchtversuch aus der DDR, wurde dabei festgenommen und wegen „Republikflucht“ zu einer Haftstrafe von 20 Monaten verurteilt. Die Bundesregierung zahlte bei einem Häftlingsfreikauf 50.000 DM an die DDR für seine Freilassung.Rechtsradikale: Mit dem Rucksack. Der Spiegel, 19. August 1984 Am 24. Juli 1974 schob die DDR ihn zusammen mit anderen politischen Häftlingen in die Bundesrepublik ab.Rainer Fromm: Die „Wehrsportgruppe Hoffmann“, Frankfurt am Main 1998, S. 342–344 Einige der gemeinsam freigekauften DDR-Häftlinge, darunter Ralf Rößner, waren schon in der DDR als Neonazis aktiv gewesen und gelangten danach wie Behrendt zur WSG.Bernd Siegler: Auferstanden aus Ruinen: Rechtsextremismus in der DDR. Bittermann, 1991, ISBN 3-923118-87-2, S. 178f.

Ab dem Wintersemester 1974/75 studierte Behrendt Evangelische Theologie und Germanistik an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er wurde Mitglied der Straßburger Burschenschaft Arminia zu Tübingen. Laut den Burschenschaftlichen Blättern focht er dort zwei Mensuren, war Fechtwart und Sprecher. 1976/77 gehörte er zum „Hochschulpolitischen Ausschuss“ der Deutschen Burschenschaft (HpA der DB). Zudem war er im rechtsextremen Hochschulring Tübinger Studenten (HTS) aktiv, den der ebenfalls aus der DDR freigekaufte Axel Heinzmann führte. 1976 kandidierte Behrendt bei der Wahl zum ASTA seiner Universität für den HTS. Dieser vertrat einen hochschulpolitischen Antikommunismus, forderte die juristische Rehabilitation von NS-Verbrechern und unterstützte das rassistische Regime der Apartheid in Südafrika.Anton Maegerle: Vor 40 Jahren: Antisemitischer Doppelmord. Blick nach Rechts, 19. Dezember 2020

Aktivitäten in der WSG Über seine Burschenschaft und den HTS erhielt Behrendt Kontakt zur WSG Hoffmann, die mit bis zu 440 Mitgliedern damals die größte paramilitärische Wehrsportgruppe in der Bundesrepublik war. Zum 4. Dezember 1976 lud der HTS den WSG-Führer Karl-Heinz Hoffmann zu einem Vortrag zum Thema „Die schwarz-kommunistische Aggression im südlichen Afrika“ ein. Behrendt beteiligte sich mit anderen HTS-Mitgliedern an schweren Übergriffen auf Gegendemonstranten. Im bundesweit beachteten „Prinz-Karl-Prozess“ wurden Behrendt, Hoffmann und neun weitere Beteiligte wegen Landfriedensbruchs und Körperverletzung angeklagt, aber nach 18 Verhandlungstagen freigesprochen.

Behrendt wurde aktives Mitglied der WSG und stieg zu deren Vizechef auf, der Hoffmann völlig ergeben gewesen sein soll.Armin Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in Deutschland: Eine kritische Bestandsaufnahme. Springer VS, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-24276-3, S. 283 Er gehörte zu den WSG-Mitgliedern, die der HTS öfter als Saalschutz einlud, und wurde bald zum „harten Kern“ um Hoffmann gezählt. Er beteiligte sich öfter an Schlägereien und bewaffneten Angriffen der WSG auf linksgerichtete Buchhandlungen, Veranstaltungen und Demonstrationen. Augenzeugen nahmen diese Angriffe als „Eruption nackten Terrors“ wahr. Nachdem Hoffmann unter anderem wegen der Angriffe in Tübingen eine Haftstrafe von 18 Monaten verbüßen hatte müssen, rückte Behrendt in den engsten Führungskreis der WSG auf und erhielt öfter einen „Spezialauftrag“ Hoffmanns. Er sollte zum Beispiel Ralf Rößner töten, nachdem dieser die WSG verlassen und dabei gefälschte Dollarbanknoten aus einem geheimen Erddepot der WSG gestohlen hatte. Behrendt wollte den Mordauftrag mit einer Handgranate ausführen, traf Rößner und dessen Freundin in deren Wohnung jedoch nicht an. Dies wurde nach Behrendts Tod ermittelt.

Im Sommer 1977 organisierte die WSG ein bundesweites Treffen von Holocaustleugnern in Nürnberg mit. Daraufhin bildete sich dort ein Antifaschistisches Aktionsbündnis. Rabbiner Shlomo Lewin, der damals die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg leitete, trat als dessen Hauptredner öffentlich gegen die WSG auf, warb bei Vertretern der Bayerischen Staatsregierung für deren Verbot und demonstrierte mit anderen Antifaschisten in Ermreuth gegen die WSG. So wurde er für diese zur Zielscheibe. Hoffmann bedrohte seine Gegner damals öffentlich und diffamierte Lewin im März 1979 in seiner Zeitschrift Kommando.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 267–273.

Zwischen April und Oktober 1979 hielt sich Behrendt in Südafrika auf und erhielt vom deutschen Konsulat dort einen neuen Reisepass, weil er seinen deutschen Pass und Personalausweis als verloren gemeldet hatte.Sebastian Wehrhahn, Martina Renner: „Ermordet von Händen von Bösewichten“, in: Matthias Quent et al. (Hrsg.): Wissen schafft Demokratie, Berlin 2020, S. 78 und Fn. 16–18

Nachdem Bundesinnenminister Gerhart Baum die WSG im Januar 1980 als verfassungsfeindliche Organisation bundesweit verboten hatte, verlegte Hoffmann sie in den Libanon. Seit Mai 1980 lieferte er der PLO ausgediente Militärfahrzeuge der Bundeswehr. Dafür lieferte die PLO der „WSG-Ausland“ Waffen und erlaubte ihr, damit in einem PLO-Ausbildungslager im Libanon zu trainieren.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, ISBN 978-3-7425-0650-4, S. 275f. Behrendt half, die Fahrzeuge zu beschaffen und zu überführen.

Am 26. September 1980, dem Tag des Oktoberfestattentats in München, wollten Behrendt und Hoffmann erneut einen Fahrzeugkonvoi auf dem Landweg in den Libanon bringen. Infolge des Attentats wurden einige WSG-Mitglieder vorübergehend festgenommen. Dabei fand man in Hoffmanns Wohnung eine Fotoreportage der Zeitschrift Oggi von 1977 über die WSG, die Rabbiner Shlomo Lewin als Gegenspieler Hoffmanns darstellte. Der Bundesnachrichtendienst meldete dem Landeskriminalamt Bayern (LKA) am 29. September 1980, dass Hoffmann sich vor der PLO mit dieser Reportage als Feind des Zionismus und des Judentums dargestellt und die Zusammenarbeit erreicht habe. Am selben Tag wurden die WSG-Mitglieder wieder freigelassen, da sich keine Hinweise auf ihre Tatbeteiligung fanden. Hoffmann reiste am 6. Oktober 1980 wieder in den Libanon und verfasste dort eine antisemitische Verschwörungstheorie: Der israelische Geheimdienst Mossad habe das Oktoberfestattentat geplant und ausgeführt, um die Zusammenarbeit der WSG mit der PLO zu torpedieren und ihn, Hoffmann, auszuschalten. Das Pamphlet kursierte in der WSG und schürte dort die Wut auf vermeintliche Drahtzieher des Attentats, die die WSG angeblich zerstören wollten.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 276–280.

Im Dezember 1980 reiste Behrendt nach späterer Aussage des WSG-Mitglieds Walter Behle mit einem von der PLO bereitgestellten, wohl gefälschten Pass Mauretaniens nach Europa. 1982 wurde ein Araber in Stockholm festgenommen, der mit mehreren Pässen eingereist war, darunter dem verloren gemeldeten deutschen Pass Behrendts.

Erlanger Doppelmord 1980 wohnte Behrendt bei Hoffmann im WSG-Hauptquartier Schloss Ermreuth. Am Freitag, den 19. Dezember 1980, kam er in das 14 km entfernte Erlangen. Gegen 19:00 Uhr betrat er das Grundstück Ebrardstraße 20. Nach später gefundenen Spuren ging er durch den Garten, schaute durch das Wohnzimmerfenster, ging dann zur Haustür und klingelte.Sebastian Wehrhahn, Martina Renner: „Ermordet von Händen von Bösewichten“, in: Matthias Quent et al. (Hrsg.): Wissen schafft Demokratie: Schwerpunkt: Rechtsterror. Berlin 2020, S. 73 Als der Rabbiner Shlomo Lewin öffnete, erschoss er ihn direkt mit einer Maschinenpistole. Als Lewins Lebensgefährtin Frida Poeschke auf den Flur kam, erschoss er auch sie. Er gab jeweils drei Schüsse auf den Rumpf der beiden ab und tötete die zu Boden Gefallenen dann mit einem gezielten Kopfschuss. Er ließ eine blaue Sonnenbrille für Damen der Marke Schubert und ein Stück eines selbstgebauten Schalldämpfers am Tatort. Um 19:04 Uhr fanden Bekannte die Toten.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 253f.

Flucht und weitere Aktivitäten Nach dem Mord kehrte Behrendt nach Ermreuth zurück und gestand Hoffmann die Tat. Dieser warnte sofort seine Freundin vor den erwarteten Polizeiverhören zu ihrer Sonnenbrille. Er sammelte alle Patronen und Geschosshülsen aus der Tatwaffe, die ihm gehört hatte, aus seinem Keller, zerquetschte und beseitigte sie. Er ließ sich von Behrendt alle Kleidungsstücke geben, die dieser bei dem Mord getragen hatte, und verbrannte sie im Kachelofen seiner Wohnung. Er drängte ihn, Deutschland zu verlassen, und gab ihm rund 1000 DM für ein Flugticket in den Libanon. Am 21. Dezember 1980 reiste Behrendt mit einem schon erhaltenen Visum in die DDR und besuchte zu Weihnachten seine Mutter in Pößneck. Am 26. Dezember kehrte er kurz nach Ermreuth zurück, packte für die Ausreise, fuhr mit der Bahn nach Bonn, holte in der dortigen Botschaft Syriens ein Visum ab, flog dann über Damaskus nach Beirut und gelangte so zurück in das nahegelegene PLO-Ausbildungslager Bir Hassan. Hoffmann, der am Vortag ebenfalls wieder dort eingetroffen war, beförderte Behrendt dann zum „Oberstleutnant“ der WSG-Ausland, der die dortigen Übungen leiten sollte.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 283f.

Im Libanon sollte Behrendt die WSG-Ausland mit harten Disziplinarmaßnahmen zusammenhalten. Er ließ mehrere der damals noch 15 Mitglieder aus verschiedenen Gründen foltern und misshandeln, darunter Kay Uwe Bergmann. Dieser hatte gegen ein Rauchverbot verstoßen und wurde bei großer Hitze zu Gewaltmärschen mit vollem Rucksack und Gasmaske gezwungen. Er musste versalztes Öl trinken und sein Erbrochenes essen. Nachts wurde er in voller Montur an sein Bett gekettet und mit Waterboarding in Todesangst versetzt. Nach einem Fluchtversuch aus einem PLO-Krankenhaus schlug Hoffmann ihn persönlich blutig und ordnete ein Folterverhör an, das Behrendt und Joachim Bojarsky im Februar 1981 durchführten. Nach Aussagen der WSG-Aussteiger Odfried Hepp und Peter Hamburger war Hoffmann dabei anwesend. Danach verschwand Bergmann spurlos. Nach internen Gerüchten in der WSG starb er bei dem Verhör und wurde an unbekanntem Ort im Libanon verscharrt. Hoffmann behauptete später in seinem Strafprozess, er sei vorher abgereist; Behrendt sei schuld an Bergmanns Tod.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 288f.

Nach späteren Angaben der Bundesregierung besaß Behrendt im Mai 1981 einen gefälschten Ausweis. Mehrere WSG-Mitglieder bezeugten nach ihrer Rückkehr aus dem Libanon, Behrendt sei im Frühjahr 1981 erneut nach Europa gereist und habe dort einen weiteren Mord begangen.