alternativtext=aktuelleres, hochauflösendes Bild|mini|Kopfreliquiar des heiligen Johannes Evangelist samt Ständer („Cappenberger Kopf“), Kopf vor 1158 (Ständer ?). Cappenberg (Selm), kath. Pfarrkirche St. Johannes Evangelist. Der Cappenberger Kopf ist ein dem Evangelisten Johannes gewidmetes Kopf-Reliquiar. Die vergoldete Bronzefigur wurde vor 1158 von Otto von Cappenberg in Auftrag gegeben und in der damaligen Stiftskirche St. Johannes Evangelist des Klosters Cappenberg aufgestellt. Sie befindet sich im Kirchenschatz der heutigen katholischen Pfarrkirche St. Johannes Evangelist.
1886 stellte Friedrich Philippi die Hypothese auf, es handle sich um eine mehr oder weniger realitätsgetreue Porträtbüste Kaiser Friedrichs I. Barbarossa. Erst später sei die Figur zu einem Johannesreliquiar umfunktioniert worden. Diese Annahme setzte sich in der Folgezeit allgemein durch, ist aber inzwischen durch wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse aus den Jahren 1978 und 2021 widerlegt.
Beschreibung mini|Sesterz des römischen Kaisers Caracalla mini|Südliches Querhaus der Stiftskirche Cappenberg mit dem Grab von Gottfried von Cappenberg und dem Schrank mit dem Cappenberger Kopf. mini|Sogenanntes Testament Ottos von Cappenberg (Replikat), Cappenberger Kopf und Taufschale (Replikat). Das Bildnis ist 31,4 cm hoch und 4,6 kg schwer. Es besteht aus einem aus mehreren Gussteilen zusammengesetzten Ständer und dem darüber auf einem sich nach unten verbreiternden Hals stehenden Kopf eines jüngeren, bärtigen Mannes. Der Kopf ähnelt dem eines römischen Kaisers, wie auf spätantiken Münzen dargestellt. Die Lockenbildung des Haupthaares, die Trennung von Oberlippen- und Backenbart, Nasenflügel und -spitze, Ohren, Unterlippe und die gestaffelte Bogenbildung über den Augen weisen bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit Darstellungen Caracallas (188–217) auf.Ulrich Rehm: Kein Barbarossakopf. Das Cappenberger Johannes-Reliquiar. In: Knut Görich (Hrsg.): Cappenberg 1122–2022. Der Kopf, das Kloster und seine Stifter. Regensburg 2022, ISBN 978-3-7954-3612-4, S. 365–379, S. 375. Diese Art der Darstellung war damals auch bei Heiligen üblich, der Kronreif stand als Sinnbild der Krone des ewigen Lebens als Belohnung für ihr gottgefälliges Leben.Knut Görich: Der Cappenberger Kopf und sein Stifter. In: Knut Görich (Hrsg.): Cappenberg 1122–2022. Der Kopf, das Kloster und seine Stifter. Regensburg 2022, ISBN 978-3-7954-3612-4, S. 11–49, S. 30 f. Die Plastik besteht aus vergoldeter Bronze, das Material aller Gussteile ist identisch.Michael Brandt: Das Cappenberger Kopfbild: Herrscher oder Heiliger? In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft: Opus. Festschrift für Rainer Kahsnitz. Band I. Berlin 2019, ISBN 978-3-87157-245-6, S. 89–106, S. 93 u. 96. Als sie im Jahre 1882 wiederentdeckt wurde, waren der innen hohle Kopf und der Ständer mit Reliquien vollgestopft.
Der Kopf Der Kopf wurde an einem Stück im Hohlgussverfahren hergestellt. Die Augäpfel sind mit einer dünnen Silberplatte bedeckt. Die Pupille wurde ursprünglich mit Niello, einer schwarzen Farbmasse, aufgemalt, aber bei einer Restaurierung mit schwarzem Weichharz überdeckt.Michael Brandt: Das Cappenberger Kopfbild: Herrscher oder Heiliger? In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft: Opus. Festschrift für Rainer Kahsnitz. Band I. Berlin 2019, ISBN 978-3-87157-245-6, S. 89–106, S. 96. Die individuell anmutenden Gesichtszüge entsprechen einer byzantinisierenden Formensprache, die sich im späten 11. Jahrhundert von Italien aus auch nördlich der Alpen ausbreitete.Michael Brandt: Das Cappenberger Kopfbild: Herrscher oder Heiliger? In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft: Opus. Festschrift für Rainer Kahsnitz. Band I. Berlin 2019, ISBN 978-3-87157-245-6, S. 89–106, S. 98 f. Die bandartige Vertiefung in den Haarlocken trug, wie Nietenlöcher zeigen, ursprünglich einen Schmuck, der verlorengegangen ist. Er könnte ähnlich ausgesehen haben wie der Kronreif des Kopfreliquiars des Hl. Eustachius,Michael Brandt: Das Cappenberger Kopfbild: Herrscher oder Heiliger? In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft: Opus. Festschrift für Rainer Kahsnitz. Band I. Berlin 2019, ISBN 978-3-87157-245-6, S. 89–106, S. 105. das heute im British Museum ausgestellt ist.Kopfreliquiar des hl. Eustachius. Abbildung auf akg-images.com.
Am Hals befinden sich zwei Bänder mit Inschriften. Die Inschrift des oberen Bandes lautet HIC QD SERVET DE CRINE IOHIS HABETVR, aufgelöst Hic quod servetur de crine Johannis habetur, deutsch Was hier bewahrt wird, ist vom Haar des Johannes. Auf dem unteren Band steht TE PCE PVLSANTES EXAVDI SCE IOHES, aufgelöst Te prece pulsantes exaudi sancte Johannes (deutsch Erhöre, heiliger Johannes, die dich durch Gebet bedrängen). Die beiden Hexameter sind deutlich sorgfältiger ausgeführt als die auf den Zinnen des Ständers.
Der Kopf beruht auf ausgeklügelten Proportionsverhältnissen.Caroline Horch: … caput argenteum, ad imperatoris formatum effigiem … Der Cappenberger Barbarossakopf: Bild oder Bildnis? In: Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Hrsg.): AufRuhr 1225! Ritter, Burgen und Intrigen – Das Mittelalter an Rhein und Ruhr, Katalog der Ausstellung in Herne 27. Februar – 28. November 2010. Mainz 2010, S. 107–121, S. 111. Vertikal kann man ihn in Viertel unterteilen, die jeweils 71 mm messen: Scheitel bis Nasenwurzel, Nasenwurzel bis Kinn, Kinn bis zum unteren Rand des Halsringes und der Untersatz selbst. Die Zahl vier kehrt auch an weiteren Stellen des Kunstwerks wieder: Vier Drachen tragen es, vier Türme und ursprünglich wohl vier Engel auf dem Zinnenkranz aus 16 Zinnen (4 × 4); auch die Laterne, die die Ebene des Unterbaues trägt, ist quadratisch.
Der Ständer Der Ständer ruht auf einem Sockel mit vier Füßen in Form von Drachen, die eine achteckige Platte stützen. Die Platte wird eingefasst von einer zinnenbewehrten Mauer, die an jeder zweiten Ecke mit einem Türmchen bewehrt ist. Die Türmchen sind abwechselnd rund und eckig ausgeführt. Zwischen den Türmchen befindet sich vorne und an den Seiten über den freien Ecken jeweils ein Atlant in Form eines auf einem Knie knienden Engels, der die Arme mit den Handflächen nach außen erhoben hält. Auf der Rückseite befindet sich keine Engelsfigur, an ihrer Stelle findet sich auf den Zinnen die in Niello ausgeführte Inschrift OTTO.
Die drei Engel-Atlanten sind einzeln gegossen und waren ursprünglich durch Zapfen fest in der Bodenplatte verankert. Dass ein vierter Engel zumindest vorgesehen war, belegt ein Loch in der Rückseite der unteren Platte, das den Befestigungslöchern der anderen drei Engel entspricht. Die Engel scheinen die obere Sockelplatte zu tragen, die aber auf einer rechteckigen Laterne in der Mitte ruht.
Die Laterne hat Rundbogenfenster, ist 60 mm hoch und hat eine Grundfläche von 40 × 40 mm. Die obere Zinnenplatte und die Laterne sind ein Gussteil, das ursprünglich in der Bodenplatte vernietet war. Nur dreizehn der ursprünglich sechzehn Zinnen sind noch erhalten. Auf dem Zinnenring befindet sich die Inschrift APOCALISTA DATV TIBI MV SVS ATVM, aufgelöst Apocalista datum tibi munus suscipe gratum et pius ottoni succurre precando datori (deutsch: Nimm, o Seher der Offenbarung, das dir gegebene Geschenk als willkommen an und eile fromm durch Fürbitte dem Geber Otto zu Hilfe).Knut Görich: Friedrich Barbarossa: Eine Biographie. München 2011, ISBN 978-3-406-59823-4, S. 644. Der obere Zinnenkranz umgibt eine Platte mit zwei rechteckigen Aussparungen für zwei unten am Kopfteil befindliche Zapfen. Da die beiden Zapfen mit dem Kopf gegossen sind, kann dieser nicht ohne einen Unterbau stehen.
Mit Otto ist der 1171 verstorbene Otto von Cappenberg gemeint, der Taufpate von Kaiser Friedrichs I. Barbarossa war und das Reliquiar vor 1158 dem Kloster stiftete.
Geschichte Der Cappenberger Kopf wurde bereits in einer zwischen 1149 und 1156/58 entstandenen Biografie über Graf Gottfried II. von Cappenberg (Vita Godefridi comitis Capenbergensis) erwähnt. Die Cappenberger verkauften um 1124 ihren Besitz in Schwaben an Herzog Friedrich II. von Schwaben. Einen Teil des Kaufpreises bezahlte der Herzog in Form von Reliquien. Dazu heißt es in der Vita Godefridi: „Has igitur memorabiles reliquias venerabilis Otto, praecipius Ioannis dilector, nostrae laetabundus invexit ecclesiae, atque in capite reposuit deaurato, quibus et multo caritatis affectu reditus ad luminaria continua delegavit“ (Diese denkwürdigen Reliquien also brachte der ehrwürdige Otto, ein außerordentlicher Verehrer des Johannes, erfreut in unsere Kirche und verwahrte sie in einem vergoldeten Kopf; diesen überwies er auch in tiefem Liebesempfinden Einkünfte für die Ewigen Lichter.)Michael Brandt: Das Cappenberger Kopfbild: Herrscher oder Heiliger? In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft: Opus. Festschrift für Rainer Kahsnitz. Band I. Berlin 2019, ISBN 978-3-87157-245-6, S. 89–106, S. 93. Gerlinde Niemeyer, Ingrid Ehlers-Kisseler (Hrsg.): Die Viten Gottfrieds von Cappenberg. Monumenta Germaniae Historica: Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi, Bd. 74, Hannover 2005, ISBN 3-7752-5474-9, S. 160, Zeile 4–6. Sicher mit Recht wird dieser vergoldete Kopf seit jeher mit dem Cappenberger Kopf identifiziert.Knut Görich: Der Cappenberger Kopf – ein Barbarossakopf? In: Gesellschaft für staufische Geschichte (Hrsg.): Friedrich Barbarossa, Göppingen 2017, ISBN 978-3-929776-28-7, S. 48–76, S. 65.
Das Reliquiar muss demnach vor 1158 von Otto in Auftrag gegeben worden sein. Es wurde in der Cappenberger Klosterkirche zu öffentlicher Verehrung aufgestellt und in seiner Nähe brannten Ewige Lichter, deren Unterhalt Otto durch eine eigens dafür eingerichtete Stiftung gesichert hatte.Clemens M. M. Bayer: Cappenberger Köpfe, eine Handwaschschale und anderes in den einschlägigen textlichen Überlieferungen des 12. Jahrhunderts. In: Knut Görich (Hrsg.): Cappenberg 1122–2022. Der Kopf, das Kloster und seine Stifter. Regensburg 2022, ISBN 978-3-7954-3612-4, S. 271–311, S. 304 f.
mini|Die kreuzförmige Fläche, die Gottfried von Cappenbergs Grabfigur in der rechten Hand hält, entspricht exakt der Stellfläche des Reliquiars. Den Annales Capenbergenses vom Anfang des 18. Jahrhunderts nach wurde der Kopf im Reliquienhäuschen an der Nordseite des Chores der Stiftskirche aufbewahrt. Möglicherweise wurde das Reliquiar bei bestimmten Gelegenheiten wie dem Kirchweihfest, dem Patronatsfest und dem Gedenktag des als Heiligen verehrten Gottfried von Cappenberg, des älteren Bruders von Otto, auf dessen Grabmal aufgestellt. Die Ritterfigur auf der Grabplatte hält einen kreuzförmigen Sockel in der Hand, auf den das Reliquiar genauestens passt.