Gustav Garbe (* 29. März 1865 in Altona; † 18. Januar 1935 in Kiel) war ein deutscher Gewerkschaftsführer und ein Politiker der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Er spielte eine wichtige Rolle beim Kieler Matrosenaufstand, bei den Februar-Unruhen 1919 und beim Kapp-Putsch in Kiel. Er war von Januar bis Februar 1919 sowie im März 1920 Gouverneur von Kiel. miniatur|Gustav Garbes Foto im Kieler Gewerkschaftshaus, aufgenommen vermutlich in den 1920er Jahren.

Altona, Hamburg, Kassel Gustav Garbe wurde in Altona bei Hamburg geboren. Er wurde evangelisch-lutherisch getauft. Sein Vater war vermutlich Wilhelm Paulsen. Sein Adoptiv-Vater war der Tischler Wilhelm Friedrich Garbe. Seine Mutter war Dorothea Magdalena Sophie Sievers aus Fliegenberg.Jochen Lengemann: Bürgerrepräsentation und Stadtregierung in Kassel 1835-2006 . Marburg 2009, S. 160–178.Angaben des Kieler Stadtarchivs.

Er machte eine Ausbildung zum Schlosser und lebte zunächst in Hamburg, wo er 1884 in die SPD eintrat. Im August 1890 zog er nach Kassel und wurde ein Jahr später Mitglied des Deutschen Metallarbeiter-Verbands.

Von 1892 bis 1904 war er sowohl Vorsitzender des Gewerkschaftskartells in Kassel als auch Vorsitzender und Vertrauensmann für die SPD in Kassel. Zugleich war er auch Vorsitzender der Agitationskommission für Waldeck und Hessen. Er war Parteitagsdelegierter und kandidierte einmal erfolglos für den Reichstag.

In persönlichen Gesprächen war Garbe ein Stotterer. Das Stottern trat jedoch bei Reden in Versammlungen nicht auf.Klaus Kuhl: Gustav Garbe – bedeutender Kieler Gewerkschaftsfunktionär, Vorsitzender des Kieler Arbeiterrats und zweimaliger Gouverneur. Mit Vorworten von Frank Hornschu, Geschäftsführer und Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes Kiel Region, und von Stephanie Schmoliner, 1. Bevollmächtigte der IG Metall Kiel-Neumünster. Kiel 2023, S. 13.

Ab 1894 wurde sein Beruf mit Zigarrenhändler angegeben. Ab 1900 trat er als Redakteur und Verleger des Casseler Volksblatts in Erscheinung. Fünf Jahre später meldete sich Garbe nach Hamburg ab und Philipp Scheidemann übernahm die Arbeit bei der Zeitung. Im Jahr 1909 siedelte Garbe nach Kiel über.

Kiel Vermutlich noch im selben Jahr wurde Garbe Vorsitzender des Kieler Gewerkschaftskartells und Erster Bevollmächtigter der Metallarbeitergewerkschaft DMV. Diese Ämter versah er bis 1920 oder 1921.Kuhl, Garbe, S. 14 f., 61, 81. Sein Beruf wird im Kieler Adressverzeichnis zunächst mit Schlossergeselle, später mit Gewerkschaftsbeamter angegeben. Der Ausdruck Beamter war damals im privaten Bereich gleichbedeutend mit Angestellter. Garbe musste sich um die Bewältigung des stetigen Mitgliederzuwachses der Gewerkschaften nach der Aufhebung des Gesetzes zur Unterdrückung der Arbeiterbewegung 1890 ("Sozialistengesetz") kümmern. Dazu wurden zahlreiche kleinere Gewerkschaften im DMV zusammengefasst. Er musste insbesondere zahlreiche Arbeitskämpfe führen gegen die Arbeitgeber, besonders der Werften, die mit äußerster Härte gegen streikende Arbeiter vorgingen. Im Jahr 1910 führte der Kieler DMV seinen bis dahin größten Arbeitskampf, der 10 Wochen dauerte.Kuhl, Garbe, S. 14 ff.

Erster Weltkrieg Während des Krieges hielt sich Garbe mit Äußerungen zu diesem Thema zurück. Auf einer DMV-Konferenz 1919 in Stuttgart übte er jedoch deutliche Kritik am damaligen Verhalten von Gewerkschafts- und SPD-Führung. Beim Januarstreik 1918 und verschiedener Streiks in den Jahren zuvor arbeitete er mit der USPD zusammen. Der Kieler Polizeipräsident vermutete, dass Garbe „das treibende Element der ganzen Bewegung“ sei.Bericht des Polizeipräsidenten an den Regierungspräsidenten vom 29. März 1917; zitiert nach Dirk Dähnhardt: Revolution in Kiel. Der Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik 1918/19. Neumünster 1978, S. 42. Die Marineführung in Kiel wandte sich sogar an den DMV-Vorsitzenden Alexander Schlicke, der vergeblich „Abhilfe“ versprach.Hans Küsel, Konteradmiral a. D.: Beitrag zur Geschichte des revolutionären Umsturzes in der Kaiserlichen Marine und in Kiel. November 1918. Typoskript mit wenigen handschriftlichen Anmerkungen und Korrekturen. Begonnen 1919 und 1935 abgeschlossen. BArch RM 8/1026, Bl. 52. Als Transkript zugänglich (aufgerufen am 6. Januar 2023) unter: . Garbe selbst erklärte später, er habe sich mit seinen Streiks "durchgeschlängelt […], ohne dass es gelungen ist, ihn zupacken, so gerne man es getan hätte."Protokoll der Vertrauensmännerversammlung der Marine [in Kiel] vom 11. März 1919. BArch RM 8/1028, Bl. 144–151, hier Bl. 145 Rückseite.Kuhl, Garbe, S. 17–21.

Im Jahr 1916 war Garbe auch für wenige Monate SPD-Parteiführer in Kiel, gab dieses Amt jedoch wegen Arbeitsüberlastung wieder ab.Rainer Paetau: Kooperation oder Konfrontation. Arbeiterbewegung und bürgerliche Gesellschaft im ländlichen Schleswig-Holstein und in der Industriestadt Kiel zwischen 1900 und 1925. Neumünster 1988 (Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins Bd. 14), S. 514.

Der Kieler Matrosen- und Arbeiteraufstand Nach dem Bekanntwerden des von Erich Ludendorff von der Obersten Heeresleitung verlangten Ersuchens um Waffenstillstand im Oktober 1918 berief Garbe eine Vertrauensmännerversammlung ein. Auf dieser sei, nach einer Meldung der SHVZ, in sehr deutlicher Weise der Wille, den Krieg nun auch wirklich zu beenden, zum Ausdruck gebracht worden.Anonym: Vor zwei Jahren. In: SHVZ, 4. November 1920. Die Marineführung rechnete mit größeren Streiks der Kieler Arbeiterschaft. Als die Besatzungen des nach Kiel beorderten III. Geschwaders die Freilassung ihrer nach den Befehlsverweigerungen vor Wilhelmshaven verhafteten Kameraden verlangten, kam es am 3. November 1918 abends zu einer großen Versammlung im Vieburger Gehölz, an der auch viele Arbeiter teilnahmen und auf der auch Garbe sprach. Von den politischen Inhalten her dürften die Reden der am Mittag, auf einer ebenfalls großen Versammlung im Kieler Gewerkschaftshaus, mit Zustimmung der USPD verabschiedeten Resolution entsprochen haben. Darin hieß es: "…dass die Fortführung des Krieges bis zum Äußersten die völlige Vernichtung Deutschlands bedeuten würde und ein Verbrechen wäre, dem sich das deutsche Volk mit aller seiner Kraft widersetzen müßte."Anonym: Für Friede, für Freiheit! In: SHVZ, Montag, den 4. November 1918, S. 2. Während viele der Versammelten im Vieburger Gehölz forderten, in die Stadt zu marschieren und die Kameraden zu befreien, riet Garbe, mit Aktionen noch ein bis zwei Tage zu warten, da die Arbeiter etwas ähnliches auf der demnächst stattfindenden Vertrauensmännersitzung planen würden. Er konnte sich aber nicht durchsetzen und die Menge marschierte zur Marinearrestanstalt in der Feldstraße. Die große Demonstration endete im Kugelhagel einer Patrouille. Dies führte dann aber zu solch einer Empörung, dass es Tags darauf zum Umsturz kam. Während Garbe zunächst als zögerlich wahrgenommen wurde, beteiligte er sich aber energisch an der Durchführung des Aufstands. Er nahm teil an den Verhandlungen mit der Marineführung und dann auch mit den von der Regierung und der SPD-Führung entsandten Vertretern. Er arbeitete mit an der Organisierung eines Generalstreiks in Kiel und an der Konstituierung eines Arbeiterrats. Die Obleute der Großbetriebe, vierzehn Vorstandsmitglieder beider sozialdemokratischer Parteien und Garbe als Vorsitzender des Gewerkschaftskartells bildeten am frühen Morgen des 5. Novembers 1918 den Arbeiterrat und wählten Garbe zum Vorsitzenden. Der Rat konstituierte sich im heutigen Garbe-Saal des Kieler Gewerkschaftshauses.Kuhl, Garbe, S. 25.

Garbes erste Aktionen bestanden darin, die Stadtverwaltung mit dem erzreaktionären Oberbürgermeister Lindemann und das Oberpräsidium Schleswig-Holsteins (das damals seinen Sitz in Kiel hatte) mittels Beigeordneter zu kontrollieren. Wegen der herausragenden Bedeutung übernahm der Arbeiterrat selbst das Ernährungsamt. Seit den Hungerprotesten 1917 waren die Arbeiter bereits mit einer größeren Gruppe in der städtischen Lebensmittelkommission vertreten und hatten viel Erfahrung sammeln können.Dähnhardt schreibt zur Arbeit der Beigeordneten: "Allein im Bereich der Lebensmittelversorgung, die von Anfang an im Mittelpunkt der Tätigkeit des Arbeiterrats stand, konnte dieser eine für die Bevölkerung sichtbare Bedeutung erlangen. Seit Anfang November bot die Lebensmittelversorgung in Kiel keinen Anlass mehr zu Kritik. Auch Oberbürgermeister Lindemann [...] bezeichnete die dem Lebensmittelamt zur Seite gestellten Beigeordneten [im Mai 1919] sogar als 'brauchbare Mitarbeiter', sicherlich ein hohes Lob, wenn man berücksichtigt, dass Lindemann [...] ein konsequenter Gegner der Sozialdemokratie war." Dähnhardt, Revolution, S. 149.

Am 6. November schien Kiel jedoch nach wie vor isoliert zu bleiben, eine große Unsicherheit breitete sich aus und Gustav Noske unternahm einen gründlich ausgearbeiteten Versuch, den Kieler Aufstand zu beenden. In einer großen Versammlung beschrieb er den Aufständischen die großen Schwierigkeiten vor denen eine isolierte Kieler Bewegung stünde, was insbesondere die Lebensmittelversorgung und die Auszahlung der Löhne anbelangte. Dann machte er weitreichende Angebote, falls der Aufstand abgebrochen würde. Doch nicht nur der USPD-Anführer des Aufstands Lothar Popp, sondern auch Garbe sprachen sich entschieden gegen den Abbruch aus. In der Abstimmung musste Noske eine eindeutige Niederlage einstecken.Kuhl, Garbe, S. 29–32. Garbe bezog sich vermutlich auf diesen Vorfall, wenn er 1919 in seiner Rede auf der Gewerkschaftskonferenz in Stuttgart sagte: "Erst dadurch, dass die Soldaten und Arbeiter Hand in Hand gingen, erst dadurch, dass man sich seinerzeit, obgleich man den Haußmann und den Noske hat nach Kiel kommen lassen, wo wir sie damals eingewickelt haben, nicht hat beeinflussen lassen, erst dadurch ist es möglich geworden …"Deutscher Metallarbeiter-Verband (Hrsg.): Protokoll der Konferenz der Bevollmächtigten des D.M.-V., abgehalten vom 16. bis 18. Juni 1919 im Saale des Stadtgartens in Stuttgart. Stuttgart 1919. FES/AdsD Sign. AKP 255, S. 63.

Den Schwerpunkt seiner Tätigkeit sah Garbe jedoch im Bereich der Wirtschaft. Garbe verhandelte mit den Arbeitgebern und besonders mit den Werftunternehmern, setzte aber auch einiges ohne Verhandlungen durch. Die Akkordarbeit wurde abgeschafft. Der Achtstundentag und eine Arbeitsvermittlung, die sich in einem Flügel des Schlosses niederließ (der bisherige Bewohner, der Bruder des Kaisers, Prinz Heinrich, war geflohen), wurden eingeführt. Der Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze in der Reichswerft, der früheren Kaiserlichen Werft und der Torpedowerkstatt in Friedrichsort gestaltete sich besonders schwierig. Laut Garbe hatte das zuständige Reichsverwertungsamt nur Interesse am Ausverkauf aber nicht am Erhalt der Werke. Dass es schließlich gelungen war, die Betriebe aufrechtzuerhalten, schrieb Garbe dem intensiven Einsatz vom Vorstand des Gewerkschaftskartells, sowie den Betriebsräten in Friedrichsort und auf der Reichswerft zu.Kuhl, Garbe, S. 33 f.

Gegenüber der populären Forderung nach einer Sozialisierung der Wirtschaft sprach sich Garbe gegen eine schnelle Umsetzung aus. Auf dem Reichsrätekongress in Berlin unterstützte er die vorgezogene Einberufung der Nationalversammlung, war aber der Ansicht, dass die Räte daneben weiter existieren sollten, und dass insbesondere die Arbeiterräte weiter die Fabrikbetriebe mit zu leiten hätten.Kuhl, Garbe, S. 34 ff.

Garbe wird Gouverneur