Clemens Heni (* 1970 in ReutlingenBlätter für deutsche und internationale Politik, Band 53, Ausgaben 4–6, 2010, S. 48) ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Publizist, Verleger sowie Gründer und Leiter des „Berlin International Center for the Study of Antisemitism“. Seine Schwerpunkte in Forschung und Publikationen sind Antisemitismus nach 1945 und Neue Rechte in Deutschland.
Werdegang Clemens Heni studierte Philosophie, Geschichte, Empirische Kulturwissenschaft und Politikwissenschaft an den Universitäten Tübingen, Bremen sowie an der Freien Universität Berlin (FU). Seine Promotion erfolgte 2006 im Fach Politikwissenschaft an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Die Gutachter seiner Dissertation Ein völkischer Beobachter in der BRD. Die Salonfähigkeit neu-rechter Ideologeme am Beispiel Henning Eichberg waren Anton Pelinka und Andrei S. Markovits.
2008/2009 war Heni als Post-Doktorand („Post-Doctorate Associate“) an der Yale Initiative for the Interdisciplinary Study of Antisemitism (YIISA) (eingesehen am 3. Januar 2012). der Yale University in New Haven im US-Bundesstaat Connecticut angestellt.Cindy Mindell, Former Yale Antisemitism Scholar, One Year Later (Clemens Heni), The Jewish Ledger, 17. November 2010, https://www.campus-watch.org/article/id/10430 (eingesehen am 1. Januar 2012) Das Zentrum wurde 2011 nicht weiter finanziert.
Heni gründete 2011 das „Berlin International Center for the Study of Antisemitism“ (BICSA)Contributors, in: Anti-Judaism, Antisemitism, and Delegitimizing Israel, hrsg. Robert S. Wistrich, University of Nebraska Press 2016, ISBN 978-0-8032-9671-8, S. 304 und 2014 den Verlag „Edition Critic“.http://www.editioncritic.de/
Werk und Rezeption Salonfähigkeit der Neuen Rechten Seine von verschiedenen Stiftungen geförderte Dissertation wurde Anfang 2007 als Buch unter dem Titel Salonfähigkeit der Neuen Rechten. „Nationale Identität“, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970–2005 publiziert.Clemens Heni: Salonfähigkeit der Neuen Rechten. „Nationale Identität“, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970–2005: Henning Eichberg als Exempel, Marburg 2007, S. XV–XVI.; (eingesehen am 31. Dezember 2011) Heni untersucht darin den Einfluss neu-rechter Ideologie auf die politische Kultur in Deutschland seit den 1970er Jahren und stellt ein 10-Punkte-Schema zur Frage „Was heißt Neue Rechte?“ auf: 1) Antiuniversalismus, 2) Nationale Identität, 3) Die Parole „Volk statt Staat“, 4) Ethnopluralismus, 5) Antiamerikanismus, 6) Antisemitismus, 7) Nationaler Sozialismus, 8) Neuheidentum, 9) Die Rehabilitation der „guten Seiten“ des Nationalsozialismus, 10) Konservativ-Revolutionäre.Heni: Salonfähigkeit der Neuen Rechten, S. 23–27. Seine Untersuchung baute Heni methodisch auf die Marxsche Wert- und Ideologiekritik sowie deren postmarxistische Weiterentwicklung in der „Kritischen Theorie“ (S. 27 ff.) auf.
Rezensionen erfolgten unter anderem durch die Landeszentrale für politische Bildung Brandenburg, in den Zeitschriften Neue Politische Literatur 1/2008, Zeitschrift für Politikwissenschaft 4/2007, Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums 4/2008, dem Jahrbuch Extremismus & Demokratie 2008 sowie den Online-Zeitschriften HaGalil und Jüdische Allgemeine. Mathias Brodkorb veröffentlichte 2009 auf Endstation Rechts, Heni bemühe zum Beweis seiner Thesen absurde Beweisführungen, die Ergebnisse seien teilweise „schreiend komisch“. Bei Anlegung seiner eigenen Maßstäbe müsste Heni auch sich selbst als sekundären Antisemiten beurteilen.Mathias Brodkorb: Salonfähigkeit der neuen Rechten? Über den „sekundären Antisemiten“ Clemens Heni und den „völkischen Beobachter“ Henning Eichberg, Endstation Rechts, 13. März 2009 Karl Pfeifer kam zu dem Schluss, Heni beweise, „dass man ein wissenschaftliches Buch so schreiben kann, dass es auch eine spannende Lektüre wird für jeden, der sich mit Politik in Deutschland und Österreich beschäftigt“.Karl Pfeifer: Salonfähigkeit der Neuen Rechten, haGalil, 30. Sept. 2007
Schadenfreude. Islamforschung und Antisemitismus in Deutschland nach 9/11 Im August 2011 publizierte er die Studie „Schadenfreude. Islamforschung und Antisemitismus in Deutschland nach 9/11“. Die Studie wurde in Kooperation mit dem Arabisten und Historiker Wolfgang G. Schwanitz und als Teil eines vom Middle East Forum (MEF) und seinem Präsidenten Daniel Pipes in Philadelphia unterstützten Projektes erarbeitet.Schadenfreude. Islamforschung und Antisemitismus in Deutschland nach 9/11, Berlin 2011, S. 395
Beitrag zum World Almanac of Islamism 2011 publizierte Heni im weltweit ersten Almanach über Islamismus („World Almanac of Islamism“), herausgegeben von der Denkfabrik American Foreign Policy Council (AFP) in Washington D.C., den Eintrag über Islamismus in Deutschland. (eingesehen am 31. Dezember 2011); der Eintrag dieses Almanachs ist online verfügbar sowie in American Foreign Policy Council (Hg.), World Almanac of Islamism, Lanham 2011, S. 437–449
Antisemitism. A Specific Phenomenon Seine Studie „Antisemitism: A Specific Phenomenon“ aus dem Jahr 2013, die sich u. a. mit der Einzigartigkeit des Holocaust beschäftigt, wurde vor allem in den USA positiv aufgenommen.Marcus, Kenneth L., Is Anti-Semitism Unique?: Review of Clemens Heni, Antisemitism: A Specific Phenomenon (Berlin: Edition Critic, 2013). Brandeis Brief, März 2013 (zum Herunterladen)
Eine Alternative zu Deutschland Sein Essayband „Eine Alternative zu Deutschland“ von 2017 wurde von dem Kolumnisten Wolfgang Brosche positiv rezensiert.
Positionen und Kontroversen Die jüdische Wochenzeitung Jewish Ledger aus den USA zitierte Heni in einem biografischen Artikel über ihn im Jahr 2010 mit der Aussage, bei vielen seiner (ehemaligen) Studienkollegen und deutschen Forschern gehe eine Analyse des Nationalsozialismus und des Holocaust häufig einher mit antizionistischen Positionen. Dazu komme vor allem nach dem islamistisch motivierten Massenmord vom 11. September 2001 ein salonfähiger Antiamerikanismus.https://www.campus-watch.org/article/id/10430 Cindy Mindell: Former Yale Antisemitism Scholar, One Year Later, The Jewish Ledger, 17. November 2010, (eingesehen am 1. Januar 2012)
Mit einem Beitrag in der Jerusalem Post am 3. Dezember 2008 war er Mitinitiator einer intensiven Debatte über Islamophobie und Antisemitismus, die sich anlässlich einer kontroversen Konferenz des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) der Technischen Universität Berlin im Dezember 2008 mit dem Titel „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ entwickelte.Antisemitism is not the same as Islamophobia, in: Jerusalem Post, 3. Dezember 2008, https://www.jpost.com/Opinion/Op-EdContributors/Article.aspx?id=122938 (eingesehen am 1. Januar 2012) Scharfe Kritik an Henis Aussagen kam dabei von Micha Brumlik, der Heni und den Mitautoren Henryk M. Broder und Matthias Küntzel vorwarf, durch eine „publizistische Kampagne“ Wolfgang Benz, den Leiter des ZfA, in die Nähe des Antisemitismus zu rücken und sich dabei selbst „ebenso fundamentalistisch“ zu verhalten „wie die radikalen Islamisten“. Der israelische Holocaustforscher Yehuda Bauer nahm Benz und das ZfA gegen die Vorwürfe ebenfalls in Schutz.Micha Brumlik: Vergleichen heißt nicht gleichsetzen , taz, 21. März 2009Yehuda Bauer: Berlin conference didn't lump Islamophobia with anti-Semitism, Jerusalem Post, 4. März 2009 Auch Mathias Brodkorb teilte die Kritik an Henis Einschätzungen und sprach von „Philosemitismus – de[m] wohlmeinenden, aber in umgekehrter Richtung ebenfalls falsch verallgemeinernden Bruder des Antisemitismus“.Mathias Brodkorb: , Blick nach rechts, 6. April 2009
Ein kritischer wissenschaftlicher Artikel von Heni über die Forschungen am ZfA im Oktober 2009 im amerikanischen Journal for the Study of Antisemitism (JSA) (PDF; 754 kB), in: Journal for the Study of Antisemitism, Vol. 1, No. 1 (2009), S. 29–38. führte aufgrund von Rücktrittsdrohungen mehrerer „Board“-Mitglieder, die die Kritik Henis am ZfA nicht teilten, zu seiner vorübergehenden Suspendierung aus dem „Board“, wie die Jerusalem Post berichtete. Andere „Board“-Mitglieder von JSA protestierten gegen Henis Suspendierung und stellten sich öffentlich hinter ihn, darunter die Professoren Paul Lawrence Rose, Robert S. Wistrich, Milton Shain, Alvin H. Rosenfeld, Sander L. Gilman.Jerusalem Post, 7. März 2010, https://www.jpost.com/International/Article.aspx?id=170355 (eingesehen am 1. Januar 2012)
Mit zwei Artikeln auf dem Weblog „Achse des Guten“ vom 15. und vom 27. Januar 2010 über Karl Bosl, den Doktorvater von Wolfgang Benz, wies Heni darauf hin, dass Bosl ein ehemaliger Nationalsozialist war und Benz ihn noch in den 1980er Jahren gewürdigt hatte.Ein Nazi und sein Schüler: Karl Bosl und Wolfgang Benz, 15. Januar 2010, https://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ein_nazi_und_sein_schueler_karl_bosl_und_wolfgang_benz/; Mitgliedsnummer 1884319, 27. Januar 2010, https://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/mitgliedsnummer/ (eingesehen am 2. Januar 2012) Bosl war u. a. Mitglied in der NSDAP und der SA und wurde aufgrund eines Forschungsantrages im Jahr 1938 von der Schutzstaffel (SS) in einem wissenschaftlichen Projekt bezahlt. Noch nach 1945 war Bosl in antisemitischen Kreisen aktiv und hielt 1964 einen Vortrag beim Witikobund, worin er die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten mit dem Holocaust gleichsetzte.Bosl, Karl: Nürnberg – Böhmen – Prag. Vortrag vor dem Witikobund, gehalten am 12. Mai 1964 in Nürnberg im Rahmen des Sudetendeutschen Tages, in: ders., Nürnberg Böhmen Prag, München, S. 5–18, hier S. 6 Die Mittelbayerische Zeitung berichtete im Oktober 2011 über Henis Kritik an Bosls Aktivitäten im Nationalsozialismus.Der Fall Bosl: Dunkle Flecken aus der Nazi-Zeit. Wie geht Cham mit dem Andenken an seinen verstorbenen Ehrenbürger um? Der Stadtrat entscheidet nichtöffentlich, Mittelbayerische Zeitung, 24. Oktober 2011, (eingesehen am 1. Januar 2012) Im November 2011 wurde ein 2008 nach Bosl benannter Platz in der bayerischen Stadt Cham wieder umbenannt und weitere Ehrungen Bosls zurückgenommen.Mittelbayerische Zeitung, 25. November 2011, (eingesehen am 2. Januar 2012)
2013 kritisierte Heni erneut Micha Brumlik, der sich für eine Änderung der israelischen Einwanderungspolitik ausgesprochen hatte, und unterstellte ihm eine „langfristig angelegte Delegitimationskampagne gegen den jüdischen Staat Israel“. Die Redaktion der Zeitschrift konkret charakterisierte Heni daraufhin, aufgrund dessen „böswilliger Interpretation“ von Brumliks Aussagen, als „Bekloppten“.Jens Renner: Linksdeutsche Nahostdebatten, ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 588, 19. November 2013 Jörn Schulz ordnete Henis Kritik in der Jüdischen Allgemeinen einer antideutschen Position zu.Jörn Schulz: Radikal pro Israel. Jüdische Allgemeine, 20. Februar 2014
Im Dezember 2017 führte die Journalistin Katja Thorwarth ein Interview mit Heni, das im Feuilleton der Frankfurter Rundschau (S. 34/35) am 16. Dezember publiziert wurde. Am 18. Dezember 2017 wurde das Interview leicht ergänzt auch online publiziert. Eine Kernthese des Gesprächs lautete, dass das „Sommermärchen von 2006“ (die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer, die in Deutschland stattfand) den Nationalismus befördert und „der AfD“ den „Boden bereitet“ habe.Marc Röhling: Forscher behauptet: Das Sommermärchen 2006 ist schuld am Aufstieg der AfD, Spiegel online, 19. Dezember 2017 Seine Studie „Der Komplex Antisemitismus“ wurde am 3. Dezember 2018 im Radio WDR 5 („Scala“) und am 4. Dezember 2018 auf WDR 3 („Mosaik“) vorgestellt.