mini|Jüdische jugoslawische Offiziere als Kriegsgefangene vor Baracke 37 im Oflag VI C Oflag VI C (gesprochen „Oflag sechs C“) war ein Offizierslager in der Gemeinde Atter, einem heutigen Stadtteil der Stadt Osnabrück. VI C steht für das dritte Lager im Wehrkreis VI. In dem Kriegsgefangenenlager waren während des Zweiten Weltkriegs mehrere tausend Gefangene untergebracht. Ungewöhnlich ist, dass sich unter den jugoslawischen Offizieren 649 jüdische Männer befanden und im Lager bis 1944 ein jüdisches Gemeindeleben fortbestehen konnte.

Geschichte Der Lagerstandort hatte bereits vor seiner Nutzung als Offizierslager eine Vorgeschichte in der Verfolgung im NS-Staat: Anfang der 1930er Jahre wurden dort deutsche Gegner des Regimes festgehalten. Die Kaserne an der Landwehrstraße wurde 1935 für die Wehrmacht gebaut. Nach dem Frankreichfeldzug wurden französische und niederländische Kriegsgefangene eingeliefert.Eine Kaserne im Wartestand, Bericht in der Neuen Osnabrücker Zeitung am 20. September 2008 (PDF; 892 kB) Sie lebten in 30 Baracken, die meist aus Holz gezimmert waren. In jeder der mit Stacheldraht umzäunten Baracken lebten 140 bis 200 Menschen. „Nur die Generäle schliefen einzeln“, wird eine Dokumentation einer Außenstelle des Ratsgymnasiums in Eversburg zitiert, die über die Zeit berichtet, als mehrere tausend jugoslawische Offiziere hier leben mussten. Ab Mitte 1941 waren im Oflag VI C insgesamt 6.500 Offiziere des Königreichs Jugoslawien interniert, überwiegend Serben, außerdem Slowenen, Tschechen und Kroaten. Unter ihnen waren 649 Juden, von denen zeitweise bis zu 400 ein eigenes religiöses Gemeindeleben im Lager unterhielten.Elmar Stephan: Jüdische Gemeinde im Lager: Verein kämpft für Gedenkstätte in Weser-Kurier, 13. Dezember 2011Beschlussvorlage der Stadt Osnabrück „Konversion Quebec-Kaserne; Kriegsgefangenenlager OFLAG VI C“ vom 12. Mai 2011 Die Verpflegung sei schlecht gewesen, heißt es. Besonders grauenvoll sei ein Luftangriff am 6. Dezember 1944 gewesen. Weil Bunker für Gefangene und Wachsoldaten nicht vorgesehen waren, zählte man 118 tote Gefangene. (PDF; 16 kB) Die Toten sind auf dem Eversburger Friedhof begraben.

1945 wurde das Lager von den Alliierten befreit. Viele serbische Offiziere blieben danach in Osnabrück und gründeten dort später eine eigene serbisch-orthodoxe Gemeinde. Die Wehrmachtsbaracken übernahm die britische Armee. Zunächst wurden hier Displaced Persons untergebracht und ab 1950 britische Soldaten, zu dieser Zeit wurden Lager und Kasernen in „Quebec-Barracks“ umbenannt. Die Garnison Osnabrück der Britischen Rheinarmee nutzte die „Quebec Barracks“ bis 2008 als Kaserne.

Jüdisches Gemeindeleben Elmar Stephan beschreibt im Weser-Kurier das Lagerleben der jüdischen Offiziere:

Eine Gutachterin des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege stellte verwundert fest: „Ausgerechnet in einem Straflager innerhalb eines Offizierslagers überlebt so wohl die größte jüdische Gemeinde im Reich“.

Auch der TAZ-Journalist Frank Keil merkt an:

Im übrigen Deutschland rollen die Züge mit Juden in Richtung Osten zu den Konzentrationslagern, und die jüdischen Offiziere im OFLAG VI C am Rande von Osnabrück können den Schabbat und die jüdischen Festtage feiern – es gibt sogar eine Gebetsbaracke. Zvi Asaria (Landesrabbiner in Niedersachsen von 1966 bis 1970) arbeitet als Militärgeistlicher unter dem Namen Hermann Helfgott im Hauptmannsrang.Frank Keil: Kampf um Baracke 35, Ehemaliges Internierungslager in Osnabrück, taz vom 6. Mai 2011

Die Entfernung zwischen dem Lagerstandort und dem Friedhof beträgt etwa 8 Kilometer.

Erinnerung und Gedenkstätte mini|Wachbaracke 35 im April 2024 Das „Bürgerforum Osnabrück-Atter e. V.“ bemühte sich seit 2008 darum, dass an diesem Standort eine Erinnerungsstätte eingerichtet würde. Ab 2010 wurden die Bestrebungen vom Verein „Anti-Kriegsbaracke Atter-Osnabrück“ fortgeführt. Die Osnabrücker Denkmalspflege hat es 2009 abgelehnt, die Gebäude als Gesamtgruppe unter Denkmalschutz zu stellen, weil zu viele Umbauten und Modernisierungen stattgefunden hätten. Die Baracke 35 sei jedoch am besten erhalten und solle als Einzeldenkmal ausgewiesen werden, obwohl es eine Wachbaracke gewesen ist, in der keine Kriegsgefangenen untergebracht waren. Weil eine große Gruppe von jüdischen Kriegsgefangenen von der Judenverfolgung ausgenommen war, hat auch die Stadt Osnabrück die Bereitschaft gezeigt, die Baracke 35 zu einer Gedenkstätte auszubauen. 2011 hat sie sich auf mehreren Sitzungen mit dem Thema beschäftigt. Die Stadt stellte sich die Fragen: „Wie kann eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte erfolgen?“ und „Wie kann die Öffentlichkeit über die Geschichte des OFFLAG VI C informiert werden?“ Von dem früheren Lager existieren noch zwei Baracken. In Baracke 35, einer ehemaligen Wehrmachtswachunterkunft, ist seit 2021 eine Ausstellung zur Lagergeschichte zu sehen, die der Historiker Željko Dragić kuratierte. Dragić erforscht das Oflag VI C seit 2016 und sucht weltweit nach Nachkommen ehemaliger Kriegsgefangener, um deren Familiengeschichten zu dokumentieren. Bis 2026 hatte er 500 Briefe aus der Kriegsgefangenenpost des Lagers dokumentiert. Für die Zukunft der denkmalgeschützten Baracke 35 wurden eine museale Nutzung und eine Begegnungsstätte erwogen; die Sanierungskosten wurden 2026 auf mehr als eine Million Euro geschätzt.

Literatur Elmar Stephan: Jüdische Gemeinde im Lager: Verein kämpft für Gedenkstätte, Weser-Kurier, 13. Dezember 2011 Frank Keil: Kampf um Baracke 35, Ehemaliges Internierungslager in Osnabrück, taz vom 6. Mai 2011 Fachbereich Kultur der Stadt Osnabrück, Beschlussvorlage „Konversion Quebec-Kaserne; Kriegsgefangenenlager OFLAG VI C“ vom 12. Mai 2011 Sebastian Musch: „Jüdisch, serbisch, kriegsgefangen. Das religiöse Leben der 'Heilige Gemeinde' im Oflag VI C.“ In: Religiöse Praxis in Konzentrationslagern und anderen NS-Haftstätten. Hrsg. v. Insa Eschebach, Gabriele Hammermann und Thomas Rahe. Göttingen: Wallstein 2021, 122–132. Martina Sellmeyer: Das ehemalige Kriegsgefangenenlager OFLAG VI C in Eversburg, Osnabrücker Rundschau 17. April 2025, OR-Serie „Brückenschläge“ vom Heute zur Befreiung Osnabrücks 1945 – Teil 3: Kriegsgefangenenlager OFLAG VI C Harff-Peter Schönherr: Forscher über NS-Zeit in Osnabrück: „Die Geschichte musste erst wachgeküsst werden“, taz vom 7. Juli 2026

Weblinks Internetseite des Vereins Baracke 35 Atter-Osnabrück e.V. (Förderverein Antikriegskultur & Friedenshandeln) Lager Oflag VIc in: Neue Osnabrücker Zeitung, 14. Juli 2011 Fotos aus dem OFLAG VI C Baracke 35, die Britische Armee zog aus Osnabrück ab / Ein Verein möchte eine Gedenkstätte einrichten Antikriegsbaracke Atter-Osnabrück e. V., am 14. Juli 2011 auf osradio Gefangenenlager als Lernort in: Grafschafter Nachrichten vom 13. Dezember 2011

Einzelnachweise

Siehe auch Geschichte der Juden in Osnabrück

Offizierslager #:6C Kategorie:Jüdische Geschichte (Niedersachsen) Kategorie:Osnabrück im 20. Jahrhundert