mini|200px|Grundriss des Pyramidenbezirks Die Amenemhet-I.-Pyramide (altägyptisch Chau-isut-Imen-em-hat) ist das Grabmal des altägyptischen Königs Amenemhet I., dem Begründer der 12. Dynastie im Mittleren Reich. Mit ihrem Bau wurde im ersten Regierungsjahr Amenemhets I. (circa 1939/38 v. Chr.)Jahreszahlen nach Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Albatros, Düsseldorf 2002, ISBN 3-491-96053-3, S. 52. begonnen. Als Standort wählte er el-Lischt und gründete damit eine neue königliche Nekropole in unmittelbarer Nähe zur neuen Hauptstadt Itj-taui („Der die beiden Länder ergreift“) auf halbem Weg zwischen Dahschur und Meidum. Hauptgrund für die Verlegung der Hauptstadt von Theben an die Nahtstelle der beiden Länder Ober- und Unterägypten war sicher die Kontrolle über die bis dahin bestehenden starken Gaufürstentümer. Mit einer Seitenlänge von 84 Metern und einer Neigung von 54° 27' besaß die Pyramide eine Höhe von 59 Metern.

Forschungsgeschichte mini|Ansicht der Pyramiden von el-Lischt (oben) und Schnitt durch die Sesostris-I.-Pyramide (unten) nach Perring

Eine erste Dokumentation der Pyramide führte 1839 John Shae Perring durch. Die Publikation erfolgte 1842 durch ihn selbst und durch Richard William Howard Vyse.John Shae Perring, E. J. Andrews: The Pyramids of Gizeh. From Actual Survey and Admeasurement. Band 3, Fraser, London 1843, S. 19, Taf. 17 (Online).John Shae Perring, Richard William Howard Vyse: Operations carried on at the Pyramids of Gizeh in 1837: With an Account of a Voyage into Upper Egypt, and Appendix. Band 3, Fraser, London 1842, S. 77–78 (Online). Carl Richard Lepsius besuchte el-Lischt während seiner Ägypten-Expedition 1842–1846 und dokumentierte zwischen März und Mai 1843 die dortigen Ruinen. Die Amenemhet-I.-Pyramide nahm er unter der Nummer LX in seine Pyramiden-Liste auf.Eduard Naville, Ludwig Borchardt (Hrsg.), Kurt Sethe: Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien. Text. Erster Band. Unteraegypten und Memphis. Hinrichs, Leipzig 1897, S. 212–215 (Online).

mini|Die Amenemhet-I.-Pyramide mit Mastaba-Friedhof (links) und Grabungsquartier (Vordergrund) während der Grabungskampagne 1906/07, Blick von Südwesten

Gaston Maspero stieß 1882 als Erster ins Innere der Pyramide vor.Gaston Maspero: Étude de mythologie et d'archéologie égyptiennes. Band 1, Paris 1893, S. 148–149 (Online). Erste systematische Ausgrabungen fanden 1894/95 unter Joseph-Étienne Gautier und Gustave Jéquier statt.Joseph-Étiennte Gautier, Gustave Jequier: Fouilles de Lisht. In: Revue archéologique. Serie 3, Band 29, 1896, S. 39–70 (Online). Zwischen 1906 und 1934 grub ein Forschungsteam des Metropolitan Museum of Art in 14 Kampagnen in Lischt. Fünf davon, unter Leitung von Albert M. Lythgoe (1906–1914) und Arthur C. Mace (1920–1922) galten der Amenemhet-I.-Pyramide, wobei damals außer Vorberichten keine Publikationen erschienen. Die für 1922/23 geplante Kampagne wurde kurzfristig abgesagt, da Mace und ein Großteil des restlichen Grabungsteams durch Lord Carnarvon angeworben wurden, um Howard Carter bei der Freilegung und Dokumentation des kurz zuvor entdeckten Grabes KV62 von Tutanchamun im Tal der Könige bei Luxor zu unterstützen. Da sich Maces Gesundheitszustand in den folgenden Jahren deutlich verschlechterte, wurden die Grabungen an der Amenemhet-I.-Pyramide vorerst nicht wieder aufgenommen. Erst 1991 erfolgte eine Nachgrabung unter der Leitung von Dieter Arnold. Eine Gesamtpublikation der Grabungen des Metropolitan Museums erschien 2016 in Form eines Bandes von Dieter Arnold zur Architektur des PyramidenkomplexesDieter Arnold: The Pyramid Complex of Amenemhat I at Lisht. The Architecture. New York 2016. und eines weiteren Bandes von Peter Jánosi zu den Reliefs.Peter Jánosi: The Pyramid Complex of Amenemhat I at Lisht. The Reliefs. New York 2016.

Name Eine Besonderheit der Pyramiden der 12. Dynastie ist die Verwendung unterschiedlicher Namen für verschiedene Teile des Pyramidenkomplexes. Während die Anlagen des Alten Reiches lediglich einen Namen für den gesamten königlichen Grabkomplex besaßen, hatten die Anlagen der 12. Dynastie bis zu vier Namen, welche die eigentliche Pyramide, den Totentempel, die Kultanlagen des Bezirks sowie die Pyramidenstadt bezeichneten. Für die Amenemhet-I.-Pyramide sind zwei Namen sicher überliefert: Die eigentliche Pyramide trug den Namen Chau-isut-Imen-em-hat („Erschienen sind die Stätten des Amenemhet“), die Kultanlage hieß Qa-nefer-Imen-em-hat („Hoch an Vollendung ist Amenemhet“). Die Zuweisung des Namens Ach-iset-ib-Imen-em-hat („Verklärt ist die Herzenstelle des Amenemhet“) an den Totentempel ist unsicher. Die Pyramidenstadt war möglicherweise mit der Residenz identisch und trug daher vielleicht die beiden Namensvarianten Imen-em-hat-jtj-taui („Amenemhet ergreift die Beiden Länder“) und Sehetep-ib-Re-jtj-taui („Sehetepibre [Thronname Amenemhets I.] ergreift die Beiden Länder“) überliefert.Hartwig Altenmüller: Die Pyramidennamen der frühen 12. Dynastie. Budapest 1992, S. 33, 35–36, 41.

Baudetails Im Gegensatz zur Pyramide seines Sohnes Sesostris I. sind von der Amenemhet-I.-Pyramide deutlich weniger Kontrollmarken der altägyptischen Handwerker erhalten. Nur drei von ihnen tragen Datumsangaben und nur bei einer von ihnen ist die Jahreszahl erhalten. Sie stammt aus dem ersten Regierungsjahr Amenemhets I., womit zumindest belegt ist, dass der König unmittelbar nach der Thronbesteigung mit dem Bau seiner Pyramidenanlage begann.Felix Arnold: The Control Notes and Team Marks. New York 1990, S. 61–62.

Die Pyramide Der Oberbau mini|Aufbau der Pyramide nach Lepsius

Amenemhet I. knüpfte mit seiner Pyramide wieder an die Form der Bauwerke des späten Alten Reiches an, griff aber auch die Grabarchitektur der 11. Dynastie mit auf, indem er sie auf einer zweistufigen Terrasse errichtete. Die Pyramide hat eine Seitenlänge von 160 EllenRainer Stadelmann: Die ägyptischen Pyramiden. 1991, S. 233. (84 m) und einen Böschungswinkel von 54° 27′.Miroslav Verner: Die Pyramiden. Reinbek bei Hamburg 1999, S. 509. Ihre ursprüngliche Höhe betrug somit etwa 59 m, durch massiven Steinraub beträgt ihre heutige Höhe nur noch zwischen 20Miroslav Verner: Die Pyramiden. Reinbek bei Hamburg 1999, S. 435. und 25 m.Peter Jánosi: Der Pyramidenkomplex Amenemhets I. in Lischt-Nord. 2007, S. 51–59; hier S. 57, Anmerkung 10. Der innere Aufbau der Pyramide ist bislang nur unzureichend erforscht. Nach Lepsius dürfte sie einen fünfstufigen Kern besessen haben, um den Mäntel gelegt waren. Als Baumaterial für den Kern kamen ausschließlich lokaler Kalkstein sowie Sand und Schutt zur Verfüllung der Hohlräume zum Einsatz. Die ursprünglich von Lepsius geäußerte und vielfach übernommene Annahme, dass auch Ziegel verwendet wurdenDenkmäler aus Aegypten und Aethiopien. Text. Erster Band. Unteraegypten und Memphis. Hrsg. von Eduard Naville und Ludwig Borchardt, bearbeitet von Kurt Sethe. Hinrichs, Leipzig 1897, S. 212–215 (Online); Rainer Stadelmann: Die ägyptischen Pyramiden. 1991, S. 234; Mark Lehner: Geheimnis der Pyramiden. Düsseldorf 1997, S. 168 / Miroslav Verner: Die Pyramiden. Reinbek bei Hamburg 1999, S. 435., basiert auf einer Fehlinterpretation der Befunde. Tatsächlich stammen diese von später auf den Trümmern der Pyramide errichteten Gebäuden. Für die Verkleidung wurde qualitätvoller Tura-Kalkstein verwendet.Peter Jánosi: Der Pyramidenkomplex Amenemhets I. in Lischt-Nord. 2007, S. 57, Anmerkung 8.

Im Schutt der Pyramide wurden auch zahlreiche Reliefs des Alten Reichs gefunden. Diese hatte Amenemhet I. aus den Pyramidenbezirken oder von anderen Bauwerken von Cheops, Chephren (4. Dynastie), Userkaf, Unas (5. Dynastie) und Pepi II. (6. Dynastie) herbeischaffen lassen, was durch entsprechende Namensnennungen belegt ist. Die genauen Gründe hierfür sind unklar, unter anderem deshalb, weil die meisten Blöcke nicht mehr in ihrem ursprünglichen Kontext vorgefunden wurden. Weitere Blöcke des Alten Reichs wurden in den Fundamenten des Totentempels entdeckt (siehe unten).Peter Jánosi: Der Pyramidenkomplex Amenemhets I. in Lischt-Nord. 2007, S. 54–55.

Gründungsdepots Möglicherweise wurden unter allen vier Ecken der Pyramide Gründungsdepots angelegt. Bei der besser dokumentierten Sesostris-I.-Pyramide wurden unter drei Ecken entsprechende Depots gefunden.Dieter Arnold: The Pyramid of Senwosret I (= Publications of the Metropolitan Museum of Art Egyptian Expedition. Band 22). Metropolitan Museum of Art, New York 1988, ISBN 0-87099-506-5, S. 87–90 (Online). Bei der Amenemhet-I.-Pyramide wurde hingegen nur die Südwestecke während der Grabungssaison 1920/21 des Metropolitan Museums freigelegt. Dabei wurde eine Grube entdeckt, die mit einer Kalksteinplatte abgedeckt und mit weißem Sand verfüllt war. Sie hatte an der Oberfläche einen rechteckigen und am Boden einen ovalen Querschnitt. Nach Entfernung der Verfüllung traten die Gründungsbeigaben zutage. Bei ihnen handelte es sich um einen Rinderschädel, sechs Tonziegel und stark zerscherbte Keramikgefäße, die aber noch zu Tellern und Vasen rekonstruiert werden konnten. Da die Tonziegel zerbrochen waren, wurde entdeckt, dass in ihnen kleine Tafeln eingeschlossen waren, welche den Namen Amenemhets I. und den seiner Pyramide trugen. Zwei der Tafeln waren aus Kupfer, zwei aus Fayence und eine aus Kalkstein. Die sechste Tafel – wohl ebenfalls aus Kalkstein – fehlte. Der Grabungsleiter Arthur C. Mace vermutete, dass sie während der Freilegung von einem der Arbeiter gestohlen wurde.Arthur C. Mace: The Egyptian Expedition: 1920-1921: I. Excavations at Lisht. 1921, S. 16–17.

Nordkapelle und Eingangsbereich mini|Der Eingangsbereich in seinem heutigen Zustand (2003) mini|Der Eingangsbereich mit verworfener Scheintür während der Grabungskampagne 1907/08

Wie bei den Anlagen des Alten Reichs liegt der Eingang zur Pyramide zentral auf der Nordseite in Bodenhöhe. Über dem Eingang befand sich eine Nordkapelle. Von dieser haben sich keine Spuren erhalten. Zwei bemerkenswerte Funde am Eingangsbereich stellen eine große Scheintür aus Rosengranit und ein Granit-Pflaster dar, die beide als Spolien verbaut worden waren. Die Scheintür, die sich heute im Ägyptischen Museum in Kairo befindet (Inv.-Nr. JE 40485), ist zu etwa zwei Dritteln erhalten. Sie hat eine Höhe von 3,86 m, eine Breite von 2,20 m und eine Tiefe von 0,83 m. Ihre ursprüngliche Breite dürfte etwa 3,30 m betragen haben. Sie ist damit die größte bekannte Scheintür aus allen ägyptischen Pyramidenkomplexen. Obwohl die Inschriften ausgemeißelt wurden, lassen sich noch Spuren von Namensnennungen Amenemhets I. ausmachen. Vermutlich stand sie ursprünglich im Totentempel und wurde dann aus unbekannten Gründen (vielleicht weil sie zerbrach) durch eine kleinere Steintür aus Kalkstein ersetzt und als Deckenblock des absteigenden Gangs wiederverwendet.Peter Jánosi: Der Pyramidenkomplex Amenemhets I. in Lischt-Nord. 2007, S. 52–53.Arthur C. Mace: The Egyptian Expedition: III. The Pyramid of Amenemhat. 1908, S. 187.

Die zweite Spolie ist ein Pflaster aus Granit, das als Bodenplatte am Eingang der Pyramide verwendet wurde. Es hat eine Breite von 3,05 m, eine erhaltene Tiefe von 2,10 m und eine Dicke von 0,85 m. Das Gewicht des Steins beträgt etwa 15 t. Die ursprüngliche Oberseite liegt nun unten. Dieter Arnold konnte nachweisen, dass es sich ursprünglich um einen Schwellenstein von einer Nordkapelle des Alten Reichs handelte, der zwischen ihrem Eingang und dem im Boden befindlichen Zugang zum Kammersystem verlegt war. Ein im Hof ansetzender Eingang mit darüber gebauter Kapelle ist ein architektonisches Merkmal, das nur auf die Pyramidenanlagen der späten 5. Dynastie (ab Djedkare) und der 6. Dynastie zutrifft. Eine Zuweisung zu einer bestimmten Pyramide war aber bislang nicht möglich.Dieter Arnold: Eine verlorene Pyramide? Hamburg 2003, S. 7–10.

Das Kammersystem