Ariane Garlichs (* 3. März 1936 in Oldenburg) ist eine deutsche Reformpädagogin und emeritierte Professorin der Universität Kassel.

Leben Helene Ariane Garlichs wurde am 3. März 1936 in Oldenburg geboren.Astrid Kaiser 2000: Ariane Garlichs, In: Pädagoginnen gestern und heute (22. Teil). Grundschule 6/2000, S. 54–56Hanna Kiper 1997: Frauen in der grundschulpädagogischen Literatur nach 1969. In: Grundschule, 10/1997, S. 31–34Ariane Garlichs im Gespräch mit Wolfgang Schulz. In: Kaufmann, Hans Bernhard u. a. (Hrsg.): Kontinuität und Traditionsbrüche in der Pädagogik. Ein Gespräch zwischen den Generationen. Weinheim, Basel, S. 211–250Helma Behme 1986: Begegnung mit Ariane Garlichs – Die inneren Kräfte stärken. S. 201–206 in: Astrid Kaiser und Monika Oubaid (Hrsg.): Deutsche Pädagoginnen der Gegenwart. Köln, 2. Aufl. 1998 epaper Sie hat drei Brüder, darunter Dietrich Garlichs. 1947 kam sie auf die Cäcilienschule Oldenburg (damals Mädchen-Gymnasium) und machte dort 1956 das Abitur.

Garlichs schrieb sich zunächst an der Pädagogischen Hochschule ihres Heimatortes ein, wo sie die Volksschullehrerausbildung machte und unter Martin Rang und Erwin Schwartz die Fächer Pädagogik und Schulpädagogik belegte. Im Jahr 1959 wechselte sie für 3 Semester an die damalige Pädagogische Hochschule Göttingen. 1961 trat sie in Settmarshausen ihre erste Stelle als Lehrerin in der 2-klassigen Dorfschule an und übernahm die Jahrgänge 1–4 der Unterstufe. 1966 wechselte sie auf eine Assistentinnenstelle an der Pädagogischen Hochschule Oldenburg und 1969 zu Professor Flechsig an die neu gegründete Universität Konstanz. Dort promovierte sie 1972 an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät mit einer Arbeit zur Curriculumforschung unter dem Titel Präferenzen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen für Lernziele der Elementarerziehung.

1972 übernahm Garlichs in Kassel eine Professur für Erziehungswissenschaften (mit dem Schwerpunkt Primarstufe) an der zwei Jahre zuvor gegründeten Gesamthochschule Kassel (heute: Universität Kassel), die im Wintersemester 1971/72 ihren Lehrbetrieb aufnahm. Dort wirkte sie bis zur Emeritierung 1999.Garlichs, Ariane. In: Norbert Beleke (Hrsg.): Wer ist wer? Das Deutsche Who’s Who. Ausgabe 42. Schmidt-Römhild, Lübeck 2003, ISBN 3-7950-2036-0, S. 409.

Schwerpunkte ihrer Grundschulpädagogik

Subjekt-Orientierung Garlichs schilderte einmalAriane Garlichs o. J.: Die Mausefalle (oder die Angst der Lehrerin vor der Bewegung) , was sie selbst rückblickend als ihr berufliches Schlüsselerlebnis ansah: 1957 während ihrer ersten Unterrichtsstunde fragte sie die Schulkinder, ob sie die von ihr mitgebrachte Mausefalle sehen wollten. Daraufhin stürmten die Kinder zum Lehrer-Tisch. Die anwesende Vertreterin der Schulleitung rügte Garlichs, da sie unzureichend Kontrolle über die Schüler ausgeübt habe, und auch sie selbst war darüber erschrocken. Während ihrer nächsten Unterrichtsstunden habe sie sich daher vermehrt darum bemüht, „alles zu kontrollieren“. Ja sogar

Seitdem betonte Garlichs, dass gerade im Grundschul-Unterricht die biografischen Erfahrungen, der aktuelle Lebenskontext und die Gefühle der Schulkinder zu berücksichtigen seien.Ariane Garlichs (Hrsg.) 1983: CIEL, Teil 2, "Fallstudie zu einem Förderungsprogramm der Stiftung Volkswagenwerk zur Elementarerziehung", in: Schriftenreihe der Stiftung Volkswagenwerk, Bd. 22, 406 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. ISBN 3-525-85364-5Ariane Garlichs (Hrsg.) 1982: Unterrichtet wird auch morgen noch : Lehrerberuf u. Unterrichtsinhalte. 384 S., Monographien Pädagogik Bd. 30, Königstein/Ts., Scriptor. ISBN 3-589-20799-X Das gesamte grundschulpädagogische Denken und Handeln habe sich am Kind als Persönlichkeit zu orientieren. Ziel des Grundschul-Unterrichts sei es, dass die Kinder sich zu selbstbestimmten (autonomen) Wesen entfalten. Die Kinder seien nicht als Objekte der Lehrbemühungen anzusehen, sondern als Subjekte zu stärken. Jedes Kind solle, so weit es ihm möglich ist, Verantwortung für sein eigenes Lernen übernehmen.Norbert Groddeck, Ariane Garlichs 1978: Erfahrungsoffener Unterricht: Beispiele zur Überwindung der lebensfremden Lernschule. Freiburg im Breisgau. Herderbücherei Bd. 9061. ISBN 3-451-09061-9Ariane Garlichs 1996: Alltag im offenen Unterricht. Das Beispiel Lohfelden-Vollmarshausen. Frankfurt a. M.: Arbeitskreis Grundschule, 149 S., Aufl. 1996. Taschenbuch ISBN 3-930024-24-1Ariane Garlichs u. a. 1994: Didaktik offener Curricula. Acht Vorträge vor Lehrern. Beltz-Bibliothek Bd. 47, 2. Aufl. Beltz. 112 S. ISBN 3-407-50047-5Gabriele Faust-Siehl, Ariane Garlichs, Jörg Ramseger 1996: Die Zukunft beginnt in der Grundschule. 285 S. Rowohlt Tb. ISBN 3-499-60156-7Ariane Garlichs in: Christel Manske (Hrsg.): Jenseits von PISA : Lernen als Entdeckungsreise. Hamburg 2008, 269 S. ISBN 978-3-00-025061-3

Lernwerkstatt Daraus, dass die Schulkinder als entwicklungsfähige Subjekte anzuerkennen sind, ergab sich für Garlichs unmittelbar die Forderung, dass Unterricht als methodisch weitgehend offene Lernwerkstatt zu gestalten sei, in dessen Zentrum nicht die Erfüllung von Lernkatalogen stehen dürfe, sondern praktisches und eigenaktives Lernen der Kinder durch eigene Erfahrungen. Die Schule müsse als individueller „Weg der Kinder“ begriffen werden. Sie müsse konsequent so organisiert sein, dass dieses Ziel auch erreicht werden kann – nicht also das Kind müsse sich der Organisation der Schule anpassen. „Lernformen und Unterrichtsmethoden transportieren Botschaften“, anders ausgedrückt: Es gibt im Unterricht zusätzlich zum Lehrplan stets ein „inoffizielles Thema“. Zur Umsetzung dieses Ziels scheute Garlichs den bewussten Konflikt mit überkommenen Traditionen nicht:

1978 richtete Garlichs für den Bereich der Grundschul-Pädagogik die „Kasseler Lernwerkstatt“ ein. Das Konzept fand bald an der dortigen Universität Nachfolger in anderen Fachbereichen. Mit grundsätzlich unveränderten Zielen und Methoden leben sie dort heute als „Integrierte Studienwerkstätten“ fortUniv. Kassel: Integrierte Studienwerkstätten abgerufen am 3. Januar 2012, und das Konzept der Lernwerkstatt hat sich schließlich auch an anderen Hochschulen durchgesetzt.

Schülerhilfe-Projekt Dieses von Garlichs initiierte Ausbildungsprojekt ist nicht identisch mit der gleichnamigen Nachhilfe gegen Bezahlung.

Schon in ihrer Staatsexamensarbeit hatte Garlichs sich damit befasst, wie die Grundschule den besonderen Anforderungen leistungsschwacher Schüler gerecht werden kann. Später nahm sie dieses Thema wieder auf, so in ihrer Publikation „Über die Konzentrationsfähigkeit bei vierzehnjährigen Stadt- und Landkindern“. 1993 wurde schließlich mit ihrer Initiative das Kasseler Schülerhilfe-Projekt ins Leben gerufen.Ariane Garlichs u. a. 2000: Schüler verstehen lernen : das Kasseler Schülerhilfeprojekt im Rahmen einer reformorientierten Lehrerausbildung. Donauwörth, Auer, 200 S. ISBN 3-403-03402-X Darin werden unter Mitwirkung von Pädagogischen Mitarbeitern der Uni und Grundschullehrern zuwendungs- und förderbedürftige Kinder ganzheitlich betreut, indem jeweils eine Studentin oder ein Student sich verbindlich über ein ganzes Jahr 1× wöchentlich mit dem Kind zu gemeinsamen Aktionen verabredet. Begleitend gibt es für die Student/inn/en in Kleingruppen Praxisberatung und dreimal im Semester Forumsveranstaltungen zu Schwerpunktthemen mit auswärtigen Referenten. Der Entwicklungsprozess der Dyade Kind/Student wird psychologisch, pädagogisch und sozialwissenschaftlich reflektiert und optimiert.Frederike Heinzel, Ariane Garlichs, Susanne Pietsch 2007: Lernbegleitung und Patenschaften: Reflexive Fallarbeit in der universitären Lehrerausbildung. Verlag Klinkhardt, broschiert, 235 S. ISBN 3-7815-1569-9 Organisatorisch verzahnt das Projekt also praktischen Unterricht, Pädagogik-Studium, Studienreform und Forschung. Das Ziel ist praktische Hilfe für förderbedürftige Kinder insbesondere im Sinne einer Entfaltung und Stärkung ihrer Persönlichkeit, eine vertiefte Selbsterkenntnis der Pädagogen, eine Verbesserung ihrer Ausbildung und eine Erweiterung der wissenschaftlichen Erkenntnisse durch einen Dialog von Theorie und Praxis. Inzwischen hat diese Vorgehensweise in Kassel den Namen „Projekt K“ erhalten und wird von der dortigen Universität wie folgt beschrieben:Univ. Kassel: Schülerhilfe Projekte abgerufen am 3. Januar 2012Univ. Kassel: Schülerhilfe Flyer (PDF) abgerufen am 3. Januar 2012

Auch dieses Projekt wurde schnell über die Grenzen Hessens hinaus bekannt und Vorbild für ähnliche Einrichtungen an anderen Orten.

Kasseler Familienberatungszentrum e. V. Bereits 1949 war auf Initiative der US-amerikanischen Besatzungsbehörden die „Nordhessische Vereinigung für Erziehungshilfe“ ins Leben gerufen worden. Damals sollte sie Kriegerwitwen oder Frauen, deren Männer im Krieg vermisst wurden oder in Gefangenschaft geraten waren und die oft in wirtschaftliche Not und sehr beengten Wohnverhältnissen lebten, Hilfen bei der Erziehung bieten. Mit zunehmender wirtschaftlicher Erholung wurden die Ziele des nunmehr Kasseler Familienberatungszentrums (kafa) genannten gemeinnützigen Vereins an die veränderten Bedürfnisse angepasst und auf mehrere Standorte ausgeweitet. 1999 stellte Garlichs die Zusammenarbeit mit der Universität Kassel her. Unter dem Motto „Wir machen Familien stark“ bietet das kafa inzwischen kostenlos im Sinne einer „frühen Prävention“ Beratung bei Schulschwierigkeiten, Ängsten oder bei familiären Konfliktsituationen, Begleitung und Beobachtung in Schulen, Besuche in den Familien („Erziehungsberatung mobil“), für Neugeborene ein „Begrüßungspaket“ und langfristige Frühförderung entwicklungsverzögerter, von Behinderung bedrohter sowie behinderter Kinder.Kasseler Familienberatungszentrum (kafa) abgerufen am 3. Januar 2012

Psychoanalyse Schon während ihrer ersten Lehrtätigkeit begegnete sie mit Peter Brückner einem Psychologen, der selbst sozialpädagogisch tätig war und seine non-konformen politischen Überzeugungen auch psychoanalytisch ableitete. Eingehend setzte Garlichs sich zudem in diesen Jahren mit Alexander Mitscherlichs Werk „Auf dem Weg zur Vaterlosen Gesellschaft“ (1963) auseinander. Schließlich ließ sie sich nach ihrer eigenen Analyse Ende der 1970er Jahre am Institut der Münchner Arbeitsgruppe für Psychoanalyse (MAP) selbst zur Leiterin psychoanalytischer Gruppen ausbilden. Die Psychoanalyse blieb eine der Grundlagen ihrer Vorgehensweise.Ariane Garlichs, Ariane 1984: Psychoanalytisch orientierte Fallbesprechungen mit Lehrern. Erfahrungen aus der Balintgruppe. In: Die deutsche Schule, 76 (1984) 6, S. 459–469 Mit Marianne Leuzinger-Bohleber, seit 1988 ebenfalls an der Universität Kassel tätig, begann sie einen engen wissenschaftlichen und menschlichen Austausch. Zusammen veröffentlichten sie zahlreiche Studien mit psychoanalytischen Erklärungen der Autonomie-Entwicklung des Kindes. Demnach spielen der Einfluss von Trennungen im frühen Kindesalter, entwicklungsspezifische Konflikte während der sogenannten „Trotzphase“ und das besondere Konzept der ödipalen Rivalität in der Pubertät eine Rolle. Einige ihrer Fallschilderungen mit psychoanalytischer Deutung gelten inzwischen als beispielgebend für das pädagogische Studium.Univ. Kassel: Beispiele psychoanalytischer Fallschilderungen der Pädagogik abgerufen am 3. Januar 2012 Dabei war die existenzielle und seelische Situation der Grundschullehrer Thema der psychoanalytisch orientierten Darstellungen beider Autorinnen.Marianne Leuzinger-Bohleber, Ariane Garlichs 1993: Früherziehung West-Ost : Zukunftserwartungen, Autonomieentwicklung und Beziehungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Mit einem Vorw. von Horst Eberhard Richter. Weinheim, München, Juventa-Verl. 240 S. ISBN 3-7799-0853-0

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