mini|hochkant|Herbert Hess zu Beginn seiner Bühnenkarriere als Tenor, Studiofoto von etwa 1932 Kurt Herbert Hess (* 16. Juni 1908 in Frankfurt am Main; † 31. Oktober 1977 ebenda) war ein deutscher Sänger (Tenor) und Hochschullehrer.Hess, Herbert. In: Deutsche Nationalbibliothek, auf: d-nb.infoFrithjof Trapp, Bärbel Schrader, Dieter Wenk, Ingrid Maaß: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler, Bd. 2. Walter de Gruyter, München 2013. ISBN 978-3-11-095969-7, S. 412.Werner Schuder: Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender, Walter de Gruyter, München 2019. ISBN 978-3-11-157447-9, S. 2971.Hess, Herbert, Geburtsdatum 1908–06–16, Geburtsort Frankfurt a.M. In: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Signatur: HHStAW Bestand 518 Nr. 15288, Laufzeit 1950–1956.Hess, Herbert, 1908–06-16. In: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, Signatur: ISG FFM Bestand A.54.03 Nr. 2649.
Leben Jugend und Ausbildung mini|Herbert Hess erhielt eine Ausbildung in Klavier und Gesang an Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt am Main|alternativtext= Herbert Hess wurde im deutschen Kaiserreich als Kind des Kaufmanns Leopold Hess (geboren am 16. Dezember 1863 in Frankfurt am Main; gestorben am 1. November 1918 ebda.) und seiner Frau Eugenie, geb. Wolf (geboren am 2. August 1870; gestorben am 2. Januar 1930), geboren.Hess, Leopold, Kaufmann. In: Adreßbuch für Frankfurt am Main und Umgebung. 1908. Verlag August Scherl. Deutsche Adreßbuch-Gesellschaft m.b.H., I. Teil, S. 157, Spalte 4, S. 158, Spalte 1. – Im Jahr 1908 wohnte die Familie in der Hegelstraße 6 (Gebäude nicht erhalten), während als Geschäftsadressen für Weine und Spirituosen die Günthersburgallee 59II (Gebäude nicht erhalten) und Sandweg 12 (Gebäude erhalten) angegeben wurden. Er hatte drei ältere Geschwister, Mathilde (* 1. August 1894 in Frankfurt am Main; † 5. Februar 1957 ebda.), Alfred (* ? in Frankfurt am Main; † 1970 in Barcelona), Richard (* 10. Oktober 1896 in Frankfurt am Main; † 10. August 1918 bei Fransart, Département Somme, Frankreich) und einen jüngeren Bruder, Helmut (* 3. Juni 1910 in Frankfurt am Main; † 30. Januar 1972 in Mainz).
Die Schulzeit von Herbert Hess wurde wesentlich durch die Zeit des Ersten Weltkrieges sowie des ökonomischen Mangels der Nachkriegsjahre, die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise geprägt. Den ersten harten Einschnitt markierte der Tod seines älteren Bruders Richard, der in den letzten Wochen des Krieges im Alter von 21 Jahren in Frankreich bei Fouquescourt an der Somme fiel.Sterberegister 1919, Standesamt V Frankfurt am Main, Richard Heß, gefallen am 10. August 1918 bei Fouquescourt.Ehrentafel der Gefallenen des Königlich Preußischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 46, Richard Heß, 3. Kompanie, gefallen am 10. August 1918 in Fransart bei Fouquescourt. – Zitiert nach: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Bundesgeschäftsstelle, Abteilung Service und Kooperation, Referat Service, Niestetal, schriftliche Auskunft vom 10. Mai 2021.Deutsche Verlustlisten (Pr. 1246.), 19. September 1918, S. 26381, Spalte 3., auf: genealogy.net Kurz darauf verstarb auch der Vater und Ernährer der Familie sehr früh im Alter von 54 Jahren. Nach der Volksschule besuchte Hess die Klingerschule in der Mauerstraße im Frankfurter Nordend. Die einzige Tochter der Familie, Mathilde, promovierte 1924 und trug später als Gymnasiallehrerin an der Frankfurter Herderschule für Deutsch, Französisch und evangelische Religion in erheblichem Maß zum Erhalt und Wohlergehen der Familie bei.Mathilde Hess: Der Prosastil Rainer Maria Rilkes, Inaugural-Dissertation, 201 Seiten, Frankfurt am MainMathilde Hess: Der Prosastil Rainer Maria Rilkes, Inaugural-Dissertation, 201 Seiten, Frankfurt am Main, vorgelegt am 1. Juli 1924 Der jüngste Sohn Helmut war durch Kinderlähmung schwerbehindert und zuletzt über Jahrzehnte auf einen Rollstuhl angewiesen.
Nachdem bei Herbert Hess das Talent und die stimmliche Eignung erkannt worden waren, erhielt er eine Gesangs- und Klavierausbildung am Hoch’schen Konservatorium in der Ära von Bernhard Sekles.
Berufliche und private Entwicklung 1930–1945 mini|Foto (undatiert): Neues Theater Gotha, Engagement von Herbert Hess um 1933; Gebäude 1945 durch Brand nach Explosion zerstört mini|Künstlerkarte mit Autograph und Blindprägung, um 1936 mini|Stadttheater Teplitz-Schönau, zweitgrößtes Theater der Tschechoslowakei, an dem Herbert Hess zwischen 1935/36 und 1938 engagiert war Zu Beginn des Jahres 1930 verstarb die Mutter (* 2. August 1870; † 2. Januar 1930) im Alter von 59 Jahren. Bis etwa zur Mitte der 1930er-Jahre war Herbert Hess dann an deutschen Bühnen engagiert, belegt sind beispielsweise Verpflichtungen nach Kolberg 1932 und an die Bühnen in Gotha 1933. Er lernte die Altistin Marie Maurer (* 23. Juni 1907; † 30. Juli 1971) kennen und lieben; beide heirateten. Zur Zeit seines Engagements in Gotha wurde der einzige Sohn von Marie und Herbert Hess, Kurt Herbert, geboren. Das Paar entschied sich, während der Zeit des Nationalsozialismus keine weiteren Kinder in die Welt zu setzen.
Die politische Situation während der Zeit des Dritten Reiches wirkte sich unmittelbar auf die Familie aus, NS-Dienststellen sprachen Berufsverbote aus, 1933 zuerst für die Schwester von Herbert Hess, Mathilde, die beamtete Lehrerin. Dadurch wurden den Kindern der Familie schlagartig die jüdischen Wurzeln des verstorbenen Vaters Leopold bewusst, da das Familienleben christlich – evangelisch-lutherisch – geprägt war.
Der älteste Sohn der Familie, Alfred, lernte durch seine kaufmännische Tätigkeit eine spanische Frau kennen, heiratete sie und siedelte nach Barcelona um, wo er sich Alfredo Hess Wolf nannte. Mit dem Namen Wolf nahm er Bezug auf den Geburtsnamen der Mutter. Zwischen 1936 und 1939 flüchteten beide jedoch vor dem Spanischen Bürgerkrieg und verbrachten diese Zeit in Frankfurt am Main, bevor sie wieder nach Spanien zurückkehrten.
Herbert Hess sympathisierte mit der Oppositionsbewegung Bekennende Kirche, insbesondere mit den Auffassungen von Dietrich Bonhoeffer, Helmut Gollwitzer und Martin Niemöller.
Hess durfte ab etwa 1935/36 nicht mehr an deutschen Bühnen auftreten, 1935 wurde er aus der Reichstheaterkammer ausgeschlossen. Er wich daher zunächst an das zweitgrößte Theater der Tschechoslowakei aus, nach Teplitz-Schönau, unter der Ägide von Carl Richter.Herbert Hess (1908–1977), auf: teplitz-theatre.net Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in das Sudetenland Anfang Oktober 1938 wurde ihm jedoch auch diese Option genommen.
Die beginnende Opernkarriere als Tenor wurde Herbert Hess als von den Nazis so bezeichnetem „jüdischen Mischling ersten Grades“ (mit zwei jüdischen Großeltern väterlicherseits) grundlegend zerstört, dauerte doch das Berufsverbot die dafür normalerweise wesentlichen Schaffensjahre eines Sängers an. Zur kämpfenden Truppe wurde er während des Zweiten Weltkrieges nicht eingezogen, aber dennoch dienstverpflichtet. Er erhielt in Erfurt eine Artillerie-Ausbildung, bis der Wehrmacht sein Status als „jüdischer Mischling ersten Grades“ bekannt und er deshalb aus dem Dienst entlassen wurde. Hess empfand dies als demütigend und ehrverletzend.
Während des weiteren Kriegsverlaufes war Herbert Hess als Vertreter für feine Lederwaren tätig, die Muster lagerte er in einer Mansarde des Miethauses im Frankfurter Nordend, in dem er zu dieser Zeit mit seiner Familie wohnte.Heß, Herbert, Handelsvertret., Rotlint-Str. Nr. 53. In: Frankfurter Adreßbuch für das Jahr 1939, Verlag August Scherl Nachfolger, Teil I, S. 285, Spalte 3.Heß, Herbert, Handelsvertret., Rotlint-Str. 6. In: Frankfurter Adreßbuch mit Umgebung 1943, Verlag August Scherl Nachfolger, I. Teil, S. 293, Spalte 2. Während Bombennächten und Feuerstürmen musste er dort Brandherde bekämpfen. In der letzten Kriegsphase wurde er als Industriearbeiter herangezogen und war in Butzbach tätig.
Eine wichtige Hilfe stellte die bäuerliche Verwandtschaft seiner Frau Marie dar, in Münzenberg in der oberhessischen Wetterau ansässig. Durch sie konnten während der Rationierungsphase nicht nur die schlimmsten Engpässe bei der Ernährung gemildert werden; sie war während der Bombenangriffe auf Frankfurt am Main auch relativ sicherer Rückzugsort für den kleinen Sohn.
1945–1973 mini|Die Entführung aus dem Serail von Wolfgang Amadeus Mozart, Stadttheater Koblenz, 1946 1946 erhielt Hess vom Südwestfunk (SWF) einen Vertrag für Auftritte als Sänger angeboten bzw. an Archivproduktionen mitzuwirken. Während dieser Phase absolvierte er auf einem Kreuzfahrtschiff eine Tournee rund um das Mittelmeer.
Ende der 1940er-Jahre wirkte er bei Aufnahmen von Radio Frankfurt (später: Hessischer Rundfunk) mit.Franz von Suppè: Boccaccio, Operette, Frankfurter Rundfunk 1949Richard Wagner: Tannhäuser, Oper, Hessischer Rundfunk, 1950 Anfang der 1950er-Jahre trat er beispielsweise für die Bonner Bach-Gemeinschaft bei Weihnachtsoratorium und Johannes-Passion unter der Leitung von Gustav Classens auf.Konzertliste der Bonner Bach-Gemeinschaft (PDF; 1,0 MB) Schließlich konnte er sehr erfolgreich unter der Ägide von Kurt Thomas mit der Frankfurter Dreikönigs-Kantorei (später: Frankfurter Kantorei) im In- und Ausland konzertant auftreten, eine Vielzahl von Tonträger-Aufnahmen mit Hess entstand in den 1950er-Jahren.Fabian, Dorottya: Bach Performance Practice, 1945–1975: A Comprehensive Review of Sound Recordings and Literature, Ashgate Publishing Limited 2004, S. 275 Er entwickelte eine intensive innere Verbindung zu konzertanter Kirchenmusik.
Künstlerisch arbeitete Hess neben Kurt Thomas unter vielen anderen mit Heinrich Bensing, Helene Bindhardt, Maud Cunitz, Hans Dahmen, Diana Eustrati, Betina Feit-Brucker, Karl Friedrich, Rudolf Gonszar, Willy Hofmann, Aga Joesten, Karl Kronenberg, Gisela Litz, Jean Löhe, Christa Ludwig, Maria Madlen Madsen, Arnold van Mill, Olga Moll, Aage Poulsen, Heinz Prybit, Otto von Rohr, Hans Rosbaud,Saturday, 30 June 1951, 20:00, SWF-Orchestra Baden-Baden and the Chorus of Hessischer Rundfunk (Frankfurt), conducted by Hans Rosbaud: Mátyás Seiber (United Kingdom [England], born 1905 in Hungary; deceased 1960): Ulysses, cantata for tenor, chorus and orchestra, text by James Joyce (1947), 38' mins., featuring Herbert Hess, auf: iscm.org Helge Rosvaenge, Heinrich Schlusnus, Paul Schmitz, Erik Schumann, Frithjof Sentpaul, Georg Stern, Else Tegetthoff, Günther Treptow, Elfride Trötschel oder Helmut Walcha zusammen. Er bewunderte die künstlerische Performance von Schlusnus und Walcha ebenso wie die von Joseph Schmidt oder Fritz Wunderlich.Die Afrikanerin, Oper in 5 Akten; Gesamtaufnahme in deutscher Sprache = L'africaine / Giacomo Meyerbeer. In: Deutsche Nationalbibliothek, auf: d-nb.info
Der Sohn von Marie und Herbert Hess entwickelte ab der Nachkriegszeit eine starke Affinität zum Jazz, ein Umstand, der für die beiden Eltern, die das klassische Gesangfach ebenso liebten wie die klassische Musik, gewöhnungsbedürftig war. Ein herber Schlag für Herbert Hess war der Tod der älteren Schwester Mathilde im Jahr 1957, die der gesamten Familie lange Zeit Halt und Unterstützung gegeben hatte. Sein Sohn heiratete 1958, dessen erstes Kind (Enkelsohn von Herbert Hess) verstarb wenige Wochen nach der Geburt.