mini|Karl Fischer, 1962
Karl Fischer (* 23. September 1918 in Wien; † 17. März 1963 ebendaTaufbuch Wien–Alservorstadtkrankenhaus, Bd. 245, S. 183, RZl. 39 (online auf matricula-online.eu)) war ein österreichischer trotzkistischer Politiker und Widerstandskämpfer gegen den Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus, der fast 13 Jahre in der Haft dieser drei diktatorischen bzw. totalitaristischen Systeme verbrachte.
Leben Jugend und Herkunft mini|hochkant|Karl Fischer im Jahr 1934
Karl Fischer war der Sohn der Seidenwinderin, Textilarbeiterin und Widerstandskämpferin Maria Fischer (1897–1962).Ilse Korotin: . S. 8f. Sie nannte ihren Sohn „Kegel“, eine mittelalterliche Bezeichnung für ein uneheliches Kind, ein Name, den Fischer später als Decknamen im Untergrund verwendete.Christine Kanzler: , am Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien.In Gefangenschaft: Der Spiel-„Kegel“, Informationstext zu: Stefan Karner: Verhaftet und verschleppt. Kleine Zeitung vom 17. Mai 2015, Spezial-Sonntagsbeilage, S. 18f. Er wohnte bei seiner Mutter in einer Wohnung in Wien-Penzing (damals zu Hietzing gehörig), Gusenleithnergasse 11.Gemäß entsprechender Angabe in einem Brief von Maria Fischer an ihre Nichte Maria Johanna Fischer, verfasst am 28. Jänner 1944 in der Untersuchungshaftanstalt Wien II, Wien VIII, Hernalsergürtel 6–12; aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben.
Fischer absolvierte vom 2. Jänner 1933 bis zum 2. Jänner 1936 eine kaufmännische Lehre in der Eisenhandlung „Eltschka und Radl“ in Wien-Landstraße, Esteplatz 3.Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 11. Zeugnis der Firma Eltschka & Radl für Karl Fischer vom 15. Oktober 1936; aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben. 1934 schloss er sich dem Kommunistischen Jugendverband (KJV) in Wien an. Mitte 1935 spaltete er sich mit Georg Scheuer, Josef Hindels, Ernst Federn, Melanie Berger und anderen Gesinnungsgenossen mit einer trotzkistischen Jugendorganisation, den Revolutionären Kommunisten Österreichs (RKÖ), ab, die mit stalinistischen Gruppen konkurrierte und den Grundsätzen der permanenten Revolution folgte. Diese von Leo Trotzki entwickelte Theorie ging davon aus, dass im Zeitalter des Imperialismus selbst der Kampf um demokratische Errungenschaften nur durch den revolutionären Sturz erfolgreich sein könne.Cécile Denis: Continuités et divergences dans la presse clandestine de résistants allemands et autrichiens en France pendant la Seconde Guerre mondiale: KPD, KPÖ, Revolutionäre Kommunisten et trotskystes, These der Dissertation an der Universität Bordeaux Montaigne, Bordeaux 2018, abgerufen am 20. Juni 2020. (französisch) Fischer opponierte nicht nur gegen den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus, sondern auch gegen den stalinistischen Terror in der Sowjetunion.Profil 27 (1996), S. 27.
Gemeinsam mit Josef Hindels, Georg Scheuer, Josef Reinwein, Franz Lederer u. a. bildete er die Redaktion der illegalen Zeitung Bolschewik.Georg Scheuer: Sind wir Trotzkisten?, Seite auf doew.at.Fritz Keller: (englisch).
Widerstand, Verfolgung und Haft Im Austrofaschismus mini|Karl Fischer, Foto der österreichischen Staatspolizei, 6. November 1936
Anfang November 1936 von der österreichischen Staatspolizei in Wien verhaftet, wurde Fischer am 13. August 1937 vom Landesgericht für Strafsachen Wien und am 23. September 1937 vom Obersten Gerichtshof gemeinsam mit Georg Scheuer und weiteren Gesinnungsgenossen im Wiener Trotzkistenprozess aufgrund seiner Mitwirkung an der Herstellung und Verbreitung illegaler politischer Druckschriften wegen Hochverrates zur Strafe des schweren Kerkers in der Dauer von fünf Jahren, verschärft durch einen Fasttag vierteljährlich, verurteilt,Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 27. mit der Februaramnestie 1938 aber vorzeitig aus der Haft in Krems-Stein freigelassen.Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 31. Ilse Reiter-Zatloukal: Die Begnadigungspolitik der Regierung Schuschnigg. Von der Weihnachtsamnestie 1934 bis zur Februaramnestie 1938. In: austriaca.at, Thomas Olechowski (Hrsg.): Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs (BRGÖ) 2/2012, 2. Jahrgang, S. 360, 12. Februar 2013, online veröffentlicht am 20. Dezember 2012, abgerufen am 10. Oktober 2019. (pdf) Bei der von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg für März 1938 angekündigten Volksabstimmung empfahlen die Revolutionären Kommunisten um Karl Fischer ein Nein gegen einen „Anschluss“ an NS-Deutschland und riefen zum Generalstreik auf.
Im Nationalsozialismus mini|hochkant|Entlehnkarte „Häftlingsbücherei K.L. Buchenwald“, Karl Fischer, Häftlingsnummer 76999, Block 42D
Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich emigrierte er im Mai 1938 über die Schweiz nach Frankreich, später nach Belgien, wo er im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war.
In Paris nahm er gemeinsam mit dem ebenfalls emigrierten Georg Scheuer am 3. September 1938 an der Gründung der trotzkistischen Vierten Internationale teil,Ernst Schwager: Die österreichische Emigration in Frankreich 1938–1945. Böhlau, Wien/Köln/Graz 1984, ISBN 3-205-08747-X, S. 51f. die beiden österreichischen Delegierten stimmten allerdings wegen grundlegend anderer Einschätzungen der Weltlage gegen die Proklamation der Internationale. Karl Fischer formulierte dies in seiner Rede an die Delegierten der Gründungskonferenz mit folgenden Worten: „Trotz eurer optimistischen Resolution, an die ihr wahrscheinlich selbst nicht glaubt, sind wir der Meinung, dass die zweite imperialistische Neuaufteilung der Welt mit dem österreichischen Anschluss schon begonnen hat und weitergeht. Der Spanische Bürgerkrieg selbst ist in diesen neuen Weltkrieg bereits eingeschaltet und für die Arbeiter verloren. Man muss es sagen. Unsere Pflicht ist es, die Wahrheit zu sagen. Ihr wollt die Tatsachen nicht sehen, oder ihr seht sie und wollt sie nicht beim Namen nennen ...“.Georg Scheuer: Die Gründung der IV. Internationale. In: die linke, Magazin der Sozialistischen Alternative (SOAL), 173. Ausgabe, Nr. 19, 9. Jahrgang, 16. Dezember 1988, S. 21–25. In Folge trennten sich die Revolutionären Kommunisten Österreichs (RKÖ) auch organisatorisch von der Vierten Internationale und begannen, die Einschätzungen der Internationale und Trotzkis zu kritisieren.Obituary Georg Scheuer, Encyclopedia of Trotskyism On-Line, Seite auf marxists.org (englisch).
In Antwerpen wurde Fischer im Mai 1940 unter dem falschen Vorwurf, „deutscher Spion“ zu sein, verhaftet und in einem zweiwöchigen Bahntransport in Viehwaggons („Le Train phantome“) in das französische Lager Saint-Cyprien (Pyrénées-Orientales) deportiert,Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 49f. aus dem er aber fliehen konnte (sein zweiter Fluchtversuch war erfolgreich).Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 153. Er hielt sich anschließend in Montauban, Grenoble, Marseille, Paris und vor allem in Lyon auf oder unternahm – weiterhin im Widerstand gegen den Nationalsozialismus – geheime Kurierfahrten für die Résistance.Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 57ff. Dabei arbeitete er wiederum eng u. a. mit dem ebenfalls im französischen Widerstand tätigen Georg Scheuer und anderen Gesinnungsgenossen zusammen.Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 157ff. Ein Beispiel ihrer illegalen Tätigkeit war, als Mitglieder der Revolutionären Kommunisten (RK), ausgestattet mit selbst hergestellten, gefälschten Gestapo-Papieren, in einer spektakulären Aktion ihre inhaftierte Genossin Melanie BergerKarin Nusko: , am Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien. aus dem Krankenhaus des Gefängnisses Les Baumettes in Marseille befreiten,Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 70f.Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 172ff. wobei sie das Gefängnis betraten und verließen, ohne dabei erkannt zu werden.Wolfgang Neugebauer: Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär: Ein Überblick. In: Christine Schindler (Red.): Schwerpunkt: Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär. Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes 2009, Hrsg. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, LIT, Wien Berlin Münster 2009, ISBN 978-3-643-50010-6, S. 21. Mithilfe von Geheimtinte und Geheimcodes hielten sie brieflichen Kontakt zu Genossen in sieben Ländern: Frankreich, Belgien, Schweiz, Österreich, USA, Norwegen und England.Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 46.
Fischer, der als Widerstandskämpfer in Frankreich unter dem Decknamen „Emil(e) Berger“ lebte und sich selbst als zweisprachiger Elsässer ausgab, befasste sich u. a. mit der Herstellung von Flugschriften in deutscher Sprache, die er selbst unter deutschen Soldaten in Frankreich verbreitete.Georg Scheuer: Nachruf auf Karl Fischer - Schicksal einer Generation. Zum Tod Karl Fischers. In: Arbeit und Wirtschaft, Gewerkschaftliche Rundschau, 17. Jahrgang, Mai 1963, S. 26.
Er wurde im September 1943 von der französischen Polizei inhaftiertFritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 70. und befand sich seit 15. September 1943 in einem Pariser (Polizei-)Gefängnis, wie er in einem späteren Brief an seine Mutter berichtete.Brief Karl Fischers an seine Mutter Maria Fischer aus dem Konzentrationslager Buchenwald vom 10. September 1944; aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben. Im Frühjahr 1944 wurde er aufgrund einer Denunziation durch einen Mithäftling an die Gestapo ausgeliefert und war ab 16. Juni 1944 im Gefängnis Fresnes (Maison d'arrêt de Fresnes) bei Paris interniert.Karl Fischer, Autobiographie. In: Österreichische Stalin-Opfer. Memorial. Junius-Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Wien 1990, ISBN 3-900370-81-8, S. 97.Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 70ff. Von dort wurde er im August 1944 ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert, in dem er am 20. August 1944 als Häftling registriert wurde. Seine Häftlings-Nummer war 76999.Siehe Bild der Häftlings-Personal-Karte von Karl Fischer (Häftlingsnummer 76999), Konzentrationslager Buchenwald, in der Dokumenten-Galerie.Maria Sterkl: „Eine winzige Wiedergutmachung“, 49 Jahre nach dem Tod. Der Standard vom 3. Jänner 2012.Bernhard Kuschey: Die Ausnahme des Überlebens. Ernst und Hilde Federn. Eine biographische Studie und eine Analyse der Binnenstrukturen des Konzentrationslagers. Psychosozial-Verlag, Gießen 2003, ISBN 3-89806-173-6, S. 1034. Military Government of Germany: Fragebogen für Insassen der Konzentrationslager - Karl Fischer. Buchenwald, 9. Mai 1945, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Nr. 12815.