Als Ingenieurkorps oder Geniekorps bezeichnete man ab dem 18. Jahrhundert bautechnische militärische Verbände. Ursprünglich entwickelten sich Ingenieurkorps im Festungskrieg in den republikanischen Niederlanden. Sie wurden im Königreich Frankreich entscheidend entwickelt und in anderen europäischen frühneuzeitlichen Staaten ausgebaut. Ingenieurkorps waren Vorläufer der modernen Pioniertruppe.

Preußen Der Große Kurfürst richtete als erster ein Ingenieurkorps ein, das für die preußische Landesaufnahme zuständig war.Wolfgang Torge: Geschichte der Geodäsie in Deutschland, Berlin 2007, S. 79. Es handelte sich dabei um Fachleute (Handwerker), die dem Militär ihr Wissen zulieferten. Das Ingenieurkorps war Teil des Generalquartiermeisterstabs. Der Generalquartiermeister muss deshalb als leitender Ingenieur gelten. Als erster Chef der Ingenieure wird der Generalquartiermeister Philip de Chiese genannt. Das preußische Ingenieurkorps wurde jedoch offiziell erst unter Friedrich Wilhelm I. militärisch institutionalisiert.Eduard Lange: Die Soldaten Friedrich’s des Grossen. Leipzig 1853, S. 204 (Digitalisat). Eine erste Rangliste stammt aus dem Jahr 1728.Leopold von Zedlitz-Neukirch: Die Staatskräfte der preussischen Monarchie. Band 3, Berlin 1828, S. 79ff, (Digitalisat). Sie enthält neben bürgerlichen Namen auch Zuwanderer aus Italien, den Niederlanden und französische Glaubensflüchtlinge (Réfugiés).

Um die künftigen Ingenieuroffiziere militärisch-technisch umfassend zu qualifizieren, bestand von 1788 bis 1806 die Ingenieurakademie der preußischen Armee in Potsdam.

In der neupreußischen Armee des 19. Jahrhunderts bildete das Ingenieurkorps diejenigen Organisationen, die dem Chef des Ingenieur- und Pionierkorps und Generalinspekteur der Festungen unterstellt waren: das Ingenieurkomitee, die Inspektion der Militärtelegraphie, die vier Ingenieur- und zwei Pionierinspektionen. Ingenieurinspekteure leiteten den Ingenieurdienst in den Festungen. Ihnen waren die zehn Festungs-Inspektionen und diesen die Fortifikationsbehörden in den Festungen unterstellt, an deren Spitze je ein Ingenieuroffizier mit einer Anzahl Ingenieuroffizieren stand. Die Ingenieuroffiziere bildeten vier Offizierkorps nach ihren Inspektionen. Die Pionieroffiziere gehörten zu ihren Bataillonen und trugen deren Nummer. Ingenieur- und Pionieroffiziere bildeten demnach zwei getrennte Offizierkorps, die sich jedoch ergänzten, da nur die Pionierbataillone Offiziernachwuchs ausbilden konnten, wie bei der Feld- und Fußartillerie. Die außerhalb der Etats dieser Korps, z. B. beim Ingenieurkomitee, verwendeten Offiziere wurden à la suite einer Ingenieurinspektion oder eines Pionierbataillons geführt.

Leitende Ingenieure Philip de Chiese († 1673), Generalmajor, Oberdirektor der Festungen 1673 Joachim Ernst Bläsendorf (1640–1677), Generalquartiermeister 1677 Johann Bernhard Scheitheralternativtext=Denkmal vor dem Bayrischen Armeemuseum (Reduit Tilly) in Ingolstadt|mini|Denkmal vor dem Bayrischen Armeemuseum (Reduit Tilly) in Ingolstadt Johan de Corbin, erbaute die Zitadelle Wesel 1682 Etienne Margace, Generalquartiermeister 1686 Charles du Puy de l’Espinasse, Generalquartiermeister, Chef der Mineure 1689 Pollet, Generalquartiermeister Jean Louis Cayart (1645–1702), Oberst Chevaillier († 1704 bei der Belagerung von Landau) 1706 Johann Friedrich Eosander von Göthe (1669–1728), Generalquartiermeister Stephan du Trossel (1657–1714), Generalmajor, Chef eines Infanterieregiments 1705 Jean de Bodt (1670–1745), Generalmajor 1707 Peter von Montargues (1660–1733), Generalmajor

Chefs des Ingenieurkorps 1728–1916 Das Königlich preußische Ingenieurkorps wurde 1728 gegründet.Johann David Erdmann Preuß: Friedrich der Große – eine Lebensgeschichte (1832–1834). 1. Band, Berlin 1832, S. 203. Der Dienstsitz war in Potsdam. Friedrich II. ließ dem Ingenieurkorps kaum freie Hand. Erst in der Regierungszeit Friedrich Wilhelm II. wuchs die Bedeutung des Chefs des Ingenieurkorps. 1728: Gerhard Cornelius von Walrave (1692–1773), Generalmajor 1748: Philipp Loth von Seers (1695–1767), Generalmajor 1757: Johann Friedrich von Balbi (1700–1779), Ingenieur-Oberst 1779: Ludwig Wilhelm von Regler (1726–1792), Generalmajor und Reformer des preußischen Ingenieurwesens 1792: Madeleine Graf d’Heintze (1729–1810), Generalmajor 1796: Levin von Geusau (1734–1808), Generalleutnant 1808: August Neidhardt von Gneisenau (1760–1831), Generalfeldmarschall und Heeresreformer 1810: Gerhard von Scharnhorst (1755–1813), Generalleutnant und Kopf der Heeresreform 1813: Gustav von Rauch (1774–1841), General der Infanterie und Kriegsminister 1837: Ernst Ludwig von Aster (1778–1855), General der Infanterie 1849: Leopold von Brese-Winiary (1787–1878), General der Infanterie 1860: Wilhelm von Radziwill (1797–1870), General der Infanterie 1866: Ludwig von Wasserschleben (1798–1867), Generalleutnant/General der Infanterie 1867: Georg von Kameke (1817–1893), Generalleutnant 1873: Hans Alexis von Biehler (1818–1886), General der Infanterie 1884: Karl von Brandenstein (1831–1886), General der Infanterie 1886: Gustav von Stiehle (1823–1899), General der Infanterie 1888: Gustav Adolf von Golz (1833–1908), General der Infanterie 1897: Maximilian Vogel von Falckenstein (1839–1917), General der Infanterie 1898: Colmar von der Goltz (1843–1916), General der Infanterie 1902: Julius Wagner (1842–1904), General der Infanterie 1904: Hans von Beseler (1850–1921), General der Infanterie 1911: Bruno Mudra (1851–1931), General der Infanterie 1913: Eberhard von Claer (1856–1945), General der Infanterie

Sachsen Graf Wackerbarth war seit 1702 Chef der sächsischen Ingenieuroffiziere und löste diese 1712 aus dem Artilleriecorps heraus und formierte somit das erste eigenständige Ingenieurcorps in Deutschland. Die Befehlshaber des Ingenieurcorps standen bis 1745 zugleich an der Spitze des zivilen Oberbauamtes. Ingenieuroffiziere wirkten in Friedenszeiten im Wasserbau einschließlich Melioration, im Wege- und Brückenbau, in der Geodäsie und Kartographie. Ebenso waren sie bei der Landesvermessung und in vielen Bereichen der Infrastruktur- und Regionalentwicklung beteiligt. Im Dezember 1743 nahm die Ingenieurakademie zu Dresden in der Neustädter Kaserne den Lehrbetrieb auf – mit den Fächern Mathematik, Festungsbau, Geodäsie, Geographie, Zivilbau, Mechanik und Maschinenkunde.

Bekannte Ingenieuroffiziere anderer Staaten Henri-Gratien Bertrand (1773–1844), französischer Divisionsgeneral und Vertrauter Napoleons auf St. Helena John Fox Burgoyne (1782–1871), britischer Feldmarschall und Kommandant des Towers Johann Gabriel von Chasteler (1763–1825), österreichischer Feldmarschallleutnant Alfred Freiherr von Henikstein (1810–1882), österreichischer Feldmarschallleutnant und der ranghöchste Offizier mit jüdischen Wurzeln in der österreichischen Geschichte Hermenegild von Francesconi (1795–1862), späterer österreichischer Eisenbahningenieur Joachim Daniel von Jauch (1688–1754), Kurfürstlich-Sächsischer Generalmajor, Königlich-Polnischer Oberst, Direktor des sächsischen Bauamtes in Warschau, Barockarchitekt und Baumeister Augusts des Starken Horatio Herbert Kitchener (1850–1916), britischer Feldmarschall und Politiker Jan Paweł Lelewel (1796–1847), Oberstleutnant, polnischer Freiheitskämpfer, Baumeister der Festung Zamość, als Emigrant Architekt und Chefingenieur der Berner Direktion für den Brücken- und Straßenbau Johann Christoph von Naumann (1664–1742), Kurfürstlich-Sächsischer Oberst, Generalinspekteur der sächsischen Landesfestungen, Begründer der modernen Baupolizei in Sachsen, Barockarchitekt, Erbauer von Schloss Hubertusburg bei Oschatz Adolphe Niel (1802–1869), Marschall von Frankreich, französischer Kriegsminister Nikolai Nikolajewitsch Romanow (1831–1891), russischer Ingenieurgeneral, Oberkommandeur sämtlicher Garden und des Petersburger Militärbezirks sowie Präsident des obersten Komitees für Organisation und Ausbildung der Truppen Gustav Schleicher (1823–1879), deutsch-amerikanischer Ingenieur, Unternehmer, Rechtsanwalt und Politiker, Captain im Ingenieurkorps der Konföderierten Armee Felix von Stregen (1782–1854), österreichischer Feldmarschallleutnant, leitete im Auftrag Erzherzog Johanns die erste Trassierung der Semmeringbahn Johann Gottfried Tulla (1770–1828), badischer Ingenieur und Offizier, der die Rheinbegradigung initiierte Simon François Gay de Vernon (1760–1822), französischer Pionier-Offizier, Baron d’Empire, Professor für Festungsbau an der École Polytechnique

Siehe auch Genietruppen United States Army Corps of Engineers (USACE; führt Leistungen aus dem Bereich des Bauingenieurwesens aus)

Literatur Band IV, S. 37f. Lars U. Scholl: Ingenieure in der Frühindustrialisierung. 1978. Thomas Wollschläger: Die Military Revolution und der deutsche Territorialstaat. Determinanten der Staatskonsolidierung im europäischen Kontext 1670–1740. Norderstedt 2002-4. Leopold von Zedlitz-Neukirch: Der preussische Staat in allen seinen Beziehungen. Band 2, S. 77. Julius Mebes: Beiträge zur Geschichte des Brandenburgisch-Preussischen Staate, Band 1, S. 678ff

Einzelnachweise

Kategorie:Truppengattung (historisch) Kategorie:Organisation (Militärtechnik) Kategorie:Pionierwesen (Militär)