Die Freie Syrische Armee (, , Kürzel FSA) ist der bewaffnete Arm der Gruppe „Nationalkoalition syrischer Revolutions- und Oppositionskräfte“, die seit 2011 aufgrund des Syrischen Bürgerkriegs existiert.Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020), in: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient 19, Münster 2024, S. 64f., ISBN 978-3-643-25119-0 Ursprünglich wurde sie besonders von einem Teil der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit Syriens getragen,Tim Arango: Syria’s Sectarian Fears Keep Region on Edge in der New York Times am 28. Februar 2012. verlor aber im Verlaufe des Konfliktes zunehmend an Bedeutung.
Die Freischärler gaben ursprünglich als Ziel den Schutz von Zivilisten und den Sturz des Baath-Regimes unter Baschar al-Assad an. Zur Erreichung ihrer Ziele greifen sie auch die staatlichen Sicherheitskräfte der Regierung an. Ein Vorläufer der Armee war die Bewegung Freier Offiziere ().Ulrike Putz: Im Wadi der Nebel-Kämpfer. In: Spiegel Online, 27. Dezember 2011. Das Motto der FSA ist , ihre Kennfarben sind Grün, Rot, Weiß und Schwarz.
Gründung und Ziele Die Formation der bewaffneten Oppositionsgruppe wurde am 29. Juli 2011 in einem Webvideo angekündigt, herausgegeben durch eine Gruppe, die sich selbst als Deserteure des syrischen Militärs bezeichnete. Darin werden auch Mitglieder der syrischen Armee aufgerufen, zu desertieren und der FSA beizutreten. Der Anführer der Männer Riad al-Asaad, welcher sich selbst als Oberst bezeichnet, kündigte an, dass die FSA mit den Demonstranten der Proteste in Syrien 2011 zusammenarbeite, um das System zu stürzen und erklärte, dass alle Sicherheitskräfte, die Zivilisten attackieren, gerechtfertigte Ziele der FSA sind.
Riad al-Asaad betonte, dass die Freie Syrische Armee keine anderen politischen Ziele habe als den Sturz des Präsidenten Baschar al-Assads. Die Freie Syrische Armee behauptet, dass der Konflikt in Syrien kein religiöser sei und dass sie in ihren Reihen auch Alawiten hätten, die gegen die Regierung opponieren. Es werde keine Vergeltungsmaßnahmen geben, wenn das Ziel erreicht sei.
Zusammensetzung mini|Kämpfer beim Säubern ihrer Waffen (2012)
Die Freie Syrische Armee bestand zunächst angeblich aus übergelaufenem Personal der Streitkräfte Syriens um den desertierten Oberst Hussein Harmoush.Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020), in: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient 19, Münster 2024, S. 64., ISBN 978-3-643-25119-0 Hinzu kam eine Vielzahl an Zivilisten, die gegen die syrische Regierung kämpften, um ihre jeweiligen Heimatorte zu verteidigen. Als dritte Gruppe gab es auch ausländische Kämpfer, insbesondere aus dem Libanon und Libyen, aber auch aus anderen arabischen Ländern, die sich der FSA aus unterschiedlichen Motiven anschlossen. Teile der FSA waren über den „Obersten Militärrat“ von Selim Idriss auch mit dem Syrischen Nationalrat verbunden.
Am 23. September 2011 vereinigte sich die Freie Syrische Armee mit der Bewegung Freier Offiziere und wurde zur größten Oppositionsarmee. Die genaue Zahl der Soldaten, die zur Freien Syrischen Armee überliefen, ist unbekannt. Westliche Geheimdienstquellen schätzten die Zahl der Kämpfer im Oktober 2011 auf mehr als 10.000 Überläufer. Nach Angaben ihres Anführers Riad Asaad im November 2011 gewann die Freie Syrische Armee jedes Mal, wenn sie einen Angriff durchführte, „100 bis 300 weitere Mitglieder“.www.businessweek.com Im Dezember 2011 soll es nach Angaben der Aktivisten etwa 15.000 bis 25.000 Überläufer von den syrischen Streitkräften gegeben haben, im März 2012 gab die Freie Syrische Armee an, 50.000 bis 60.000 Soldaten zu kommandieren.
90 % der FSA-Kämpfer waren sunnitische Muslime, kleine Minderheiten in der Armee waren Alawiten und einige Drusen. Mehr als 15 % der FSA-Einheiten sind Kurden.„Syria’s Druze minority is shifting its support to the opposition“. The Washington Post, 8. Februar 2013. Abgerufen am 22. Februar 2013.. The Daily Star, 18. Februar 2013. Abgerufen am 22. Februar 2013. Des Weiteren gab es palästinensische Rebellenkommandeure in dem Flüchtlingslager Jarmuk im Süden von Damaskus.. Reuters, 31. Oktober 2012. Abgerufen am 22. Februar 2013 (engl.). All diese Angaben ließen sich allerdings zu keinem Zeitpunkt von unabhängiger Seite überprüfen.
Aufstieg
Beim großangelegten strategischen Vorgehen schien es zwischenzeitlich, als ob zunächst die alawitische Küstenregion vom Landesinneren abgetrennt werden könnte. Die Linie, an der dies geschehen sollte, verlief entlang der Städte Kusseir, Homs, Hama und Idlib. Dieses „Großlibanon“ sollte dann, vergleichbar der Rolle Bengasis 2011 in Libyen, als Aufmarschgebiet für weitere Kämpfe dienen.Karin Leukefeld: ai schont Assad-Gegner in junge Welt am 25. Mai 2012. Während die FSA in diesen Regionen, insbesondere in Homs, lange sehr stark war, verschob sich im Laufe des Jahres 2012 das Aktionsgebiet der FSA immer stärker Richtung Norden in die Provinzen Idlib und Aleppo, während sie in Homs und Umgebung zeitweise zurückgedrängt wurde. Die FSA kontrollierte dort mehrere Grenzposten in die Türkei und konnte sich somit von dort logistisch versorgen. Dieses Gebiet war bis auf einige Militärstützpunkte fast vollständig der Kontrolle der syrischen Regierung entglitten. Die Gegend um Damaskus war trotz massiver Präsenz der Sicherheitskräfte ebenfalls Operationsgebiet der FSA, wie auch schon die Gefechte um die Stadt Zabadani im Winter 2011/2012 zeigten. Der gesamte Landesteil östlich der Provinzhauptstadt Raqqa war bis auf wenige Militärstützpunkte etwa nahe Deir ez-Zor nicht mehr unter Kontrolle der syrischen Regierung. Während die FSA die Städte entlang des Euphrat sowie angrenzende Wüstengebiete beherrschte, hatten im Nordwesten bewaffnete kurdische Milizen die Macht übernommen.www.understandingwar.org (engl.)
Entwicklungen ab 2013 Im Juli tötete die bis dahin als „al-Qaida im Irak“ bekannte Organisation unter dem Namen Islamischer Staat im Irak und im Scham (das heißt „Großsyrien“, kurz ISIS) den FSA-Kommandeur Kamal Hamami an einer Straßensperre vor Latakia. Darin zeigte sich ein offener Bruch mit der anderen gegen das Baath-Regime kämpfenden Organisation.Jürg Bischoff: Machtkämpfe im «befreiten» Syrien. In: Neue Zürcher Zeitung, 13. Juli 2013.
Die Freie Syrische Armee soll im Dezember 2013 zunächst noch etwa 40.000–50.000 bewaffnete Kämpfer umfasst haben. Nach Einschätzung des Generalinspekteurs der Bundeswehr Volker Wieker befand sich die Freie Syrische Armee im Frühherbst 2013 als Kampfverband in voller Auflösung und hatte ihre Führungsrolle im Kampf gegen die Regierung an dschihadistische Rebellen wie die al-Nusra-Front eingebüßt.Focus: Kommandeure drängten Assad schon seit Monaten zu Giftgas-Einsatz, 8. September 2013, abgerufen am 8. September 2013 Jedoch gelangte sie wieder während des Kampfes um Kobanê als Verbündeter der kurdischen Volksverteidigungseinheiten gegen die Terrororganisation Islamischer Staat ins Gespräch.
Unter Führung von Generalstabschef Selim Idriss musste die Freie Syrische Armee schwere Rückschläge hinnehmen. So konnten die Regierungstruppen in den Regionen Homs und Damaskus Boden gutmachen. Idriss wurde daher im Februar 2014 von seinen Aufgaben entbunden und durch den kampferfahrenen Kommandanten Abdelilah Baschir ersetzt. Dieser war bis dahin für die Kämpfe in dem Gebiet verantwortlich gewesen, das an die von Israel besetzten Golanhöhen grenzt. Am 17. Februar 2014 wurde Idriss wegen ausbleibender militärischer Erfolge vom Militärrat abgelöst. Unbestätigten Berichten zufolge soll er bereits im Dezember 2013 nach einem Angriff islamistischer Rebellen auf das FSA-Hauptquartier am Grenzübergang Bab al-Hawa aus Syrien geflohen sein. Zusammenfassend hat die FSA im Jahr 2013 ein Großteil ihres im Osten kontrollierten Gebietes an den IS verloren (siehe Karte). Anfang Mai 2014 wurde Homs endgültig von Regierungstruppen eingenommen.Der Fall von Homs. In: Spiegel Online, 3. Mai 2014.
Nach herben Rückschlägen im Jahr 2013 und im Jahr 2014, gelangte die FSA Anfang 2015 durch ihre Unterstützung der Kurdischen Volksverteidigungseinheiten bei der Schlacht um Kobanê an der syrisch-türkischen Grenze ins Gespräch. Seitdem kann die FSA wieder Geländegewinne im Süden des Landes verzeichnen. So eroberten sie am 25. März 2015 die Stadt Bosra, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört.FSA take control of ancient city Bosra in southern Syria (engl.)Welt: Rebellen erobern Weltkulturerbe in Bosra – https://www.welt.de/politik/ausland/article138762312/Rebellen-erobern-Weltkulturerbe-in-Bosra.html Des Weiteren arbeitet die FSA seit 2015 effektiver mit anderen Rebellen zusammen, so nahm sie an der Eroberung der strategisch wichtigen Stadt Dschisr asch-Schughur teilEaworldview.com:Syria Daily, May 10: Rebels Try to Break Regime’s Last Stand at Hospital in Jisr al-Shughour – https://eaworldview.com/2015/05/syria-daily-rebels-breaking-regimes-last-stand-at-hospital-in-jisr-al-shughour/, die von einer Allianz von islamistischen Rebellen mit dem Namen Dschaisch al-Fatah, geführt wurde.
Niedergang 2016 sprachen Beobachter von der Freien Syrischen Armee nur noch als einem „Markennamen“, unter dem verschiedenste Gruppierungen auftraten, um ab Ende August unter türkischer Schirmherrschaft gegen die YPG, die von der Internationalen Koalition mit Luftschlägen unterstützt wird, und gegen den IS im Norden Syriens zu kämpfen.Tim Arango, Anne Barnard und Ceylan Yeginsu: „Turkey’s Military Plunges Into Syria, Enabling Rebels to Capture ISIS Stronghold“, New York Times vom 24. August 2016
Am 7. April 2016 hatten Rebellengruppen unter dem Banner der Freien Syrischen Armee die Stadt ar-Raʿi und den Grenzübergang erobert, der als wichtiger Stützpunkt des IS im Norden des Gouvernement Aleppo galt. Einige FSA-Rebellen waren nach Einschätzung von Beobachtern mit türkischen Waffen ausgerüstet und wurden durch türkische Artillerie unterstützt.NZZ: Syrien-Konflikt Rebellen erobern einstige IS-Hochburg
Im August fasste die Türkei mehrere Rebellengruppen zusammen, die zuvor in den Provinzen Idlib und Aleppo gekämpft hatten. In der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien Ende August 2016 überquerten sie, von der Türkei kommend und in Begleitung türkischer Panzer, die Grenze und besetzten Dscharabulus, das der IS zuvor aufgegeben hatte. Kurze Zeit später verstrickten sie sich jedoch südlich des Ortes in Kämpfe mit SDF-Einheiten. Zu den Rebellengruppen gehörten Kämpfer der Levante-Front, Sultan-Murad-Brigade, der Ahrar al-Scham und der Scham-Legion die während dieser Offensive unter der Eigenbezeichnung „Freie Syrische Armee“ auftraten.Anne Barnard: „Knowing the Risks, Some Syrian Rebels Seek a Lift From Turks’ Incursion“ New York vom 29. August 2016